Bunte Steine – Eine Ausstellung im Georg Kolbe-Museum

Wenn man an die oft dramatischen Ausstellungen des Georg Kolbe-Museums zurückdenkt, verwundert es schon, wenn nun Adalbert Stifter mit seinen „Bunten Steinen“ das Namenspatronat einer Ausstellung zeitgenössischer Bildhauerei gibt. Stifter als der Prototyp des Biedermeier, der alles Geschehen auf das zu bewundernde Detail herunterbricht, den Leser über lange Passagen der einfühlsam geschilderten Natur überlässt, ehe er seinen Protagonisten den nächsten Schritt zum Happy End erlaubt – der soll zeitgenössischer Skulptur Pate stehen, von der das Publikum doch eher kritische Auseinandersetzung mit den Existenzfragen der Gegenwart erwartet?

Betritt man das lichtdurchflutete Kolbe-Atelier, wird auf den ersten Blick deutlich, was die Kuratorinnen der Ausstellung Katherina Perlongo und Elisa Tamaschke zu dieser Entscheidung geführt hat. Man steht den teils monumentalen Arbeiten von William Tucker gegenüber. Was da auf den ersten Blick von den Kräften der Natur geformte Felsbrocken zu sein scheinen, entpuppt sich als eine Sammlung von Köpfen, entstanden aus der Auseinandersetzung mit Rodin, die ins Elementare reduziert sind. Durch die weiten Fenster kommunizieren sie mit der das Museum umgebenden Gartennatur. Die Skulpturen sind weitläufig platziert, sodass man zwischen ihnen flanieren kann, Abstand und Annäherung gewinnen kann. Die Bronzen verbergen die gewöhnlichen Elemente dieser Kunst, aus der Nähe erkennt man jedoch die zärtlich entborgenen Teile.

Die Glasarbeiten von Kai Schiemenz nehmen die bunten Steine beim Wort. Gegossenes eingefärbtes Glas fängt das Tageslicht ein und gibt es in neuer Farbigkeit wider. Während man sonst nur die Farbigkeit der Oberflächen von Objekten wahrnimmt, erlaubt das Glas den Blick ins Innere, quasi ins Wesenhafte des Lichts. Die Farbe wird projiziert wie die Wahrnehmung durch den Betrachter, der seine Empfindung auf das bunte Glas richtet. Das wird besonders deutlich bei den Bruchsteinrepliken, die Schiemenz aus Steinbruchabfall  geschaffen hat.

Stefan Guggisberg nimmt sich in seinen großen und kleinen Ölmalereien ebenfalls des Motivs der Steine an. Sie beschreiben einen Raum wie Felsstrukturen der Berge, sind scheinbar zufällige Manifestationen, denen man nicht ansieht, ob sie entstehen oder vergehen. Das Blau seiner großformatigen Bilder „Nabel“ und „Zone“ lässt die abstrakten Objekte vor einer leuchtenden Ewigkeit erscheinen.

Der Gang durch die Ausstellung „Bunte Steine“ ist ein Erlebnis der Entschleunigung. Da flimmert und flackert nichts, da greift nichts nach dem Besucher, will ihn nichts belehren. Mit dieser Haltung sind die beiden Kuratorinnen in der Tat sehr nahe an Adalbert Stifter. Es ist kein Biedermeier, aber eine wohltuende Atempause in der aufgeregten Hetze des Kunstgeschehens.

Bunte Steine. William Tucker, Kai Schiemenz, Stefan Guggisberg
Georg Kolbe Museum, Sensburger Allee 25, 14055 Berlin
23. Februar bis 01. Mai 2019
Öffnungszeiten: täglich 10:00 bis 18:00 Uhr
öffentliche Führungen jeweils sonntags und mittwochs um 14 Uhr
Eintritt 7€, Ermäßigung 5€

Manfred Wolff

24.02.2019

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Die Oper ist kein Museum

Dieses Motto hat sich nicht nur Tatjana Gürbaca auf das Panier geschrieben. Allenthalben trifft man in den Opernhäusern auf ehrgeizige Regisseure, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die musikalischen Dramen mit einem modernen Flair auszustatten. Entstaubung nennen sie diese Arbeit.

