Anette rettet den Weihnachtsmann

Es war der Abend zwei Tage vor dem Heiligen Abend. Da war Anette schon sehr aufgeregt, denn übermorgen sollte ja der Weihnachtsmann kommen. Was der wohl sagen und mitbringen würde? Und doch war es auch ein sehr langweiliger Tag, denn die weihnachtliche Abschlussfeier in der Kita war ausgefallen. Dabei hatten die Kinder doch schon Weihnachtslieder geübt – O du fröhliche und Lustig, lustig, Tralalalala und die Weihnachtsbäckerei. Die Tante Gertrud von der Kita hatte sogar gesagt, dass vielleicht der Weihnachtsmann vorbeischauen wollte. Was sollte der jetzt machen, wenn er vor der verschlossenen Tür stand?

„Der Weihnachtsmann macht jetzt wohl Kurzarbeit wie ich“, hatte Anettes Mutter zu erklären versucht, „der bleibt wohl zuhause und feiert mit seinem Knecht Ruprecht und den Weihnachtsengeln.“ Das wollte Anette nicht glauben. Sie wusste, dass er jedes Jahr zu Weihnachten alle Kinder der Welt besucht und ihnen die Geschenke bringt, die sie sich gewünscht hatten. Sie selbst hatte sich ein kleines Fahrrad mit Stützrädern gewünscht.

Aber seit ein paar Wochen war sowieso vieles anders und ungewohnt. Mutti redete mit Frau Klöppke von Nebenan von Vieren, dabei waren sie und Mutti doch nur zwei und Klöppkes mit drei Kindern fünf. Obwohl gar kein Fasching war, verkleideten sich die Erwachsenen mit bunten Masken. Frau Klöppke gab Mutti auch nicht die Hand, sondern buffte sie mit dem Arm, und Mutti buffte zurück. Hatten sie denn Streit?

Beim Abendbrot erfuhr Anette, dass es böse Viren gibt, die durch die Luft fliegen und Menschen krank machen. Dagegen waren die Mücken im Sommer harmlos. So wollte Anette natürlich gewappnet sein und sie nahm die Fliegenklatsche mit an ihr Bett für den Fall, dass so ein Virus sie in der Nacht überfallen wollte. Gegen Mücken hatte die ja auch geholfen.

Anette hatte noch gar nicht lange geschlafen und wollte gerade anfangen zu träumen, als sie ein Kribbeln an ihrer Nase spürte, und wie sie nach ihrer Nasenspitze guckte, sah sie da einen dicken gelben Typ mit bösen Augen, einem kleinen schwarzen Schnurrbart über dem Mund und einen Spieß in der Hand. Das war sicher so ein Virus. Entschlossen griff Anette nach der Fliegenklatsche und holte zum Schlag aus, aber da bekam es das Virus wohl mit der Angst zu tun und flog weg.

Schon wollte sich die kleine Heldin wieder zurechtkuscheln, als sie von draußen eine tiefe Stimme um Hilfe rufen hörte. Nun war an Schlafen nicht mehr zu denken. Mit der Fliegenklatsche in der Hand, nur mit ihrem Nachthemdchen bekleidet ging es hinaus in die Winternacht. Anette sah aus wie ein kleiner Engel.

Gar nicht weit sah sie das Unglück. Der Weihnachtsmann stand da an einer Hecke, und um ihn herum schwirrten diese gelben Viren und versuchten ihn mit ihren Spießen zu pieken. Einige hatten sich in seinem weißen Bart festgesetzt, eines saß schon auf seiner roten Nase. Anette schlug zu, wo immer sie ein Virus sah. Bald lagen die alle platt auf der Erde.

„Anette, du hast mich gerettet und für alle Kinder das Weihnachtsfest“, sagte der Weihnachtsmann und drückte seine Retterin ganz fest in seine Arme, „das werde ich dir nie vergessen und dich immer auf der ersten Stelle in meiner Besuchsliste führen.“ Dann kamen auch noch drei Weihnachtsengel angeflogen und brachten dem Weihnachtsmann eine Maske. „Du hast Glück gehabt, dass das in der Nähe von Anette passiert ist. Wo anders wärst du jetzt krank und müsstest zuhause bleiben. An Weihnachten! Nicht auszudenken!“ Sie erzählten Anette noch, dass der Weihnachtsmann manchmal ein rechter Dickkopf sei und nicht die Maske aufsetzen wollte. Aber das sei ihm nun sicher eine Lehre.

Anette ging schnell wieder zurück zu ihrem Bettchen und schlief tief und fest nach den aufregenden Abenteuern dieser Nacht. Als ihre Mutter sie am nächsten Morgen weckte, sagte die: „Einmal musst du nun noch schlafen, und dann kommt der Weihnachtsmann.“ – „Ja, und er wird auch eine Maske auf haben“, wusste Anette, und das Fahrrad werde er sicher auch bringen.

Manfred Wolff

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Anettes Reise an den Schokoladensee

Das war ein schöner Weihnachtsabend: so viele Kerzen brannten an dem Weihnachtsbaum, dass die kleine Anette noch gar nicht alle zählen konnte, die Wohnung duftete von dem frischen Tannengrün, die Mutti übte noch einmal mit ihr das Gedicht, das sie aufsagen sollte, wenn der Weihnachtsmann kommt, alle waren ganz aufgeregt. Vati paffte dicke Wolken aus seiner Pfeife.

Gerade wollte Mutti das Abendessen auf den Tisch bringen, da klopfte es an der Tür: der Weihnachtsmann! Fast hätte Anette ihren Becher mit Saft vor Schreck fallen lassen, als er mit „HooooHooo!“ alle begrüßte. Aber es gab gar keinen Grund zu erschrecken. Der Weihnachtsmann war sehr freundlich und schaute lieb auf das kleine Mädchen, das Gedicht klappte prima, und zur Belohnung holte der Weihnachtsmann aus seinem großen Sack wunderschöne Geschenke: einen Teddy zum Kuscheln, eine Kugelbahn, dicke Bilderbücher zum Vorlesen und ganz zum Schluss noch einen großen Weihnachtsmann, ganz in ein buntes Stanniolgewand gehüllt. Der hatte es Anette angetan!

Als der Weihnachtsmann gegangen war, die Lichter heruntergebrannt waren und die Augen über den glühenden Bäckchen immer schwerer wurden, so dass es Zeit wurde, ins Bett zu gehen, mochte sie sich gar nicht von ihm trennen.  Sah er nicht genauso aus wie der Weihnachtsmann, der die schönen Geschenke gebracht hatte? Er lachte so lieb, seine großen Augen blitzten freundlich, und sein Mund schien fortwährend zu sagen: „Du warst aber sehr brav!“ Anette wusste, dass der Weihnachtsmann innen ganz aus Schokolade war, aber wie er so dastand, schien er doch ein richtiger Weihnachtsmann zu sein. „Er ist sicher traurig, wenn ich ihn jetzt allein lasse“, dachte sie beim Zähneputzen.

Und als sie noch einmal ins Wohnzimmer ging, um Mutti und Vati „Gute Nacht“ zu sagen, nahm sie den Weihnachtsmann unter den Arm und trug ihn an ihr Bettchen, stellte ihn auf den Stuhl daneben, auf dem sonst immer Mutti saß, wenn sie eine Geschichte vor dem Einschlafen erzählte, und legte sich dann so auf die Seite, dass sie ihn fest im Auge behielt, als sie einschlief.

Im ganzen Haus war es schon ruhig geworden, so dass schon das kleinste Geräusch deutlich vernehmbar war. Und so kann es nicht Wunder nehmen, dass Anette plötzlich wieder aufwachte und in das dunkle Zimmer lauschte. Hatte sie nicht gerade eine Stimme gehört? „Ja, ich komme schon!“ hatte jemand gesagt. Aber da war doch niemand. Sie rieb sich die Augen und sah sich um. Da fiel ihr Blick auf den Weihnachtsmann. Der hatte sich aufgerichtet, seinen roten Mantel fester gezogen, die Kapuzenmütze ins Gesicht gezogen und seinen Sack geschultert. Es sah gerade so aus, als wollte er sich auf einen Spaziergang begeben. Gerade wollte er seine Stiefel fester schnüren.

„Weihnachtsmann, willst du mich verlassen?“ fragte Anette ein wenig bange.

„Ja, aber nur für ein paar Stunden, „ erwiderte er, „ich komme aber ganz bestimmt wieder.“

„Warum willst du weg? Und wohin?“

„Meine Kumpel haben mich gerufen. Wir treffen uns am Schokoladensee.“

„Am Schokoladensee? Da möchte ich auch mal hin. Nimmst du mich mit?“

„Das geht nicht. Da dürfen nur die hin, die so süß wie Schokolade sind, so wie ich, der Schokoladenweihnachtsmann.“

Anette war sehr enttäuscht. Sie hatte doch gedacht, der Weihnachtsmann sei ihr Freund und würde sie nie mehr verlassen. Und sie hatte ihn doch auch nicht allein gelassen.

„Bitte, bitte, nimm mich mit. Ich werde auch ganz lieb sein, so wie wenn ich mit Mutti in den Zoo gehe.“

Aber weil sie auch schon mal nicht ganz so lieb war, fügte sie schnell hinzu: „Und wenn du mich allein lässt, werde ich traurig und weine.“

Sie wusste schon, dass Weihnachtsmänner es nicht mit ansehen können, wenn kleine Mädchen weinen. Und richtig sah der Weihnachtsmann sieh nach diesen Worten erschrocken an, strich sich seinen silbrigen Bart, weil er ordentlich nachdenken musste, und kam dann zu dem Schluss: „Na gut, ich nehme dich mit. Du bist zwar nicht aus Schokolade oder Honigkuchenteig oder Zuckerguss, aber du siehst doch recht süß aus.“

„Au fein!“ juchzte Anette, „ist es weit bis zum Schokoladensee?“

„Oh ja, von hier nach da ist es einen ganzen Gedanken weit.“

Darunter konnte sich Anette zwar nichts vorstellen, aber es kam ihr unendlich weit vor.

„Da werden wir aber lange unterwegs sein. Soll ich mir meinen Anorak anziehen?“

„Das ist nicht nötig. Wir werden auf einem Sternenstrahl dahin fliegen.“

Und gerade in dem Augenblick, da der Weihnachtsmann das sagte, fiel durch einen Spalt im Fenstervorhang so ein Sternenstrahl in das Kinderzimmer.

„Schnell“, sagte der Weihnachtsmann, „den nehmen wir!“ Er beugte sich hinunter, nahm Anette auf seinen Arm, in dem eben noch ein Weihnachtsbäumchen steckte, und ab ging es auf dem Sternenstrahl.

Anette sah wie die Häuser unter ihr immer kleiner wurden, bis die Lichter selbst nur noch wie Sterne aussahen, die auf die Erde gefallen waren. Immer höher ging es hinaus, und es ging so schnell, dass die Haare nur so flogen, aber sie hatte gar keine Angst, denn sie war ja auf dem Arm des Weihnachtsmannes. Und dann auf einmal hörte sie eine wunderschöne lustige Musik, und ehe sie sich versah, landeten die beiden auch schon in hellem Sonnenlicht auf einem weißen Strand. Der Weihnachtsmann setzte sie ab und lachte:

„Nun kannst du dich so richtig am Süßen laben! Aber verdirb dir nicht den Magen!“

Im selben Moment ertönte auch schon ein vielstimmiges „HooooHoooooo!“, und als Anette hinüberblickte, standen da ganz viele Weihnachtsmänner, die dem ihren alle sehr, sehr ähnlich sahen.

„Sind das deine Brüder?“ fragte sie.

„Ja, sie sind alle meine Brüder, wir sind in derselben Schokoladefabrik geboren worden.“

Aber oh je! Einige sahen gar nicht gut aus: einer hatte einen krummen Buckel, dreien fehlten die Füße, und ein paar waren ohne Mütze.

Der Weihnachtsmann nahm sie an der Hand und ging mit ihr zu seinen Brüdern hinüber. „HoooHooooo! Das ist die kleine Anette, sie ist ganz lieb zu mir, und ich konnte mich einfach nicht von ihr trennen.“ Alle Weihnachtsmänner gaben ihr die Hand, und Anette machte für jeden einen artigen Knicks.

„Dann hast du also einen schönen Weihnachtsabend gehabt? Da hast du aber Glück gehabt!“

Und dann erzählten sie einander ihre Erlebnisse der letzten Stunden: der Krumme stand zu nahe an einer Kerze und wäre fast ganz geschmolzen, die ohne Füße waren schon gebissen worden, aber nur ein bisschen eben, und die ohne Mütze waren ebenfalls in die Hände von kleinen Leckermäulern geraten. Und nicht wenige waren gar nicht mehr gekommen, weil sie schon längst gegessen waren.

Während die Graubärte so miteinander plauderten, sah sich Anette um. Der Strand war aus richtigem Hagelzucker und statt dicker Kieselsteine steckten viele bunte Smarties darin. Und da erstreckte sich vor ihr ein schier unendlicher See aus brauner Schokoladensoße. Am Ufer lagen die Halbschalen von Booten aus Blätterkrokant, auf den Bäumen krabbelten Maikäfer aus Schokolade, und zwischen Büschen hoppelten doch tatsächlich schon Schokoladenosterhasen herum. Sie waren zwar noch nicht in buntes Stanniolpapier gehüllt, aber Anette war schon groß genug, um zu wissen, woran man sie alle erkennt.  Die Bäume waren aus Borkenschokolade, an denen statt Blättern und Blüten lauter kleine bunte  Gummibärchen wuchsen. Anette lief das Wasser im Munde zusammen.

