Ich wohne nicht in einem Museum

Nein – Sie betreten kein Museum, wenn Sie mich besuchen in unserer Berliner Wohnung. Aber Sie betreten Geschichte: die Geschichte meiner Familie, die Geschichte meiner Ehe und auch meiner Geschichte. Und diese Geschichte ist nicht museal tot – sie ist unser Leben.

Im Flur werden Sie begrüßt von bunten Wänden. Hinterglasbilder mit Heiligen und Räubern bedecken die Wände. Meine Frau Urszula hat diese Schätze aus den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gesammelt. Sie stammen in der Mehrzahl aus der polnischen Tatra, aber auch Volkskünstler aus anderen Regionen sind unter den Autoren. Gleich bei der Ankunft begegnen sie aber auch schon Jozef Chelmowski. Von oben, aus einer Ecke heraus begrüßt Sie ein Engel des kaschubischen Künstlers. Auf der Kommode zur rechten stehen einige seiner Engel und links von der Tür zum Wohnzimmer hat dieser Engel seinen Platz, mit dem unsere Sammlung von Chelmowskis Arbeiten begann. „hominem te esse memento“ sagt er. Über der Wohnzimmertür ein dramatisches Bild: Engel und Teufel kämpfen um die Seelen der Bewohner eines kleinen polnischen Dorfes. Wie wird das ausgehen?

Wenn Sie nun das Wohnzimmer betreten, lassen sie den Blick nicht nach links abschweifen, denn dort gibt es nicht viel zu sehen, obwohl es ein Ort künstlerischen Schaffens ist, wo aus einfachen Dingen Werke entstehen, die auf vielfältige Weise die Sinne erfreuen und Menschen stärken, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen. Es ist die Küche …

Im Wohnzimmer empfängt sie wieder ein Engel, nun aber fast mannsgroß mit vier Flügeln, ein Erzengel eben. Er trägt die Tracht einer kaschubischen Frau und blickt streng prüfend auf die Eintretenden und auf das, was sich an unserem Tisch so abspielt. Das ist unser Schutzengel, und er hat sich schon deutlich sichtbar den Kopf zerbrochen über all die Narrheiten, die unser Leben so ausmachen. Nüchternere denken da eher, dass das Holz, aus dem Chelmowski ihn geschlagen hat, wohl sehr jung war, so dass es jetzt durch den dauernden Aufenthalt in einer gut beheizten Stube einen Spalt gerissen hat.

Der Engel steht am Tisch, und um den Tisch stehen die Stühle, die meine Großeltern mütterlicherseits erwarben, als sie ihren Ehestand begründeten. Sie sind nun schon 110Jahre alt. Mein Großvater konnte nur sieben Jahre darauf sitzen. Er fiel zu Beginn des I. Weltkriegs am Hartmannsweilerkopf, dem Menschenfresserberg im Elsass. Obwohl zur rechten eine gutbürgerliche Polstergarnitur einlädt, sitzen wir doch meist auf diesen Stühlen. Vielleicht sitzt er ja noch manchmal dabei und freut sich, dass seine damalige Anschaffung noch immer in Ehren gehalten wird, Mittelpunkt eines Familienlebens ist, wie er es sich gewünscht hat.

Auch die Kommode und das Vertiko, beide an den Türen mit Jugendstilornamentik geschmückt, sind Erbstücke aus dem Besitz meiner Großeltern. Das Vertiko wird von einer Vielzahl bunter Vögel bewohnt, Schöpfungen polnischer Volkskünstler, und auf der Kommode stehen die Schafe Davids des Bildhauers Chromy, in Krakau verliehen für unsere Verdienste um die Jüdisch-Polnisch-Deutsche Verständigung,  sowie zwei kleine Pegasusfiguren von Myjak, mit denen uns die Warschauer Akademie der Künste für unsere Förderung der polnischen Kunst in Deutschland auszeichnete.

Über der Kommode hängt an der Wand das älteste Stück unserer Wohnung, eine Uhr, die mein Urgroßvater mütterlicherseits seiner Frau zur Silberhochzeit schenkte. Sie geht immer noch zuverlässig. An jedem Sonntag ziehe ich sie auf (klingt ein bisschen wie Tristram Shandy). 129 Jahre ist sie alt. Sie hat die letzten Stunden meiner Urgroßeltern, meiner Großmutter und meiner Eltern geschlagen und sie wird auch unsere letzte Stunde schlagen – hoffentlich nicht so bald …

Eine Halbwand wird von einer Schrankwand im Kajütstil eingenommen, auf der sich auch wieder zahlreiche geschnitzte Vögel tummeln: Eulen und Tukane, Störche und Gänse, und an einer Seitenwand des Schranks hämmert fleißig ein Specht.

Der Raum daneben ist Bildern unseres Freundes Edward Narkiewicz vorbehalten. Surrealistische Kompositionen von verschmitzter Heiterkeit und melancholischer Nachdenklichkeit. Gegenüber eine Wand mit Arbeiten von Jan Dobkowski in geometrischer Strenge und überschäumender Phantasie. Natürlich hängen auch über dem Sofa Bilder, aber kein brüllender Hirsch oder eine Schlittenfahrt im Winter. Es sind Gemälde von Andrzej Weclawski, Jan Aniserowicz, Dorota Grynczel und Apoloniusz Weglowski.

So viel Kunst verlangt nach einer Ruhezone für das Auge. Die Fensterfront bildet bei geschlossenem Lamellenvorhang eine große weiße Wand, ohne jedwede Kunst.

Im Durchgang zu den hinteren Räumen hängen zeitkritische Bilder des Volkskünstlers Stanislaw Grzywolewski aus Hajnówka, oben auf dem langen Bücherregal haben Schnitzereien von verschiedenen Künstlern ihren Platz gefunden mit Szenen aus dem alttestamentarischen Leben. In Urszulas Arbeitszimmer füllen Grafiken und Zeichnungen die Wände. Mehrere Pietas runden hier das vielfältige Bild der polnischen Volkskunst ab. In meinem Arbeitszimmer schmücken Radierungen von Irena Snarska die Wand, und Maximilian Kolbe und der heilige Franziskus leisten acht Figuren des Christus frasobliwy Gesellschaft.

Auf den Schränken im Schlafzimmer findet fünf Mal die Weihnachtsgeschichte statt in Form von Krippen, und gegenüber den Betten ist ein buntes Kaleidoskop von Aquarellen, Zeichnungen und Pastellen – unser letzter Blick am Abend und unser erster Blick am Morgen natürlich auf Kunst gerichtet.

Selbst in dem Raum, den andere einer streng geometrisch-konstruktivistischen Keramikkunst widmen, geht es nicht ohne künstlerische Schönheit bei uns ab. Vier Terrakottaplastiken zieren hier das sonst sehr einfallslose Umfeld.

Alles in unserer Wohnung hat eine Geschichte. Wenn man mit diesen Dingen lebt, erzählen sie ihre Geschichte und werden Teil der eigenen Geschichte, jenseits jeder Geschichtspolitik. Die Kunst macht uns Mut, den Geschichten zu lauschen und sie selbst weiter zu erzählen, ein weiteres Kapitel polnisch-deutscher Geschichte.

Manfred Wolff

20.12.2017

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