La forza del destino in der Deutschen Oper Berlin


Foto: Thomas Aurin

Erste Premiere der neuen Spielzeit, noch dazu Verdis La forza del destino – da erwartet der Besucher der Deutschen Oper zu recht etwas Besonderes mit neuen Eindrücken und musikalischen Leckerbissen. Die Handlung der Oper gibt dem Komponisten reichlichen Raum, sich an neuen Elementen zu versuchen, sein Blick auf das Wagnerische Musiktheater ist unübersehbar. Immer wieder macht das Schicksal den handelnden Personen einen Strich durch die Rechnung, sodass ein Leitmotiv den Strang der Ereignisse zusammenhält. Das Orchester der Deutschen Oper unter Leitung des eingesprungenen Jordi Bernacer meistert seine Aufgabe solide vom ersten Fanfarenstoß bis zum abschließenden melancholischen Tutti der Streicher, fasst die dramatischen Höhepunkte ebenso sicher wie die folkloristischen Elemente der Massenszenen.

Auch die Solisten wurden von Verdi nicht überfordert, hielten sich aber mit ihren schauspielerischen Leistungen zurück. Folgten sie damit einer Weisung der Inszenierung? Lediglich Agunda Kulaeva als die Zigeunerin Preziosilla und Misha Kiria als Fra Melitone sangen ihre Rollen nicht nur, sondern spielten sie auch, wie man es von einem Mezzosopran und einem Bariton erwarten darf. Maria José Siri sang die Leonora einfühlsam, strahlte aber wenig von den Gefühlen aus, die sie plagen. Russell Thomas als Alvaro wiederum überspielte die Emotionen mit einer hohen Lautstärke, wovon Markus Brück als Don Carlo erfreulich abstach, was die Echtheit seiner Gefühle spüren ließ.

Foto: Thomas Aurin

Der Chor der Deutschen Oper unter Leitung von Jeremy Bines absolvierte seine Auftritte mit gewohnter Präzision und entfaltete in den Massenszenen unterhaltsame schauspielerische Fähigkeiten, wurde dabei von der bewährten Statisterie unterstützt.

Soweit das Personal auf der Bühne und im Graben. Nun ist es an der Zeit, über den vermeintlichen Star des Abends zu sprechen.

Frank Castorf die Inszenierung von La forza del destino in die Hände zu geben, war die kleine Attraktion dieser Premiere. Seine Bewunderer hatten ihn seit seinem Abgang von der Volksbühne schon lange auf einer Berliner Bühne vermisst, die übrigen Opernfreunde waren gespannt, wie ihm der Weg vom Rosa-Luxemburg-Platz zur Bismarckstraße gelingen werde. Die Bewunderer wurden nicht enttäuscht. Der „Meister der Drehbühne“ wartete mit all jenen Zutaten auf, die von der Volksbühne bestens vertraut waren. Die Handlung wurde vom italienischen Unabhängigkeitskrieg des 19. Jahrhunderts um 80 Jahre ins nächste Jahrhundert verschoben, um den Antifa-Bemühungen Raum zu geben. Dazu musste dann gleich im 1. Akt der uralte Witz vom menschlichen Glasauge herhalten. Immer wieder wurden Texte und Videos, die nicht zur Handlung passten, ins Bühnenbild eingeblendet, wo sie für Ablenkung vom Operngeschehen sorgten. Kameramänner liefen auf der Bühne herum, und ihre Videoaufzeichnungen wurden dem Publikum auf Leinwänden präsentiert. Oh wie fortschrittlich! Natürlich floss auch wieder jede Menge Theaterblut, die Leute sollen doch sehen, wie schrecklich der Krieg ist.

Um auch noch das antikolonialistische Banner schwenken zu können, besann sich Castorf auf die Mestizen-Eigenschaft Alvaros und ließ einen „Indio“ – Ronni Maciel – immer mal wieder im Palettentanga durch das Bühnenbild geistern. Mit dem nahm dann im 4. Akt auch der ungewollte (?) kleine Theaterskandal seinen Anfang. Als der „Indio“ die Musik unterbrach und aus Heiner Müllers „Auftrag“ rezitierte, kam erste Unruhe im Publikum auf. Damit war Castorfs Bedürfnis, das Libretto zu vervollkommnen noch nicht erfüllt. Er ließ Marko Mimica und Amber Fasquelle Partien aus „Die Haut“ von Curzio Malaparte auf Englisch (Oh Jimmy!) vortragen. Warum das, wo doch beide Texte im Programmheft abgedruckt sind? Jedenfalls kam es zu einem kleinen Aufstand im Publikum, Buhrufe, Verbalinjurien flogen durch das Theater, die Vorstellung war für einige Minuten unterbrochen.

Beim Schlussapplaus erhielten alle künstlerischen Mitwirkenden ihren verdienten Beifall. Als Frank Castorf auch noch die Bühne betrat, schwoll der Chor der Buhrufe wieder an, was er mit Kusshändchen quittierte. So hatte auch er sein Skandälchen. Für die Deutsche Oper war das auch was Besonderes, das sie nicht alle Tage erlebt.

Weitere Vorstellungen: 14.09., 18.09., 21. 09., 24. 09., 28. 09., jeweils um 19 Uhr

Manfred Wolff

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