Bunte Steine – Eine Ausstellung im Georg Kolbe-Museum


Wenn man an die oft dramatischen Ausstellungen des Georg Kolbe-Museums zurückdenkt, verwundert es schon, wenn nun Adalbert Stifter mit seinen „Bunten Steinen“ das Namenspatronat einer Ausstellung zeitgenössischer Bildhauerei gibt. Stifter als der Prototyp des Biedermeier, der alles Geschehen auf das zu bewundernde Detail herunterbricht, den Leser über lange Passagen der einfühlsam geschilderten Natur überlässt, ehe er seinen Protagonisten den nächsten Schritt zum Happy End erlaubt – der soll zeitgenössischer Skulptur Pate stehen, von der das Publikum doch eher kritische Auseinandersetzung mit den Existenzfragen der Gegenwart erwartet?

Betritt man das lichtdurchflutete Kolbe-Atelier, wird auf den ersten Blick deutlich, was die Kuratorinnen der Ausstellung Katherina Perlongo und Elisa Tamaschke zu dieser Entscheidung geführt hat. Man steht den teils monumentalen Arbeiten von William Tucker gegenüber. Was da auf den ersten Blick von den Kräften der Natur geformte Felsbrocken zu sein scheinen, entpuppt sich als eine Sammlung von Köpfen, entstanden aus der Auseinandersetzung mit Rodin, die ins Elementare reduziert sind. Durch die weiten Fenster kommunizieren sie mit der das Museum umgebenden Gartennatur. Die Skulpturen sind weitläufig platziert, sodass man zwischen ihnen flanieren kann, Abstand und Annäherung gewinnen kann. Die Bronzen verbergen die gewöhnlichen Elemente dieser Kunst, aus der Nähe erkennt man jedoch die zärtlich entborgenen Teile.

Die Glasarbeiten von Kai Schiemenz nehmen die bunten Steine beim Wort. Gegossenes eingefärbtes Glas fängt das Tageslicht ein und gibt es in neuer Farbigkeit wider. Während man sonst nur die Farbigkeit der Oberflächen von Objekten wahrnimmt, erlaubt das Glas den Blick ins Innere, quasi ins Wesenhafte des Lichts. Die Farbe wird projiziert wie die Wahrnehmung durch den Betrachter, der seine Empfindung auf das bunte Glas richtet. Das wird besonders deutlich bei den Bruchsteinrepliken, die Schiemenz aus Steinbruchabfall  geschaffen hat.

Stefan Guggisberg nimmt sich in seinen großen und kleinen Ölmalereien ebenfalls des Motivs der Steine an. Sie beschreiben einen Raum wie Felsstrukturen der Berge, sind scheinbar zufällige Manifestationen, denen man nicht ansieht, ob sie entstehen oder vergehen. Das Blau seiner großformatigen Bilder „Nabel“ und „Zone“ lässt die abstrakten Objekte vor einer leuchtenden Ewigkeit erscheinen.

Der Gang durch die Ausstellung „Bunte Steine“ ist ein Erlebnis der Entschleunigung. Da flimmert und flackert nichts, da greift nichts nach dem Besucher, will ihn nichts belehren. Mit dieser Haltung sind die beiden Kuratorinnen in der Tat sehr nahe an Adalbert Stifter. Es ist kein Biedermeier, aber eine wohltuende Atempause in der aufgeregten Hetze des Kunstgeschehens.

Bunte Steine. William Tucker, Kai Schiemenz, Stefan Guggisberg
Georg Kolbe Museum, Sensburger Allee 25, 14055 Berlin
23. Februar bis 01. Mai 2019
Öffnungszeiten: täglich 10:00 bis 18:00 Uhr
öffentliche Führungen jeweils sonntags und mittwochs um 14 Uhr
Eintritt 7€, Ermäßigung 5€

Manfred Wolff

24.02.2019

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