Les Contes d’Hoffmann – Premiere in der Deutschen Oper Berlin

Wenn man von einer gelungenen und erfolgreichen Premiere am Abend des 1. Dezember 2018 sprechen kann, dann ist das vor allem einem zu verdanken: Enrique Mazzola. Hatte er mit seinen Meyerbeer-Dirigaten schon das fachkundige Berliner Publikum zu begeistern gewusst, so ist ihm das mit Jacques Offenbachs Contes d’Hoffmann erneut glänzend gelungen, und das Orchester der Deutschen Oper konnte wieder unter Beweis stellen, wozu es unter einem wahren Maestro in der Lage ist.

Mazzola gelingt es, das vielfältige musikalische Kaleidoskop Offenbachs zusammenzuhalten, ohne die unterschiedlichen Elemente zu verwischen. Sei es nun das gassenhauerische Couplet von Klein-Zack, die strahlende Arie der Olympia oder der Publikumsliebling Barcarole – sie finden ihren Platz im Operngeschehen, ohne die übrigen Begleitfiguren zu vernachlässigen, denen der musikalische Charakter bewahrt bleibt. Der Militärmarsch zum zweiten Akt bleibt ebenso authentisch wie das klagende Liebeslied der Antonia. Mazzolas Meisterschaft leuchtet auch auf, wenn nach Abschluss eines Liedes in leisen Tönen zur nächsten Szene übergeleitet wird, was mehr Einfühlungsvermögen verlangt als ein starker Schlussakkord.

Da die Contes d’Hoffmann nicht eine Oper mit einem durchgängigen Handlungsstrang sind, sondern eigentlich vier Opern: die drei Erzählungen Hoffmanns und eine Rahmenhandlung, gilt es für die Hauptpersonen, mit denen sich Hoffmann auseinandersetzen muss, vier in ihrem Wesen sehr verschiedene Rollen zu spielen, und das in schneller Folge.

Cristina Pasaroiu, die junge Sopranistin aus Bukarest, schafft es, die stolze Diva Stella ebenso glaubhaft vorzutragen wie die mädchenhafte Antonia, die Puppe Olympia ebenso wie die venezianische Kurtisane Giulietta. Jeder Rolle weiß sie ihre spezifische Stimmfarbe zu geben. Die Koloraturen der  Olympia sind sicher das Glanzstück ihrer Auftritte, aber auch das Liebesduett der Antonia mit Hoffmann verstrahlt tiefe Innigkeit und die eiskalte venezianische Kurtisane Giulietta singt verführerisch die Barcarole. So war ihr immer wieder persönlicher Applaus sicher.

Lindorf, der Hoffmanns Bemühen um die Liebe Stellas hintertreibt, Coppelius, der mit seiner Wunderbrille Hoffmann verleitet und dann im Zorn die Puppe Olympia zerstört, Doktor Miracle, der schon Antonias Mutter auf dem Gewissen hat, und Dapertutto, der Giulietta besticht und den todbringenden Degen Hoffmanns führt, sie alle singt Alex Esposito mit seinem vollen Bassbariton, dem aber manchmal das Böse fehlt. Dabei ist er doch der Teufel in Person.

Ebenfalls vierfach trägt Gideon Poppe in einer Dienerrolle zum Fortgang der Handlung bei.

Irene Roberts wandelt nur zweimal die Person. Anfangs und im Schluss tröstet sie als Muse den Künstler Hoffmann, in den drei Hauptstücken geht die Mezzosopranistin in der Hosenrolle des Nicklausse nicht von Hoffmanns Seite und kommentiert das Geschehen in mit guter Stimme vorgetragenen Couplets. In der Barcarole fällt sie allerdings gegen Cristina Pasaroiu deutlich ab.

Der Solist schlechthin der ganzen Oper ist Daniel Johansson als Hoffmann. Abgesehen von der etwas hölzernen Darstellung eines Liebenden – Charme sieht anders aus – kann er auch stimmlich oft nicht überzeugen. Besonders die lyrischen Partien entgleiten ihm gern. Den betrunkenen Versager am Gendarmenmarkt gibt er überzeugend.

Der Chor singt in gewohnter Präzision. Die Sängerinnen und Sänger beweisen nicht nur ihr stimmliches Talent, sie sind auch gute Schauspieler, die mit ihren Auftritten und Gesten die Handlung einrahmen.