Warum gerät die Kunstform der Oper überhaupt in den Verdacht, museal daher zu kommen? Ein Blick auf die Spielpläne der 81 Bühnen, auf denen in Deutschland Opern aufgeführt werden, erhärtet den Verdacht. Über 80 Prozent der Stücke, für die sich der Vorhang hebt, hatten ihre Uraufführungen zwischen 1700 und 1900. Mit Bellini und Donizetti, mit Bizet und Gluck, mit Humperdinck und Lortzing, Meyerbeer und Mozart, Puccini und Rossini, Verdi und Wagner fällt es den Intendanten leicht, ihre Häuser mit einem geneigten Publikum zu füllen, das bei den nur zu gut bekannten Melodien heimlich mitsingt und fachmännisch die aktuelle Inszenierung in den Pausen diskutieren kann.

In einem solchen Repertoire fällt dann Richard Strauss schon fast als modern auf, und Zeitgenossen sucht man in der Regel vergeblich. Mit Manfred Stahnke oder Aribert Reimann, Penderecki oder Liebermann, Hindemith oder Henze, Gottfried von Einem oder Werner Ekg und Boris Blacher verschreckt man doch eher das Publikum. Das beeinträchtigt dann den wirtschaftlichen Erfolg, von dem man kaum sprechen kann angesichts der Tatsache, dass für jeden Sitzplatz ein dreistelliger Bonus aus der Staatskasse spendiert wurde.

Wenn sich nun ein Regisseur an die Inszenierung der einhundertundsoundsovielten Aufführung einer Oper macht, steht er vor einem Dilemma. Entscheidet er sich für eine möglichst große Werktreue, wie das schon viele vor ihm taten, setzt er sich dem Vorwurf der Einfallslosigkeit oder gar des Plagiats aus. Greift er zu gänzlich Neuem, muss er damit rechnen, dass Kritik und Publikum ihm das verargen. Da Letzteres mit Kreativität etikettiert werden kann, entscheidet er sich dafür. Nun sind die Gestaltungsmöglichkeiten einer Oper durch Musik und Handlung erheblich eingeschränkt. Also bleibt nur das ganze Drumherum als Spielfeld der Kreativität: das Bühnenbild, die Kostüme, das schauspielerische Auftreten, um Modernität und gesellschaftliche Kritik zu demonstrieren.

Was konnte man da nicht schon alles sehen. Sarastro singt in der Badewanne, der Barbier von Sevilla nackt unter der Dusche. Rienzi befindet sich im Führerbunker und zuckt parkinsongetreu mit dem linken Arm, Hänsel und Gretel finden die Hexe in einem Wohnwagen mit niederländischem Kennzeichen, Wozzeck wird nach Norwegen ausgebürgert, Carmens Räuberfreunde handeln mit Nierentransplantaten, der Wiedertäufer hat natürlich einen deutschen Schäferhund (Tiere gehen immer!), die Admiralstochter Ines trägt ein Kieler Matrosenkleidchen und der portugiesische Generalstab trägt stolz die Uniform eines Oberleutnants zur See der Bundesmarine. Das ist doch alles ungeheuer modern und zeitkritisch.

Solche Scheinmodernität unterstreicht eher das Museale der Oper. Es stünde unseren vielen Opern doch eher an, Werke von Zeitgenossen auf die Bühne zu bringen. Ein landesweites Festival der Moderne entstünde, wenn jedes Theater alle ein oder zwei Jahre einen Komponisten beauftragte, eine Oper abzuliefern, die in Musik und Handlung Ausdruck der Gegenwart ist. Ein wahres Feuerwerk ungehörter Klänge entfaltete sich über der deutschen Opernszene. Nicht alles, was dann zu hören und zu sehen sein wird, taugt für die Ewigkeit, aber das war schon immer so: Die meisten der zigtausend Opern der Vergangenheit sind ja auch im Orkus der Vergessenheit versunken, aber sie waren in ihrer Entstehungszeit ein wichtiger Beitrag zum gesellschaftlichen und ästhetischen Diskurs ihrer Zeit und so auch eine Voraussetzung für die Meisterwerke, die es bis in unsere Zeit geschafft haben.