Gar zu gern hätte sie davon genascht, aber sie hatte ja schon die Zähne geputzt, und danach war Naschen verboten! Außerdem hätte es den Schokoladentieren sicher wehgetan, wenn sie hineinbeißen würde.

Die Weihnachtsmänner hatten inzwischen begonnen, ihre Säcke abzulegen und ihre dicken roten Wintermäntel aufzuknöpfen. Sie strichen alles schön glatt und legten es sorgfältig auf den Strand, damit sie es hinterher wieder anziehen konnten. Ganz nackt und schokoladenbraun standen sie da, bis einer ein Zeichen gab. Da stürzten sie sich laut lachend in den Schokoladensee und planschten darin herum. Die Schokolade spritzte hoch auf, und die Weihnachtsmänner wurden noch schokoladenbrauner. Anettes Weihnachtsmann winkte ihr zu:

„Komm auch mit rein und bade mit uns! Die Schokoladensoße ist ganz warm und schmeckt köstlich!“

Fast wäre Anette zu ihm gelaufen, aber da fiel ihr Gottseidank im letzten Moment ein, dass sie ja noch ihr Nachthemdchen anhatte, und das wäre dann ganz mit Schokolade verschmiert gewesen. Da würde Mutti aber schimpfen. Und ausziehen konnte sie es ja auch nicht, denn sie hatte ja ihren Badeanzug nicht dabei. So blieb sie am Ufer des Schokoladensees stehen und stippte nur die Fingerchen hinein, um ein wenig davon zu kosten.

Aber es blieb nicht aus, dass ein paar Spritzer von den herumtollenden Weihnachtsmännern auf ihrem Nachthemd landeten. So ging es eine ganze Weile. Alle waren fröhlich und ausgelassen. Und die Schokoladenhasen, deren Zeit noch nicht gekommen war, kamen ganz zutraulich zu Anette und ließen sich von ihr streicheln. Die Schokoladenmaikäfer brummten in den Bäumen mit den Gummibärchen um die Wette. Und ein paar ganz mutige Schokoladenhasen liefen sogar auf einem Teich aus Zuckerguss Schlittschuh und drehten lustige Pirouetten.

Da ertönte von weit her ein Glockenschlag.

„HoooHooooo, wir müssen wieder zurück!“ rief Anettes Weihnachtsmann, „ich würde ja gern noch bleiben, aber was würde Anettes Mutti sagen, wenn sie das Bettchen leer fände?“

Er verabschiedete sich von seinen Brüdern, wünschte ihnen noch eine süße Weihnachtszeit und hüllte sich wieder in seinen Mantel aus Stanniol. Anette winkte allen noch einmal zu, streichelte einen besonders schönen Schokoladenhasen hinter den Ohren und lud ihn zu sich zum Osterfest ein.

Dann sprang sie wieder auf den Arm des Weihnachtsmannes, und ab ging es durch die Lüfte, zurück zum Kinderbettchen. Unterwegs schlief sie schon fest ein, und der Weihnachtsmann legte sie vorsichtig in ihr Bettchen und deckte sie gut zu, damit sie sich nicht erkältet. Dann setzte er sich auf den Stuhl und bewachte ihren Schlaf. Das war doch das schönste Weihnachtsfest, das sich ein Schokoladenweihnachtsmann träumen lassen konnte.

Die Wintersonne schaute schon durch die Ritze im Fenstervorhang, als Mutti die kleine Anette weckte. Natürlich entdeckte sie sofort die Schokoladenflecken auf dem Nachthemd, und auch in den Mundwinkeln waren   die braunen Spuren des Naschens zu sehen.

„Du kleines Naschkätzchen, du hast in der Nacht noch von dem bunten Teller gegessen“, sagte sie mit erhobenem Zeigefinger, „aber wenigstens ist der Weihnachtsmann ganz geblieben.“ Was sollte Anette darauf sagen? Von ihrer Reise mit dem Weihnachtsmann konnte sie doch Mutti nicht erzählen, da wäre sie sicher wirklich böse geworden.

Also blieb sie einfach stumm und dachte sich ihr Teil. Und als sie zu dem Weihnachtsmann hinüberblickte, schien es ihr, als ob der ein Auge im stillen Einverständnis zukniff. Nun hatten sie beide ein wirklich süßes Geheimnis….

Text © Manfred Wolff

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Wie der Kolon Sültemeier Weihnachten mit seinen Schweinen feierte. Eine Weihnachtsgeschichte aus Bad Oeynhausen

Es regnete in Strömen. Alle Schleusen des Himmels schienen geöffnet. Dazu wehte ein kalter Wind vom Wiehengebirge her, der die Feuchtigkeit unter die dickste Joppe trieb. Ein typisch Ravensbergischer Weihnachtstag – von wegen ”weiße Weihnacht” oder ”ein Ros entsprungen”. Die Wege waren aufgeweicht, in den Karrenspuren standen tiefe Pfützen. In der Luft flatterte das gierige Krächzen der Krähen, von irgendwoher kläffte ein Hofhund. Kein Mensch weit und breit.

Völlig durchnässt, die lehmverklebten Stiefel bedächtig aufsetzend, bog der Kolon Sültemeier in sein Hofstück. Noch ein paar Schritte, und er war in der warmen Deele: Weihnachten konnte beginnen. Auf dem Trittstein versuchte er den Lehm von den Füßen zu treten, aber der klebte fester als Tischlerleim. Dann eben nicht. Sültemeier gab sich einen Ruck, richtete sich zu seiner ganzen Größe auf, schob das Kinn vor, um seine Tatkraft zu unterstreichen, und öffnete die Tür.

Er wurde schon erwartet. Seit vier Stunden. Und mit jeder Stunde des Wartens war der Plan zu seiner Begrüßung gewachsen. Was mit einem flüchtigen Kopfnicken sein Bewenden haben sollte, wurde mit immer neuen und beeindruckenderen Einzelheiten ausgeschmückt, großartigen Gesten und aus dem Herzen kommenden Worten verziert. Wahrlich, das sollte eine Begrüßung werden, wie Sültemeier sie noch nicht erlebt hatte.

Sültemeier zog die Tür hinter sich zu und stand vor seiner Frau. Im Dämmerlicht des späten Nachmittags erschien sie ihm riesengroß, und das Flackern des Herdfeuers hinter ihr ließ sie wie einen feurigen Engel erscheinen. Er wollte auf sie zugehen, aber ein den Raum ausfüllendes ”So!” machte, dass er zurückschreckte.

Seine Frau ließ ihre Blicke über ihn gleiten, von den nassen Haaren bis hinunter zu den lehmigen Stiefeln und wieder hinauf. Jede Einzelheit nahm sie auf, vergewisserte sich, dass das ihr Ehemann war, der Kolon Sültemeier. Sie stemmte die Hände in die Hüften und holte tief Luft:

”Sültemeier! Du Suffkopp! Du Satansbraten! Du Scheusal!”

Jedes Wort flog ihm wie ein Peitschenhieb um die Ohren. Er wurde immer kleiner.

”Wo hast du dich rumgetrieben? Was bildest du dir ein? Weihnachten sternhagelvoll nach Hause kommen! Und wir warten auf dich! Wärst du doch geblieben, wo du warst! Und wie du aussiehst!”

Sie stieß mit dem Feuerhaken nach seiner Joppe, die von einem unglücklichen Sturz in eine Pfütze gelbbraun vom Straßenkot war.

”Und wo ist dein Hut? Weißt du, was der gekostet hat? Sicher, nicht so viel, wie du heute versoffen hast. Sültemeier, du bist ein Schwein.”

Bei der Finte mit dem Feuerhaken versuchte er auszuweichen, geriet ins Wanken, suchte Halt am Türpfosten, griff daneben, und es hätte nicht viel gefehlt, er wäre seiner Frau zu Füßen gelegen.

”Und was sollen die Kinder denken, wenn sie so einen Vater sehen? Das ganze Weihnachtsfest hast du ihnen verdorben, du Rabenvater, du Schnapsleiche!”

Sültemeier gab sich alle Mühe, die Gedanken, oder was er dafür hielt, in seinem Kopf zu ordnen. Vergeblich. Sie drehten sich in einem fort wie ein Ringelspiel, nur in einer umgekehrten Richtung wie die vor ihm stehende Frau. Oder tanzte sie um ihn herum? Er wusste es nicht.

”Scher dich raus, Sültemeier! Geh mir aus den Augen! Geh zu deinen Saufkumpanen! Raus!”

Diesen Worten verlieh sie mit schwungvollen Attacken mit dem Feuerhaken Nachdruck, und Sültemeier trat den Rückzug an. Er öffnete die Tür, trat hinaus in den Regen, und im nächsten Augenblick schlug die Tür auch schon wieder vor ihm zu, und er hörte das Knarren des Riegels von innen.

Eine schöne Bescherung! Da stand er im Regen und fror. Wo sollte er hin? Der Dorfkrug war ja schon zu, und er hatte auch keinen Kreuzer mehr in der Tasche. Zu Stöpelmeiers Krischan konnte er auch nicht gehen, da ging es jetzt wohl ähnlich zu wie hier, und außerdem war er da schon rausgeflogen. Wohin also? Trocken sollte es sein und warm.

Sültemeier sah sich um, und sein Blick blieb am Schweinestall hängen. Das war’s. Langsam ging er auf den Stall zu, achtete sorgfältig darauf, nicht in den Misthaufen zu stolpern, und schlüpfte in die Behausung seiner Lieblinge.

Ein scharfer Geruch schlug ihm entgegen, aber es regnete wenigstens nicht mehr und es war warm. Mit einem lauten Rülpser ließ er sich auf die Strohschütte sinken und wenige Augenblicke später schlummerte er tief und fest.

”Du, ich finde das prima, dass der Sültemeier Weihnachten bei uns ist.”

Der wackere Kolon schreckte auf. Hatte er geträumt? Da hatte doch eben einer über ihn gesprochen. Er rappelte sich hoch und sah sich verschlafen um. Alles war dunkel und stille, keine Menschenseele zu sehen. Da – wieder:

”Ja im Grunde ist der Sültemeier ein feiner Kerl. Wenn nicht diese Schlachterei wäre! Eklig!”

Sültemeier wischte sich die Augen. Tatsächlich – da saßen seine Schweine beieinander und redeten über ihn. Und dann fiel ihm ein, dass der Großvater immer gesagt hatte, in der Christnacht redeten alle Tiere mit menschlicher Stimme. Er hatte das als Aberglauben abgetan, aber jetzt hörte er es mit eigenen Ohren. Langsam krabbelte er zu den Schweinen hinüber, und wie selbstverständlich machten sie für ihn Platz in ihrer Runde.

”Ihr sprecht also wirklich mit menschlicher Stimme?” fragte er immer noch ein wenig ungläubig.

”Natürlich, jedes Jahr in der Christnacht, eine ganze Stunde lang.”

”Und über was redet ihr dann so?”

”Was uns durch den Kopf geht und was so auf uns zukommt.”

”Hör auf, vom Schlachten zu reden, ich mag das Thema nicht!” rief die dicke Hanne dazwischen.

”Ihr wisst, was kommt? Das wüsste ich jetzt auch gern,” sagte Sültemeier und dachte dabei mit kaltem Schauer an den nächsten Morgen.

”Klar. Wir können dir ja ein bisschen erzählen.”

Alle machten es sich bequem und blickten auf den dicken Willi, der von allen der älteste war und immer ganz gut Bescheid wusste. Der räusperte sich bedeutungsvoll und hub an:

”Also – mit Melbergen ist es nicht mehr lange.”

”Nicht möglich!”

”Doch. Irgendwann wird es Oeynhausen oder so heißen.”

”Das wird aber schwer zu schreiben sein.”

”Und es wird viele Kranke bei uns geben.”

”Wie schrecklich! Wir wollen doch besser alle gesund bleiben,” warfen die kleinen Ferkel ein.

”Nein, nicht, wie ihr dummen Dinger euch das denkt. Die Kranken werden zu uns kommen, damit sie gesund werden.”

”Und ein Kaiser wird zu uns kommen.”

”Ich weiß, Napoleon,” ergänzte der junge Fritze, der sich seiner Klugheit und Wendigkeit rühmte.

”Nein, der heißt wie ich: Willi!” korrigierte der alte Eber stolz.

Die übrigen lachten und stießen sich an: ”Vielleicht hat der auch einen lahmen Vorderfuß wie unser Willi.”

”Spottet ihr nur, wir Willis sind eben sehr tüchtig.”

”Besonders, wenn es um den Futtertrog geht,” tönte es aus der zweiten Reihe.

Sültemeier drehte sich alles im Kopf durcheinander wie die Mehlwürmer in dem Topf, den er fürs Angeln in der Scheune hielt.

”Und was kommt auf mich zu?” fragte er bange und dachte dabei wohl vor allem wieder an den nächsten Morgen.

”Sültemeier, du wirst berühmt,” verkündete seine Lieblingssau mit einem bedeutungsvollen Aufschlag ihrer weißen Wimpern, ”von dir wird man noch in 200 Jahren reden, weil du eine große Entdeckung machen wirst.”

”Er sieht aber nicht aus, als ob er das Pulver erfinden könnte,” meinte eine junge Sau hämisch.

”Das braucht er auch nicht, das erledigen wir. Wir, Sülzemeiers Schweine, werden für ihn das Salz entdecken.”

”Und dann wird er reich und berühmt?”

”Na ja, reich gerade nicht, das ist ihm wie uns armen Schweinen nicht vergönnt. Aber man wird ihm ein Denkmal setzen.“

”Nein!” empörten sich die Schweine, ”uns wird man es setzen und Schweinebrunnen nennen.”

