Limericks

1

Ein trauriger Mann aus Berlin
hat seinem Freund nicht verziehn
dass der mit seiner Braut
heimlicherweise abhaut,
und ausgerechnet nach Wien.

2

Ein Bauer vom Dorf bei Helsinki
nannte sein Lieblingsschwein Pinky.
Jeder im Dorfe weiß,
wäre es schwarz und nicht weiß,
hieße es sicherlich Inky.

3

Ein Schrebergärtner aus Schwaben
war wütend auf mehrere Raben,
denn sie wollten in seinem Garten
an Obst von allerlei Arten
sich zur Erntezeit unerlaubt laben.

4

Eine Kunstjournalistin aus Polen
wollte sich künstlerisch erholen.
Darum lustwandelte sie
durch die Gemäldegalerie
auf leisen beschwingten Sohlen.

5

Ein zorniger Mann aus Bayern
bewarf den Minister mit Eiern.
Er hat zwar nicht getroffen,
denn er war ziemlich besoffen,
aber es war für alle ein Grund zum Feiern.

6

Auf einer Reise nach Rom
suchten wir den Petersdom,
doch da war an der Stelle
nur eine kleine Kapelle,
und keiner sprach Italienisch in Rom.

7

In der Kurkapelle von Kühlungsborn
blies ein Jüngling das Klappenhorn.
Er blies es mit prächtigen Posen,
doch das ging meist in die Hosen.
Darum saß er stets hinten, nicht vorn.

8

Es beschmierte ein Jüngling in Wedding
die U-Bahn mit seinem Edding.
Er schrieb ACAB auf alle Wände.
Leider sind solche Schmierfinkenhände
nicht selten in unserem schönen Wedding.

9

Ein Polizist in Waidmannslust
ging stets mit stolzgeschwellter Brust,
doch er fing keine Diebe,
sondern war aus auf Liebe.
Das haben auch alle Diebe gewusst.

10

Am Tegeler See in Tegel
gibt es viele lockere Vögel.
Zum Wandeln an der Greenwichpromenade
ist ihnen meist die Zeit zu schade.
Sie setzen viel lieber die Segel.

11

Zwei Mädchen aus Tempelhof
gingen gemeinsam zum Schwoof.
Dort wollen die Balzer
immer nur Walzer,
doch das fanden sie beide doof.

12

Ein Fischer von der Insel Rügen
verstand sich aufs Beste zum Lügen
und erzählte dann stundenlang
von seinem Haifischfang
im Bodden der Insel Rügen.

13

Eine junge Frau aus Schöningen
hörte man den ganzen Tag nur singen.
Vom Aufstehen bis zum Schlafen
übte sie alle Oktaven,
aber das hohe C wollte ihr nicht gelingen.

 

14

Einen traurigen Alten aus Bordeaux
zwickte im Nachthemd ein Floh.
Er hat das Tier, das ihn plagt,
ins Bett seiner Frau verjagt-
Nun ist er so richtig schadenfroh.

15

Der Kumpel Kowalski aus Herne
aß für sein Lebtag den Knoblauch so gerne,
doch dessen Duftes wegen
mieden ihn seine Kollegen
und sprachen mit ihm nur aus der Ferne.

16

Ein kleiner Kaufmann in Emden
handelte vor allem mit Hemden.
Besonders die kunterbunten
gefielen seinen Kunden,
auch wenn sie am Hals manchmal klemmten-

17

Ein Politiker aus Dresden
unterstrich seine Reden mit Gesten.
Er ruderte wild mit dem Arm,
doch fehlte ihm dabei der Charme.
Er gehörte eben nicht zu den Besten.

18

Ein Mann aus Schleswig-Holstein
hatte ein tätowiertes Holzbein.
Er lockte oft Frauen,
das Wunderbein anzuschauen.
Die fielen dann auf seinen Schmuck rein.

19

Eine romantische Frau aus Trier
spielte am Nachmittag immer Klavier.
Weil ihre Finger die Tasten
nicht immer richtig fassten,
fürchten die Nachbarn die Zeit ab halb Vier.