Die Oper darf kein Museum sein, in dem die Vergangenheit glorifiziert wird. Werkgetreue Inszenierungen verhelfen zur Selbstvergewisserung des Publikums. Die moderne Oper taugt zum Labor unserer individuellen, gesellschaftlichen und ästhetischen Zukunft. Diese Leistungen rechtfertigen die stattlichen staatlichen Subventionen für das Musiktheater.

Liebe Intendanten, öffnet die Türen für die junge moderne Oper!

06.02.2019

Manfred Wolff

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Les Contes d’Hoffmann – Premiere in der Deutschen Oper Berlin

Wenn man von einer gelungenen und erfolgreichen Premiere am Abend des 1. Dezember 2018 sprechen kann, dann ist das vor allem einem zu verdanken: Enrique Mazzola. Hatte er mit seinen Meyerbeer-Dirigaten schon das fachkundige Berliner Publikum zu begeistern gewusst, so ist ihm das mit Jacques Offenbachs Contes d’Hoffmann erneut glänzend gelungen, und das Orchester der Deutschen Oper konnte wieder unter Beweis stellen, wozu es unter einem wahren Maestro in der Lage ist.

Mazzola gelingt es, das vielfältige musikalische Kaleidoskop Offenbachs zusammenzuhalten, ohne die unterschiedlichen Elemente zu verwischen. Sei es nun das gassenhauerische Couplet von Klein-Zack, die strahlende Arie der Olympia oder der Publikumsliebling Barcarole – sie finden ihren Platz im Operngeschehen, ohne die übrigen Begleitfiguren zu vernachlässigen, denen der musikalische Charakter bewahrt bleibt. Der Militärmarsch zum zweiten Akt bleibt ebenso authentisch wie das klagende Liebeslied der Antonia. Mazzolas Meisterschaft leuchtet auch auf, wenn nach Abschluss eines Liedes in leisen Tönen zur nächsten Szene übergeleitet wird, was mehr Einfühlungsvermögen verlangt als ein starker Schlussakkord.

Da die Contes d’Hoffmann nicht eine Oper mit einem durchgängigen Handlungsstrang sind, sondern eigentlich vier Opern: die drei Erzählungen Hoffmanns und eine Rahmenhandlung, gilt es für die Hauptpersonen, mit denen sich Hoffmann auseinandersetzen muss, vier in ihrem Wesen sehr verschiedene Rollen zu spielen, und das in schneller Folge.

Cristina Pasaroiu, die junge Sopranistin aus Bukarest, schafft es, die stolze Diva Stella ebenso glaubhaft vorzutragen wie die mädchenhafte Antonia, die Puppe Olympia ebenso wie die venezianische Kurtisane Giulietta. Jeder Rolle weiß sie ihre spezifische Stimmfarbe zu geben. Die Koloraturen der  Olympia sind sicher das Glanzstück ihrer Auftritte, aber auch das Liebesduett der Antonia mit Hoffmann verstrahlt tiefe Innigkeit und die eiskalte venezianische Kurtisane Giulietta singt verführerisch die Barcarole. So war ihr immer wieder persönlicher Applaus sicher.

Lindorf, der Hoffmanns Bemühen um die Liebe Stellas hintertreibt, Coppelius, der mit seiner Wunderbrille Hoffmann verleitet und dann im Zorn die Puppe Olympia zerstört, Doktor Miracle, der schon Antonias Mutter auf dem Gewissen hat, und Dapertutto, der Giulietta besticht und den todbringenden Degen Hoffmanns führt, sie alle singt Alex Esposito mit seinem vollen Bassbariton, dem aber manchmal das Böse fehlt. Dabei ist er doch der Teufel in Person.

Ebenfalls vierfach trägt Gideon Poppe in einer Dienerrolle zum Fortgang der Handlung bei.

Irene Roberts wandelt nur zweimal die Person. Anfangs und im Schluss tröstet sie als Muse den Künstler Hoffmann, in den drei Hauptstücken geht die Mezzosopranistin in der Hosenrolle des Nicklausse nicht von Hoffmanns Seite und kommentiert das Geschehen in mit guter Stimme vorgetragenen Couplets. In der Barcarole fällt sie allerdings gegen Cristina Pasaroiu deutlich ab.

