Untergrundpoesie in Berlin

Wenn über Berlin als Dichterstadt räsonniert wird, verdient es eine Literaturgattung besonders, an das Licht der Würdigung geführt zu werden – die Untergrundpoesie der Paech-Brot-Verse. Über viele Jahrzehnte haben sie die Berliner durch ihren Alltag begleitet, waren in U- und S-Bahnen allgegenwärtig, jeder kannte sie. Und doch umweht sie das Geheimnis des Unbekannten. Wer ist der Autor? Oder haben sie viele Väter? Aus wessen Feder sie auch immer entsprungen sein mögen – sie sind wahre Volksdichtung, die hinsichtlich ihrer poetischen Qualität, der Tiefe ihrer Gedankenwelt, der sprachlichen Meisterschaft und des hintergründigen Humors zu den Spitzenleistungen der Berliner Lyrik zählt.

Es gibt sie nicht mehr in den Waggons der BVG und der S-Bahn. Sie sind ausgelöscht wie die Paech-Brot-Fabrik im Moabiter Stephanskiez. Aber wie die Anwohner dort noch immer den Duft des frischen Brotes wahrzunehmen meinen, so sind auch die Paech-Brot-Verse in den Herzen vieler Berliner noch immer gegenwärtig und werden immer wieder mal rezitiert. Was haben sie uns heute noch zu sagen?

Da ist einmal die Hinwendung zum Menschlichen, Zwischenmenschlichen. In freundlichem Ton wird beispielhaft gutes Benehmen und kindliches Urvertrauen und Liebe zum Kind angesprochen:
Ach liebe Mutti, bitte, bitte,
gib mir noch ne Paech-Brot-Schnitte!
Durch diesen Vers klingt aber auch schon damals hintergründig die Sozialkritik, denn Kinder, die in Armut leben und für die das tägliche Brot nicht selbstverständlich ist, gab es auch schon früher. Freundschaft und Solidarität sind in Zeiten des Mangels wichtige Tugenden. Daran appelliert der Vers
Der Orje sprach zum Kulle:
„Haste nich ne Paech-Brot-Stulle?“
Der Dichter fordert, das Brot mit dem Hungernden zu teilen, aber nicht mit belehrendem Zeigefinger, sondern in einer alltäglichen Situation, der sich der Leser nicht entziehen kann.

Ein besonderes Merkmal der Paech-Brot-Verse ist die komprimierte Dramatik, die ihnen innewohnt. Mit wenigen Worten wird Spannung aufgebaut, die Dramatik des Augenblicks heraufbeschworen, um sich in einer verblüffenden Wendung aufzulösen:
Beim Ja-Wort schweigt die junge Braut,
weil sie noch schnell ein Paech-Brot kaut.
Mit den Augen eines Kindes wird ein Familiendrama erlebt, in dem die gemütliche Geborgenheit der Familie aufbricht, weil der Großvater nicht aus seiner patriarchalischen Rolle herausfindet:
Gar furchtbar schimpft der Opapa –
die Oma hat kein Paech-Brot da.

Eine subtile Erotik und augenzwinkernde Frivolität spricht aus dem Vers
Haste im Verkehr mal Frust –
mit Paech-Brot kriegste wieder Lust.
Die Genres der Literatur wurden eben alle auf ihre Tauglichkeit für den Paech-Brot-Vers abgeklopft und virtuos in diese Form umgesetzt. Auch das Produktionsgedicht, wie es vom Bitterfelder Weg gefordert wurde, fand Eingang in diese Anthologie der Poesie:
Paech-Brot gibt es täglich frisch
aus dem Ofen auf den Tisch.
Finden wir hier eine einfache und lakonische Sprache, die sagt, wie es ist, das Elementare der Produktion und des ökonomischen Kreislaufs konstatierend, erhebt sich in einem anderen Vers der Dichter zu artistischen Wortspielereien mit Homonymen und hinterfragt listig die Bedeutung seiner Worte:
Janz wurscht, wat druffliecht – eens ist wichtig:
mit Paech-Brot liechste immer richtig!
Stellt das Begriffspaar „druffliecht“ und „liechste“ schon einen bezaubernden Balanceakt dar, so wird dieses Spiel mit der hintergründigen Doppeldeutigkeit des „wurscht“ auf die Spitze getrieben.

Wie der Dichter mit einfachen Mitteln ganze Panoramen von epischer Breite schafft, zeigt
Kuno sprach zu Kunigunde:
„Paech-Brot ist in aller Munde!“
Mit der Wahl der altfränkischen Vornamen stößt der Autor das Tor zum historischen Ritterroman auf und lässt den Leser an dieser vergangenen Welt teilhaben, indem er eine Brücke schlägt zum zeitgenössischen Konsum- und Essverhalten.

Wo so viel Scharfsinn und Gedankentiefe waltet, verwundert es nicht, dass auch philosophische Fragestellungen bearbeitet werden.
Ich weiß genau, wovon ich sprech –
und mein Brot, das ist von Paech.
Knapper und präziser lässt sich das Verhältnis von Sein und Bewusstsein nicht ausdrücken. Und auch religiöse Themen werden vom Dichter der Paech-Brot-Verse nicht ausgespart:
Was nützen Schinken, Wurst und Ei,
fehlt das Paech-Brot doch dabei?
Die Eitelkeiten dieser Welt, der Luxus und die Verschwendung werden der sakramentalen Bedeutung des Brotes gegenübergestellt, wie es aus der Handlung der Eucharistie bekannt ist.

Ich habe hier nur einige Beispiele zur Betrachtung herangezogen, an die ich mich erinnern kann. Sollten der Leserin oder dem Leser noch weitere Paech-Brot-Verse bekannt sein, ja, sollte er sogar den genialen Autor kennen, bitte ich darum, mir dieses mitzuteilen, damit eine umfassende Würdigung dieser Literatur erfolgen kann.

 27.02.2009

hierzu schrieb mir am 13.02-2015 Dietmar Weiß diese Verse:

Paech-Brot ist vom Markt verschwunden, doch bleibt der Dichter ihm verbunden.
Beim Abendmahl legt Pfarrer Runge den Leuten Paech-Brot auf die Zunge.
Zum Kraftprotz wird der Paech-Brot-Mampfer, er stemmt den dicksten Haveldampfer.
Das Urteil stimmt den Dieb vergnügt, weil man im Knast ja Paech-Brot kriegt.
Zu Unrecht man Athleten lobt, wenn sie mit Paech-Brot sind gedopt.
Paech-Brot ist jetzt ohne Frage die beste Kapitalanlage. (Forts. nächste Zeile)
Deshalb sieht man allerorten Leute Paech-Brot-Krümel horten.
Der Säugling der verschmäht die Brust; er hat nur noch auf Paech-Brot Lust.
Der Cowboy sitzt auf Paech-Brot-Schnitten, er liebt sie richtig durchgeritten

Danke lieber Dietmar Weiß!

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Eine Antwort zu Untergrundpoesie in Berlin

  1. Ernst Scheer schreibt:

    nicht ganz pc:
    Am Ramadan denkt Özan Jümel den ganzen Tag an Paechbrotkrümel

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