”Und was wird aus Sültemeier?” dachte sich dieser, wobei ihm besonders der nächste Morgen interessierte. Er wollte gar nicht berühmt werden, nur seine Ruhe haben.

”Aus Sültemeier wird nichts. Der bleibt Sültemeier, genau wie die andern im Dorf auch. Die bleiben Bauern, was immer auch passiert. ”Der dicke Willi rümpfte bei diesen Worten seinen Rüssel. ”Erst wenn alles so aussieht wie der dampfende Misthaufen vor der Tür, werden sie zufrieden sein.”

”Uns Tiere wird es dann aber auch noch geben?”

”Nein, Schweine und Rinder und Pferde gibt es dann nicht mehr in diesem Oeynhausen, dafür um so mehr Hunde und Katzen.”

”Ich hasse Hunde. Sie sind so grob,” beschwerte sich ein Jungschwein aus dem Hintergrund.

”Aber sie machen auch Mist, und die Leute werden verpflichtet, den einzusammeln und mit nach Hause zu nehmen, wohl um damit den Misthaufen zu schmücken.”

Sültemeier kratzte sich am Kopf. Keine Schweine, keine Pferde? Was sollte er schlachten? Wer sollte den Erntewagen ziehen?

”Willi, so geht das nicht!” protestierte er entschieden.

”Sültemeier, irgendwie geht es immer,” beruhigte ihn der alte Zuchteber, dann gibt es eben …”

Aber was er nun noch sagen wollte, konnte Sültemeier nicht mehr verstehen. Willi grunzte wieder wie immer, die anderen quiekten miteinander. Die Stunde war vergangen, alles war wieder wie gewohnt.

Enttäuscht zog sich Sültemeier wieder auf seine Strohschütte zurück und begann bald mit seinen Schweinen um die Wette zu schnarchen.

Als der Hahn ihn weckte, ging ihm noch einmal alles durch den Kopf: das waren ja interessante Aussichten, wenn er das seiner Frau erzählte …

Besser nicht, sonst glaubte sie wohl noch, er sei immer noch besoffen. Also behielt er alles für sich, und für die Leute im Werretal blieb das Leben spannend und voller Überraschungen bis auf den heutigen Tag. Text © Manfred Wolff, 1999

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Anette auf der Zimtsternwiese

Es lag nun schon zwei Tage zurück, dass Anette furchtbar erschrocken war, als sie den Vorhang zurückschlug, um nach ihrem Stiefel zu schauen. Der ganze Himmel hinter dem kleinen Wäldchen, das sich bis an den Garten erstreckte, war nämlich feuerrot! Es sah aus, als ob er in Flammen stand, und die schwarzen Zweige der Bäume wiegten sich davor düster hin und her. „Mama, es brennt, es brennt!“ rief sie aufgeregt, aber Anettes Mama blieb ganz ruhig und lachte nur: „Ach was, kleines Dummchen, es brennt nicht. Der Himmel ist so glühend rot, weil die Engel den großen Ofen eingeheizt haben, um Plätzchen zu backen. Es wird aber auch Zeit, denn es ist ja nur noch fünf Tage bis Weihnachten.“

Diese Sache mit dem Keksebacken ging Anette nun immerfort durch den Kopf. Sie hätte zu gern dabei zugesehen, und vielleicht dürfte sie ja auch schon mal ein Plätzchen probieren, besonders gern so eines mit bunten Zuckerperlen darauf, und wenn das nicht ging, wäre sie auch zufrieden, wenn sie die große Rührschüssel zum Schluss mit den Fingern auslecken dürfte, wie Mama es ihr immer erlaubte, wenn sie Kuchen buk.

Am Morgen des Sonntags, an dem die vierte Adventskerze angezündet werden sollte, war der ganze Himmel wieder in leuchtendes Rot gefärbt, aber Anette erschrak nicht, denn sie wusste ja jetzt Bescheid. Im Gegenteil: sie freute sich, dass die Engelchen so fleißig  waren. Wie sie das wohl machten? Man müsste es sich einfach mal ansehen und hingehen, es konnte ja gar nicht so weit sein, gleich hinter dem Wald schien ja der große Ofen zu stehen. Und wenn sie sich beeilte, konnte sie ja noch zurück sein, bevor Mama aufwachte, denn die schlief am Sonntag auch immer etwas länger. Also zog sie sich schnell an, doch als sie gerade in ihren Anorak schlüpfen wollte, fiel ihr ein, dass Mama ausdrücklich verboten hatte, allein aus dem Haus zu gehen. Wenn sie allerdings wartete, bis Mama aufwacht, waren die Engel längst fertig mit dem Backen. Wer sollte sie also begleiten? Natürlich Max der Kater! Schnell huschte sie in die Küche, wo Max zusammengerollt in seinem Körbchen tief schlief. „Los, du fauler Kater! Wach auf! Wir gehen zu den Engelchen!“ Zu allem hatte der jetzt Lust, nur nicht zu einem Spaziergang an diesem kalten Wintermorgen, und was Engelchen waren, wusste er auch nicht, aber weil er Anette gern mochte und sich auch ein bisschen verantwortlich für das kleine Mädchen fühlte, reckte er sich und folgte Anette mit hoch erhobenem Schwanz.

Draußen war es bitter kalt. Anette zog sich die Kapuze über den Kopf, damit die Ohren nicht frieren, und lehnte die Haustür nur leicht an, damit sie auch wieder in das Haus zurückkehren konnten, ohne bemerkt zu werden. Und dann marschierten die beiden entschlossen los.

Der Raureif, der auf den Hecken und Gräsern lag, blitzte in dem frühen Licht schon richtig wie der Christbaumschmuck, und die ganze Welt war so still und ruhig, dass Anette meinte, sogar die weichen Pfötchen von Max hören zu können, wie sie so ihrem Ziel entgegenstrebten. Der Atem malte kleine weiße Wölkchen um ihre rote Nasenspitze.

Was war das? Konnte sie nicht schon den köstlichen Duft von frischem Kuchen schnuppern? Dann konnte es ja nicht mehr weit sein. Anette wollte schon einen Schritt zulegen, um endlich zu den Engelchen zu kommen, da erklang vor ihr ein lautes und tiefes „HALT!“

Anette hielt inne und Max sträubten sich die Haare. Vor ihnen stand ein riesengroßer Stutenkerl, der süß duftende Qualmwolken aus seiner weißen Tonpfeife stieß, und seine schwarzen Rosinenaugen rollten mächtig. „Halt!“ sagte er noch einmal, „Wer seid ihr und wo wollt ihr hin?“

„Ich bin Anette und das ist Max, „ antwortete Anette artig, „und wir wollen zu den Engelchen, die die leckeren Plätzchen backen.“

„Da seid ihr aber ganz falsch hier. Die Engelchen arbeiten bekanntlich im Himmel.“

„Und wo sind wir hier?“

„Hier ist der Eingang ins Zuckerland, und ich passe auf, dass niemand da hineinkommt, der es nicht verdient hat.“

„Au fein, das würde ich auch gern sehen.“

„Na, darüber lässt sich reden“, sagte der Stutenkerl nun schon etwas freundlicher und paffte eine große Wolke. „Aber weil es nun mal das Zuckerland ist, muss ich dich etwas Wichtiges fragen. Putzt  du dir auch immer brav die Zähne?“

„Aber natürlich!“ versicherte Anette und hatte doch ein schlechtes Gewissen dabei, denn wenn Mama es nicht immer kontrollierte, würde sie es schon gern mal vergessen.

„Na also, das hört sich gut an,“ nickte der Stutenkerl beifällig, nahm Anette bei der Hand und zog sie mit sich, Max schlich misstrauisch hinterher. Sie gingen um ein kleines Tannenwäldchen herum, und plötzlich wurde es hell und warm um sie herum. „Das also ist die Zimtsternwiese. Viel Spaß wünsche ich euch beiden.“ Und damit wandte sich der Stutenkerl um und bezog wieder seinen Wachposten.

Anette und Max blinzelten mit den Augen, um sich an das helle Licht zu gewöhnen. So eine Wiese hatten sie noch nie gesehen. So wie sonst im Sommer auf der Wiese die Gänseblümchen blühten, so war hier alles weiß getupft von unendlich vielen Zimtsternen, die sich leicht auf ihren Stängelchen wiegten. Und wie süß sie dufteten. Sollte sie sich ein paar davon pflücken? Besser nicht, wer weiß, wem sie gehören.

Vielleicht den Spekulatiusmännern, die zwischen den Sternen in lustigen Kostümen herumstolzierten. Max sträubten sich die Haare, als er die Spekulatiushunde sah, die fröhlich hinter den Männern herliefen. Und die Spekulatiuswindmühlen drehten leise knarrend ihre Flügel dazu.

Auf einer Bank am Weg saßen zwei große Lebkuchenherzen zusammen auf einer Bank und schmusten miteinander, so dass ihre Schokoladenglasur zu schmelzen drohte.

Jetzt klapperte es mächtig, und Anette und Max mussten schnell zur Seite springen, als eine Schwadron von Anisspringerle heran galoppiert kam.

Dann gingen sie staunend weiter, bis sie an ein großes kakaobraunes Feld kamen. Darauf machten sich Spekulatiusmänner mit großen Säcken zu schaffen. „Was macht ihr denn da?“ fragte Anette artig, nachdem sie sich vorgestellt hatte. „Wir roden Marzipankartoffeln,“ kam die Antwort, „die wachsen unter dem Kakao.“ Das hätte Anette nie gedacht, denn sie kannte sie nur aus den durchsichtigen Tüten im Supermarkt.

Es gab also wirklich was zu entdecken. Und so ging sie mit großen neugierigen Augen weiter und merkte sich alles, denn das wollte sie unbedingt ihrer Freundin im Kindergarten erzählen, natürlich nur als großes Geheimnis!

Auf einmal standen sie vor einer Mauer, ganz aus Dominosteinen errichtet, und dahinter erhob sich ein prächtiges Lebkuchenhaus, das über und über mit Fondant- und Geleeringen bedeckt war. Wer darin wohl wohnen mochte? Sicher der Wichtigste im Zuckerland! Weil aber kein Name an dem kleinen Türchen stand, musste es wohl jemand sein, den alle kennen. Und wenn ein Name dran gestanden hätte, hätte es auch nichts genützt, denn Anette konnte ja noch nicht lesen.

Also fragte sie die Spekulatiusdame mit dem weiten Reifrock, die gerade vorbeikam.

„Hier wohnt der Weihnachtsmann“, erhielt sie Auskunft, „und oben unter dem Dach hat Knecht Ruprecht eine kleine Kammer.“

„Wirklich? Der Weihnachtsmann? Den möchte ich gern sprechen und ihm alle meine Wünsche sagen“, erwiderte Anette eifrig. „Ich habe nämlich ganz viele Wünsche!“

Die Spekulatiusdame schüttelte unwirsch den Kopf. „Das geht nicht. Gerade jetzt, vor dem Fest, hat der Weihnachtsmann alle Hände voll zu tun und keine Zeit. Und außerdem weiß er sowieso schon alles über alle großen und kleinen Kinder. Siehst du das da oben auf dem Dach?“

Anette blickte hinauf. In alle vier Himmelsrichtungen ragte jeweils ein großes Rohr aus dem Dach. „Was ist das?“

„Das sind die Fernrohre des Weihnachtsmanns. Damit beobachtet er alle und überzeugt sich, dass alle immer hübsch brav sind, damit sie ihre Weihnachtsgeschenke auch verdienen. Aber wehe, er sieht ein unartiges Kind …“

Anette erschrak furchtbar, und auch Max der Kater zuckte zusammen. Ob der Weihnachtsmann sich wohl auch für naschende Katzen interessierte?

„Max, ich glaube, wir laufen besser ganz schnell nach Hause, ehe uns der Weihnachtsmann hier entdeckt. Schließlich sind wir ja heimlich weggegangen, und Mama wird sehr böse, wenn sie das entdeckt. Und der Weihnachtsmann erst!“

Also machten sie kehrt und suchten den Ausgang der Zimtsternwiese. Und wie sie noch so gingen, legte sich auf einmal eine große schwere Hand auf Anettes Schulter, und eine tiefe Stimme fragte: „Was machst du denn so allein und so früh auf der Straße?“

Anette blickte verdattert nach oben und sah in ein freundliches Gesicht, das von einem Bart eingerahmt war, der auch schon ziemlich grau war. „Na, raus mit der Sprache! Wo willst du hin?“

„Ich bin doch gar nicht allein, Max ist doch bei mir, „ versuchte sich Anette herauszureden, „und außerdem will ich schon nach Hause.“

„So, so – und wo bist du zuhause und wie heißt du?“

„Ich heiße Anette, und ich wohne in der Gartenstraße.“

„Dann bringe ich dich da wohl besser hin, damit du nicht verloren gehst. Wäre doch schade um dich.“ Und dann nahm der freundliche Mann Anette bei der Hand, und Max schlich ziemlich schuldbewusst hinterher. An der Haustür klingelte der Mann, und als Anettes Mama im Bademantel an die Tür kam, erzählte er ihr, wo er das kleine Mädchen eingefangen hatte, und als er gegangen war, erzählte Anettes Mama ihrem Töchterchen was. Aber das erzähle ich hier nicht, weil es überhaupt nicht weihnachtlich war.

Anette musste natürlich den ganzen Tag und noch viel länger über ihren Spaziergang nachdenken. Und wenn sie an den Mann dachte, der sie nach Hause gebracht hatte, war sie fest davon überzeugt, das das ganz bestimmt der Weihnachtsmann selbst war. Das Gesicht kam ihr nämlich irgendwie bekannt vor. Nur dass er keinen roten Mantel und eine Zipfelmütze an hatte, sondern eine grüne Jacke und eine weiße Mütze – das kam ihr doch seltsam vor.

