Die nächste Flüchtlingswelle kommt

Und es wird nicht die letzte sein. Der Nahe Osten ist nach der Zerschlagung des Osmanischen Reiches ein Pulverfass, das immer wieder für Unruhe und Krieg, Leid und Tod sorgt. Innerstaatliche Bürgerkriege und Verfolgungen gehören ebenso wie zwischenstaatliche Konflikte zur Agenda der Region. Warum ist das so?

Nach dem I. Weltkrieg machten sich die alliierten Siegermächte daran, das Osmanische Reich aufzuteilen. Sie vermieden neue Kolonialsysteme, schufen stattdessen auf dem Reißbrett neue künstliche Staaten, Königreiche und Republiken, ohne Rücksicht auf ethnische, religiöse und historische Bedingungen. Wichtig war allein, dass sich aus diesen neuen Staaten eine Einflusssphäre schaffen ließ. Die mit dieser Politik vorprogrammierten Konflikte brechen immer wieder aus.  Waren sie in der Vergangenheit meist auf die Region begrenzt, sind sie nun wie alles in unserer Welt globalisiert. Die Folgen sind auch bei uns in Europa zu spüren.

Die nächste große Krise in dieser Region wird sich im Irak abspielen. Die schiitische Mehrheit dort sucht nach Rache für die Untaten und Unterdrückungen, die sie unter dem sunnitischen Regime Saddams erleiden musste. Die Sunniten waren und sind im Zweistromland eine Minderheit, die die schiitische Mehrheit mit Unterstützung durch den Iran nicht länger dulden will. Ca. zehn Millionen irakischer Flüchtlinge, alle Sunniten würden eine neue Flüchtlingswelle bilden. Doch wohin sollen sie sich wenden?

Alle angrenzenden Nachbarstaaten sind entweder schiitisch geprägt oder tragen in ihren eigenen Grenzen ähnliche Konflikte aus. Der Iran als Anheizer dieser Situation scheidet von vornherein aus. Die Türkei wird keinen einzigen sunnitischen Kurden aus dem Irak aufnehmen wollen. In Syrien tobt seit Jahren ein Bürgerkrieg, in  dem auch die alawitische Regierung im Bündnis mit der schiitischen Hisbollah gegen die Sunniten, deren Aufstand mit der ISIS und anderen militanten Gruppierungen zusammenbricht, vorgeht. Libanon ist ein gespaltenes Land und jetzt schon mit den syrischen Flüchtlingen überfordert. Und schließlich Jordanien muss darauf bedacht sein, das labile Gleichgewicht zwischen palästinensischen und beduinischen Bürgern zu erhalten.

Es kann als sicher angenommen werden, dass die Nachbarstaaten die Flüchtlinge durchwinken werden, damit sie in Europa, Nordamerika oder Australien ihr Heil suchen. Es wird aber nicht nur bei dieser einen Welle bleiben. In allen Staaten des Nahen Ostens lauern ähnliche Gefahren für Sicherheit und Ordnung. Wenn man in den potentiellen Aufnahmeländern Flüchtlinge fernhalten will, reicht es nicht, Gewaltherrschaften, die die Grenzen schließen, mit Geld zu kaufen. Sinnvoll wäre es, das politische Gefüge des Nahen Ostens neu zu gestalten, nun aber nicht vom grünen Tisch in Europa oder Amerika, sondern unter Einbeziehung der Bevölkerung der Region.

Die Staaten des Nahen Ostens sollten in Emirate zerlegt werden, die nach ethnischen, religiösen und tribalen Kriterien organisiert werden. Die könnten sich dann zu föderalen Bündnissen zusammentun, wobei sich gleich und gleich gesellen, um eine gedeihliche Entwicklung ihrer Gesellschaften zu fördern. Aber das bleibt wohl ein Traum, so lange jede der dort anzutreffenden Parteien ihre Phantasien einer regionalen Großmacht mit Blut in die Geschichte schreibt und dabei auch noch von den Großmächten Europas und Amerikas unterstützt wird.

Manfred Wolff

05.10.2017

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