Volker März: Der Affe fällt nicht weit vom Stamm


Das ist eine überraschende Begrüßung, wenn man im Georg-Kolbe-Museum die Ausstellung „Der Affe fällt nicht weit vom Stamm“ von Volker März besucht: einträchtig nebeneinander sehen den Besucher Francisco Franco, modelliert von Georg Kolbe, und Adolf Hitler, ein Werk von Gerhard Marcks, an. Zwei Köpfe, die für die dunkelsten Kapitel der Menschengeschichte stehen, sind von Volker März aus den Archiven gehoben worden. Sie sind immer noch da.

Der Gang durch die Ausstellung ist der Blick in ein Kaleidoskop der conditio humana. Was ist der Mensch? Was macht der Mensch? Was kann der Mensch? Das sind die Fragen, auf die Volker März mit seinen kleinen Figuren aus gebranntem Ton, bunt bemalt, eine Antwort versucht. Sie bevölkern Regale, in denen sie eine Art Labor des Menschseins spielen, hocken auf Podesten, wo sie in der Gruppe ihrer Leidenschaft für das Gold nachgehen, wiederholen bekannte Szenarien der Geschichte. Immer wieder kommen uns einige recht bekannt vor, teils, weil sie die Züge von historischen Personen tragen, teils, weil sie sich in Situationen befinden, die uns aus der eigenen Lebensgeschichte vertraut sind. So stehen Che Guevara, Marilyn Monroe und Joseph Beuys nebeneinander: drei Mythen des 20. Jahrhunderts; und März entmythologisiert auch: Beuys mit Stahlhelm im Laufschritt. Inmitten der Figurenwelt sonnt sich Obama in einem Gummiboot.

Volker März hat diese beispielhaften Menschen auf handgroße Figuren hinunterdekliniert. Das benimmt sie einer heldenhaften oder bösartigen Größe, die dem Betrachter erlaubt, seine eigene Betroffenheit im Schatten der Monumente zu verbergen. Man betrachtet die Figuren und fragt sich: Und ich? Es werden Geschichten erzählt, Zitate, Bilder aus dem Vergessen gehoben. Bekannte Namen treten als Dialogpartner hinzu: Walter Benjamin, Hannah Arendt, Joseph Beuys und immer wieder Franz Kafka. Ihm ist ein eigener Raum gewidmet, Resultat seiner Ausstellung „Kafka in Israel“ 2009 in Tel Aviv.

Das Vergessen ist ein zentrales Thema. Im Garten des Museums liegen die riesigen Radiergummis, mit denen das Bemühen um Vergessen symbolisiert wird. „Der muss aber viele Fehler gemacht haben, wenn einer so große Radiergummis braucht“ zitiert März während des Rundgangs einen Jungen.

Mit Rotpeter, dem Affen aus Kafkas „Bericht für eine Akademie“, hält März dem Betrachter einen Spiegel vor. Der hat sich entschieden, ein Mensch zu sein und behält doch die Gestalt des Affen. So ist er verliebt in das Gold, dieses teuerste und nutzloseste Metall, bringt aber auch neue Fenster herbei, einen Blick auf die Welt zu eröffnen.

Über allem schweben in der großen Ausstellungshalle drei bekleidete Figuren – die Horizontalisten. Sie wenden den Besuchern den Rücken zu, blicken nach oben ins Unendliche. Sie haben sich von der Welt getrennt, tun nichts, sagen nichts, fallen aus der Zeit und der Gesellschaft. März bezieht dieses Bild von Jean Jacques Rousseau, der es liebte, sich am Genfersee in ein Boot zu legen und dann ziellos treiben zulassen. „Wie schön wäre es doch, einfach nur Horizontalist zu sein – der Mensch als sein eigener Horizont und um ihn herum nichts als Horizonte“, sagt Volker März. Darin gleicht er dem Mönch am Meer von Caspar David Friedrich, von dem wir nach der Restaurierung wissen, dass  ihn hinter der dunklen Wolke ein verheißungsvolles Blau erwartet.

Nicht nur die kleinen Figuren und Installationen erzählen eine Geschichte. Auch Volker März ist ein guter Erzähler. Zu dieser Ausstellung erzählt er in dem Buch „Horizontalist“ das Leben und Denken seines literarischen Alter Ego Franz Mai. Erinnerungen an Erlebtes und Erlesenes, Zweifel und Auflehnung bilden die Handlungsrahmen seiner Erzählung und helfen, die Arbeit des Künstlers zu verstehen.

Eine Besonderheit der Ausstellung soll nicht vergessen werden. März hat in den Ausstellungsräumen voluminöse und äußerst bequeme Sofas und Sessel aufgestellt, in denen die Besucher Platz nehmen können, was nach einem langen Spaziergang durch die Räume durchaus angenehm ist. Und ganz nebenbei wird der dort sitzende Betrachter selbst zu einem Teil der Installation.

Volker März: Der Affe fällt nicht weit vom Stamm

23.Juni 2018 bis 02. September 2018

Georg Kolbe Museum – Sensburger Allee 25 – 14055 Berlin

Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00

Tel. +49 (0)30 3042144

www.georg-kolbe-museum.de

 

Manfred Wolff

24.06.2018

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