Der Solist schlechthin der ganzen Oper ist Daniel Johansson als Hoffmann. Abgesehen von der etwas hölzernen Darstellung eines Liebenden – Charme sieht anders aus – kann er auch stimmlich oft nicht überzeugen. Besonders die lyrischen Partien entgleiten ihm gern. Den betrunkenen Versager am Gendarmenmarkt gibt er überzeugend.

Der Chor singt in gewohnter Präzision. Die Sängerinnen und Sänger beweisen nicht nur ihr stimmliches Talent, sie sind auch gute Schauspieler, die mit ihren Auftritten und Gesten die Handlung einrahmen.

Das Bühnenbild schwelgt in Grautönen, was bei vielen Aufführungen der Deutschen Oper ein Muss zu sein scheint. Die Zuschauer sollen sich nur nicht in kulinarischem Augenschmaus verlieren, sondern sich ganz auf die Analyse und Interpretation der Inszenierung konzentrieren. So entsteht eine kalte und lustfeindliche Atmosphäre. Wenn doch eine zauberhafte Situation entsteht, die zu den Klängen der Musik scheinbar frei schwebende Olympia vor rabenschwarzem Hintergrund, dann wird dem Publikum der Traum entrissen und die Maschine gezeigt, die diesen Zaubertrick ermöglicht. Ist doch bloß Theater… Wenn die Möglichkeiten des Theaters ohnehin nur ablenkendes Beiwerk sind, kann auch gleich die konzertante Aufführung gewählt werden. Der musikalische Genuss wäre derselbe.

Nächste Vorstellungen: 4./8./15.12.2018

Manfred Wolff

02.12.2018

 

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A kommt zum Schluss – Bayernfahrtbericht 6

Und das gleich doppelt: Andechs und Augsburg! Zuerst ging es aber entlang dem Achensee (noch ein A!) durch das Karwendelgebirge. Am verwaisten Grenzübergang mitten im Wald war wieder kein bayerischer Grenzpolizist zu sehen. Nur die alten Zollgebäude aus der Zeit, als Österreich noch nicht EU-Mitglied war, zeugten von staatlich hoheitlicher Tätigkeit.

Wer Bayern sagt, muss auch Andechs sagen. Also auf nach Andechs. Da mussten wir allerdings einen großen Bogen um München machen, was zwar hinsichtlich der Sehenswürdigkeiten und Museen sehr bedauerlich war, jedoch einfach zwangsläufig nicht anders ging, weil in München und näherer Umgebung wegen der Oktoberfestnähe alle für uns bezahlbaren Hotels ausgebucht waren.

Andechs, der heilige Berg der Bayern, war auch ausgebucht, und das nicht von bußfertigen Pilgern. In der Kirche geisterten ein paar Leute herum, wohl Touristen wie wir. Da konnte man sich noch mal an bayrischem Barock und Rokoko berauschen. Umso mehr Menschen berauschten sich im angeschlossenen Wirtshaus am Wunder der Biervermehrung. Das sah aus wie eine Generalprobe für das Oktoberfest.

In Augsburg wurde gerade kein Fest gefeiert, als wir dort ankamen. Die Stadt wirkt aufgeräumt und zufrieden. Gleich gegenüber unserem Quartier finden wir die wichtigste Sehenswürdigkeit Augsburgs: die Fuggerei. Da hat Jakob Fugger der Reiche 1521 eine ganzes Viertel gestiftet, in dem Bedürftige Bürger Augsburgs bei kleinen Mieten wohnen konnten. Die Jahreskaltmiete für eine Wohnung setzte er auf einen Rheinischen Gulden fest, und dieser Mietzins gilt auch heute noch: umgerechnet und inflationsbereinigt 0,88 Euro. Dazu kommen Nebenkosten von 85 Euro. Da von den Bewohnern als Gegenleistung drei Gebete, zu denen auch das Ave Maria gehört, für die Familie Fugger erwartet werden, wohnen nur Katholiken in der Siedlung. In den 67 Häusern an mehreren Straßen sind heute 160 Wohnungen vorhanden. Alle Zerstörungen durch Kriege wurden aus dem Fuggerschen Familienvermögen immer wieder überwunden. Politiker und Reiche, fahrt nach Augsburg und schaut euch das an, und dann: Gehet hin und tuet das Gleiche!