 

20

Ein Pastor in Hannoversch Münden
predigte gern über Sünden.
Er hatte sie selbst schon probiert
und sie auch gründlich studiert.
Das wollte er nun der Gemeinde verkünden.

21

Eine einsame Dame aus Celle
steht oft an der Bushaltestelle.
Trifft sie dort einen Mann,
macht sie ihn betörend an
und schüttelt dabei ihre Dauerwelle.

22

Ein alter Freund aus Tel Aviv
schrieb mir neulich einen Brief.
So habe ich erfahren,
dass er wie in frühern Jahren
auch dies Jahr in der Sukka schlief.

23

Ein schmucker Mann aus Salzgitter
war ein richtiger tapferer Ritter.
Wenn ängstliche Damen
vor Schreck zitternd zu ihm kamen,
beschützte er sie bei Gewitter.

24

Eine fromme Frau aus der Bischofsstadt Fulda
hört auf den Namen Hulda.
Sie wollte in die Messe gehen,
aber leider musste sie dort stehn,
denn es war für sie kein Stuhl da.

25

Adolph Knigge, begraben in Bremen,
schrieb ein Buch über gutes Benehmen.
Wer sich daran nicht hält,
hat verspielt in der Welt
und soll sich sein Leben lang schämen.

 

26

Ein geiler Lustgreis in Düren
wollte die Tochter des Nachbarn verführen,
doch der bekam davon Wind
und beschützte sein Kind
und ließ den Alten den Leibriemen spüren.

27

Eine alte Dame aus Rostock
trug gern einen Schottenrock.
Damit spazierte sie munter
die Warnow rauf und runter,
wegen des Alters leider am Krückstock.

28

Ein Gesundheitsapostel aus Bad Doberan
trank jeden Tag ein Glas Tran.
Er verzog dabei keine Miene,
weil es doch der Gesundheit diene,
aber das war wohl nur so ein Wahn.

29

Die Bürger im pfälzischen Hambach
sind politisch stets hellwach.
Beim Kampf für die Demokratie
versagen sie nie,
doch beim Wein werden sie schon mal schnell schwach.

30

Eine Tante in Koblenz am Deutschen Eck
bekam einen furchtbaren Schreck,
denn sie wollte ihren Neffen
an seinem Geburtstag treffen,
doch als er sie sah, lief er weg.

31

Ein Bube aus Hinterzarten
konnte es kaum erwarten,
dass er endlich mit 16 Jahr
in allen Filmen ab 16 war.
Da sah er dann allerlei Hinternarten.

 

32

Ein begabter Tüftler aus Holzminden
wollte das Rad neu erfinden.
Aber wie er es auch anfing –
das neue fortschrittliche Ding
drehte sich stets nur nach hinten.

33

Das fränkische Bad Staffelstein
ist nur ein Kurbad zum Schein.
Statt bitterer Heilbrunnenwässer
leeren die Gäste lieber Fässer
von fränkischem Bier und Wein.

34

Eine Polizistin in Bern
sah nach Feierabend gern fern.
War sie dann endlich daheim,
verschlang sie genüsslich sex and crime
immer wieder und stundenlang gern.

35

Ein hübsches Marjellchen aus Rossitten
ließ zum Tanz sich gerne bitten.
Die Lorbasse sahen
im Winter gern von Nahen
ihre – NEIN! ihren Schlitten.

36

Ein eifriger Lehrer aus Britz
hatte nen weißen Spitz.
Der lernte von ihm ganz fix
viele lustige Tricks.
Was er nie lernte, war „Sitz!“

37

In einem Kirchengewölbe in Aurich
war es oft sehr düster und schaurig.
So traute sich kaum einer rein,
und der Pastor war dann allein
und deshalb natürlich sehr traurig.

 

38

Ein Straßenfeger aus Polle
bekam zum Geburtstag nen Pulli aus Wolle
Für den hat er geschwärmt,
weil er im Winter so gut wärmt.
Da freute er sich wie Bolle.

39

Herr Stünkemeier aus Werdohl
aß für sein Leben gern Kohl.
Deshalb entließ er peinliche Düfte,
wo immer er ging, in die Lüfte
und fühlte sich trotzdem so richtig sauwohl.