Text © Manfred Wolff

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„Bonzo‘s Dream. Vivian Suter im Brücke-Museum

Ein Besuch im Brücke-Museum glich oft einer Wallfahrt an einen heiligen Ort. Man stand ehrfürchtig und bewundernd vor den Werken der Brücke-Künstler. Alle waren präsent: Kirchner und Bleyl. Heckel und Schmidt-Rottluff, Mueller und Nolde. Zwar hatte sich die Gruppe 1913 aufgelöst, aber auf Initiative von Schmidt-Rottluff wurde sie hier wieder versammelt, ein Mausoleum der Andacht, behütet von kunsthistorischen Vestalinnen. Es gab immer wieder neue Ausstellungen, bei denen der reiche Schatz des Depots zu immer wieder neuen Themen an das Kunstlicht der Ausstellungsräume gehoben wurde. Doch es gab selten etwas Neues zu sehen, alles diente der Verehrung der Gruppe und ihrer Mitglieder. Mit der Ausstellung von Vivian Suter gibt das Museum auch der Kunst der Gegenwart Raum.

Auch diesmal wird der Besucher zuerst zu einer Auswahl von Brücke-Bildern aus dem Depot geführt, die Elisabeth Wild, Mutter von Vivian Suter und auch Künstlerin, getroffen hat, um auf die Farbwelt von Bonzos Traum vorzubereiten. Interessant die Ähnlichkeit von Noldes „Weiße Stämme“ (1908) und Kirchners „Violette Bäume“ (1914), letzteres als Rückseite von „Sich kämmender Akt“ und auf dem Rahmen noch versehen mit dem Inventaraufkleber der berüchtigten Ausstellung „Entartete Kunst“ von 1937. In Vitrinen sind kleine Objekte von Schmidt-Rottluff zu sehen, vom Serviettenring bis zum Schachspiel, was Künstler wohl so machen, wenn sie auf das Trocknen der Farbe warten müssen.

Und dann geht es zu den Arbeiten von Vivian Suter. Sie hängen nicht brav in Reih und Glied an den Wänden. Sie ergreifen die Räume, leiten an zum entspannten Rundgang, bei dem man mit jedem Schritt neue Perspektiven entdeckt. Hinter einem großen Bild, das die Farben der Natur des Gartens in Guatemala aufnimmt, verbirgt sich ein Alkoven mit einer großen leuchtend roten Figur, die vom aufgedeckten Oberlicht bestrahlt wird. Vivian Suter bildet die sie inspirierende Natur nicht ab, sondern sie lässt sie auf den Bildern weiterleben. Man entdeckt Spuren von Blättern, Gräsern, Ästen. Und das ist ein Pfotenabdruck von Bonzo, einem von ihren Hunden? Der Besucher betrachtet nicht Bilder eines üppigen Gartens – er spaziert in dem Garten und erlebt die subtropische Vielfalt.

Vivian Suter  wurde 1949 in Buenos Aires geboren. In den 1960ern zog sie mit ihren Eltern in die Schweiz, wo sie in Basel an der Kunstgewerbeschule studierte. Seit 1982 lebt sie in Guatemala. In einer ehemaligen Kaffeeplantage bei Panajachel hat sie ihr Paradies gefunden. Auch einer der in dieser Region häufigen Tropenstürme war für sie kein Schadensfall. Seine Spuren wurden Teil ihrer Gemälde.

P.S. Wenn Sie zum Brücke-Museum kommen und eine Beeinträchtigung ihres Vorwärtskommens haben, wird Ihnen geholfen. Die freundlichen und aufmerksamen Mitarbeiter bieten Ihnen einen Rollstuhl an, damit Sie die Kunst entspannt genießen können.

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Limericks

1

Ein trauriger Mann aus Berlin
hat seinem Freund nicht verziehn
dass der mit seiner Braut
heimlicherweise abhaut,
und ausgerechnet nach Wien.

2

Ein Bauer vom Dorf bei Helsinki
nannte sein Lieblingsschwein Pinky.
Jeder im Dorfe weiß,
wäre es schwarz und nicht weiß,
hieße es sicherlich Inky.

3

Ein Schrebergärtner aus Schwaben
war wütend auf mehrere Raben,
denn sie wollten in seinem Garten
an Obst von allerlei Arten
sich zur Erntezeit unerlaubt laben.

4

Eine Kunstjournalistin aus Polen
wollte sich künstlerisch erholen.
Darum lustwandelte sie
durch die Gemäldegalerie
auf leisen beschwingten Sohlen.

5

Ein zorniger Mann aus Bayern
bewarf den Minister mit Eiern.
Er hat zwar nicht getroffen,
denn er war ziemlich besoffen,
aber es war für alle ein Grund zum Feiern.

6

Auf einer Reise nach Rom
suchten wir den Petersdom,
doch da war an der Stelle
nur eine kleine Kapelle,
und keiner sprach Italienisch in Rom.

7

In der Kurkapelle von Kühlungsborn
blies ein Jüngling das Klappenhorn.
Er blies es mit prächtigen Posen,
doch das ging meist in die Hosen.
Darum saß er stets hinten, nicht vorn.

8

Es beschmierte ein Jüngling in Wedding
die U-Bahn mit seinem Edding.
Er schrieb ACAB auf alle Wände.
Leider sind solche Schmierfinkenhände
nicht selten in unserem schönen Wedding.

9

Ein Polizist in Waidmannslust
ging stets mit stolzgeschwellter Brust,
doch er fing keine Diebe,
sondern war aus auf Liebe.
Das haben auch alle Diebe gewusst.

10

Am Tegeler See in Tegel
gibt es viele lockere Vögel.
Zum Wandeln an der Greenwichpromenade
ist ihnen meist die Zeit zu schade.
Sie setzen viel lieber die Segel.

11

Zwei Mädchen aus Tempelhof
gingen gemeinsam zum Schwoof.
Dort wollen die Balzer
immer nur Walzer,
doch das fanden sie beide doof.

12

Ein Fischer von der Insel Rügen
verstand sich aufs Beste zum Lügen
und erzählte dann stundenlang
von seinem Haifischfang
im Bodden der Insel Rügen.

13

Eine junge Frau aus Schöningen
hörte man den ganzen Tag nur singen.
Vom Aufstehen bis zum Schlafen
übte sie alle Oktaven,
aber das hohe C wollte ihr nicht gelingen.

 

14

Einen traurigen Alten aus Bordeaux
zwickte im Nachthemd ein Floh.
Er hat das Tier, das ihn plagt,
ins Bett seiner Frau verjagt-
Nun ist er so richtig schadenfroh.

15

Der Kumpel Kowalski aus Herne
aß für sein Lebtag den Knoblauch so gerne,
doch dessen Duftes wegen
mieden ihn seine Kollegen
und sprachen mit ihm nur aus der Ferne.

16

Ein kleiner Kaufmann in Emden
handelte vor allem mit Hemden.
Besonders die kunterbunten
gefielen seinen Kunden,
auch wenn sie am Hals manchmal klemmten-

17

Ein Politiker aus Dresden
unterstrich seine Reden mit Gesten.
Er ruderte wild mit dem Arm,
doch fehlte ihm dabei der Charme.
Er gehörte eben nicht zu den Besten.

18

Ein Mann aus Schleswig-Holstein
hatte ein tätowiertes Holzbein.
Er lockte oft Frauen,
das Wunderbein anzuschauen.
Die fielen dann auf seinen Schmuck rein.

19

Eine romantische Frau aus Trier
spielte am Nachmittag immer Klavier.
Weil ihre Finger die Tasten
nicht immer richtig fassten,
fürchten die Nachbarn die Zeit ab halb Vier.

 

20

Ein Pastor in Hannoversch Münden
predigte gern über Sünden.
Er hatte sie selbst schon probiert
und sie auch gründlich studiert.
Das wollte er nun der Gemeinde verkünden.

21

Eine einsame Dame aus Celle
steht oft an der Bushaltestelle.
Trifft sie dort einen Mann,
macht sie ihn betörend an
und schüttelt dabei ihre Dauerwelle.

22

Ein alter Freund aus Tel Aviv
schrieb mir neulich einen Brief.
So habe ich erfahren,
dass er wie in frühern Jahren
auch dies Jahr in der Sukka schlief.

23

Ein schmucker Mann aus Salzgitter
war ein richtiger tapferer Ritter.
Wenn ängstliche Damen
vor Schreck zitternd zu ihm kamen,
beschützte er sie bei Gewitter.

24

Eine fromme Frau aus der Bischofsstadt Fulda
hört auf den Namen Hulda.
Sie wollte in die Messe gehen,
aber leider musste sie dort stehn,
denn es war für sie kein Stuhl da.

25

Adolph Knigge, begraben in Bremen,
schrieb ein Buch über gutes Benehmen.
Wer sich daran nicht hält,
hat verspielt in der Welt
und soll sich sein Leben lang schämen.

 

26

Ein geiler Lustgreis in Düren
wollte die Tochter des Nachbarn verführen,
doch der bekam davon Wind
und beschützte sein Kind
und ließ den Alten den Leibriemen spüren.

27

Eine alte Dame aus Rostock
trug gern einen Schottenrock.
Damit spazierte sie munter
die Warnow rauf und runter,
wegen des Alters leider am Krückstock.

28

Ein Gesundheitsapostel aus Bad Doberan
trank jeden Tag ein Glas Tran.
Er verzog dabei keine Miene,
weil es doch der Gesundheit diene,
aber das war wohl nur so ein Wahn.

29

Die Bürger im pfälzischen Hambach
sind politisch stets hellwach.
Beim Kampf für die Demokratie
versagen sie nie,
doch beim Wein werden sie schon mal schnell schwach.

30

Eine Tante in Koblenz am Deutschen Eck
bekam einen furchtbaren Schreck,
denn sie wollte ihren Neffen
an seinem Geburtstag treffen,
doch als er sie sah, lief er weg.

31

Ein Bube aus Hinterzarten
konnte es kaum erwarten,
dass er endlich mit 16 Jahr
in allen Filmen ab 16 war.
Da sah er dann allerlei Hinternarten.

 

32

Ein begabter Tüftler aus Holzminden
wollte das Rad neu erfinden.
Aber wie er es auch anfing –
das neue fortschrittliche Ding
drehte sich stets nur nach hinten.

33

Das fränkische Bad Staffelstein
ist nur ein Kurbad zum Schein.
Statt bitterer Heilbrunnenwässer
leeren die Gäste lieber Fässer
von fränkischem Bier und Wein.

34

Eine Polizistin in Bern
sah nach Feierabend gern fern.
War sie dann endlich daheim,
verschlang sie genüsslich sex and crime
immer wieder und stundenlang gern.

35

Ein hübsches Marjellchen aus Rossitten
ließ zum Tanz sich gerne bitten.
Die Lorbasse sahen
im Winter gern von Nahen
ihre – NEIN! ihren Schlitten.

36

Ein eifriger Lehrer aus Britz
hatte nen weißen Spitz.
Der lernte von ihm ganz fix
viele lustige Tricks.
Was er nie lernte, war „Sitz!“

37

In einem Kirchengewölbe in Aurich
war es oft sehr düster und schaurig.
So traute sich kaum einer rein,
und der Pastor war dann allein
und deshalb natürlich sehr traurig.

 

38

Ein Straßenfeger aus Polle
bekam zum Geburtstag nen Pulli aus Wolle
Für den hat er geschwärmt,
weil er im Winter so gut wärmt.
Da freute er sich wie Bolle.

39

Herr Stünkemeier aus Werdohl
aß für sein Leben gern Kohl.
Deshalb entließ er peinliche Düfte,
wo immer er ging, in die Lüfte
und fühlte sich trotzdem so richtig sauwohl.

40

Im Mindener Dörfchen Hille
vermisste sein Mann seine Brille.
Weil er nicht fand, was er sucht,
hat er furchtbar geflucht,
doch als er sie fand, war er stille.

41

Ein junger Mann aus Stralsund
hatte nen deutschen Schäferhund.
Der musste auf allen Vieren
mit ihm immer wieder exerzieren.
Nun ist er Gefreiter beim Bund.

42

Ein schüchterner Junge aus Brixen
liebte vor allem die Nixen.
Die haben ihn nicht erhört,
was ihn sehr empört.
So blieb ihm nur das Wichsen.

43

Eine Künstlerin in Worpswede
kam in Kunstkreisen ins Gerede,
denn sie malte in einem Stil,
der den Sammlern und Käufern gefiel,
aber das macht doch eigentlich jede.

 

44

Ein junger Mann aus Osnabrück
suchte in der weiten Welt sein Glück.
Doch wohin er sich auch begab,
nirgends fiel für ihn was ab.
Da fuhr er ganz traurig wieder zurück.

45

Ein Matrose aus Leer
erzählte gern von Reisen auf dem Meer,
von gefährlichen Riffen
und schaukelnden Schiffen,
und so schaukelte er heim hinterher.

46

Eine Frau aus Erlangen
ist mit ihrem Hund spazieren gegangen.
Er folgte ihr brav,
hielt sie wohl für sein Schaf
und hätte sie sicher bei Flucht gefangen.

47

Zwei junge Männer aus Venedig
hörten im Markusdom eine Predig
über die Pflichten und Lasten
der Ehe. Da fassten
sie den Schluss: Wir bleiben ledig.

48

Ein Russe in Wladiwostok
ging abends immer um den Block.
Weil das für Moskau noch früh war,
ging er trotzdem in die Mir-Bar
und trank einen Wodka on the rock.

49

Elf Männer im Städtchen Peitz
spielten Fußball statt eines Streits,
wobei dann zahlreiche Tore fielen,
denn sie konnten immer gut zielen
standen aber meist im Abseits.

