Alban Berg „Wozzeck“ – Premiere in der Deutschen Oper Berlin am 5.10.2018


Bevor Donald Runnicles den Taktstock erhob, war die Befürchtung nicht unbegründet, er könne sich die ersten Worte des Hauptmanns zu Herzen nehmen: „Langsam Wozzeck. Langsam.“ Man wurde angenehm enttäuscht. Runnicles treibt das Orchester der Deutschen Oper von Höhepunkt zu Höhepunkt der Musik Alban Bergs, wobei allerdings der Blick in die Tiefe oft verloren geht, Feinheiten von der Gewalt des Orchesters überlagert werden. Die Musik der Oper ist jedoch mehr als die Begleitung des Geschehens auf der Bühne.

Ole Anders Tandberg hat versucht, die Wozzeckhandlung aus der ärmlichen Welt des Soldaten Wozzeck zu befreien. Wenn er die Titelrolle im Konfektionsanzug auftreten lässt, einen norwegischen Nationalfeiertag veranstaltet oder Marie an den Tresen setzt wie eine Figur aus Hoppers Nighthawks, nimmt man das amüsiert zur Kenntnis. Auch erotische Einsprengsel wie die Intimrasur der Soldaten im ersten Bild oder der Nackttanz im vierten Bild des zweiten Akts gehören anscheinend zu einer modernen Inszenierung, bringen wenigstens einen Bonus für die Statisterie.

Der Hauptmann auf seinem ausgestopften Pferd und der Tambourmajor in ihren Phantasieuniformen treiben Wozzeck aus der Tragödie seines individuellen und sozialen Scheiterns in die Groteske, und auch der Doktor ist zur Karikatur geraten. Alle drei sind ihres bedrohlichen Charakters beraubt, wie ihn Georg Büchner scharf gezeichnet hat, und Alban Berg hielt sich werkgetreu an Büchners Text.

Auch das Bühnenbild von Erlend Birkeland, kalt ausgeleuchtet, erhellt nicht die soziale Tragödie Wozzecks. Wenn im Schlussbild Wozzeck sich selbst in einem Raum, der mit seinen exakt aufgereihten Tischen und Stühlen einem bürgerlichen Speiserestaurant ähnelt, das Leben nimmt, fragt man sich: „Wie ist er dorthin gekommen?“ Die Bühne wird in keinem Augenblick der expressionistischen Musik Bergs gerecht.

Der dänische Bariton Johan Reuter singt den Wozzeck überzeugend. Sein „Wir arme Leut“ hallt durch die gesamte Aufführung. Elena Zhidkova als Marie nimmt es auf, ohne dass es ihr gelingt, die Spannung zwischen Lust und Moral zu demonstrieren. Sie ist wohl nach dem Willen Tandbergs eine „einfache Frau“. Auch die übrigen Sänger und Chöre des Abends haben ihre Partien mit Bravour gesungen.

Das Publikum dankte dem Ensemble mit einem fünfzehnminütigen Beifall. Es lohnt eben und erfreut, was die Künstler der Deutschen Oper auf der Bühne bieten, auch wenn die Inszenierungen den Zuschauer oft mit vielen Fragen zurücklassen.

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