40

Im Mindener Dörfchen Hille
vermisste sein Mann seine Brille.
Weil er nicht fand, was er sucht,
hat er furchtbar geflucht,
doch als er sie fand, war er stille.

41

Ein junger Mann aus Stralsund
hatte nen deutschen Schäferhund.
Der musste auf allen Vieren
mit ihm immer wieder exerzieren.
Nun ist er Gefreiter beim Bund.

42

Ein schüchterner Junge aus Brixen
liebte vor allem die Nixen.
Die haben ihn nicht erhört,
was ihn sehr empört.
So blieb ihm nur das Wichsen.

43

Eine Künstlerin in Worpswede
kam in Kunstkreisen ins Gerede,
denn sie malte in einem Stil,
der den Sammlern und Käufern gefiel,
aber das macht doch eigentlich jede.

 

44

Ein junger Mann aus Osnabrück
suchte in der weiten Welt sein Glück.
Doch wohin er sich auch begab,
nirgends fiel für ihn was ab.
Da fuhr er ganz traurig wieder zurück.

45

Ein Matrose aus Leer
erzählte gern von Reisen auf dem Meer,
von gefährlichen Riffen
und schaukelnden Schiffen,
und so schaukelte er heim hinterher.

46

Eine Frau aus Erlangen
ist mit ihrem Hund spazieren gegangen.
Er folgte ihr brav,
hielt sie wohl für sein Schaf
und hätte sie sicher bei Flucht gefangen.

47

Zwei junge Männer aus Venedig
hörten im Markusdom eine Predig
über die Pflichten und Lasten
der Ehe. Da fassten
sie den Schluss: Wir bleiben ledig.

48

Ein Russe in Wladiwostok
ging abends immer um den Block.
Weil das für Moskau noch früh war,
ging er trotzdem in die Mir-Bar
und trank einen Wodka on the rock.

49

Elf Männer im Städtchen Peitz
spielten Fußball statt eines Streits,
wobei dann zahlreiche Tore fielen,
denn sie konnten immer gut zielen
standen aber meist im Abseits.

 

50

Beim Spaziergang in Pankow an der Panke
kam mir ein interessanter Gedanke:
Warum wird Schnaps als Kraftfahrerproviant
von der Obrigkeit anerkannt
und deshalb rund um die Uhr verkauft an der Tanke?

51

Ein alter Mann in Lima
hat seine Freude am Klima.
Warmer Wind und Sonnenschein
schmeichelt seinem Rheumabein,
und das findet er prima.

52

Ein Teenager aus Schweden
hielt gern ganz lange Reden:
Man soll die Erde retten
und nicht durch die Lüfte jetten,
doch das überzeugt nicht jeden.

53

Eine Frau aus der Ukraine
war stolz auf ihre schönen Beine.
Sie zeigt sie gerne her,
immer noch ein bisschen mehr.
da war sie nur selten mal alleine.

54

Ein anderer Mann aus Düren
zahlte keine Rundfunkgebühren.
Das fand die Gehehzett
überhaupt nicht nett
und ließ ihn die Zwangsvollstreckung spüren.

55

Ein Landwirt bei Königslutter
mischte Fischmehl ins Rinderfutter.
Das machte er jeden Tag,
und es brachte guten Ertrag,
doch schmeckt man es auch an Milch und Butter.

 

56

Eine Witwe in Berchtesgaden
verkaufte Strümpfe in ihrem Laden.
Sie hat die selber gestrickt,
und das ist ihr immer geglückt,
denn sie nahm Maß an des Pfarrers Waden.

57

Ein Junggeselle in Bayreuth
hat sich über Verwandtenbesuch gefreut.
Die blieben dann Wochen, nicht Tage.
In dieser peinlichen Lage
hat er die Einladung ehrlich bereut.

58

Ein junger Leutnant aus Cham
stand bei der Parade stets stramm,
doch ertönte die Marschmusik,
hielt ihn nichts mehr zurück.
Dann blies er dazu auf dem Kamm.

59

Ein Trunkenbold aus Dachau
macht oft in der Wohnung Radau.
Wenn  das der Nachbar hört
fühlt er sich immer gestört.
So hellhörig ist der Neubau.