 

50

Beim Spaziergang in Pankow an der Panke
kam mir ein interessanter Gedanke:
Warum wird Schnaps als Kraftfahrerproviant
von der Obrigkeit anerkannt
und deshalb rund um die Uhr verkauft an der Tanke?

51

Ein alter Mann in Lima
hat seine Freude am Klima.
Warmer Wind und Sonnenschein
schmeichelt seinem Rheumabein,
und das findet er prima.

52

Ein Teenager aus Schweden
hielt gern ganz lange Reden:
Man soll die Erde retten
und nicht durch die Lüfte jetten,
doch das überzeugt nicht jeden.

53

Eine Frau aus der Ukraine
war stolz auf ihre schönen Beine.
Sie zeigt sie gerne her,
immer noch ein bisschen mehr.
da war sie nur selten mal alleine.

54

Ein anderer Mann aus Düren
zahlte keine Rundfunkgebühren.
Das fand die Gehehzett
überhaupt nicht nett
und ließ ihn die Zwangsvollstreckung spüren.

55

Ein Landwirt bei Königslutter
mischte Fischmehl ins Rinderfutter.
Das machte er jeden Tag,
und es brachte guten Ertrag,
doch schmeckt man es auch an Milch und Butter.

 

56

Eine Witwe in Berchtesgaden
verkaufte Strümpfe in ihrem Laden.
Sie hat die selber gestrickt,
und das ist ihr immer geglückt,
denn sie nahm Maß an des Pfarrers Waden.

57

Ein Junggeselle in Bayreuth
hat sich über Verwandtenbesuch gefreut.
Die blieben dann Wochen, nicht Tage.
In dieser peinlichen Lage
hat er die Einladung ehrlich bereut.

58

Ein junger Leutnant aus Cham
stand bei der Parade stets stramm,
doch ertönte die Marschmusik,
hielt ihn nichts mehr zurück.
Dann blies er dazu auf dem Kamm.

59

Ein Trunkenbold aus Dachau
macht oft in der Wohnung Radau.
Wenn  das der Nachbar hört
fühlt er sich immer gestört.
So hellhörig ist der Neubau.

60

Ein Kavalier aus Eichstätt
Schenkte der Nachbarin ein Boukett.
Er zeigte zwar all seinen Charme,
doch sie wurde nicht mit ihm warm.
So blieb er allein in seinem Doppelbett.

61

Beim Sportfest wurde ein Fürther
beim Hürdenlauf nur Vierter.
Drei haben ihn schnell überholt,
doch einer hat das nicht gewollt.
er war lieber Fünfter statt Fürther.

 

62

Ein Trunkenbold aus der Oberpfalz
liebt das Getränk aus Hopfen und Malz.
Schon beim Durchschreiten der Wirtshaustür
ruft er „Frau Wirtin, ein Bier!“
und gießt es sich gleich in den Hals.

63

Eine ältere Frau aus Regen
ließ sich einmal die Karten legen.
Das versprach ihr ein glückliches Morgen
ganz ohne Kummer und Sorgen.
Leider wurde nichts aus dem Segen.

64

Ein Bettler aus Wunsiedel
spielte mehr schlecht als recht Fiedel.
Es war kaum zu ertragen,
doch an allen Werktagen
stand er eifrig am Eingang von Lidl.

65

Ein stolzes Mädchen aus Weiden
konnte ihren Verehrer nicht leiden.
er wollte mit ihr schmiegen,
doch sie ließ ihn links liegen.
Da wurde das nichts mit den beiden.

66

In dem kleinen Städtchen Bretten
war eine Hausfrau beim Hemdenplätten.
Sie zählte immer sechs Stück.
Die gab sie am Sonntag ganz glatt dem Gatten zurück.
Da konnte ihr Mann drauf wetten.

67

Ein armer Mann aus Bruchsal
beklagt des Lebens Mühsal.
Was immer er macht:
er  wird stets ausgelacht.
Da verfällt er natürlich in Trübsal.

 

68

In einem Wirtshaus in Bühl
ist es im Winter immer kühl,
doch es gibt auf Wunsch
einen guten heißen Punsch.
Da hat der Gast ein warmes Gefühl.

69

Ein Finanzbeamter in Grevesmühlen
hielt nicht viel von Liebesgefühlen.
Wenn sie ihn doch überkamen,
dachte er nicht an schöne Damen,
da konnten die Zahlen ihn schnell wieder kühlen.

70

Ein junger Mann aus Meißen und seine Braut Lisa
planten Flitterwochen in Pisa.
Doch weil das Geld zu knapp,
sagten sie die Reise ab
und fuhren zum Nudeln nach Riesa.

71

Ein zwielichter Gastwirt in Lahr
hat im Hinterzimmer ne Bar.
Da wird bis spät in die Nacht
die Stadtpolitik gemacht,
und der Bürgermeister zahlt die Zeche in bar.

72

Ein Athlet aus Weingarten
will bei Olympia starten.
Die Spiele haben für ihn
keine passende Disziplin.
Er spielt ja nur Karten.

73

Ein frecher Bube aus Biarritz
machte sich einen Witz.
Er klingelte im ganzen Haus
die erschreckten Nachbarn raus
und verschwand dann wie der Blitz.

 

74

Ein Bauer in Niedersachsen
sah auf seinen Feldern viel Unkraut wachsen.
Er nahm aber kein Glyphosat,
sondern hörte auf des Dorfpfarrers Rat
und ließ es einfach wachsen.

75

Ein Hotelkoch in Schwaben
fand in der Küche zwei Schaben.
Er erschlug sie auf der Stelle
mit der großen Suppenkelle,
denn er wollte sie bei sich nicht haben.

76

Ein Hausarzt in Wollin
verschrieb den Patienten fast nur Aspirin.
Das half zwar nicht viel,
aber erreichte damit sein Ziel:
sie blieben treue Kunden der Medizin.

77

Ein ehrgeiziger Student aus Budapest
nahm teil an einem Intelligenztest.
Er konnte auf alle gestellten Fragen
keine richtige Antwort sagen.
So kam er nicht auf das Siegerpodest.

78

Ein Pfälzer namens Peter Mohr
singt im Berliner Vorwärtschor
und er trinkt lieber Wein statt Selter.
nun ist er ein Jahr älter
und behält dennoch den Humor.

79

Ein Mädchen aus St. Gallen
wollte den Burschen gefallen.
Sie trug sehr knappe Kleider,
doch das gefiel leider
in St. Gallen nicht allen.

80

Der Rat der Stadt Vaduz
duldete keinen Schmutz.
Jeden Tag wurde gekehrt mit den Besen,
und in der Zeitung konnte man lesen,
dass Vaduz nun immer im schönsten Putz.

81

Das Prado-Museum Madrids
besuchte der Kölner Herr Schmitz.
Besonders hat es ihm angetan
das Bild vom heil’gen Sebastian.
Der Nackige machte ihn spitz.

82

Ein Fräulein aus der Uckermark
spazierte gern in einem Park.
Da bekamen die Tauben Körner zu fressen.
Sie selbst hat sowas nie gegessen.
Zum Frühstück gab es bei ihr immer Quark.

83

Das Frühstück eines Mannes aus Ergste
war immer nur das kärgste.
Er aß immer trocken Brot,
doch seine Wangen waren immer rot
und im Dorf war er der Stärkste.

84

An der Moldau im schönen Prag
ein Mann am Ufer des Flusses lag.
Die warmen Strahlen der Sonne
waren ihm eine Wonne,
wie das wohl jeder im Sommer gern mag.

85

Ein Mime aus Allenstein
spielte gern Wallenstein.
Seinem Regisseur
gefiel das nicht sehr
und kriegte prompt einen Gallenstein.

86

Ein musikbegeisterter Mann in Kirchlengern
traf sich im Verein mit anderen Sängern.
Da konnten siefröhliche Lieder singen
und außerdem und vor allen Dingen
nach ein paar Bier auf dem Heimweg den Gesang noch verlängern

87

Eine grübelnde Frau aus Braunlage
plagte schon lange die Frage,
ob auf dem naheliegenden Brocken
wirklich manchmal Teufel und Hexen rocken.
Sie zweifelte an der Walpurgisnachtsage.

88

Eine einsame Witwe aus Lausanne
wünschte sich sehr einen Mann.
der fröhlich, aktiv und nicht krank
und mit reichlich Geld auf der Bank,
doch so einer biss nicht bei ihr an.

89

Ein alter Schlappenflicker aus Pirmasens
genoss seinen achtzigsten Lenz.
Er feierte groß im Kreis seiner Lieben,
die ihm bis heute  geblieben,
allerdings mit abfallender Tendenz.

90

Eine Hausfrau im Rheinstädtchen Kaub
wischte in ihrer Wohnung Staub.
Wenn sie dabei jemand störte,
blieb sie stumm und hörte
nicht hin und stellte sich taub.

91

Ein Maurermeister aus Löhne
war stolz auf seine vier Söhne.
Sie mussten tagein und tagaus für ihn mauern,
doch zu ihrem großen Bedauern
zahlte er nie ihre Löhne.

92

Ein Dorfbürgermeister in Pakistan
hatte Schmerzen an einem Backenzahn.
Es war kein Dentist in der Näh,
und der Zahn tat so weh.
Da fuhr er zum Dentist mit der Eisenbahn.

93

Eine Kunstmalerin auf Hawaii
malte ihr eigenes Konterfei
mit schwarzen Kringellöckchen
und einem kessen Baströckchen.
So stand sie in Honolulu am Kai.

94

Die Frau eines Kaufmanns in Wernigerode
kleidet sich nach der neuesten Mode.
Ihr Mann trug nur alte Klamotten,
angefressen von den Motten.
So war er ihr Kleidungsantipode.

95

Ein Landwirt in der Gegend von Landau
lebte nur vom Tabakanbau.
Er selbst hat nie im Leben geraucht
und auch Schnupftabak nicht gebraucht.
So wurd‘ er bei bester Gesundheit alt und grau.

96

Ein Leichtathlet aus Ochsenfurt
hörte auf den Namen Kurt.
Im Wettkampf tat er sich schwer
und lief meist hinterher.
Es reichte bei ihm nur zum Zwischenspurt.

97

In Unna in der verrufenen Unna-Bar
sind die Damen zu Fremden stets unnahbar.
Sie locken jedoch mit ihren Reizen,
wenn die Gäste nicht geizen.
Dann zahlen die Fremden gern in Unna bar.

98

Im Rat der stolzen Stadt Kassel
gibt es oft ein wildes Gequassel.
Die wollen Hüh und die wollen Hott
oder ein I für ein Jott.
Das führt dann zu einem großen Schlamassel.

99

In Augsburg am Ufer des Lech
hatte ein Antiquitätenhändler Pech.
Er kaufte für viel Geld Geschmeiden.
Das wollten die Kunden nicht leiden,
denn statt Gold war alles nur Blech.

100

Unter den Bewohnern von Unkel
gibt es seit langem Gemunkel:
Wer wird neuer Bürgermeister?
Der oder der? Und wie heißt er?
Die Sache bleibt wohl noch recht lange dunkel.

101

Ein Maurermeister in Opladen
liebte über alles die Fassaden.
Vom ersten bis zum sechsten Stock
schwelgte er in Spätbarock,
und unten gab es immer einen Laden.

102

Ein Rettungsschwimmer am Strand von Misdroy
war überhaupt nicht scheu.
Wenn schöne junge Damen
an seinem Platz vorüber kamen,
grüßte er sie mit einem frohen „Ahoi!“.

103

Eine junge Kaufmannsfrau aus Misdroy
war ihrem Mann oft nicht treu.
Dann lernte sie einen kennen,
mit dem wollte sie durchbrennen,
denn er hatte Geld wie Heu.

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Max Kaus. Unter Freunden. Eine Ausstellung des Brücke-Museums

 

Als ich vor einigen Tagen das Brücke-Museum aufsuchte, beschwerte sich da eine Besucherin, dass nicht die Werke der bekannten Brücke-Künstler gezeigt werden. Sie hatte wohl nicht wahrgenommen, dass in dem Museum am Bussardsteig gerade eine Ausstellung mit dem Titel „Max Kaus. Unter Freunden“ lief, und weil der Künstler Max Kaus mit einigen Malern aus dem Brücke-Kreis befreundet war, kann man in dieser Ausstellung auch einige Werke von bekannten Brücke-Künstlern sehen.

„Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt.“ Dieser Satz aus dem Gründungsmanifest der Brücke-Gruppe ist ein Schlüssel zu der Freundschaft, die Max Kaus und Erich Heckel seit ihrer gemeinsamen Dienstzeit in einem deutschen Sanitätszug in Ostende verband. Heckel inspirierte Kaus zu einem offenen Malstil, der sich durch dessen ganzes Lebenswerk fortsetzte. Nach dem Kriegsende 1918 bestand diese Freundschaft in Berlin fort, und bald kamen auch andere bekannte Brücke-Künstler hinzu: Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein, Otto Mueller.

Beim Rundgang durch das Museum erfährt man, wie zuerst der Malstil von Max Kaus von den neuen Freunden beeinflusst wurde. Beispielhaft schauen wir dazu die kleine Serie von Selbstporträts aus den Jahren 1919 und 1920 an. Aus dem mehr skizzenhaften Bild wird ein Werk, das schon nah an Heckel ist, jedoch nicht die Aufgeregtheit der Brücke-Künstler teilt, sondern das Antlitz als Bestandteil eines komponierten Bildes einsetzt.

