Weihnachten 1914. Eine lange Weihnachtsgeschichte


Diese Weihnachtsgeschichte beginnt schon fünf Monate vor Weihnachten. Denn als im August 1914 die Soldaten zu jenem Krieg einberufen wurden, welcher der Erste Weltkrieg werden sollte, waren viele davon überzeugt, dass der Krieg Weihnachten zu Ende sein wird. 1870 war der Krieg ja auch nach wenigen Monaten siegreich beendet. Deshalb verabschiedete sich auch mein Großvater von seiner Frau und seiner zweijährigen Tochter mit den Worten: »Weihnachten bin ich wieder zuhause!«

 Da er seine Wehrpflicht in Straßburg absolviert hatte, wurde er an die Vogesenfront kommandiert. Seine Einheit bezog eine Stellung am Hartmannsweilerkopf, wo es in den ersten Kriegsmonaten sehr ruhig blieb. Es sah alles danach aus, dass er sein Versprechen einhalten konnte, am Heiligen Abend bei Frau und Kind zu sein. Zwei Wochen vor Weihnachten schrieb er seiner Frau hocherfreut, dass er zu Weihnachten als Vater eines kleinen Kindes Urlaub bekommen sollte.

 Meine Großmutter traf alle Vorbereitungen, die man so zum Weihnachtsfest anstellt, brachte einen geschmückten Weihnachtsbaum in die gute Stube und erwartete ihren Albert. Aber er kam nicht. Nicht am Heiligen Abend und auch nicht am Weihnachtsfest. Und auch Weihnachten 1915 kam er nicht. Dafür kam ein paar Tage nach Weihnachten ein Bote vom Rathaus und überbrachte die Nachricht: »Ihr Mann ist seit dem 20. Dezember vermisst.«

 Was war geschehen? Bei den ersten Kampfhandlungen am Hartmannsweilerkopf, der später den Namen »Menschenfresserberg« bekam, hatte die Stellung des Großvaters einen Artillerievolltreffer erhalten. Mein Großvater war gefallen, tot, aber weil man keine identifizierbaren Überreste von ihm fand, wurde er als vermisst registriert. Die Großmutter war nun Witwe. Aber das wollte sie nicht sein. Von dem Tage an, da sie die schlimme Nachricht erhielt, stand sie fest zu dem Glauben, dass ihr Mann ganz bestimmt wieder heimkehren werde, sicher wie versprochen zu Weihnachten. Für sie lebte ihr Mann. In der guten Stube hing sein letztes Foto, in Soldatenuniform, dabei immer frische Blumen. Um eine Witwenrente zu bekommen, hätte sie ihren Mann für tot erklären müssen. Das wollte sie nicht und brachte ihre kleine Tochter und sich mit Weißnähen durch. Erst Mitte der 1920er Jahre luchste ihr Bruder ihr unter einem Vorwand die Unterschrift für die Toterklärung ab. Das nahm sie ihm zeitlebens übel.

 Das Weihnachtsfest wurde zum Angelpunkt der Hoffnung und Trauer meiner Großmutter. Natürlich wurde in jedem Jahr zum Heiligen Abend der Weihnachtsbaum geschmückt, die Kerzen wurden angezündet, denn da war ja das kleine Mädchen, meine Mutter, das sich wie alle Kinder auf Weihnachten freute. Der Lichterbaum war aber auch das Willkommen für den Ehemann, von dem sie fest annahm, wenn er denn komme, dann komme er zu Weihnachten. Weil er sich auch verspäten könnte, blieb der geschmückte Tannenbaum im Wohnzimmer, bis er fast alle Nadeln verloren hatte. Das wurde dann schon mal Februar oder gar März, bis die silbernen Kugeln wieder sorgfältig verpackt wurden. Zum Heiligen Abend gehörten aber auch immer die Tränen, die meine Großmutter still weinte, wenn wir »O du fröhliche« sangen.

 So war unser Weihnachtsfest Jahr für Jahr. Auch noch 1974 war bei uns Weihnachten 1914. Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Soldaten und dann die Kriegsgefangenen nach Hause kamen, war meine Großmutter voller Hoffnung, dass nun vielleicht ihr Mann unter den Rückkehrern war. Als Anfang der 1970er Jahre in der Tagesschau berichtet wurde, dass in Asien versprengte japanische Soldaten gefunden wurden, die man für tot hielt, wurde sie in ihrer Hoffnung wieder bestärkt. Warum sollte es nicht mit ihrem Mann ebenso sein?

 Als meine Großmutter zum Sterben kam, habe ich sie gepflegt. Vor ihr an der Wand hing das Bild ihres Mannes. Vor ihrem letzten Atemzug richtete sie sich noch einmal auf, blickte zu dem Bild und sagte leise: »Albert, jetzt komme ich zu dir.« Jetzt war sie in der Wirklichkeit angekommen. Die Weihnacht 1914 war zu Ende.

 23.11.2014

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