60

Ein Kavalier aus Eichstätt
Schenkte der Nachbarin ein Boukett.
Er zeigte zwar all seinen Charme,
doch sie wurde nicht mit ihm warm.
So blieb er allein in seinem Doppelbett.

61

Beim Sportfest wurde ein Fürther
beim Hürdenlauf nur Vierter.
Drei haben ihn schnell überholt,
doch einer hat das nicht gewollt.
er war lieber Fünfter statt Fürther.

 

62

Ein Trunkenbold aus der Oberpfalz
liebt das Getränk aus Hopfen und Malz.
Schon beim Durchschreiten der Wirtshaustür
ruft er „Frau Wirtin, ein Bier!“
und gießt es sich gleich in den Hals.

63

Eine ältere Frau aus Regen
ließ sich einmal die Karten legen.
Das versprach ihr ein glückliches Morgen
ganz ohne Kummer und Sorgen.
Leider wurde nichts aus dem Segen.

64

Ein Bettler aus Wunsiedel
spielte mehr schlecht als recht Fiedel.
Es war kaum zu ertragen,
doch an allen Werktagen
stand er eifrig am Eingang von Lidl.

65

Ein stolzes Mädchen aus Weiden
konnte ihren Verehrer nicht leiden.
er wollte mit ihr schmiegen,
doch sie ließ ihn links liegen.
Da wurde das nichts mit den beiden.

66

In dem kleinen Städtchen Bretten
war eine Hausfrau beim Hemdenplätten.
Sie zählte immer sechs Stück.
Die gab sie am Sonntag ganz glatt dem Gatten zurück.
Da konnte ihr Mann drauf wetten.

67

Ein armer Mann aus Bruchsal
beklagt des Lebens Mühsal.
Was immer er macht:
er  wird stets ausgelacht.
Da verfällt er natürlich in Trübsal.

 

68

In einem Wirtshaus in Bühl
ist es im Winter immer kühl,
doch es gibt auf Wunsch
einen guten heißen Punsch.
Da hat der Gast ein warmes Gefühl.

69

Ein Finanzbeamter in Grevesmühlen
hielt nicht viel von Liebesgefühlen.
Wenn sie ihn doch überkamen,
dachte er nicht an schöne Damen,
da konnten die Zahlen ihn schnell wieder kühlen.

70

Ein junger Mann aus Meißen und seine Braut Lisa
planten Flitterwochen in Pisa.
Doch weil das Geld zu knapp,
sagten sie die Reise ab
und fuhren zum Nudeln nach Riesa.

71

Ein zwielichter Gastwirt in Lahr
hat im Hinterzimmer ne Bar.
Da wird bis spät in die Nacht
die Stadtpolitik gemacht,
und der Bürgermeister zahlt die Zeche in bar.

72

Ein Athlet aus Weingarten
will bei Olympia starten.
Die Spiele haben für ihn
keine passende Disziplin.
Er spielt ja nur Karten.

73

Ein frecher Bube aus Biarritz
machte sich einen Witz.
Er klingelte im ganzen Haus
die erschreckten Nachbarn raus
und verschwand dann wie der Blitz.

 

74

Ein Bauer in Niedersachsen
sah auf seinen Feldern viel Unkraut wachsen.
Er nahm aber kein Glyphosat,
sondern hörte auf des Dorfpfarrers Rat
und ließ es einfach wachsen.

75

Ein Hotelkoch in Schwaben
fand in der Küche zwei Schaben.
Er erschlug sie auf der Stelle
mit der großen Suppenkelle,
denn er wollte sie bei sich nicht haben.

76

Ein Hausarzt in Wollin
verschrieb den Patienten fast nur Aspirin.
Das half zwar nicht viel,
aber erreichte damit sein Ziel:
sie blieben treue Kunden der Medizin.

77

Ein ehrgeiziger Student aus Budapest
nahm teil an einem Intelligenztest.
Er konnte auf alle gestellten Fragen
keine richtige Antwort sagen.
So kam er nicht auf das Siegerpodest.

