Handwerkliche Kunst im Gropius Bau


Mit 18 Künstlerinnen und Künstlern startet die neue Direktorin Stephanie Rosenthal den nun tageslichtdurchfluteten Gropiusbau (ohne „Martin“!) neu. Alle gezeigten Arbeiten sind in Berlin entstanden, die Künstlerinnen und Künstler stammen jedoch aus den verschiedensten Weltgegenden. Sie haben in Berlin eine neue künstlerische Heimat gefunden.

„… and Berlin will always need you“ sang 1977 Dorothy Iannone, als sie ein Jahr in Westberlin verbracht hatte, für eine Freundin. Diese Liedzeile ist nun auch der Titel der aktuellen Ausstellung im Gropiusbau. Berlin mit seiner weltoffenen und liberalen Kunstszene, seinen bislang jedenfalls optimalen Arbeitsbedingungen zieht sie an und erhält durch sie immer neue Anregungen, Kreativität und Offenheit. Die Stadt braucht die Künstler. Sie kommen entweder aus eigenem Antrieb oder werden vom Deutschen Akademischen Austauschdienst eingeladen, und was dabei zuerst ein einjähriger Studienaufenthalt war, endet oft in einem dauerhaften Bleiben.

Im Lichthof, den man nun immer kostenfrei betreten kann, hat Chiharu Shiota aus Osaka 780 Kilometer weißer Wolle zu einem Netz versponnen, das vom Tageslicht beleuchtet den gesamten Lichthof überspannt. Eine Wolke? Ein Spinnennetz? Ein Leitfaden für das Auge des Betrachters? Im Netz gefangen sind kopierte Dokumente aus der Geschichte des Gropiusbaus als Kunstgewerbemuseum, Bücher zur Erinnerung an die hier ausgelagerte Bibliothek der Gewerbeschule. Das entspricht dem Bestreben von Stephanie Rosenthal, die Geschichte des Hauses mit der zeitgenössischen Kunst zu verknüpfen.

Kunsthandwerkliche Elemente zeichnen auch andere Exponate der Ausstellung aus. Olaf Holzapfel aus Dresden fertigt aus Stroh flächige Bilder, deren Farbigkeit je nach dem Blickwinkel changiert, dem toten Material Lebendigkeit verleiht. In Argentinien ließ er sich von der Textilkunst mit den Kaktusfasern Chaguar, wie sie indigene Frauen schaffen, einfangen. Sie webten nach seinen Entwürfen Stoffe aus diesem Material. Auch Antje Majewski aus Marl schafft textile Arbeiten, bei denen sie an die Tradition der Schamschürzen, wie sie in Nordkamerun getragen wurden, anknüpft.

Ganz anders gehen Alice Creischer aus Gerolstein und Andreas Siekmann  aus Hamm das Arbeiten mit Textilien an. Sie haben die Konfektionsprodukte der Brukman-Arbeiter mit politischen Parolen versehen und sie somit zum Instrument des Arbeitskampfes gemacht, vom Warencharakter des Bekleidungsgeschäfts befreit, auch wenn sie an langen Stangen wie in einem Laden hängen.

Nevin Aladag aus Van in der Türkei hat mit ihrem „Social Fabric“ Teppichteile unterschiedlicher Herkunft und Machart zusammengefügt. Seide und synthetische Fasern, Fabrikware und folkloristsche Webkunst bilden einen verbergenden Vorhang, der den Blick auf die globale Uniformierung richtet.

Das Video Simon Waschsmuths aus Hamburg zeigt eine Tänzerin in luftigen seidenen Gewändern aus der chinesischen Quingzeit, die sich anmutig zwischen blauem Porzellan derselben Epoche bewegt. Er materialisiert auf diese Weise seine Familiengeschichte. Seine Tante, eine Tänzerin, verbrachte die Nazizeit in Shanghai.

Ebenfalls mit Videos arbeitet Theo Eshetu aus London. Er filmt Objekte aus ethnographischen Sammlungen. Die Bilder wechseln sehr schnell, versetzen den Betrachter in eine Art ekstatischer Erregung und vermitteln zu den gezeigten Objekten nicht nur die künstlerische und handwerkliche Fertigkeit der Hersteller, sondern auch die religiöse Bedeutung des dem mitteleuropäischen Betrachter fremden Zusammenhangs.

Bei Dorothy Iannone auf ihre Herkunft aus Boston zu verweisen kann in die Irre führen, denn da sie seit 1976 in Berlin lebt und arbeitet, darf man sie ruhig als eine Berlinerin ansprechen. Ich habe sie zum ersten Mal anlässlich der Ausstellung „Roth und Iannone“ im Sprengelmuseum Hannover getroffen. Da hatte sie schon das Leitmotiv ihrer Kunst gefunden und zur Meisterschaft vollendet – die schamlose weibliche Begierde, das Leben als endlose erotische Spur, die auf dem Hintergrund ornamentaler Motive verläuft. Sie hat sich dabei nicht der feministischen Correctnis unterworfen. Das würde nicht zu ihr passen, denn ihre Kunst ist ihr Leben.

Stephanie Rosenthal hat die Ausstellung „and Berlin will always need you“ in der Absicht gestaltet, die historische Verbindung von Kunst und Handwerk, die der Ursprung des Martin-Gropius-Gebäudes war, in einen gegenwärtigen Bezug zu setzen. Das ist ihr zweifellos gelungen. Erst durch den handwerklichen Eingriff wird die Materie zum sinnstiftenden Kunstwerk. So ist auch der Martin-Gropius-Bau außen mit seinen reichen bildhauerischen Arbeiten und innen mit den keramischen Ornamenten ein beredtes Zeugnis der hohen handwerklichen Kunst in seiner Entstehungszeit und heute ein angemessener Ort, handwerklich solide Kunst unserer Tage zu beherbergen.

Manfred Wolff

24.03.2019

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