Berlin ist anders


Touristen, die Berlin besuchen, sehen die Stadt meistens gar nicht. Es ist nicht Berlin, was ihnen in den Reiseführern  zum Besuch empfohlen wird. Wer den Pariser Platz aufsucht, den Checkpoint Charly, die Museumsinsel, den Reichstag mit dem Kanzleramt, den Gendarmenmarkt oder den Kurfürstendamm, der bewundert ein Disneyland aus preußischer Gloria, demokratischer Selbstgefälligkeit, Kalter-Kriegs-Romantik und hitziger deutscher Einheit. Berlin ist das nicht, und Berliner trifft er auch nicht. Wer da herumläuft, ist vor allem erstmal Tourist.

Wenn ich Besuchern von außerhalb unsere Stadt zeigen will, mache ich um alle diese Orte einen großen Bogen und lade sie zu einer Kreuzfahrt durch das richtige Berlin ein. Nein, wir machen nicht die Brückenfahrt, obwohl das auch ganz lustig sein kann, aber da sind auch nur Touristen auf dem Dampfer. Es beginnt dann etwas, was in Reiseprospekten als eine kombinierte Bahn-Bus Schiffsreise angepriesen wird und meist sehr teuer ist. Meine Reise kostet nur 5,40 Euro, allerdings ohne Verpflegung und Getränke.

Die erste Etappe beginnt am Gesundbrunnen. Mit der Ringbahn geht es da Richtung Westen. Wir sehen den Wedding und die quirlige Müllerstraße. Am Westhafen die riesigen Speicher für die Versorgung der Berliner – da denkt man gern an die Senatsreserven. Dann rechts und links Gewerbebetriebe und immer wieder Kleingärten, die die Berliner so sehr lieben. Es geht über die Kanäle, Lebensadern der Stadt. Rechts grüßt der Funkturm. Bei der Fahrt durch Wilmersdorf kann man sehr schön den Berliner Stau besichtigen. Durch Schöneberg nach Tempelhof. Das weite und leere Tempelhofer Feld, einst der größte Flughafen Europas und dann das Tor zur Welt der Westberliner, bietet ein buntes Bild von Drachenfliegern, wo mal Wohnungen gebaut werden sollten. Neukölln wird durchquert, um in den Ostteil der Stadt zu gelangen, wo uns in Treptow noch einmal die Spree begegnet. Durch die vielfältige Architektur der Vor- und Nachkriegszeit geht es dann durch Pankow zurück nach Gesundbrunnen. Genau eine Stunde dauert diese Rund- und Studienreise.

Nicht nur der Blick aus dem Fenster bietet ein interessantes und buntes Bild. Auch die Mitreisenden, alles Berliner, sind eine große und bunte Revue. Da sitzt der Arbeiter mit seinem Feierabendbier auf der Faust, der Rentner mit seiner Frau, beide schon sicher hoch in den Siebzigern, die etwas aufgedonnerte Witwe mit lila Haaren, der Punker mit seinem Gesicht voller Metall, die Studentin mit einem Medizinlehrbuch auf dem Schoß, die türkische Frau im Kopftuch, laut telefonierend, der Dicke, der fast zwei Sitzplätze braucht, das junge Pärchen, das so verliebt zu sein scheint. Das alles sind Berliner, sie alle machen Berlin.

Im Bahnhof Gesundbrunnen geht es vom selben Bahnsteig mit der S1 durch den Nord-Süd-Tunnel: vieles in Berlin ist unterirdisch, dann durch das bürgerliche Schöneberg und Zehlendorf  zum Zielbahnhof Wannsee. Es lächelt der See, er ladet zum Bade, aber wir fahren mit dem Schiff über den Wannsee nach Kladow. Vorn sitzen die Fußgänger, hinten die Radfahrer. Die Schiffsreise dauert nur 15 Minuten, und man wird auch garantiert nicht seekrank. In Kladow angekommen, ist es nun Zeit sich zu stärken. Einige Ausflugslokale mit wunderbaren Biergärten laden dazu ein, wo für jeden Anspruch etwas geboten wird. Ganz nah kann man beim Essen den Kormoranen auf der Imcheninsel zusehen.

Mit neuer Kraft empfiehlt sich noch ein kleiner Rundgang durch das Fischerdorf Kladow, ehe es mit dem 135er Bus durch den grünen Westen Berlins geht, direkt in das Herz Spandaus. Unterwegs lernt man, dass es in Berlin auch eine Kurpromenade gibt: in Groß Glienicke. Das wissen nur wenige. Bei Gatow blicken wir auf die schon lange stillgelegten Rieselfelder, die im Frühsommer ein wahres Blumenmeer tragen. Nach einer halben Stunde Fahrzeit sind wir direkt am Bahnhof Spandau, und von da geht es wieder mit der S-Bahn  durch Charlottenburg zurück in die Stadtmitte. Das bürgerliche Charlottenburg fliegt vorbei, noch ein Eindruck vom Savignyplatz, durch das protzige Zooviertel, wo man am Bahnhof Zoo sogar einen kurzen Blick in den Zoologischen Garten werfen kann. An der Friedrichstraße steht immer noch der Tränenpalast aus unseliger Zeit. Schließlich der Alex – Ende der Kreuzfahrt.

Meine Besucher haben an einem Nachmittag wirklich Berlin gesehen, so wie es nur wenige Touristen kennenlernen können. Mir macht diese Kreuzfahrt auch immer wieder Freude, denn es gibt jedes Mal auch Neues zu entdecken. Entdeckungen gehören bei einer Kreuzfahrt unbedingt dazu.

09.06.2015

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Eine Antwort zu Berlin ist anders

  1. thomrosenhagen schreibt:

    Für mich ist (fast) jedesmal der Ausblick vom Kreuzberg auf dem Programm….

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