78

Ein Pfälzer namens Peter Mohr
singt im Berliner Vorwärtschor
und er trinkt lieber Wein statt Selter.
nun ist er ein Jahr älter
und behält dennoch den Humor.

79

Ein Mädchen aus St. Gallen
wollte den Burschen gefallen.
Sie trug sehr knappe Kleider,
doch das gefiel leider
in St. Gallen nicht allen.

80

Der Rat der Stadt Vaduz
duldete keinen Schmutz.
Jeden Tag wurde gekehrt mit den Besen,
und in der Zeitung konnte man lesen,
dass Vaduz nun immer im schönsten Putz.

81

Das Prado-Museum Madrids
besuchte der Kölner Herr Schmitz.
Besonders hat es ihm angetan
das Bild vom heil’gen Sebastian.
Der Nackige machte ihn spitz.

82

Ein Fräulein aus der Uckermark
spazierte gern in einem Park.
Da bekamen die Tauben Körner zu fressen.
Sie selbst hat sowas nie gegessen.
Zum Frühstück gab es bei ihr immer Quark.

83

Das Frühstück eines Mannes aus Ergste
war immer nur das kärgste.
Er aß immer trocken Brot,
doch seine Wangen waren immer rot
und im Dorf war er der Stärkste.

84

An der Moldau im schönen Prag
ein Mann am Ufer des Flusses lag.
Die warmen Strahlen der Sonne
waren ihm eine Wonne,
wie das wohl jeder im Sommer gern mag.

85

Ein Mime aus Allenstein
spielte gern Wallenstein.
Seinem Regisseur
gefiel das nicht sehr
und kriegte prompt einen Gallenstein.

86

Ein musikbegeisterter Mann in Kirchlengern
traf sich im Verein mit anderen Sängern.
Da konnten siefröhliche Lieder singen
und außerdem und vor allen Dingen
nach ein paar Bier auf dem Heimweg den Gesang noch verlängern

87

Eine grübelnde Frau aus Braunlage
plagte schon lange die Frage,
ob auf dem naheliegenden Brocken
wirklich manchmal Teufel und Hexen rocken.
Sie zweifelte an der Walpurgisnachtsage.

88

Eine einsame Witwe aus Lausanne
wünschte sich sehr einen Mann.
der fröhlich, aktiv und nicht krank
und mit reichlich Geld auf der Bank,
doch so einer biss nicht bei ihr an.

89

Ein alter Schlappenflicker aus Pirmasens
genoss seinen achtzigsten Lenz.
Er feierte groß im Kreis seiner Lieben,
die ihm bis heute  geblieben,
allerdings mit abfallender Tendenz.

90

Eine Hausfrau im Rheinstädtchen Kaub
wischte in ihrer Wohnung Staub.
Wenn sie dabei jemand störte,
blieb sie stumm und hörte
nicht hin und stellte sich taub.

91

Ein Maurermeister aus Löhne
war stolz auf seine vier Söhne.
Sie mussten tagein und tagaus für ihn mauern,
doch zu ihrem großen Bedauern
zahlte er nie ihre Löhne.

92

Ein Dorfbürgermeister in Pakistan
hatte Schmerzen an einem Backenzahn.
Es war kein Dentist in der Näh,
und der Zahn tat so weh.
Da fuhr er zum Dentist mit der Eisenbahn.

93

Eine Kunstmalerin auf Hawaii
malte ihr eigenes Konterfei
mit schwarzen Kringellöckchen
und einem kessen Baströckchen.
So stand sie in Honolulu am Kai.

94

Die Frau eines Kaufmanns in Wernigerode
kleidet sich nach der neuesten Mode.
Ihr Mann trug nur alte Klamotten,
angefressen von den Motten.
So war er ihr Kleidungsantipode.

95

Ein Landwirt in der Gegend von Landau
lebte nur vom Tabakanbau.
Er selbst hat nie im Leben geraucht
und auch Schnupftabak nicht gebraucht.
So wurd‘ er bei bester Gesundheit alt und grau.

96

Ein Leichtathlet aus Ochsenfurt
hörte auf den Namen Kurt.
Im Wettkampf tat er sich schwer
und lief meist hinterher.
Es reichte bei ihm nur zum Zwischenspurt.