Das Bühnenbild schwelgt in Grautönen, was bei vielen Aufführungen der Deutschen Oper ein Muss zu sein scheint. Die Zuschauer sollen sich nur nicht in kulinarischem Augenschmaus verlieren, sondern sich ganz auf die Analyse und Interpretation der Inszenierung konzentrieren. So entsteht eine kalte und lustfeindliche Atmosphäre. Wenn doch eine zauberhafte Situation entsteht, die zu den Klängen der Musik scheinbar frei schwebende Olympia vor rabenschwarzem Hintergrund, dann wird dem Publikum der Traum entrissen und die Maschine gezeigt, die diesen Zaubertrick ermöglicht. Ist doch bloß Theater… Wenn die Möglichkeiten des Theaters ohnehin nur ablenkendes Beiwerk sind, kann auch gleich die konzertante Aufführung gewählt werden. Der musikalische Genuss wäre derselbe.

Nächste Vorstellungen: 4./8./15.12.2018

Manfred Wolff

02.12.2018

 

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A kommt zum Schluss – Bayernfahrtbericht 6

Und das gleich doppelt: Andechs und Augsburg! Zuerst ging es aber entlang dem Achensee (noch ein A!) durch das Karwendelgebirge. Am verwaisten Grenzübergang mitten im Wald war wieder kein bayerischer Grenzpolizist zu sehen. Nur die alten Zollgebäude aus der Zeit, als Österreich noch nicht EU-Mitglied war, zeugten von staatlich hoheitlicher Tätigkeit.

Wer Bayern sagt, muss auch Andechs sagen. Also auf nach Andechs. Da mussten wir allerdings einen großen Bogen um München machen, was zwar hinsichtlich der Sehenswürdigkeiten und Museen sehr bedauerlich war, jedoch einfach zwangsläufig nicht anders ging, weil in München und näherer Umgebung wegen der Oktoberfestnähe alle für uns bezahlbaren Hotels ausgebucht waren.

Andechs, der heilige Berg der Bayern, war auch ausgebucht, und das nicht von bußfertigen Pilgern. In der Kirche geisterten ein paar Leute herum, wohl Touristen wie wir. Da konnte man sich noch mal an bayrischem Barock und Rokoko berauschen. Umso mehr Menschen berauschten sich im angeschlossenen Wirtshaus am Wunder der Biervermehrung. Das sah aus wie eine Generalprobe für das Oktoberfest.

In Augsburg wurde gerade kein Fest gefeiert, als wir dort ankamen. Die Stadt wirkt aufgeräumt und zufrieden. Gleich gegenüber unserem Quartier finden wir die wichtigste Sehenswürdigkeit Augsburgs: die Fuggerei. Da hat Jakob Fugger der Reiche 1521 eine ganzes Viertel gestiftet, in dem Bedürftige Bürger Augsburgs bei kleinen Mieten wohnen konnten. Die Jahreskaltmiete für eine Wohnung setzte er auf einen Rheinischen Gulden fest, und dieser Mietzins gilt auch heute noch: umgerechnet und inflationsbereinigt 0,88 Euro. Dazu kommen Nebenkosten von 85 Euro. Da von den Bewohnern als Gegenleistung drei Gebete, zu denen auch das Ave Maria gehört, für die Familie Fugger erwartet werden, wohnen nur Katholiken in der Siedlung. In den 67 Häusern an mehreren Straßen sind heute 160 Wohnungen vorhanden. Alle Zerstörungen durch Kriege wurden aus dem Fuggerschen Familienvermögen immer wieder überwunden. Politiker und Reiche, fahrt nach Augsburg und schaut euch das an, und dann: Gehet hin und tuet das Gleiche!

Zwei Straßen weiter lernt man, dass der junge Bert Brecht über eine Brücke den Hinteren Lech überqueren musste, wenn er das Elternhaus verlassen wollte.

Auf die Fuggers trifft man an vielen Stellen in Augsburg. Ihr großes Verdienst ist die Einführung der Renaissancekunst nördlich der Alpen, wovon die Annakirche, Grablegung der Fuggers, und die Damenhöfe besonders schöne Zeugnisse sind. Die Annakirche ist nicht nur kunsthistorisch ein prächtiger Teil des schönen Augsburgs, sie ist auch eine konfessionelle Kuriosität. Die evangelische Kirche hat eine katholische Kapelle für die Fuggers. So geht der Augsburger Religionsfriede.

Am Weberhaus beklagt in einem Fresko die Inschrift den Niedergang der einst bedeutsamen Augsburgischen Textilindustrie durch die Mechanisierung. An Bangladesh hat da noch keiner gedacht.