Zwei Straßen weiter lernt man, dass der junge Bert Brecht über eine Brücke den Hinteren Lech überqueren musste, wenn er das Elternhaus verlassen wollte.

Auf die Fuggers trifft man an vielen Stellen in Augsburg. Ihr großes Verdienst ist die Einführung der Renaissancekunst nördlich der Alpen, wovon die Annakirche, Grablegung der Fuggers, und die Damenhöfe besonders schöne Zeugnisse sind. Die Annakirche ist nicht nur kunsthistorisch ein prächtiger Teil des schönen Augsburgs, sie ist auch eine konfessionelle Kuriosität. Die evangelische Kirche hat eine katholische Kapelle für die Fuggers. So geht der Augsburger Religionsfriede.

Am Weberhaus beklagt in einem Fresko die Inschrift den Niedergang der einst bedeutsamen Augsburgischen Textilindustrie durch die Mechanisierung. An Bangladesh hat da noch keiner gedacht.

Natürlich haben wir auch den Dom besichtigt, der eine interessante Baugeschichte erzählt. Sehr schön ist dort der Kreuzgang mit seinen zahlreichen Epitaphien.

Da Augsburg vom römischen Kaiser Augustus gegründet wurde, verfügt es nicht nur über einen ihm geweihten Brunnen auf dem Markt, sondern auch im ehemaligen Zeughaus über ein Museum, in dem archäologische Funde aus der Römerzeit zu finden sind. Besonders die Reliefs mit Abbildungen aus dem antiken Alltag vermitteln ein gutes Bild des Lebens in jener Zeit.

Das war dann die letzte Etappe unserer Bayernfahrt. Am Abend gab es noch ein richtiges bayerisches Essen im Biergarten des Restaurants Tafeldecker im Hof der Fuggerei. Am nächsten Morgen ging es dann nordwärts, voll wunderbarer Eindrücke. Wir haben soo viel gesehen und noch mehr versäumt.

Manfred Wolff

29.10.2018

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Warum schwarz sehen? Bayernfahrtbericht 5

Wir wollten lieber Schwaz sehen. Dafür mussten wir zwar Bayern für eine Abstecher nach Tirol verlassen, doch das war auch ein wichtiger Punkt, denn Urszula hatte in Schwaz vor 34 Jahren gearbeitet. Also ging es über die Autobahn hinein ins Inntal. Doch HALT! So einfach geht das nicht. An der Grenze mussten wir erst ein Autobahnwapperl für 9 € erwerben und dann an unsere Frontscheibe kleben. Wir wollten zwar nur 20 km bis Schwaz fahren, aber freundlich wie die Österreicher nun mal sind, erlaubten sie uns nun, zehn Tage lang auf dem gesamten Autobahnnetz der Republik herumzureisen. Aber das wollten wir nicht. Und Tunnels kosten ja auch noch extra …

Dass Schwaz mal nach Wien die zweitgrößte Stadt Österreichs war, sieht man der heute verschlafen wirkenden Kleinstadt nicht mehr an. Nur ein Bierkastenrennen hat Leute am Sonnabend auf die Straßen gebracht. Das alte Rathaus zeugt zwar noch von vergangener Größe und Bedeutung, ansonsten fallen an denkmalwürdigen Bauten nur ein aufgegebenes Mietwaschhaus und die Residenz der Fuggers auf. Es hat sich aber in den vergangenen 34 Jahren doch einiges verändert, denn Urszula fand keinen der Orte wieder, an denen sie damals zu tun hatte.

Dafür ging es dann am nächsten Tag nach Innsbruck. Vom Parkhaus am Rande der Altstadt erreichten wir natürlich als erstes Ziel das goldene Dachl. Da gönnte sich Maximilian der letzte Ritter doch noch was, um die Jahrhundertwende 1500 zu feiern. Man ahnt etwas von der festlichen Stimmung damals, wenn heutzutage Menschen aus aller Welt dort zusammenlaufen, die Cafés füllen und ihre Selfies machen. Zur Mittagsstunde erklang aus den Fenstern des Alten Rathauses ein Bläserkonzert auf den Platz. Da denkt man einfach nicht mehr daran, dass eben da auch gern Ketzer verbrannt wurden. Das tut man ja auch nicht in Florenz vor der Signoria und in Rom auf dem Campo de Fiori.