Das damals sehr beliebte Motiv der Badenden am Strand nimmt auch Max Kaus auf. Wir sehen da die Badenden von Schmidt-Rottluff und Otto Mueller, die die vibrierende Sommerglut einfangen, und dazwischen die „Badenden am Strand“ von Kaus – ein ruhiges Bild mit Personen, die inszeniert erscheinen. Kaus malte nicht skizzenhaft am Ort. Die Bilder entstanden im Atelier, wo das Bildgeschehen flächenhaft konstruiert werden konnte. Die Natureindrücke wurden in eine gewollte Geordnetheit überführt.

Foto Brücke-Museum, Nick Ash

Im Weitergehen erleben wir Kaus‘ Annäherung an die Abstraktion, die aber nie den Bezug zum gegenständlichen Motiv verliert. Bereits in den „Zillen und Ziegelei“ (1931) beginnen die Farben ein Eigenleben, für das das Sujet selbst nur ein Vorwand zu sein scheint.

Mit der Ausstellung „Max Kaus. Unter Freunden“ ist dem Brücke-Museum ein vielfacher Coup gelungen. Zuerst eröffnet sie den Blick auf das Lebenswerk von Max Kaus. Sodann kann der Betrachter die Entwicklung des Malers miterleben, von der ersten Annäherung an die Vorbilder bis zum eigenständigen Schaffen. Da die meisten Bilder aus dem Archiv des Brücke-Museums stammen, das die größte Sammlung von Kaus-Werken besitzt, die meisten Geschenke von Erich Heckel und Kaus‘ Ehefrau, sieht man Bilder, die wohl nicht so bald wieder in einer Ausstellung präsentiert werden. Wie geht Kunstgeschichte? wird beim Rundgang erfahrbar.

Die eingangs zitierte enttäuschte Besucherin gehört vielleicht zu dem Kreis der Kunstfreunde, in deren Wohnzimmern gerahmte Kunstdrucke der Brücke-Maler die Nippes ihrer Großeltern abgelöst haben. Sie hat die Ausstellung sicher mit neuen Eindrücken verlassen.

21.07.2020; Manfred Wolff

Max Kaus. Unter Freunden

Brücke-Museum
Bussardsteig 9
D-14195 Berlin Dahlem
www.bruecke-museum.de

15.Mai bis 30.August 2020
Öffnungszeiten Mi-Mo 11-17 Uhr. Dienstags geschlossen.

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Vor 150 Jahren Deutsch-französischer Krieg

 

 

Einen sehr denkwürdigen und lesenswerten Schatz hat der Pop Verlag gefunden: Carl von Bülow, Kriegsbriefe aus den Jahren 1870–1871. Die Briefe des mecklenburgischen Oberleutnants aus dem deutsch-französischen Krieg zeichnen sich als eine besondere Quelle aus. Sie sind keine Erinnerungen, die ja oft Lücken aufweisen oder heroisierend ergänzt werden. Carl von Bülow schreibt nahezu täglich an seine Frau und berichtet, was er in diesem Krieg erlebt, mit wem er zusammentrifft, in welchen Orten er sich aufhält, wie er Landschaften und Wetter wahrnimmt. Sein Leibkoch kommt ebenso zur Sprache wie der Großherzog. Humor und Empathie durchziehen die Briefe.

Wenn sich in diesem Sommer der deutsch-französische Krieg zum 150. Male jährt, werden in den Briefen Carl von Bülows nicht die politischen Entscheidungen und die strategischen Überlegungen des Feldzugs analysiert. Der Leser nimmt teil an einem Kriegstheater, wie es heute nicht mehr möglich ist, und dem immer wiederkehrenden Wunsch des Autors, dass doch endlich wieder Frieden herrsche.

Hier ein paar Blicke ins Buch.

***

Barmbek bei Hamburg, den 26. Juli 1870

Seit 3 Uhr residiere ich hier in einem reizenden Quartier beim Rentier Mewius und habe bisher meine Zeit mit Essen, Trinken und Schlafen auf edle Weise verbracht, sodass ich mich jetzt überaus frisch und wohl fühle.

Trotz des Trennungsschmerzes zählte der heutige Ausmarsch aus Schwerin zu den schönsten Momenten in meinem Leben! Unterwegs wurden wir überall mit Hurrah und Tücherwehen begrüßt! Wir bleiben wohl längere Zeit hier!? Tausend Grüße an alle.

 

Barmbek, den 27. Juli 1870

Wir befinden uns hier überaus wohl! Barmbek trägt den Charakter eines Badeortes, obgleich es kein solcher ist; einzelne Häuser zwischen Gärten und langen Lindenalleen! Meine Wirtsleute sind einfache biedere Hamburger, Herr und Frau Mewius, die sich als „Rennthiere“ hier niedergelassen haben. Eine kleine verwachsene freundliche Nichte spielt die Tochter des Hauses und das Klavier recht gut. Ich bewohne ein reizendes Balkonzimmer, und hat Frau Mewius mir ihr Boudoir zum Schlafzimmer eingeräumt. Ich fühle mich hier höchst souverain in meiner Eigenschaft als detachierter Kompanieführer. Es ist ganz angenehm, alles selbst zu kommandieren und nach seinem Kopfe einzurichten!

Heute Morgen um 8 Uhr ritten Hauptmann von Pritzbuer[1], Leut. von Schroetter und ich (die 11. und 12. Kompanie liegen hier in dem großen langgestreckten Barmbek) spazieren. Ich ritt das mir gestellte Pferd, einen kleinen Braunen, heute zum ersten Mal, und bin recht zufrieden damit; wenigstens erregte ich den Neid aller Hauptleute, die sich schlechtere Pferde ausgesucht haben. Wir trafen vor dem Ort Major von Zeuner[2] und ritten mit ihm zusammen nach Wandsbek, wo der Stab des Bataillons mit der 9. und 10. Kompanie liegt. Ich begrüßte hier Adolf[3], der später wieder eine Visite bei uns in dem ½ Meile entfernten Barmbek machte. Wandsbek erinnert sehr an Charlottenburg bei Berlin. Heute Abend reite ich noch mein eigenes Pferd, um die Gegend kennenzulernen.Morgen früh von 7 Uhr ab exerziere ich dann zum ersten Mal eine kriegsstarke Kompanie[4].

Herzliche Grüße an alle, besonders an meine lieben Eltern.

 

Barmbek, den 28. Juli 1870

Mir geht es hier ganz vortrefflich, und das Leben als Kompanieführer sagt mir immer mehr zu. Ich habe heute meine Kompanie ordentlich umher getummelt und habe meine Freude an dem munteren Wesen der Leute gehabt. Heute Mittag aß ich mit den übrigen Offizieren im Hotel, da mir die spießbürgerliche Unterhaltung meiner Wirtsleute anfängt, langweilig zu werden. Morgen wird die 11. und 12. Kompanie nach Hohenfelde (auch eine Vorstadt Hamburgs) verlegt. Ich werde dann auch wohl einmal nach Hamburg hineingehen.

Herzliche Grüße an alle.

Eben zog ich mit meiner Kompanie in den Ort ein, wir kommen vom Exerzieren zurück. – Die Leute sangen mit Begeisterung „Die Wacht am Rhein“.

 

Kiel, den 31. Juli 1870. Morgens 9 ½ Uhr

Seit Donnerstag, den 28. habe ich nicht zum Schreiben kommen können! Höret kurz meine Erlebnisse! Zunächst, dass es mir wie uns allen überaus wohl ergeht! Am Freitag, den 29. rückte ich morgens 6 ½ Uhr aus Barmbek aus nach Wandsbek, von wo das Bataillon vereinigt nach einem ½ Meile entfernten großen Exerzierplatz rückte. Hier manövrierten wir circa drei Stunden bei großer Hitze und kehrten erst gegen 12 Uhr in unsere Kantonnements zurück. Ich wollte gerade meine Leute entlassen, als Adolf angesprengt kam mit der Nachricht, wir würden wahrscheinlich nachmittags alarmiert werden, und sollten alles bereithalten. Als ich nach Tische beim Kaffee mit der gemütlichen Beschäftigung des Revolverladens fertig war, erhielt ich den Befehl, sofort Generalmarsch[5] schlagen zu lassen und nach dem Altonaer Bahnhof marschieren.

In zehn Minuten stand meine Kompanie zum Abmarsch bereit, und fort ging es, von einer großen Menschenmenge begleitet, unter Führung eines ganz in Weiß gekleideten, mit einem kolossalen Sombrero (Strohhut) versehenen und auf einem kleinen Pony reitenden Hamburger Patrioten (den ich als Adjutanten benutzte) durch die weitläufigen Vorstädte nach Hamburg, über den Alsterdamm nach Altona und durch diese Stadt hindurch nach dem Bahnhofe, eine Strecke von 1 ¼ Meilen im beschleunigten Marschtempo. Hinter der 11. Kompanie marschierte die 12. Kompanie. Ich ritt somit an der Tête der Kolonne[6] und war der Erste, der dem auf dem Bahnhof harrenden Oberst von Kleist die Meldung von dem Eintreffen seiner Kompanie machte.

In Hamburg traf ich mit meinem Bruder Adolf zusammen, der mir erzählte, wir wären nach Kiel bestimmt. Es währte fast 2 Stunden, bevor alle Kompanien eingetroffen waren und die Vorbereitungen zur Abfahrt beendet. Tausende von Menschen umstanden den Bahnhof, aber niemand labte unsere erschöpften Soldaten als nur die Straßenjungen und ein in der Nähe befindlicher Bäckerladen für schweres Geld. Der Patriotismus der Hamburger, Kieler pp. zeigt sich überhaupt mehr in der Angst für ihre Kaffeesäcke und in Aufrufen an die Bewohner Barmbecks etc. als in der Unterstützung der hungernden Vaterlandsverteidiger. Gegen 8 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung, und langten wir in dunkler Nacht um 12 Uhr in Kiel an. Die Garnison war soeben alarmiert worden, weil man von Friedrichsort[7] aus durch Raketen „feindliche Schiffe in Sicht“ signalisiert hatte; es war aber blinder Lärm gewesen.

Um 2 Uhr nachts rückten wir in unsere Quartiere ein; ich logiere in „Stadt Altona“. Gestern und heute hatte ich viel mit der Einrichtung der großen Quartierräume (die Leute liegen in Tanzsälen, Turnhallen etc.) und Kochgelegenheiten zu tun. Gestern Nachmittag ritt ich mit Major von Zeuner

***

Geschrieben Sonnabend, den 8. Oktober 1870. Vormittags zu Champ Breton östlich Coulommiers[1]

Am Sonnabend, den 24. September früh erhielt ich den Befehl, um 9 Uhr mich mit meiner Kompanie (ich lag die Nacht detachiert in Dommartin, weil ich auf Vorposten gewesen) zum feierlichen Einzug in Toul bereitzuhalten. Ich marschierte über die große Moselbrücke (auf der eine Blutlache die Stelle bezeichnete, auf welcher ein französischer Sergeant von unsern Jägern erschossen) und dann links ab auf dem Glacis der Festung bis zur Vorstadt St. Evre, wo Major von Zeuner sein Bataillon sammelte. Überall Kugelspuren in den Wällen, an den Sandsteinmauern, das Glacis zum Teil gepflügt von Granaten, in St. Evre Haus bei Haus zerschossen. Französische Gefangene, auf Ehrenwort entlassene Offiziere, kamen scharenweise aus dem Tor und rauchten höchst fidel ihre Zigarre. Die Touler strömten mit Weib und Kind hinaus, um nach 6-wöchentlicher Einschließung in ihren finstern Kellern den herrlichen Sonnenschein zu begrüßen, um sich den „furchtbaren“ Feind anzusehen und um zu wehklagen über die Verwüstungen in ihren Gärten und Weinbergen.

Gegen 10 Uhr marschierte unser Bataillon durch St. Evre nach dem Rendezvous-Platz der Division bei dem von den Franzosen in Brand geschossenen Gehöft La Justice. Kurz vor 11 Uhr ritt der Großherzog durch die Truppen, mit lautem Hurrah begrüßt; dann begann sukzessive der feierliche Einzug der Truppen in Toul. Die Fahnen wurden entfaltet und hinein gings in die feindliche Festung mit klingendem Spiel, das klingt schon so poetisch, wenigstens für einen Soldaten, aber es klingt auch nur so, denn wenn man zufällig die 11. Kompanie führt, die fast als letzte des Regiments ½ Meile im Laufschritt zurücklegen muss durch die Vorstadt, die engen Festungstore, die engen Straßen mit unendlich vielen Windungen, nur um zuletzt die Ehre zu haben, vor dem Großherzog in geschlossener Kolonne vorbeizustrampeln – da vergisst man die Poesie! Der Parademarsch ging übrigens ausgezeichnet! Nach demselben marschierten die Truppen auf einem Platz auf und ritt der Großherzog unter dem tausendfachen Hurrah die Front hinunter.

Wir freuten uns jetzt auf die schönen Quartiere, aber Prosit Mahlzeit – wir mussten auf der Straße und auf dem Festungswall abkochen lassen. Wir Offiziere suchten uns zum Teil in den Restaurationen der Stadt etwas zu essen, aber nur unser Wolfshunger konnte die zähen Beefsteaks bezwingen. Am Abend um 6 Uhr erhielten wir endlich unsere Billets, und ich ließ mich von einem kleinen 8-jährigen Deutschen (es gibt in Toul viele „allemands“) nach meinem Quartier in der Grande Rue führen.