Natürlich haben wir auch den Dom besichtigt, der eine interessante Baugeschichte erzählt. Sehr schön ist dort der Kreuzgang mit seinen zahlreichen Epitaphien.

Da Augsburg vom römischen Kaiser Augustus gegründet wurde, verfügt es nicht nur über einen ihm geweihten Brunnen auf dem Markt, sondern auch im ehemaligen Zeughaus über ein Museum, in dem archäologische Funde aus der Römerzeit zu finden sind. Besonders die Reliefs mit Abbildungen aus dem antiken Alltag vermitteln ein gutes Bild des Lebens in jener Zeit.

Das war dann die letzte Etappe unserer Bayernfahrt. Am Abend gab es noch ein richtiges bayerisches Essen im Biergarten des Restaurants Tafeldecker im Hof der Fuggerei. Am nächsten Morgen ging es dann nordwärts, voll wunderbarer Eindrücke. Wir haben soo viel gesehen und noch mehr versäumt.

Manfred Wolff

29.10.2018

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Warum schwarz sehen? Bayernfahrtbericht 5

Wir wollten lieber Schwaz sehen. Dafür mussten wir zwar Bayern für eine Abstecher nach Tirol verlassen, doch das war auch ein wichtiger Punkt, denn Urszula hatte in Schwaz vor 34 Jahren gearbeitet. Also ging es über die Autobahn hinein ins Inntal. Doch HALT! So einfach geht das nicht. An der Grenze mussten wir erst ein Autobahnwapperl für 9 € erwerben und dann an unsere Frontscheibe kleben. Wir wollten zwar nur 20 km bis Schwaz fahren, aber freundlich wie die Österreicher nun mal sind, erlaubten sie uns nun, zehn Tage lang auf dem gesamten Autobahnnetz der Republik herumzureisen. Aber das wollten wir nicht. Und Tunnels kosten ja auch noch extra …

Dass Schwaz mal nach Wien die zweitgrößte Stadt Österreichs war, sieht man der heute verschlafen wirkenden Kleinstadt nicht mehr an. Nur ein Bierkastenrennen hat Leute am Sonnabend auf die Straßen gebracht. Das alte Rathaus zeugt zwar noch von vergangener Größe und Bedeutung, ansonsten fallen an denkmalwürdigen Bauten nur ein aufgegebenes Mietwaschhaus und die Residenz der Fuggers auf. Es hat sich aber in den vergangenen 34 Jahren doch einiges verändert, denn Urszula fand keinen der Orte wieder, an denen sie damals zu tun hatte.

Dafür ging es dann am nächsten Tag nach Innsbruck. Vom Parkhaus am Rande der Altstadt erreichten wir natürlich als erstes Ziel das goldene Dachl. Da gönnte sich Maximilian der letzte Ritter doch noch was, um die Jahrhundertwende 1500 zu feiern. Man ahnt etwas von der festlichen Stimmung damals, wenn heutzutage Menschen aus aller Welt dort zusammenlaufen, die Cafés füllen und ihre Selfies machen. Zur Mittagsstunde erklang aus den Fenstern des Alten Rathauses ein Bläserkonzert auf den Platz. Da denkt man einfach nicht mehr daran, dass eben da auch gern Ketzer verbrannt wurden. Das tut man ja auch nicht in Florenz vor der Signoria und in Rom auf dem Campo de Fiori.

„Solange Gott einen Bart hat, bin ich Feminist.“ Das steht tatsächlich in roten Buchstaben am Innsbrucker Dom, nicht in Stein gemeißelt, aber doch gut lesbar auf der Abdeckplane der Restaurierungsarbeiten. Im Inneren des Doms eine weitere Überraschung: die Kniebänke sind alle weich gepolstert! Da haben wohl Glaubensstrenge und Bußfertigkeit Toleranz und Kommodität weichen müssen.

Ein Bummel durch die Altstadt Innsbrucks mit ihren schattigen Laubengängen, reichen Geschäften, schönen Häusern rundete uns diesen Tag ab.

Manfred Wolff

25.10.2018

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Wir wollen mehr … Bayernfahrtbericht 4

Wir wollen mehr … Bayernfahrtbericht 4

… nämlich das bayrische Meer: den Chiemsee! Wir fuhren über Traunreut dorthin. In dieser nach dem Krieg aus einer Munitionsfabrik entstandenen Stadt hatte ich ein kurzes Gastspiel vor 50 Jahren und heiratete dort auch zum ersten Mal. Dann waren es nur noch zehn Kilometer bis nach Chieming am Ostufer des Chiemsees.

