„Der Zwerg“ von Alexander von Zemlinsky in der Deutschen Oper


Mit der Oper „Der Zwerg“ von Alexander von Zemlinsky hat die Deutsche Oper Berlin nicht nur eine Rarität, sondern auch eine gelungene Inszenierung präsentiert. Das Premierenpublikum dankte mit zwanzigminütigem Beifall.

Da die Oper nur sehr selten zu sehen ist, gebe ich hier erstmal eine kurze Inhaltsangabe. Am (spanischen?) königlichen Hof wird der 18. Geburtstag der Infantin Donna Clara gefeiert. Der Hofmarschall Don Estoban kündigt als besondere Attraktion das Geschenk eines Sultans an: ein hässlicher Zwerg, der schön singen kann und nicht weiß, wie er aussieht. Als er auftritt, hält er das Gelächter der Hofdamen für eine freundliche Begrüßung. Er singt auf Bitten der Infantin das Lied von der blutenden Orange. Donna Clara fordert ihn zur Teilnahme am Hoffest auf und schlägt ihm vor, eine ihrer Hofdamen zu ehelichen. Doch der Zwerg hat sich in Donna Clara verliebt und begehrt sie. Die Infantin will das Possenspiel beenden und beauftragt ihre Lieblingszofe Ghita, dem Zwerg sein Spiegelbild vorzuhalten. Der Zwerg weist das zurück, hält sein Spiegelbild für einen hässlichen Stalker. Erst als er mit seinem Spiegelbild allein ist, erkennt er die Selbsttäuschung seines Lebens und zerbricht dran. Er stirbt. Die Infantin bedauert ihr zerbrochenes Spielzeug. Allein Ghita trauert um ihn.

Was war zu sehen? Da in der Literatur zum Zwerg öfter auf einen autobiographischen Aspekt verwiesen wird, beginnt die Vorstellung mit einem pantomimischen Stück. Zur Musik von Arnold Schönbergs „Begleitmusik zu einer Lichtspielscene“ gibt Zemlinsky Alma Schindler Unterricht am Flügel, mal einzeln, mal zusammen auf dem Klavierschemel. Er bewundert sie, doch sie stößt ihn von sich und verlässt das gutbürgerliche Musikzimmer. Da geht Alma Mahler-Gropius-Werfel … Adelle Eslinger und Evgeny Nikiforov spielen diese Szene sehr überzeugend.

Mit einem Fanfarenstoß beginnt die Oper. In einem weiten weißen Raum bewundern die Lieblingszofe der Infantin Donna Clara Ghita und drei weitere Zofen die Geburtstagsgeschenke. Der Zeremonienmeister Don Estoban, Philipp Jekal, mahnt sie zur Eile („Die Sonne bleibt nicht stehen“) und erklärt die Geschenke für die Achtzehnjährige. Sogar der Papst hat an sie gedacht. Als Don Estoban den singenden Zwerg ankündigt, verweist er auf den Widerspruch zwischen Schönheit und Hässlichkeit. Schließlich erscheint die Infantin Donna Clara, Elena Tsallagova,  im rotgolden glitzernden Paillettenkleid, jugendlich unsicher und keck, begleitet von ihrem Hofstaat. Sie betrachtet die Geschenke, und dann wird der Zwerg hereingeführt, das Geschenk des Sultans. Kein etwas kleinerer Tenor, sondern der kleinwüchsige Schauspieler Mick Morris Mehnert. Seine Stimme ist der Tenor David Butt Philip, anfangs am Rande auf dem Proszenium, aber die beiden finden immer ausgeprägter in ihre Doppelrolle. Warum der Zwerg nach seiner Gesangsdarbietung auch noch das Geburtstagsständchen des Bühnenorchesters dirigiert, ist nicht recht einsehbar.

Donald Runnicles führt das Orchester sicher durch die farbige Partitur, unterstreicht gekonnt das Geschehen auf der Bühne und gibt den Stimmen der Sänger den nötigen Raum. Es bleibt alles klar – wie das Bühnenbild von Rainer Sellmaier.

Mit dem „Zwerg“ hat die Deutsche Oper einen Höhepunkt der Spielzeit erreicht, eine Inszenierung ohne die sonst etwas albern wirkenden Winke mit dem Zaunpfahl auf politische oder historische Aspekte. Das Publikum kann selbst seine Stellung in dem Konflikt zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung finden, jeder für sich und doch unter Anleitung des Bühnengeschehens. Das Publikum dankte es dem Regisseur Tobias Kratzer und den Mitwirkenden auf der Bühne und im Orchestergraben mit zwanzigminütigem Beifall.

Weitere Aufführungen am 27.3., 30.3, 7.4. und 12.4..

Manfred Wolff

25.03.2019

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