97

In Unna in der verrufenen Unna-Bar
sind die Damen zu Fremden stets unnahbar.
Sie locken jedoch mit ihren Reizen,
wenn die Gäste nicht geizen.
Dann zahlen die Fremden gern in Unna bar.

98

Im Rat der stolzen Stadt Kassel
gibt es oft ein wildes Gequassel.
Die wollen Hüh und die wollen Hott
oder ein I für ein Jott.
Das führt dann zu einem großen Schlamassel.

99

In Augsburg am Ufer des Lech
hatte ein Antiquitätenhändler Pech.
Er kaufte für viel Geld Geschmeiden.
Das wollten die Kunden nicht leiden,
denn statt Gold war alles nur Blech.

100

Unter den Bewohnern von Unkel
gibt es seit langem Gemunkel:
Wer wird neuer Bürgermeister?
Der oder der? Und wie heißt er?
Die Sache bleibt wohl noch recht lange dunkel.

101

Ein Maurermeister in Opladen
liebte über alles die Fassaden.
Vom ersten bis zum sechsten Stock
schwelgte er in Spätbarock,
und unten gab es immer einen Laden.

102

Ein Rettungsschwimmer am Strand von Misdroy
war überhaupt nicht scheu.
Wenn schöne junge Damen
an seinem Platz vorüber kamen,
grüßte er sie mit einem frohen „Ahoi!“.

103

Eine junge Kaufmannsfrau aus Misdroy
war ihrem Mann oft nicht treu.
Dann lernte sie einen kennen,
mit dem wollte sie durchbrennen,
denn er hatte Geld wie Heu.

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Max Kaus. Unter Freunden. Eine Ausstellung des Brücke-Museums

 

Als ich vor einigen Tagen das Brücke-Museum aufsuchte, beschwerte sich da eine Besucherin, dass nicht die Werke der bekannten Brücke-Künstler gezeigt werden. Sie hatte wohl nicht wahrgenommen, dass in dem Museum am Bussardsteig gerade eine Ausstellung mit dem Titel „Max Kaus. Unter Freunden“ lief, und weil der Künstler Max Kaus mit einigen Malern aus dem Brücke-Kreis befreundet war, kann man in dieser Ausstellung auch einige Werke von bekannten Brücke-Künstlern sehen.

„Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt.“ Dieser Satz aus dem Gründungsmanifest der Brücke-Gruppe ist ein Schlüssel zu der Freundschaft, die Max Kaus und Erich Heckel seit ihrer gemeinsamen Dienstzeit in einem deutschen Sanitätszug in Ostende verband. Heckel inspirierte Kaus zu einem offenen Malstil, der sich durch dessen ganzes Lebenswerk fortsetzte. Nach dem Kriegsende 1918 bestand diese Freundschaft in Berlin fort, und bald kamen auch andere bekannte Brücke-Künstler hinzu: Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein, Otto Mueller.

Beim Rundgang durch das Museum erfährt man, wie zuerst der Malstil von Max Kaus von den neuen Freunden beeinflusst wurde. Beispielhaft schauen wir dazu die kleine Serie von Selbstporträts aus den Jahren 1919 und 1920 an. Aus dem mehr skizzenhaften Bild wird ein Werk, das schon nah an Heckel ist, jedoch nicht die Aufgeregtheit der Brücke-Künstler teilt, sondern das Antlitz als Bestandteil eines komponierten Bildes einsetzt.

Das damals sehr beliebte Motiv der Badenden am Strand nimmt auch Max Kaus auf. Wir sehen da die Badenden von Schmidt-Rottluff und Otto Mueller, die die vibrierende Sommerglut einfangen, und dazwischen die „Badenden am Strand“ von Kaus – ein ruhiges Bild mit Personen, die inszeniert erscheinen. Kaus malte nicht skizzenhaft am Ort. Die Bilder entstanden im Atelier, wo das Bildgeschehen flächenhaft konstruiert werden konnte. Die Natureindrücke wurden in eine gewollte Geordnetheit überführt.