„Solange Gott einen Bart hat, bin ich Feminist.“ Das steht tatsächlich in roten Buchstaben am Innsbrucker Dom, nicht in Stein gemeißelt, aber doch gut lesbar auf der Abdeckplane der Restaurierungsarbeiten. Im Inneren des Doms eine weitere Überraschung: die Kniebänke sind alle weich gepolstert! Da haben wohl Glaubensstrenge und Bußfertigkeit Toleranz und Kommodität weichen müssen.

Ein Bummel durch die Altstadt Innsbrucks mit ihren schattigen Laubengängen, reichen Geschäften, schönen Häusern rundete uns diesen Tag ab.

Manfred Wolff

25.10.2018

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Wir wollen mehr … Bayernfahrtbericht 4

Wir wollen mehr … Bayernfahrtbericht 4

… nämlich das bayrische Meer: den Chiemsee! Wir fuhren über Traunreut dorthin. In dieser nach dem Krieg aus einer Munitionsfabrik entstandenen Stadt hatte ich ein kurzes Gastspiel vor 50 Jahren und heiratete dort auch zum ersten Mal. Dann waren es nur noch zehn Kilometer bis nach Chieming am Ostufer des Chiemsees.

Urszula hatte die preiswerte Pension Berdlhof ausfindig gemacht, und so wohnten wir drei Nächte hundert Meter vom Ufer des Sees entfernt, also gar nicht entfernt, sondern ganz nah. Dass wir WC und Dusche auf dem Flur mit den anderen Gästen teilen mussten, war etwas ungewöhnlich, eben der touristische Standard der 1950er Jahre. Aber wir hatten ein Dach über dem Kopf in einem gemütlichen Zimmer – das sollte reichen.

Gleich am ersten Abend kamen wir in den Genuss der zauberhaften Sonnenuntergänge am Chiemsee. Es gibt keine schöneren in Bayern.

Am nächsten Tag schipperten wir mit dem Dampfer über den See zu den drei Inseln. Die Krautinsel lässt man links liegen. Im Süden türmen sich die Voralpen auf, ganz nah der Hochgern und die Kampenwand. Dann landen wir auf der Herreninsel. Am Anleger türmt sich das Augustiner-Chorherrenstift auf. Hier wurden unsere Grundrechte der Verfassung vom Parlamentarischen Rat beschlossen. Das war unsere erste Begegnung mit der deutschen Verfassungsgeschichte auf unserer Reise.

Mit dem Kutschwagen fährt man dann zum Schloss Herrenchiemsee, eines der Märchenschlösser des Königs Ludwig II.. Hier sollte sein Versailles entstehen. Der König hat das Schloss nur einmal besucht, ich nun schon zum dritten Mal. Die Pracht aus Gold und edlen Mineralien, kunstvollen Möbeln und schweren Stoffen, historischen Plastiken und Gemälden verfehlt nicht ihre Wirkung. Das Schloss ist nicht fertig geworden, denn mit dem Tod des Königs gab es einen Baustopp aus München. Das reich geschmückte Treppenhaus, die Empfangszimmer und der große Spiegelsaal waren aber schon nach sieben Jahren fertig, was unsere Führerin zu der hämischen Bemerkung hinriss, dass man am Berliner Flughafen in solcher Zeit noch nicht so weit war. Wie peinlich! Leider durfte man nicht fotografieren, deshalb verweise ich hierzu auf Wikipedia. Als Sahnehäubchen gab es aber in einem Seitenflügel eine Auswahl von Werken aus der Münchner Pinakothek der Moderne.