Urszula hatte die preiswerte Pension Berdlhof ausfindig gemacht, und so wohnten wir drei Nächte hundert Meter vom Ufer des Sees entfernt, also gar nicht entfernt, sondern ganz nah. Dass wir WC und Dusche auf dem Flur mit den anderen Gästen teilen mussten, war etwas ungewöhnlich, eben der touristische Standard der 1950er Jahre. Aber wir hatten ein Dach über dem Kopf in einem gemütlichen Zimmer – das sollte reichen.

Gleich am ersten Abend kamen wir in den Genuss der zauberhaften Sonnenuntergänge am Chiemsee. Es gibt keine schöneren in Bayern.

Am nächsten Tag schipperten wir mit dem Dampfer über den See zu den drei Inseln. Die Krautinsel lässt man links liegen. Im Süden türmen sich die Voralpen auf, ganz nah der Hochgern und die Kampenwand. Dann landen wir auf der Herreninsel. Am Anleger türmt sich das Augustiner-Chorherrenstift auf. Hier wurden unsere Grundrechte der Verfassung vom Parlamentarischen Rat beschlossen. Das war unsere erste Begegnung mit der deutschen Verfassungsgeschichte auf unserer Reise.

Mit dem Kutschwagen fährt man dann zum Schloss Herrenchiemsee, eines der Märchenschlösser des Königs Ludwig II.. Hier sollte sein Versailles entstehen. Der König hat das Schloss nur einmal besucht, ich nun schon zum dritten Mal. Die Pracht aus Gold und edlen Mineralien, kunstvollen Möbeln und schweren Stoffen, historischen Plastiken und Gemälden verfehlt nicht ihre Wirkung. Das Schloss ist nicht fertig geworden, denn mit dem Tod des Königs gab es einen Baustopp aus München. Das reich geschmückte Treppenhaus, die Empfangszimmer und der große Spiegelsaal waren aber schon nach sieben Jahren fertig, was unsere Führerin zu der hämischen Bemerkung hinriss, dass man am Berliner Flughafen in solcher Zeit noch nicht so weit war. Wie peinlich! Leider durfte man nicht fotografieren, deshalb verweise ich hierzu auf Wikipedia. Als Sahnehäubchen gab es aber in einem Seitenflügel eine Auswahl von Werken aus der Münchner Pinakothek der Moderne.

Das nächste Ziel war die Fraueninsel. Benediktinerinnen betreiben das Kloster Frauenwörth, das auf eine Stiftung in karolingischer Zeit zurückgeht. In der Kirche ist das Grab der Heiligen Irmengard zu sehen. Markantestes Wahrzeichen der Insel ist jedoch der freistehende Campanile, der auf keinem Chiemseebild fehlen darf. Sehr beeindrucken auch das karolingische Torhaus mit seiner Michaelskapelle und der romanischen Tordurchfahrt. Unsere nächsten Ziele sollten eigentlich der Königssee mit St. Bartholomä und eine Fahrt auf den Jenner sein. Doch den ganzen Vormittag und Mittag herrschte Schnürlregen. So fiel unsere Planung buchstäblich ins Wasser. Ein ruhiger Erholungstag kann ja auch angenehm sein …

Manfred Wolff

11.10.2018

 

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Wer nicht in Altötting war … Bayernfahrtbericht 3

… war auch nicht in Bayern. Also führte uns unser Weg nun in die bayrische Kleinstadt, die vor allem durch eines berühmt ist: das Gnadenbild der Schwarzen Mutter Gottes. Dorthin zieht es die katholischen Pilger aus ganz Bayern, zur Patrona Bavariae.

Wir hatten Glück, einen Parkplatz ganz in der Nähe der Gnadenkapelle zu finden – ein Wunder? Da der aber vor der Stiftskirche lag, haben wir die zuerst besucht. Das Foto vom Tod in Altötting ist mir leider misslungen. Dafür konnte ich einen Blick auf das Grab Tillys werfen. Das war kein freundlicher Blick für den Zerstörer und Plünderer des stolzen Magdeburgs, das erste neuzeitliche Kriegsverbrechen.

Um nun in die Gnadenkapelle zu kommen, muss man drei Kreise durchschreiten. Der äußerste Kreis ist eine Kette von Devotionalienhändlern. Wunder scheinen ja in besonderem Maße Geld anzuziehen. Da wird ein schwunghafter Handel mit allen möglichen Dingen getrieben. Vor jedem der offenen Verkaufsstände drängen sich die Leute zum Erwerb von Rosenkränzen, Kruzifixen, Schneekugeln, Weihwasser in Flaschen von 50 bis 500 ml und natürlich Nachbildungen der Wundermadonna. Ob das wohl alles auch noch zuhause wundersame Wirkung entfaltet?