Foto Brücke-Museum, Nick Ash

Im Weitergehen erleben wir Kaus‘ Annäherung an die Abstraktion, die aber nie den Bezug zum gegenständlichen Motiv verliert. Bereits in den „Zillen und Ziegelei“ (1931) beginnen die Farben ein Eigenleben, für das das Sujet selbst nur ein Vorwand zu sein scheint.

Mit der Ausstellung „Max Kaus. Unter Freunden“ ist dem Brücke-Museum ein vielfacher Coup gelungen. Zuerst eröffnet sie den Blick auf das Lebenswerk von Max Kaus. Sodann kann der Betrachter die Entwicklung des Malers miterleben, von der ersten Annäherung an die Vorbilder bis zum eigenständigen Schaffen. Da die meisten Bilder aus dem Archiv des Brücke-Museums stammen, das die größte Sammlung von Kaus-Werken besitzt, die meisten Geschenke von Erich Heckel und Kaus‘ Ehefrau, sieht man Bilder, die wohl nicht so bald wieder in einer Ausstellung präsentiert werden. Wie geht Kunstgeschichte? wird beim Rundgang erfahrbar.

Die eingangs zitierte enttäuschte Besucherin gehört vielleicht zu dem Kreis der Kunstfreunde, in deren Wohnzimmern gerahmte Kunstdrucke der Brücke-Maler die Nippes ihrer Großeltern abgelöst haben. Sie hat die Ausstellung sicher mit neuen Eindrücken verlassen.

21.07.2020; Manfred Wolff

Max Kaus. Unter Freunden

Brücke-Museum
Bussardsteig 9
D-14195 Berlin Dahlem
www.bruecke-museum.de

15.Mai bis 30.August 2020
Öffnungszeiten Mi-Mo 11-17 Uhr. Dienstags geschlossen.

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Vor 150 Jahren Deutsch-französischer Krieg

 

 

Einen sehr denkwürdigen und lesenswerten Schatz hat der Pop Verlag gefunden: Carl von Bülow, Kriegsbriefe aus den Jahren 1870–1871. Die Briefe des mecklenburgischen Oberleutnants aus dem deutsch-französischen Krieg zeichnen sich als eine besondere Quelle aus. Sie sind keine Erinnerungen, die ja oft Lücken aufweisen oder heroisierend ergänzt werden. Carl von Bülow schreibt nahezu täglich an seine Frau und berichtet, was er in diesem Krieg erlebt, mit wem er zusammentrifft, in welchen Orten er sich aufhält, wie er Landschaften und Wetter wahrnimmt. Sein Leibkoch kommt ebenso zur Sprache wie der Großherzog. Humor und Empathie durchziehen die Briefe.

Wenn sich in diesem Sommer der deutsch-französische Krieg zum 150. Male jährt, werden in den Briefen Carl von Bülows nicht die politischen Entscheidungen und die strategischen Überlegungen des Feldzugs analysiert. Der Leser nimmt teil an einem Kriegstheater, wie es heute nicht mehr möglich ist, und dem immer wiederkehrenden Wunsch des Autors, dass doch endlich wieder Frieden herrsche.

Hier ein paar Blicke ins Buch.

***

Barmbek bei Hamburg, den 26. Juli 1870

Seit 3 Uhr residiere ich hier in einem reizenden Quartier beim Rentier Mewius und habe bisher meine Zeit mit Essen, Trinken und Schlafen auf edle Weise verbracht, sodass ich mich jetzt überaus frisch und wohl fühle.

Trotz des Trennungsschmerzes zählte der heutige Ausmarsch aus Schwerin zu den schönsten Momenten in meinem Leben! Unterwegs wurden wir überall mit Hurrah und Tücherwehen begrüßt! Wir bleiben wohl längere Zeit hier!? Tausend Grüße an alle.

 

Barmbek, den 27. Juli 1870

Wir befinden uns hier überaus wohl! Barmbek trägt den Charakter eines Badeortes, obgleich es kein solcher ist; einzelne Häuser zwischen Gärten und langen Lindenalleen! Meine Wirtsleute sind einfache biedere Hamburger, Herr und Frau Mewius, die sich als „Rennthiere“ hier niedergelassen haben. Eine kleine verwachsene freundliche Nichte spielt die Tochter des Hauses und das Klavier recht gut. Ich bewohne ein reizendes Balkonzimmer, und hat Frau Mewius mir ihr Boudoir zum Schlafzimmer eingeräumt. Ich fühle mich hier höchst souverain in meiner Eigenschaft als detachierter Kompanieführer. Es ist ganz angenehm, alles selbst zu kommandieren und nach seinem Kopfe einzurichten!

