Spätes Recht

Das Landgericht Detmold hat den 94jährigen Reinhold Hanning, ehemaliger Wachmann im KZ Auschwitz, wegen Beihilfe zum Mord zu einer Haftstrafe von fünf Jahren verurteilt. So weit so gut. Es war wohl der letzte KZ-Prozess in Deutschland, da die anderen noch anstehenden Verfahren gegen ebenfalls über 90 Jahre alte Täter wohl wegen Verhandlungsunfähigkeit der Angeklagten platzen werden.

Ist es überhaupt noch sinnvoll, einen Greis zu verurteilen, dessen fünf Jahre lebenslänglich bedeuten, wenn er keine Haftverschonung erhält? Ist es nicht absurd, eine über 90jährige vor einer Jugendkammer anzuklagen, weil sie während ihrer Tätigkeit in Auschwitz erst 20 Jahre alt war? Der Resozialisierungsgedanke kommt bei diesen Verfahren doch nicht mehr zum Tragen. Doch es ist sinnvoll und richtig, sowohl für die Glaubwürdigkeit unserer Justiz und für die Genugtuung der überlebenden Opfer. Es ist kein Skandal, wie ultrarechte Stimmen uns glauben machen wollen.

Ein Skandal ist auch nicht darin zu sehen, dass jetzt kleine Rädchen aus der Todesmaschine von Auschwitz vor dem Richter stehen. Wohl aber ist es ein Skandal, dass das erst jetzt, 71 Jahre nach Kriegsende, geschieht und dass Täter mit weitaus größerer Schuld in all den Jahren ungestraft davongekommen sind. Die bundesdeutsche Justiz hat sie laufen gelassen. Da wurden Prozesse ausgesetzt wegen Verhandlungsunfähigkeit, während die Angeklagten munter ihrer gewinnbringenden Berufstätigkeit als Ärzte, Verbandsfunktionäre oder Manager nachgingen. Da wurden Akten verschlampt, und manches Auge wurde zugedrückt.

Als der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer vom Aufenthaltsort Adolf Eichmanns erfuhr, hat er nicht die deutschen Behörden davon in Kenntnis gesetzt, da er wohl zu Recht befürchtete, dass es dort Menschen gab, die eiligst eine Warnung nach Buenos Aires senden würden. Der israelische Mossad bekam die Information und wusste, was zu tun war.

Jüdische Freunde, die den Holocaust überlebt haben, haben mir gesagt, dass sie jedes Mal, wenn sie in Deutschland Menschen begegnen, die 1945 älter als 20 sein konnten, sie sich die Frage stellen, was diese Leute wohl in der Zeit des Naziterrors getan haben, ohne dafür zur  Rechenschaft gezogen zu werden. Die juristische Rechenschaftspflicht ist ein wichtiger Teil der Wiedergutmachung.

Manfred Wolff

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