Hoch hinaus und fast im Himmel


Mal ganz anders wohnen als alle anderen – davon träumen viele. Ich hatte das Glück, mir diesen Traum einmal zu erfüllen. Das war kein Penthaus mit Blick auf die Ostsee am Rande der Alpen, kein Townhaus mit Garage im 3. Stock, auch kein Bauernhof auf dem Lande. Ich habe zwei Jahre einen Kirchturm bewohnt – einen der beiden Türme der St.-Johannis-Kirche in Göttingen.

 Einer der beiden Türme der Göttinger St.-Johannis-Kirche war seit Alters her Eigentum der Stadt, und die hatte darauf in luftiger Höhe eine Wohnung eingerichtet, in der der Türmer residierte, weit ins Land blickte, um heranrückende Feinde zu melden, und den Blick in die Nähe richtete, um entstehende Feuer zu melden und mit Getute die Feuerwehr zu alarmieren. 1921 beendete der letzte Türmer seinen Dienst, und danach wurde die Türmerwohnung zur Studentenbude. 1964 konnte ich dort einziehen.

 258 Stufen sind zu besteigen, wenn man dort einzieht. Zuerst geht es 60 Stufen eine enge steinerne Wendeltreppe hinauf, danach geht es über eine Holztreppe im Innern des Turmes nach oben. Aber gemach, schon bei der 180. Stufe kann man einen kleinen Halt einlegen, denn dann ist der Vorratskeller erreicht, wo Kohlen und andere Vorräte lagerten. Der Blick aus dem „Kellerfenster“ reicht über die ganze Stadt Göttingen. Bei Stufe 238 ist das untere der beiden Wohnzimmer erreicht. Nun noch zwanzig weitere Stufen und man steht in der kleinen Küche, an die sich ein rundum  verglastes weiteres Wohnzimmer anschließt und von wo man auf die Balustrade hinaustritt, die den Turm rundum umgibt.

 Diese Wohnung so hoch und fast im Himmel hatte viele Vorzüge. Sie war vor allem mietfrei gegen die kleine Auflage, am Wochenende für zwei Stunden neugierigen Turmbesteigern einen Obolus von fünfzig Pfennig abzunehmen, von denen man auch noch dreißig Pfennig behalten durfte. Es war eine absolut sturmfreie Bude, denn die Stadt kümmerte sich wenig um das Geschehen im Turm, und der Hausmeister des Stadthauses war eher ein väterlicher Freund der Bewohner. Da es keine Klingel und kein Telefon gab, war man wirklich ungestört und konnte in aller Ruhe seinen Studien nachgehen.

 Mit dem Komfort war es nicht so weit her. Es gab keine Wasserleitung. Jeder Tropfen Wasser musste mit Muskelkraft nach oben geschafft werden. Erst  trug man den Wassereimer – im Stadthaus gefüllt – die Steintreppe hinauf, dann wurde er mit einer Winde bis in den Keller gezogen, die restlichen 78 Stufen wurde wieder getragen. Wo es keine Wasserleitung gibt, gibt es auch keine Abwasserentsorgung. Flüssiges wurde auf das Kirchendach geleitet, größere Geschäfte waren im Stadthaus zu erledigen, aber nur bis 17 Uhr, danach gab noch in 600 Meter Entfernung die Uni-Bibliothek und nach 22 Uhr den Bahnhof. Man lernte also Disziplin. Geheizt wurde mit Eierbriketts. Wenn die Kohlensäcke außen nach oben gezogen wurden, sperrte unten die Polizei die Straße vor der Kirche. Einmal stürzte ein Sack Briketts aus großer Höhe ab. Die Kohlen spritzten wie Geschosse herum, als sie auf das Pflaster aufschlugen, und im Erdgeschoss der gegenüberliegenden Superintendentur waren die Scheiben zerschossen.

 Doch was war das alles gegen die vielen Vorzüge. Man wohnte in der höchsten Studentenbude Deutschlands, war der oberste Göttinger. Alle Deutschen hatten ein Bild dieser Wohnung immer bei sich, denn weil Gauss von hier seine geodätischen Untersuchungen durchgeführt hatte, war die Kirche auf den Gauss-10-DMark-Scheinen abgebildet und man konnte sie allen Leuten stolz zeigen. Wegen der engen Verbindung zur Wissenschaft tagte sogar das philosophische Oberseminar einmal auf dem Turm und war so das oberste Seminar der Universität.

 Heute wohnt niemand mehr auf dem Turm der Göttinger St.-Johannis-Kirche. Als 2001 die umfangreichen Sanierungsarbeiten an der Kirche begannen, mussten die Studenten ausziehen, und ein auf Brandstiftung zurückgehender Brand 2005 machte deutlich, dass es sich um eine sehr gefährliche Wohnung handelte, ohne Rettungswege und andere Sicherheitsvorkehrungen. Eine Neuvermietung kam nicht mehr in Frage. Mit der Renovierung entfiel der Bestandsschutz. In der Erinnerung der früheren Turmbewohner  aber werden immer noch die vielen Stufen erklommen, um die schöne Zeit dort oben noch einmal zu erleben.

 19.08.2010

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