Der zweite Kreis ist eine Allee schattenspendender Bäume, der wie ein Brautkranz die Gnadenkapelle umgibt.

Unmittelbar um die Gnadenkapelle verläuft ein Laubengang, dessen Wände mit unzähligen Votivbildern behängt sind, Zeugnisse wundertätiger Hilfe der Gottesmutter. Dazu unten mehr.

Und nun hinein in die Kapelle. Es ist ein großes Gedrängel. Das sind sicher nicht nur Gläubige. Die Schwarze Mutter Gottes hell angestrahlt, reich geschmückt und beschenkt. An ihrem Zepter erkenne ich den Bischofsring vom Ratzinger. In der Wand die Kapseln mit den Herzen der bayrischen Könige. Da wäre noch Platz für ein gutes Dutzend, aber – na ja, ist halt nur noch ein Freistaat.

Wieder an der frischen Luft kann ich nun die unzähligen Votivbilder bestaunen, die fromme Menschen zum Zeugnis der Hilfe durch Maria dort haben anbringen lassen. Ein Kaleidoskop naiver Malerei. Wächserne Nachbildungen von geheilten Gliedmaßen füllen einen Schaukasten. An die Wand gelehnt stehen da hölzerne Kreuze, halb mannshoch, die zur Buße um die Kapelle getragen werden sollen.

Für mich ist an solchen Orten immer am interessantesten das ausliegende Fürbittenbuch. Dort findet man, was den Menschen schwer auf der Seele liegt: Persönliches wie Krankheit, Ehekrisen, Trauer und Sorgen um die Kinder, aber auch Hilfsbedürftigkeit bei Alltagsproblemen wie Arbeitslosigkeit, Armut, drohender Wohnungsverlust. Ich konnte nur kurz darin blättern, denn hinter mir standen schon Leute an, die dort ihre Bitten eintragen wollten. Diese Fürbittenbücher in den Wallfahrtsorten sollten unseren Politikern zur Pflichtlektüre vorgelegt werden, damit sie erfahren, welche Not im Land herrscht.

Für uns geht die Reise weiter an den Chiemsee.

Manfred Wolff

7.10.2018

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Der Weg die Donau entlang … Bayernfahrtbericht 2

… führte uns nach Passau, nicht über die Autobahn, sondern auf der Bundesstraße, um auch etwas von der bayrischen Lebensart mitzubekommen. In Straubing sollte ein erstes Zwischenziel erreicht werden, um der berühmten Agnes Bernauer zu gedenken, die von ihrem Schwiegervater in der Donau ertränkt  wurde, weil sie für einen bayrischen Prinzen nicht standesgemäß war. Wir mussten unverrichteter Dinge weiterfahren, denn die Stadt war komplett zugeparkt.

Also weiter nach Vilshofen! Das war mal für mich ein wichtiger Ort, denn dort hielt ich zum ersten Mal eine politische Rede vor einem mir unbekannten Publikum. In dem berühmten Wolferstetter Keller, in dem Strauß seine politischen Aschermittwoche zelebrierte, stand ich da an demselben Pult, das auch Strauß diente, und erklärte 1967 den SPD-Genossen die Vorzüge der großen Koalition. Ich kam zu der Ehre, weil mein damaliger Chef, der eigentlich dafür vorgesehen war, plötzlich erkrankte und nun mich ins Rennen schickte. Ich wäre gern noch mal in den Keller gegangen, aber der hat nur am Mittwoch und am Wochenende geöffnet, und es war ja Montag … So ging es nach einer Kaffeepause am Markt weiter nach Passau.

Das Hotel König, wo wir wohnten, liegt direkt am Donaufer, hat eine eigene Tiefgarage, ist von der Altstadt nur zehn Minuten zu Fuß entfernt, im ganzen Haus barrierefrei. Unser Zimmer im 3. Stock bot einen bezaubernden Blick auf die Donau. Im Zimmer gab es eine besondere Attraktion: an den Seiten der Betten waren unter dem Seitenbrett Lampen angebracht, die mittels eines Bewegungsmelders ansprangen, wenn man das Bett verließ. Eine geniale Lösung für die Nacht! Wir haben am Nachmittag den nahen Dom besichtigt und einen ausgiebigen Bummel durch die Altstadt unternommen.

