Eine Entführung aus der Oper


Das Theater ist ein Irrenhaus, und die Oper ist die Abteilung für die ganz schweren Fälle. Rodrigo Garcia scheint von dem Ehrgeiz, diese Weisheit in die Tat umzusetzen, gepackt gewesen zu sein, als er an der Deutschen Oper Berlin Mozarts Entführung aus dem Serail inszenierte. War vorher schon Bietos Entführung in der Komischen Oper Berlin sehr gewöhnungsbedürftig, so ist es Garcia nun gelungen, das Stück auf einfachstes Trashniveau zu reißen.

Ich will das nicht rezensieren und in den Einzelheiten herumstöbern, um vielleicht den einen oder anderen Sinnfunken zu finden. Ich frage mich allerdings, was denn die Regisseure immer wieder antreibt, die Opern zu „modernisieren“, und die Intendanten dazu verleitet, solche Produktionen in ihr Haus zu holen.

Zugegebener Maßen ist Intendant ein schwieriger Posten. Möglichst gleichzeitig soll ein hohes künstlerisches Niveau gehalten und eine möglichst hohe Auslastung des Opernhauses erzielt werden. Für letzteres ist es entscheidend, wie gut das Haus im Gespräch ist und auch bleibt. Es gilt, die traditionellen Besucher zu halten und neue in der Jugend zu finden. Ob beides mit Sex gelingt, bleibt fraglich. Voyeurismus bedienen andere besser. Ein anderer, häufig wiederholter Versuch ist es, die alte Handlung mit Elementen aus der Gegenwart auf modern zu trimmen. Die dabei produzierten Anachronismen in Kostümen, Gebrauchsgegenständen und Bühnenbildern sind für den aufmerksamen Betrachter eher komisch als modern oder erklärend.

Wie albern die Modernisierungsarbeiten an den klassischen Opern sind, wird durch die Werktreue der musikalischen Darbietung unterstrichen. Orchestermusik und Gesang aus dem Geist des 18. und 19. Jahrhunderts vermitteln dem Publikum eine geistige Welt, angesichts derer die Inszenierungen oft trivialer Abklatsch der Alltagskultur des Fernsehens sind. Noch wird nicht an der Musik von den Modernisierern herumgebastelt, aber vielleicht wird schon bald die Ouvertüre zu Cosi fan tutte einer Metalband anvertraut und Tamino betritt als Rapper die Bühne, schließlich hätte Mozart, lebte er heute, auch die moderne Musik geschrieben, wird man dann als Erklärung hören

Wenn den Herren Intendanten so sehr an der Modernität ihres Repertoires liegt, sollten sie einen anderen Weg beschreiten. Warum vergeben sie keinen Auftrag für eine zeitgenössische Oper an einen Komponisten der Gegenwart? Ein Wettbewerb im Fach Oper würde ebenfalls zu einer großen Zahl von Bühnenwerken im Geist unserer Zeit führen. Nicht alles, was dann als musikalische Avantgarde Aufmerksamkeit erregt, wird in den Kanon der Klassiker von Mozart bis Wagner Eingang finden, doch das war auch schon früher so. Aber das Publikum der Opernhäuser bekäme wirkliche Modernität und kein Talmi aus unausgegorenen Gedanken.

Manfred Wolff

20.06.2016

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