Flüchtlingsstadt Berlin


Berlin ist ohne Flüchtlinge überhaupt nicht denkbar. Von den ersten Anfängen der Stadt bis in die Gegenwart sind Flüchtlinge eines der wichtigsten Themen in der Stadt. Es gab Verdrängung und Willkommenskultur, Ablehnung und Verbrüderung, Steinwürfe, Brandstiftungen und Empfänge bei Hof.

Das begann alles schon im frühen Mittelalter, als in dem beschaulichen slawischen Fischerdörfchen auf einmal fremde Gesellen auftauchten und verkündeten, dass sie sich an der Spree niederlassen wollten. Das waren nach heutigem Sprachgebrauch Wirtschaftsflüchtlinge, junge Männer, die wegen der späten Geburt nicht den väterlichen Bauernhof erben konnten, somit zur Armut verdammt waren. Nun suchten sie eine neue Existenzgrundlage im Osten. Das Zusammenleben ging nicht lange gut. Bald waren die Fischer verschwunden und es hatten die das Sagen, die sich später Deutsche nannten. Die Berliner lebten ohne nennenswerte Zuzüge, wenn man davon absieht, dass sie mit den Hohenzollern eine neue Obrigkeit erhielten.

Unter den Hohenzollern kam es dann zu einer für damalige Verhältnisse großen Zuwanderung von Flüchtlingen. 1685 hatte Ludwig XIV. das Toleranzedikt von Nantes, das die calvinistischen Hugenotten in Frankreich schützte, aufgehoben. Die französischen Protestanten mussten das Land verlassen. 20.000 von ihnen kamen nach Brandenburg/Preußen. Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm lud sie im selben Jahr mit dem Edikt von Potsdam ausdrücklich ein, sich in seinen Territorien niederzulassen. Das geschah nicht nur aus humanen oder religiösen Gründen. Das Land war nach dem Dreißigjährigen Krieg entvölkert und bitterarm. Der Kurfürst versprach sich von der Ansiedlung der Flüchtlinge eine Stärkung der Wirtschaftskraft und letztlich auch der Staatseinnahmen. Den Hugenotten wurden Grundstücke zur Verfügung gestellt, sie erhielten Baumaterial zum Hausbau. Ihnen wurde das Bürgerrecht verliehen und Anschubdarlehen für Existenzgründungen gewährt.

Die Berliner waren nicht begeistert. Unter den damals knapp 30.000 Einwohnern der brandenburgischen Residenzstadt lebten circa 6000 Hugenotten. Sie sahen anders aus, sprachen eine andere Sprache, hatten andere Sitten und waren eine reale Konkurrenz für die Ansässigen in Handwerk und Gewerbe. So gab es anfangs kaum Gemeinsamkeiten. Man machte den Fremden das Leben schwer, grenzte sich ab, und es kam auch zu gewaltsamen Übergriffen, bis hin zur Brandstiftung. Es dauerte über achtzig Jahre, bis sich das Verhältnis zu den Flüchtlingen entspannte und »Mischehen« mit ihnen möglich wurden.

Fünfzig Jahre nach der Hugenottenansiedlung folgte der König Friedrich Wilhelm I. dem Beispiel seines Vaters und lud 1737 Flüchtlinge aus Böhmen ein, sich bei Berlin niederzulassen. Das habsburgische Regiment betrieb in Böhmen eine strenge Rekatholisierung, die das gesellschaftliche und religiöse Leben der Protestanten erheblich erschwerte, sodass sie sich zum Verlassen des Landes entschlossen. Der preußische König wies ihnen bei Rixdorf ein Areal zur Ansiedlung zu, aus dem zusammen mit Rixdorf später Neukölln wurde. Bis auf den heutigen Tag ist die Dorfstruktur dieser Siedlung erhalten, und man spricht vom böhmischen Dorf. Die Straßennamen weisen auf die Ursprünge dieses Kiezes hin, bis Anfang des 20. Jahrhunderts gab es ganz offiziell eine Ulica Mala, Kleine Straße, die heute Kirchgasse heißt. »Das sind mir böhmische Dörfer« sagen wir heute, wenn wir etwas nicht verstehen. Die böhmischen Flüchtlinge bewahrten und pflegten die tschechische Sprache im Gottesdienst und im Alltag, was die Berliner überhaupt nicht verstanden.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert suchten zahlreiche Juden in Berlin Sicherheit vor den russischen Pogromen und wohnten unter den Berlinern im Scheunenviertel in der Spandauer Vorstadt. Die armen, meist polnischen Landarbeiter aus den preußischen Ostprovinzen suchten ihr Glück in der aufstrebenden Industriestadt Berlin. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen zahlreiche Russen nach Berlin, die der Verfolgung durch das bolschewistische Regime flohen. Es waren so viele, dass im Volksmund Charlottenburg in Charlottengrad umgetauft wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Westberlin der Ort der Freiheit für die Flüchtlinge aus der DDR. Die letzte große Flüchtlingswelle im Kalten Krieg erreichte Berlin 1981/82, als in Polen das Kriegsrecht herrschte und die Aktivisten der Solidarność bedroht waren.

Und heute kommen immer noch Flüchtlinge nach Berlin, aus ähnlichen Motiven wie die in der Vergangenheit, nur eben aus entfernteren Ländern. Sie haben dieselben Hoffnungen und Sorgen wie jene, die schon lange bei uns sind, und sie werden ähnlich von den Berlinern aufgenommen. Es wird eine Weile dauern, aber irgendwann sind auch sie, was die anderen Nachfahren der Flüchtlinge sind: richtige Berliner.

12.06.2015

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