Einer gewinnt immer Glücksspiel in Berlin


 

Vor einem Jahr war da noch ein kleiner Drogeriemarkt, jetzt steht in großen leuchtenden Buchstaben „Casino“ über der Eingangstür. Zwei Häuser weiter ist in einem früheren Textilgeschäft ein Wettbüro eingezogen. Nur wenige Schritte sind es bis zum Automatencafé. 500 Meter Straße beherbergen neun gewerbliche Glücksspiele. Das ist in einigen Berliner Bezirken oft anzutreffen, nicht nur im Brunnenviertel. In der Neuköllner Hermannstraße kommen auf knapp zwei Kilometer 28 Glücksspielbetriebe. Dazwischen findet man dann noch ganz bescheiden eine Lottoannahmestelle. Die Berliner scheinen alle auf der Suche nach dem großen Glück zu sein. Alle Berliner? Nicht wirklich, denn in Steglitz und Zehlendorf sind nur wenige dieser Spielorte anzutreffen, in Mitte und Neukölln dagegen sehr viele.

In Berlin gelten über 30000 Menschen als spielsüchtig. Es handelt sich in den meisten Fällen um Menschen, die in wirtschaftlich prekären Umständen leben. Sie verfügen nur über ein geringes Einkommen, sind häufig arbeitslos und hoch verschuldet. Die erhofften Gewinne bleiben aus. Der Senat dagegen gewinnt immer beim Glücksspiel. Ungefähr 40 Millionen Euro gewinnt der Finanzsenator als Vergnügungssteuer an den Automaten. Dagegen macht sich die halbe Million, die jährlich zur Bekämpfung der Glücksspielsucht aufgewendet wird, recht schäbig aus. Es ist auch schwierig, aus eigenem Willen aus der Spielsucht auszusteigen. Während man sich an den staatlichen Spielcasinos mit ihren Rouletttischen bundesweit sperren lassen kann, ist das bei den Spielhallen nur immer für einen Ort möglich. Da es nur wenige Schritte bis zum nächsten Automatensaal sind, ist die Gelegenheit schnell geboten, der Spielsucht am neuen Ort wieder nachzugeben. Waren früher zehn Pfennig der Normaleinsatz an einem Automaten, so können heute die Maschinen auch Scheine akzeptieren und so den Profit des Aufstellers und den Ruin des Spielers beschleunigen.

Mit dem Spielhallengesetz hat Berlin einen erfolgreichen ersten Schritt getan, die Gelegenheiten zum Glücksspiel einzuschränken. Im Sommer dieses Jahres läuft die Übergangsfrist für die Spielhallen aus und alle Lizenzen verlieren ihre Gültigkeit. Dann gilt, dass der Abstand zwischen zwei Spielhallen mindestens 500 Meter betragen muss. Der gleiche Abstand ist zu Einrichtungen zu wahren, die von Kindern und Jugendlichen genutzt werden, also Schulen, Kitas, Sportstätten. Je Halle sind nur noch acht Automaten erlaubt statt bisher zwölf, die auch so angeordnet werden müssen, dass das gleichzeitige Spiel an zwei oder mehr Automaten unmöglich ist. Zwischen drei und elf Uhr müssen die Hallen schließen.

Die Spielhallen machen jedoch immer weniger Umsätze im Glücksspiel. Dafür nimmt der graue Bereich ständig zu. Wie viele Spielautomaten dort betrieben werden, weiß der für die Regulierung zuständige Innensenator nicht. Das reicht von dem Groschengrab auf dem Weg zum Klo in der Eckkneipe bis zur Scheingastronomie, mit der das Spielhallengesetz umgangen wird. Für den Kneipenwirt ist der Spielautomat oft die einzige Möglichkeit, seinen Betrieb aufrecht zu erhalten. Sein Anteil am eingespielten Gewinn, der bei den Automaten bei circa 6000 Euro beträgt, finanziert dann gut die Miete für das Lokal. 6700 dieser Aufstellungsorte sind bekannt, fünfzig Prozent mehr als in den Spielhallen. Bis zum Jahr 2019 ist das in Berlin noch erlaubt, obwohl das Aufstellen solcher Automaten seit 2013 bundesrechtlich nicht mehr erlaubt ist.

Relativ neu auf dem Glücksspielmarkt sind die Sportwetten. Gab es die früher nur für Pferderennen, so kann man heute dort Wetten auf Fußballspiele, Pferderennen, Tennisspiele und Boxkämpfe abschließen. Diese Wettbüros sind in der Regel auch mit einer leichten Gastronomie verbunden. 400 solcher Geschäfte gibt es allein in Berlin. Sie sind Filialen von Wettbüroketten, die ihren Sitz im Ausland haben. Im Glücksspielstaatsvertrag der Länder hatte man an die Vergabe von 20 Lizenzen für solche Angebote gedacht. Bislang wurden aber keine Lizenzen beantragt oder gar vergeben, weil die Firmen, die dort tätig sind, ihren Sitz in der EU haben und von daher ihr Recht auf europaweite Geschäftstätigkeit beanspruchen. Das gilt auch für die zahlreichen Zockermöglichkeiten im Internet. Der Bundesverband der privaten Spielbanken – so eine Lobbyorganisation gibt es wirklich – beklagt die entgangenen Gewinne, die in diesen Zockerbuden und im Internet landen.

Wo es um so viel Geld geht, kann man nicht erwarten, dass sich alle an Recht und Gesetz halten. Daniel Buchholz, der im Abgeordnetenhaus sich um das Glücksspiel kümmert, berichtete, dass bei einer Razzia, die in 40 Lokalen durchgeführt wurde, lediglich ein einziger Betrieb „sauber“ war. Festgestellt wurden illegales Glücksspiel, Ordnungswidrigkeiten und Verstöße gegen das Jugendschutzgesetz. Restriktive Maßnahmen bis zur Schließung des Lokals sind in der Regel wenig erfolgreich, da dann schnell ein neuer Betreiber auf den Plan tritt.

Wer selbst spielsüchtig ist oder eine spielsüchtige Person kennt, kann in Berlin auf Hilfe rechnen. An der Charité gibt es ein Beratungsangebot, das unter der Rufnummer 450 617 333 erreicht werden kann. Die Anonyme Spieler GA Berlin erreicht man unter 284 528 93; da meldet sich Frank. Das Café Beispiellos in der Kreuzberger Wartenburgstraße 8 ist eine Einrichtung der Caritas, Telefon 666 33 955 oder www.cafe-beispiellos.de. Der Glücksspiel-Sucht-Hilfe e.V informiert auf der Webseite www.gluecksspiel-sucht-hilfe.de und hat die zentrale Telefonie unter 390 63 00.

Manfred Wolff

05.01.2016

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