Schlafen wir ein? Sterben wir aus? Oder werden wir überflutet? – Aspekte des demographischen Wandels in Deutschland


Die Flüchtlinge und Asylbewerber, die derzeit in großer Zahl nach Deutschland kommen, erschrecken viele Menschen. Die Bilder von Marschkolonnen auf dem Balkan, von überfüllten Bahnhöfen in Ungarn und Österreich, von den Menschenschlangen vor dem Lageso und von den Notunterkünften in vielen Gemeinden verleiten sie dazu festzustellen: „Das Boot ist voll!“. Ist das wirklich so?

Deutschland ist 360000 Quadratkilometer groß. Dort wohnen 82 Millionen Menschen, die meisten Deutsche, die jeder 4300 Quadratmeter für sich haben, 220 auf einem Quadratkilometer. Das ist nicht viel. In den Niederlanden teilen sich 400 Menschen einen Quadratkilometer, in Belgien 350, in Israel 370 und in Japan 340, und die leben alle ganz gut damit. Wir könnten also noch zig Millionen aufnehmen, um eine vergleichbare Bevölkerungsdichte zu erreichen. Erschreckend ist nicht die Menge der zuwandernden Flüchtlinge, sondern das Unvermögen der staatlichen Stellen, mit diesem Problem fertig zu werden. Sie sind nicht vorbereitet, obwohl sie doch im Jugoslawienkrieg 1991 vor einer gleichen Aufgabe standen. Das Boot ist nicht voll, im Gegenteil, wir brauchen die Zuwanderung dringend.

Schon heute ist die Bevölkerung ohne die Zugewanderten nicht mehr denkbar. Ca. 20 Prozent der Einwohner Deutschlands haben einen Migrationshintergrund. Rechnet man die Kowalskis und Kuzorras aus früheren Einwanderungen dazu, sind es 25 Prozent. Deutschland ist schon lange ein Einwanderungsland und wäre ohne die Migranten gähnend leer. Eine Betrachtung der demographischen Lage in Deutschland zeigt, dass diese Leere wieder droht. Dagegen hilft nur ein Einwanderungsgesetz und eine Infrastruktur, die die Einwanderer effektiv in die deutsche Gesellschaft integriert.

Um die derzeitige Bevölkerungszahl bis zum Jahr 2030 zu halten, ist eine Nettoeinwanderung  von 3,7 Millionen Menschen nötig. Dank ihrer jüngeren Altersstruktur kompensieren sie den steigenden Schwund der erwerbsfähigen Bevölkerung. Es muss ferner die Einwanderung von jungen Frauen im gebärfähigen Alter gefördert werden, um den Einwohnerstatus zu erhalten. Um diese Einwanderer muss geworben werden, denn nicht nur Deutschland steht vor einem demographischen Problem. Noch ist unser Land für wanderungswillige Menschen in Europa ein attraktives Ziel, allerdings gelingt es nur beschränkt, Qualifizierte und Hochqualifizierte für einen Zuzug nach Deutschland zu gewinnen.

Die Rentenversicherung profitiert von der Zuwanderung, wenn es gelingt, die Einwandernden in den Arbeitsprozess zu integrieren, weil das Verhältnis von Beitragszahlern und Ruheständlern sich verbessert. Der Altersquotient, das Verhältnis von Ruheständlern zu Erwerbsfähigen, beträgt jetzt 37 Prozent bei Deutschen ohne Migrationshintergrund mit steigender Tendenz, bei Menschen mit Migrationshintergrund sind es nur 14 Prozent, bei Ausländern 12 Prozent.

Das Bild der Zuwanderung wird sich ändern. Kamen in der Vergangenheit nur wenige Nationalitäten nach Deutschland (Italiener, Griechen, Jugoslawen, Türken), werden die Neubürger in Zukunft mehr unterschiedlicher Herkunft sein. Es bilden sich zahlreiche Minoritäten, die wegen unterschiedlicher Lebensstile differenziert an das Zusammenleben herangeführt werden müssen. Konstant bleibt jedoch die Vorliebe der Zuwanderer, sich in den großen Städten und Ballungsgebieten der alten Bundesländer und Berlins niederzulassen. Das geschieht einmal aus dem Grund, dass sie dort am ehesten Landsleute aus ihrem Herkunftsgebiet antreffen, die ihnen behilflich sein können und mit ihnen den Lebensstil teilen. Zum anderen erwarten sie dort auch eher eine Arbeitsmöglichkeit. Zwar sind die neuen Länder seit der Wiedervereinigung von zwei Millionen Menschen gen Westen verlassen worden, so dass dort leerer Siedlungsraum entstanden ist, doch die Zuwanderer wollen nicht nach Pasewalk, Prenzlau oder Pirna, und dort will man die Zuwanderer auch nicht.

Zuwanderung ist eine der wichtigsten Aufgaben der deutschen Regierung in den nächsten zwei Jahrzehnten. Dafür muss sie nach außen für Gewinn und nach innen für Verständnis werben. Das braucht einen gesetzlichen Rahmen, der für beide Seiten Sicherheit schafft.

Manfred Wolff

Mehr Informationen hier:
http://library.fes.de/pdf-files/wiso/11612.pdf

10.10.2015

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