Das nächste Ziel war die Fraueninsel. Benediktinerinnen betreiben das Kloster Frauenwörth, das auf eine Stiftung in karolingischer Zeit zurückgeht. In der Kirche ist das Grab der Heiligen Irmengard zu sehen. Markantestes Wahrzeichen der Insel ist jedoch der freistehende Campanile, der auf keinem Chiemseebild fehlen darf. Sehr beeindrucken auch das karolingische Torhaus mit seiner Michaelskapelle und der romanischen Tordurchfahrt. Unsere nächsten Ziele sollten eigentlich der Königssee mit St. Bartholomä und eine Fahrt auf den Jenner sein. Doch den ganzen Vormittag und Mittag herrschte Schnürlregen. So fiel unsere Planung buchstäblich ins Wasser. Ein ruhiger Erholungstag kann ja auch angenehm sein …

Manfred Wolff

11.10.2018

 

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Wer nicht in Altötting war … Bayernfahrtbericht 3

… war auch nicht in Bayern. Also führte uns unser Weg nun in die bayrische Kleinstadt, die vor allem durch eines berühmt ist: das Gnadenbild der Schwarzen Mutter Gottes. Dorthin zieht es die katholischen Pilger aus ganz Bayern, zur Patrona Bavariae.

Wir hatten Glück, einen Parkplatz ganz in der Nähe der Gnadenkapelle zu finden – ein Wunder? Da der aber vor der Stiftskirche lag, haben wir die zuerst besucht. Das Foto vom Tod in Altötting ist mir leider misslungen. Dafür konnte ich einen Blick auf das Grab Tillys werfen. Das war kein freundlicher Blick für den Zerstörer und Plünderer des stolzen Magdeburgs, das erste neuzeitliche Kriegsverbrechen.

Um nun in die Gnadenkapelle zu kommen, muss man drei Kreise durchschreiten. Der äußerste Kreis ist eine Kette von Devotionalienhändlern. Wunder scheinen ja in besonderem Maße Geld anzuziehen. Da wird ein schwunghafter Handel mit allen möglichen Dingen getrieben. Vor jedem der offenen Verkaufsstände drängen sich die Leute zum Erwerb von Rosenkränzen, Kruzifixen, Schneekugeln, Weihwasser in Flaschen von 50 bis 500 ml und natürlich Nachbildungen der Wundermadonna. Ob das wohl alles auch noch zuhause wundersame Wirkung entfaltet?

Der zweite Kreis ist eine Allee schattenspendender Bäume, der wie ein Brautkranz die Gnadenkapelle umgibt.

Unmittelbar um die Gnadenkapelle verläuft ein Laubengang, dessen Wände mit unzähligen Votivbildern behängt sind, Zeugnisse wundertätiger Hilfe der Gottesmutter. Dazu unten mehr.

Und nun hinein in die Kapelle. Es ist ein großes Gedrängel. Das sind sicher nicht nur Gläubige. Die Schwarze Mutter Gottes hell angestrahlt, reich geschmückt und beschenkt. An ihrem Zepter erkenne ich den Bischofsring vom Ratzinger. In der Wand die Kapseln mit den Herzen der bayrischen Könige. Da wäre noch Platz für ein gutes Dutzend, aber – na ja, ist halt nur noch ein Freistaat.

Wieder an der frischen Luft kann ich nun die unzähligen Votivbilder bestaunen, die fromme Menschen zum Zeugnis der Hilfe durch Maria dort haben anbringen lassen. Ein Kaleidoskop naiver Malerei. Wächserne Nachbildungen von geheilten Gliedmaßen füllen einen Schaukasten. An die Wand gelehnt stehen da hölzerne Kreuze, halb mannshoch, die zur Buße um die Kapelle getragen werden sollen.

Für mich ist an solchen Orten immer am interessantesten das ausliegende Fürbittenbuch. Dort findet man, was den Menschen schwer auf der Seele liegt: Persönliches wie Krankheit, Ehekrisen, Trauer und Sorgen um die Kinder, aber auch Hilfsbedürftigkeit bei Alltagsproblemen wie Arbeitslosigkeit, Armut, drohender Wohnungsverlust. Ich konnte nur kurz darin blättern, denn hinter mir standen schon Leute an, die dort ihre Bitten eintragen wollten. Diese Fürbittenbücher in den Wallfahrtsorten sollten unseren Politikern zur Pflichtlektüre vorgelegt werden, damit sie erfahren, welche Not im Land herrscht.

Für uns geht die Reise weiter an den Chiemsee.

Manfred Wolff

7.10.2018

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