Beim Einzug hatte ich keine Zeit gehabt, auf die Verwüstungen zu achten, die unsere Artillerie in der Stadt angerichtet. Jetzt erst hatte ich Muße dazu. Die durchgehends stark massiven Mauern ließen die Verwüstungen teilweise nicht so stark erscheinen, wie sie in Wirklichkeit waren; ganze Häuserreihen waren ausgebrannt, aber die Wände standen. Die Straßen waren mit Schutt angefüllt; die Kelleröffnungen mit Dung etc. geschlossen, um sie gegen Kugeln zu sichern, denn in diesen „caves“[2] hatten die Familien die letzten Wochen gelebt. Mein Wirt war ein alter, ewig „Oweh“ schreiender Jude, gepflegt von seiner nicht mehr ganz jungen, aber leidlich aussehenden Nichte. Zum Glück hatte ich selbst Lebensmittel bei mir, da mir die Judenwirtschaft nicht sehr appetitlich war. Bald schlief ich fest in einem sehr guten Bett.

Am Sonntag, den 25. September vormittags besuchte ich die Stadt und die Wälle; von den letzteren aus erschienen unsere auf den Höhen innegehabten Stellungen so nahe, dass es fast unbegreiflich erscheint, dass die Franzosen nie getroffen und wir somit keine Verluste haben. Ich frühstückte dann mit Kameraden im Hôtel de Metz, und setze sich unser Divisionsgeneral – Exzellenz von Schimmelmann[3], ein sehr gemütlicher Herr, zu uns. Damit wir am Sonntag doch ja marschierten, erhielt unser 3. Bataillon den Befehl, um 3 ½ Uhr nach Chaudeney zurückzumarschieren. (Warum?). Wir marschierten über Dommartin; von hier aus ritten von Zeuner, wir Kompanieführer und Adolf im Galopp querfeldein nach Chaudeney und teilten uns schleunigst die Häuser als Quartiere für unsere Kompanien. Ich zog wieder bei meinen Biederwirten ein, die noch vorgestern geschworen hatten: „Toul würde sich nie ergeben!“

Am Montag, den 26. September, rückte ich morgens 5 Uhr bei stockfinsterer Nacht aus Chaudeney aus und marschierte über Dommartin durch Toul, Écrouves bis zum Rendezvous vor Foug. Ich war mit meiner Kompanie zur Bedeckung der Proviantkolonne (unter Premierleutnant Köhler, einem Preußen) und des Fuhrparks (unter Leutnant von Heyden, Landwehroffizier auf Butzow bei Stettin) kommandiert, speziell um sie gegen die bandenweise umherstreichenden Franktireurs zu schützen. Wir rollten mit unserer eine ½ Meile langen Kolonne bis Lay St. Remy, wo von Heyden und ich uns beim Pfarrer l’abbé Laurent, Curé des Ortes einquartierten. Wir requirierten Lebensmittel im Dorfe und luden ihn zum Diner in seinem Hause und abends zu einer „Teesuppe“ ein, denn da er kein Teeservice hatte oder es vergraben, so nahmen wir eine Suppenterrine als Teetopf; darin fünf Suppenlöffel voll Tee und aßen den Tee mit Löffeln! Tassen kennt man hier auch nicht, selbst Grafen trinken ihren Kaffee wie bei uns die Dienstleute aus „Kummis“[4].

Dienstag, den 27. September, schrieb ich dem Maire des Ortes mehrere Bons für von mir requirierte Kühe, Brot, Wein etc., die schwerlich je von der republikanischen Regierung Frankreichs bezahlt werden. Um 6 ½ Uhr rückten wir von Lay St. Remy aus; hinter Void hielten wir die Frühstücksrast; Exzellenz von Schimmelmann ritt vorüber und ich meldete ihm. Dann ging es weiter durch ein Waldtal (Forêt de Palisse); oft sah man neben der Straße niedergebrannte oder richtiger ausgebrannte Häuser, denn die massiven Mauern stürzen nicht leicht; vielleicht war es von den Franzosen geschehen nach Moskaus Beispiel oder von unsern Truppen, weil aus den Häusern auf uns hinterrücks geschossen wurde! Wir waren nach St. Aubin bestimmt; ich ritt vor. O weh! Fast an jeder Tür stand mit Kreide geschrieben „Varioles“, „Pocken“, „Rindviehseuche“, „Typhus“ etc. Hier durften wir nicht bleiben.

***

Da ich nachmittags noch in Gros Bois zu tun hatte, so ließ ich meine Reitpferde satteln, und Adolf von Pressentin begleitete mich auf „Renown“ dorthin. Wir ritten auch eine Strecke in das Holz „Gros Bois“ hinein auf eine Höhe, von der ein großer Wegweiser mit 16 Armen in ebenso viele unendlich lange Schneisen zeigt. Man hat von dieser Höhe aus eine schöne Aussicht auf Schloss Gros Bois. Wir ritten dann über La Folie nach Villecresnes zurück. Hier ließ ich rasch anspannen, und während Vizefeldwebel Havemann mit Herrn Wöhler fuhr, ritten Adolf und ich neben dem Wagen und begaben wir uns so nach Rouhers Schloss Auteuil. Die rasch einbrechende Dämmerung gestattete keine genaue Besichtigung des Innern mehr, und so kehrten wir dann nach einer Tour durch den Park nach unserem Château zurück. Hier ging es am Abend wieder sehr munter zu! Nach dem Diner setzte sich Herr Wöhler an das Pianino und sein meisterhaftes Spiel, mehr aber vielleicht noch sein ausgezeichneter Wein, riss uns sogar zum Tanz fort. Es ward eine Quadrille aufgeführt, und da es mir an einer Dame fehlte, so musste ein Polstertuhl deren Stelle vertreten und sauste derselbe nun auf dem glatten Parkett höchst elegant durch den Salon. Erst um 12 Uhr kamen wir zur Ruhe.

Dafür erblickte uns der nächste Morgen am Freitag, den 28. Oktober, umso später. Erst nach 9 Uhr fanden wir uns am Kaminfeuer und am Kaffeetisch wieder munter zusammen. Mein Wagen hielt vor der Tür, und bald fuhren wir im schönsten Sonnenschein, Bever zu Pferde hinter uns, nach Schloss Auteuil, das die Herren nun einer gründlichen Musterung unterwarfen. Ich habe schon früher die Verwüstungen daselbst geschildert. Als wir uns mittags zum Dejeuner dinatoire setzen wollten, erhielt ich die offizielle Nachricht von der Kapitulation der Festung Metz! Also endlich! Hurrah! Wir leerten natürlich manches Glas auf diesen neuen Erfolg deutscher Waffen und auf einen – baldigen Frieden! Dass dabei auch Clärchens, Friedas und Berthas, und zwar in erster Linie gedacht wurde, ist selbstverständlich! Nach Tisch ließ ich Adolf von Pressentin und Wöhler nach Le Piple fahren, wo sie sich beim Großherzoge melden wollten. Ich begleitete sie zu Pferde bis Schloss Gros Bois, um die Schlosswache zu inspizieren, die, laut Divisionsbefehl wie sämtliche Wachen in Gros Bois, La Folie und Villecresnes, von heute ab von meiner Kompanie gegeben wird.

Kaum war ich gegen 3 Uhr wieder zu Hause angelangt, als das Alarmsignal ertönte. Die Artilleristen jagten mit ihren Pferden durch die Straßen; die Einwohner standen an den Fenstern und in den Haustüren und lachten höhnisch, drohten auch wohl mit den Armen; besonders die alten Weiber. In wenigen Stunden standen die reitende Batterie und meine Kompanie auf dem Alarmplatz bereit. Da kam Adolf von Pressentin mit meinem Wagen zurück, da er mir das vor meinen Kompaniewagen gehörige Pferd zurückbringen wollte. Ich rief ihm zu, er solle sich mein zweites Reitpferd satteln lassen und auf ihm zurückkommen. Wir wollten dann zusammen vorreiten, dem starken, seit längerer Zeit anhaltenden Geschütz- und Gewehrfeuer entgegen. Kaum schickte sich die Batterie an, den Alarmplatz zu verlassen, so sprengte ein Adjutant herbei mit dem bekannten Befehl: „Die Truppen können wieder in ihre Kantonnements rücken.“ Da war es mit der Freude der französischen Hexen vorbei, die gewiss schon die Mistgabel bereithielten, um uns auf der Flucht vollends zu vernichten. Als ich vor meinem Schlosse wieder anlangte, hatte sich Adolf von Pressentin gerade zu Pferde gesetzt, um sich in das blutige Schlachtgetümmel zu stürzen, und bedauerte er unendlich, dass er auf so intrigante Weise um das Eiserne Kreuz gekommen sei. Etwas später kehrte auch Herr Wöhler zurück; er war zu Fuß nach Schloss La Grange gewandert, um dort seinen Verwandten Leutnant Richert zu besuchen. Die Herren erzählten nun von ihrer Visite beim Großherzoge, wie freundlich derselbe gewesen, wie er ihnen Grüße an die Großherzogin aufgetragen etc.

Als wir gegen 8 Uhr soeben unser Diner beendigt hatten und beim Kaffee saßen, trat eine auf dem Kriegstheater sehr ungewöhnliche Erscheinung in das Zimmer; eine lange steife Figur mit langen Beinen und noch längeren Füßen, ganz in Schwarz gekleidet, einer Brille auf der Nase und einem großen Regenschirm in der Hand. Der Mann trat in die Ecke, legte Hut, Schirm und Paletot ohne weiteres ab und setzte sich an den Tisch, ganz wie im Gasthause! Die Gastwirtschaft im Kriege ist aber groß; ich ließ ihm daher gleich die Suppe warm machen, und ließ er es sich schmecken! Es war p.p. Wittstock aus Schwerin, der auch mit einer Sendung Liebesgaben die anderen Herren begleitet hatte. Das Gesprächsthema bildeten den ganzen Abend hindurch am knisternden Kaminfeuer, „während draußen der Wind heulte und der Regen gegen die Fenster schlug“, die furchtbarsten Räuber- und Franktireursgeschichten, nächtliche Überfälle, Halsabschneiden etc. Herr Wittstock schwor, er würde nicht ohne Bedeckung nach Nogent zurückreisen. Mit Gruseln ging er zu Bett, oder aufs Bett vielmehr.

Kaum lag er im ersten Schlummer, da fielen drei Schüsse unter seinem Fenster (mein schalkhafter Kammerdiener Wulf hatte mit einem Knüppel gegen eine mächtige blecherne Wassertonne geschlagen); Wöhler kam lachend auf Socken zu mir gelaufen, ängstlich rufend: „Herr Leutnant! Sei scheiten all. Sei scheiten all!“, und ich rief: „Es soll sofort eine scharfe Patrouille das Dorf absuchen!“ Adolf Pressentin kugelte sich vor Lachen in seinem Bett, und der arme Wittstock stand Todesangst aus!!! Es war recht grausam! Aber die Rache ist süß! Herr Wittstock hatte auf der Reise von Nogent nach Villecresnes einen großen Teil seiner Liebesgaben durch seine Fuhrleute stehlen lassen, natürlich hatte er es in seiner Unbehilflichkeit nicht bemerkt, behauptete aber nun, die Truppen hätten bei der Verteilung manches beiseite gebracht! Dafür musste er nach Kriegsrecht bestraft werden!

***

Es war gestern wie heute bitterlich kalt. Wir zogen mit klingendem Spiel in Chartres ein und defilierten bei Exzellenz von Tresckow. Ich bin bei einem Junggesellen von circa 45 Jahr gut einquartiert. Als ich gestern gegen 5 Uhr in meinem Zimmer allein am Kamin saß, da hatte ich Zeit, an die liebe schöne Heimat zu denken, wie war es vor einem Jahr doch anders! Wie war es vor zwei, drei, vier Jahren und immer ein so frohes gemütvolles schönes Familienfest. Schlag 5 Uhr wurde bei Kanzleidirektors der Tannenbaum angezündet, und „Ilken“ schwamm in Seligkeit! Und um 7 Uhr ging es zu Forstrats, und Fritz hielt uns an den Rockschößen fest, wenn Mama mit der Klingel das langersehnte Zeichen zum Treppensturm gab! Wie war es doch heute so anders!?

Gegen 6 Uhr forderte mich mein freundlicher, liebenswürdiger, wenngleich (wie alle Franzosen) zu geschwätziger Wirt auf, mit ihm zu dinieren. Das Diner war gut, der Wein noch besser, und als Monsieur meinen Trauring bemerkte, da holte er eine noch bessere Sorte aus dem Keller hervor und stieß mit mir an auf das Wohl von „Madame“! Das war doch eine Weihnachtsfreude, und zwar eine recht große!

Abends fanden wir Kameraden vom Regiment uns fast alle auf der Straße zusammen und blickten sehnsüchtig, wie zu Hause die kleinen Bettelkinder, nach etlichen brennenden Tannenbäumen, deren Lichter durch die Fensterscheiben strahlten! Schließlich, nach langem Umherirren, fanden wir einen großen Saal in einem Café und verbrachten hier den Abend bei einer Punschbowle.

Heute, am ersten Weihnachtstage hatten wir Gottesdienst in der Kirche St. Briée; Pastor Lössel hielt eine schöne Rede. Da blieb wohl kein Herz unbewegt. Von der Andacht einer Soldatengemeinde im Kriege kann man sich im Frieden schwer einen Begriff machen. Nachmittags besuchte mich Adolf, und verplauderten wir an meinem Kamin in dem kleinen traulichen Zimmer einige recht frohe Stunden! Über was unterhielten wir uns wohl??!

Um 6 Uhr dinierte ich mit meinem Herrn Hangeon, und unterhielten wir uns bis 8 Uhr über Politik etc. Abends studierte ich die von Bertha erhaltenen Zeitungen.

 

Geschrieben am Montag, den 26. Dezember 1870. Nachmittags 4 Uhr

Heute Mittag war Parade wie in Schwerin. Dann streifte ich mit Adolf und mit Schierstedt auf den Boulevards umher; der lange nicht besuchte Konditor musste auch herhalten. Heute Abend diniert Adolf mit mir bei Ms. Hangeon. Ich habe einen kleinen Tannenbaum auftreiben lassen und will Adolf nach dem Diner damit überraschen. Heute ist ja auch noch Weihnachten!