Am darauffolgenden Morgen gab es dann eine besondere Überraschung. Wir konnten im Dom einem Orgelkonzert mit Werken von Bach und Buxtehude zuhören. Die Domorgel ist die größte Kirchenorgel in Deutschland, und der Organist verstand sein Handwerk. Nach dem Konzert haben wir uns zum Dreiflüsseeck begeben. Die kleine schwarze Ils ist von dort leider nicht zu sehen, dafür aber der Inn, der mit seinem grünen Wasser sich das Flussbett mit der blauen Donau teilt.

Ich wäre dann gern noch zum Kloster Maria hilf auf der anderen Seite des Inn gefahren, denn dort hatte ich 1977 eine Affäre mit einer Ursulinerin, und das in der Beichtvaterwohnung. Leider war die Straße da hinauf wegen Bauarbeiten gesperrt, und die 321 Stufen der Büßertreppe wollte ich mir angesichts meiner COPD nicht antun, wenngleich das angesichts der begangenen Sünden vielleicht angebracht wäre. So gab es noch eimal einen Stadtbummel und dann am Abend ein paar gemütliche Stunden auf einer Terrasse über der Donau, hier mit kroatischem Essen.

So viel aus Passau, demnächst mehr.

Manfred Wolff

7.10.2018

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Alban Berg „Wozzeck“ – Premiere in der Deutschen Oper Berlin am 5.10.2018

Bevor Donald Runnicles den Taktstock erhob, war die Befürchtung nicht unbegründet, er könne sich die ersten Worte des Hauptmanns zu Herzen nehmen: „Langsam Wozzeck. Langsam.“ Man wurde angenehm enttäuscht. Runnicles treibt das Orchester der Deutschen Oper von Höhepunkt zu Höhepunkt der Musik Alban Bergs, wobei allerdings der Blick in die Tiefe oft verloren geht, Feinheiten von der Gewalt des Orchesters überlagert werden. Die Musik der Oper ist jedoch mehr als die Begleitung des Geschehens auf der Bühne.

Ole Anders Tandberg hat versucht, die Wozzeckhandlung aus der ärmlichen Welt des Soldaten Wozzeck zu befreien. Wenn er die Titelrolle im Konfektionsanzug auftreten lässt, einen norwegischen Nationalfeiertag veranstaltet oder Marie an den Tresen setzt wie eine Figur aus Hoppers Nighthawks, nimmt man das amüsiert zur Kenntnis. Auch erotische Einsprengsel wie die Intimrasur der Soldaten im ersten Bild oder der Nackttanz im vierten Bild des zweiten Akts gehören anscheinend zu einer modernen Inszenierung, bringen wenigstens einen Bonus für die Statisterie.

Der Hauptmann auf seinem ausgestopften Pferd und der Tambourmajor in ihren Phantasieuniformen treiben Wozzeck aus der Tragödie seines individuellen und sozialen Scheiterns in die Groteske, und auch der Doktor ist zur Karikatur geraten. Alle drei sind ihres bedrohlichen Charakters beraubt, wie ihn Georg Büchner scharf gezeichnet hat, und Alban Berg hielt sich werkgetreu an Büchners Text.

Auch das Bühnenbild von Erlend Birkeland, kalt ausgeleuchtet, erhellt nicht die soziale Tragödie Wozzecks. Wenn im Schlussbild Wozzeck sich selbst in einem Raum, der mit seinen exakt aufgereihten Tischen und Stühlen einem bürgerlichen Speiserestaurant ähnelt, das Leben nimmt, fragt man sich: „Wie ist er dorthin gekommen?“ Die Bühne wird in keinem Augenblick der expressionistischen Musik Bergs gerecht.

Der dänische Bariton Johan Reuter singt den Wozzeck überzeugend. Sein „Wir arme Leut“ hallt durch die gesamte Aufführung. Elena Zhidkova als Marie nimmt es auf, ohne dass es ihr gelingt, die Spannung zwischen Lust und Moral zu demonstrieren. Sie ist wohl nach dem Willen Tandbergs eine „einfache Frau“. Auch die übrigen Sänger und Chöre des Abends haben ihre Partien mit Bravour gesungen.

Das Publikum dankte dem Ensemble mit einem fünfzehnminütigen Beifall. Es lohnt eben und erfreut, was die Künstler der Deutschen Oper auf der Bühne bieten, auch wenn die Inszenierungen den Zuschauer oft mit vielen Fragen zurücklassen.

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