 

Chartres, den 28. Dezember 1870. Mittwoch

Den zweiten Weihnachtsfesttag (Montag, d. 26.) haben Adolf und ich recht froh verlebt! Mein liebenswürdiger Wirt, Herr Hangeon (Advokat, Rentier und Junggeselle, „Lebemann“), hatte Adolf zum Diner eingeladen. Ich hatte durch meine Leute heimlich einen Tannenbaum besorgen lassen und mit Lichtern und Konfitüren etc. denselben aufgeputzt. Nachdem wir nun recht froh und gemütlich zusammen diniert und viele Gläser auf Berthas und Friedas Gesundheit und auf Friedas Namensvetter, den „Frieden“ geleert hatten, stand ich während des Desserts auf und zündete in meinem Zimmer den Tannenbaum an; unter demselben lagen für Adolf leider nur in effigie[1], da sie nicht aufzutreiben waren, ein Paar Pelzhandschuhe; für Herrn Hangeon eine Biskuittorte und für seine Wirtschafterin Mademoiselle Marie ein großer Liebhaber von Pfefferkuchen. Dann öffnete ich die Tür und klingelte so lange, bis alle überrascht in mein Zimmer traten. – Bei dem brennenden Tannenbaum plauderte es sich gar zu gemütlich, und als die Lichter verlöschten, da duftete das Zimmer so heimatlich nach Tannenbaum und Pfefferkuchen! Wir waren recht glücklich!

***

Carl von Bülow wurde am 22. Mai 1841 zu Toddin bei Hagenow geboren. Er besuchte das Gymnasium in Schwerin und trat 1859 in den mecklenburgisch-schwerinschen Militärdienst. 1860 wurde er Sekondeleutnant, nahm 1866 am Feldzug in Süddeutschland teil und wurde 1867 zum Premierleutnant befördert. 1871 erfolgte seine Beförderung zum Hauptmann. 1870–1871 beteiligte er sich am deutsch-französischen Krieg. Er wurde mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse und dem mecklenburgischen Verdienstkreuz sowie dem Roten Adlerorden vierter Klasse ausgezeichnet. Carl von Bülow verstarb am 4. Januar 1883 in Schwerin.

Carl von Bülow, Kriegsbriefe aus den Jahren 1870–1871. Gefunden, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Manfred Wolff. Reihe Historiae Bd.2, Kartoniert, mit Schutzumschlag (bedruckt), 6 Bilder, 231 Seiten, ISBN 978-3-86356-297-7, €[D]19,50

 

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Mit jüdischer Feder

Es waren so viele Menschen jüdischer Herkunft, die zur Feder griffen, um mit Poesie und Drama, mit Essays und Geschichten dazu beigetragen haben, dass die deutschsprachige Gesellschaft ihre Freuden und Ängste, ihre Verzweiflung und Erkenntnis austauschen und überwinden konnte. So viele dieser Menschen sind in Vergessenheit geraten, werden nur noch von literaturwissenschaftlichen Spezialisten wahrgenommen.

Doch es gibt einen Ort, wo der heutige Leser vielen von ihnen wieder begegnen kann: das Projekt Gutenberg https://www.projekt-gutenberg.org/. Ich habe mir die Mühe gemacht, sie dort aufzusuchen und ihnen wieder einen Platz auf der Lesebühne zu schaffen. Hier ist eine Liste von 188 Menschen jüdischer Herkunft, deren Werke im Projekt Gutenberg kostenlos gelesen werden können.

Besuchen Sie sie. Sie werden freundlich empfangen.

Manfred Wolff 22.04.2020

Adler, Paul
Scholem Alejchem
Altenberg, Peter
Arnd, Friedrich
Ascher, Robert Maximilian
Auerbach, Berthold
Auernheimer , Raoul
Baum, Vicki
Beer-Hofmann, Richard
Benjamin, Walter
Benzion, Ben Jehuda
Berend, A
Beradt, Martin
Bergson, Henri
Bermann, Richard Arnold
Bernard, Tristan
Bettauer, Hugo
Bettelheim, Anton
Blass, Ernst
Bock, Alfred
Börne, Ludwig
Da Ponte, Lorenzo
David, Jakob Julius
Dehmel, Paula
Dery, Juliane
Detmold, Johann Hermann
Deutsch, Lev Grigorievich
Diebold, Bernhard
Dohm Hedwig
Donath, Adolph
Ebstein, Erich
Edel, Edmund
Einstein, Carl
Eliasberg, Alexander
Engel, Eduard
Engel, Georg
Ettlinger, Josef
Fechenbach, Felix
Federn, Karl
Fischer, Wilhelm
Frank, Anne
Frank, Bruno
Franzos, Karl Emil
Freud, Sigmund
Friedell, Egon
Friedländer, Hugo
Friedlaender, Salomo
Fulda, Ludwig
Fürst. Artur
Georgy, Ernst
Greiner, Leo
Großmann, Stefan
Grünbaum, Fritz
Handl, Willi
Harden, Maximilian
Hasenclever, Walter
Hartmann, Moritz
Heilborn, Adolf
Heimann, Moritz
Heine, Heinrich
Heine, Thomas Theodor
Helbing, Franz
Hellmert, Wolfgang
Hermann, Georg
Herrmann-Neiße, Max
Hertz, Heinrich
Herzl, Theodor
Hessel, Franz
Hevesi, Ludwig
Heyse, Paul
Hirsch, Julian
Hirsch, Jenny
Hirsch Marie
Hirschfeld, Hermann
Hirschfeld, Georg
Hirschfeld, Magnus
Hitzig, Julius Eduard
Hochstetter, Gustv
Hoddis, Jakob van
Hoffmann, Camill
Hofmannsthal, Hugo von
Holitscher, Arthur
Hollaender, Felix
Hollaender, Friedrich
Ichenhaeuser, Eliza
Jacobowski, Ludwig
Kafka, Franz
Kahane, Arthur
Kalisch, David
Kastein, Josef
Kerr, Alfred
Kisch, Egon Erwin
Koenig, Alma Johanna
Kohn, Joseph Seligmann
Kompert, Leopold
Kornfeld, Paul
Kraus, Karl
Krauss, Friedrich Salomon
Kuh, Anton
Lachmann, Hedwig
Landauer, Gustav
Landsberger, Artur
Lasker-Schüler, Else
Lasalle, Ferdinand
Leitner, Maria
Lessing, Theodor
Levett, Oswald
Levi, Giuseppe
Lewald, Fanny
Lichtenstein, Alfred
Liebermann, Max
Lindau, Paul
Lindau, Rudolf
Löwenfeld, Leopold
Lombroso, Cesare
Lucka, Emil
Ludwig, Emil
Luxemburg, Rosa
Magnus, Erwin
Marx, Karl
Mauthner, Fritz
Mendelssohn Bartoldy, Jakob
Mendelssohn, Moses
Mendes, Catulle
Messer, Max
Mombert, Alfred
Mosenthal, Salomon Hermann
Moszkowski, Alexander
Mühsam, Erich
Neubauer, Paul
Nordau, Max
Olden, Balder
Oppenheim, Edward Phillips
Pappenheim, Bertha
Poritzky, Jakob Elias
Proust, Marcel
Radek, Karl
Rathenau, Walter
Rie, Therese
Roda Roda, Alexander
Rodenberg, Julius
Rößler, Carl
Roth, Joseph
Rubiner, Ludwig
Salomon, Erich
Salomon, Ludwig
Salten, Felix
Salus, Hugo
Saphir, Moritz Gottlieb
Scheler, Max
Schirokauer, Alfred
Schlegel, Dorothea
Schnitzler, Arthur
Schott, Clara
Schwob, Marcel
Serner, Walter
Sforim, Mendele Moicher
Simmel, Georg
Soyfer, Jura
Spector, Mordecai
Spiero, Heinrich
Spinoza, Baruch
Sternberg, Leo
Sternheim, Carl
Stettenheim, Julius
Stoessl, Otto
Svevo, Italo
Tartaruga, Ubald
Toller, Ernst
Trotzki, Leo
Tucholsky, Kurt
Ungar, Hermann
Ury, Else
Varnhagen von Ense, Rahel
Wassermann, Jakob
Weil, Gustav
Weil, Robert
Weininger, Otto
Weiß, Ernst
Werfel, Franz
Wiener, Oskar
Winder, Ludwig
Wolfenstein, Alfred
Wolff, Theodor
Zangwill, Israel
Zeckendorf, Friedrich
Zimmer, Heinrich
Zweig, Stefan

 

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Verschwörungstheorie in der Tagesschau

Da sitzen ein paar Politiker, alle Fraktionsgeschäftsführer, im gut abgeschatteten Büro des Bundestagspräsidenten und machen sich Gedanken, was getan werden soll, damit der Staat auch im Seuchenfall funktioniert. Natürlich muss das alles im Rahmen der bestehenden Gesetze geschehen. Gesetze haben nur Geltung, wenn der Bundestag sie mit seiner Mehrheit ordentlich beschließt und der Bundesrat zustimmt. Aber wenn das nicht klappt?

Es ist ja denkbar, dass das ganze Parlament durch unglückliche Verkettungen zum Verdachtsfall wird, nicht wie die AfD, sondern wegen Corona. Wegen der vielen Überhangmandate sitzt man ja im Bundestag schon sehr eng beieinander, und da genügen ein paar Infizierte, um das ganze Hohe Haus nach Hause in die Quarantäne zu schicken. Den Plenarsaal kann man ja nicht zur Quarantänestation umwidmen.

Wenn die Bundesrepublik in solch eine gefährliche Situation gerät, müssen natürlich besonders wirksame Maßnahmen getroffen werden, so wirksam, dass sie vielleicht mit den Regeln des Grundgesetzes nicht mehr gerechtfertigt werden können. Das ist eigentlich nicht vorstellbar, denn wir haben ja seit 1968 die Notstandsgesetze, die dem Staat weitgehende Eingriffsmöglichkeiten in das Leben der Bürger erlauben. Der Katastrophenfall, wie er jetzt zuerst in Bayern ausgerufen wurde, basiert auf diesem Gesetz.

Worin die Katastrophe besteht, vermag ja keiner so genau zu sagen. Die bisher festgestellten Sterbefälle können es nicht sein, denn es gibt viel höhere Sterbefallzahlen mit Ursachen, die uns in der Regel kalt lassen, wenn wir nicht zu den Betroffenen zählen. Verkehrstote, Sepsistote, Alkoholtote, Krebstote sind keine Katastrophe. Corona muss es dann auch nicht sein.

Der Katastrophenfall liegt im Gesundheitswesen selbst. Dort wurde in der jüngsten Vergangenheit gespart auf Teufel komm raus. Es fehlt ärztliches Personal in den Gesundheitsämtern, es fehlt an Intensivpflegebetten und es fehlt vor allem an Pflegepersonal. Wenn Berlin jetzt ein Krankenhaus mit 1000 Betten für Coronakranke errichten will, was hoffentlich schneller geht als der Flughafen, ist damit noch niemandem geholfen, denn das Krankenhaus hat dann keine oder wenigstens viel zu wenige Ärzte und vor allem Pflegekräfte. Das kommt davon, wenn man eine Krankenschwester schlechter bezahlt als einen Maurer. Und zur Erinnerung: der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach wollte vor nicht allzu langer Zeit noch die Zahl der Krankenhausbetten in Deutschland halbieren.

Zurück zur Kungelrunde im Bundestag. Dort soll ausgerechnet der Bundestagspräsident Schäuble angeregt haben, das Grundgesetz zu ändern, damit man im Falle einer Seuche auch ohne Parlament Gesetze schaffen kann, mit denen man eine Seuche effektiv bekämpfen kann. Natürlich wurde das nicht in den zahlreichen Extras im Fernsehen verkündet. Das wurde nur mit einem kurzen Satz in der Tagesschau am 16.03. erwähnt. Wer diese Information durchgestochen hat und wer es versäumt hat, sie aus dem Tagesschautext zu entfernen, ist nicht bekannt.

Da sollen also eine oder mehrere nicht näher bestimmte Personen ermächtigt werden, im Seuchenfall ohne das Parlament Gesetze zu erlassen. Das soll nötig sein, weil in den Notstandsgesetzen Seuchen nicht ausdrücklich erwähnt werden. Man befindet sich im Krieg gegen die Seuche, und der muss gewonnen werden. Zum Krieg wissen wir: Die Sieger jeder Schlacht befinden sich nicht auf den Schlachtfeldern, sie haben ihre Stellungen an anderen und sichereren Orten, und nie wird mehr gelogen als im Krieg.

Es muss dann nur noch eine Seuche benannt werden, um den Wirkmechanismus der Ermächtigung in Gang zu setzen. Dazu genügt ein Blick in die Apothekenumschau, wo von A bis Z alle Gebrechen aufgezählt werden, von Abzess bis Zytomegalie, im Winter geht auch der schreckliche Männerschnupfen und im Sommer der Sonnenbrand.

Wer meint, in Befolgung des Artikels 20 Absatz 3 des Grundgesetzes aufgerufen zu sein, gegen solche Angriffe auf die freiheitliche Grundordnung zum Protest und Widerstand zu schreiten, der befindet sich auf dem Holzweg. Schon ein kleiner Protestmarsch zum Brandenburger Tor ist dann natürlich auch schon verboten wegen der Seuchengefahr, und dagegen wird dann mit allen verfügbaren Mitteln eingeschritten.

Manfred Wolff

17.03.2020

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