Heute Morgen um 8 Uhr ritten Hauptmann von Pritzbuer[1], Leut. von Schroetter und ich (die 11. und 12. Kompanie liegen hier in dem großen langgestreckten Barmbek) spazieren. Ich ritt das mir gestellte Pferd, einen kleinen Braunen, heute zum ersten Mal, und bin recht zufrieden damit; wenigstens erregte ich den Neid aller Hauptleute, die sich schlechtere Pferde ausgesucht haben. Wir trafen vor dem Ort Major von Zeuner[2] und ritten mit ihm zusammen nach Wandsbek, wo der Stab des Bataillons mit der 9. und 10. Kompanie liegt. Ich begrüßte hier Adolf[3], der später wieder eine Visite bei uns in dem ½ Meile entfernten Barmbek machte. Wandsbek erinnert sehr an Charlottenburg bei Berlin. Heute Abend reite ich noch mein eigenes Pferd, um die Gegend kennenzulernen.Morgen früh von 7 Uhr ab exerziere ich dann zum ersten Mal eine kriegsstarke Kompanie[4].

Herzliche Grüße an alle, besonders an meine lieben Eltern.

 

Barmbek, den 28. Juli 1870

Mir geht es hier ganz vortrefflich, und das Leben als Kompanieführer sagt mir immer mehr zu. Ich habe heute meine Kompanie ordentlich umher getummelt und habe meine Freude an dem munteren Wesen der Leute gehabt. Heute Mittag aß ich mit den übrigen Offizieren im Hotel, da mir die spießbürgerliche Unterhaltung meiner Wirtsleute anfängt, langweilig zu werden. Morgen wird die 11. und 12. Kompanie nach Hohenfelde (auch eine Vorstadt Hamburgs) verlegt. Ich werde dann auch wohl einmal nach Hamburg hineingehen.

Herzliche Grüße an alle.

Eben zog ich mit meiner Kompanie in den Ort ein, wir kommen vom Exerzieren zurück. – Die Leute sangen mit Begeisterung „Die Wacht am Rhein“.

 

Kiel, den 31. Juli 1870. Morgens 9 ½ Uhr

Seit Donnerstag, den 28. habe ich nicht zum Schreiben kommen können! Höret kurz meine Erlebnisse! Zunächst, dass es mir wie uns allen überaus wohl ergeht! Am Freitag, den 29. rückte ich morgens 6 ½ Uhr aus Barmbek aus nach Wandsbek, von wo das Bataillon vereinigt nach einem ½ Meile entfernten großen Exerzierplatz rückte. Hier manövrierten wir circa drei Stunden bei großer Hitze und kehrten erst gegen 12 Uhr in unsere Kantonnements zurück. Ich wollte gerade meine Leute entlassen, als Adolf angesprengt kam mit der Nachricht, wir würden wahrscheinlich nachmittags alarmiert werden, und sollten alles bereithalten. Als ich nach Tische beim Kaffee mit der gemütlichen Beschäftigung des Revolverladens fertig war, erhielt ich den Befehl, sofort Generalmarsch[5] schlagen zu lassen und nach dem Altonaer Bahnhof marschieren.

In zehn Minuten stand meine Kompanie zum Abmarsch bereit, und fort ging es, von einer großen Menschenmenge begleitet, unter Führung eines ganz in Weiß gekleideten, mit einem kolossalen Sombrero (Strohhut) versehenen und auf einem kleinen Pony reitenden Hamburger Patrioten (den ich als Adjutanten benutzte) durch die weitläufigen Vorstädte nach Hamburg, über den Alsterdamm nach Altona und durch diese Stadt hindurch nach dem Bahnhofe, eine Strecke von 1 ¼ Meilen im beschleunigten Marschtempo. Hinter der 11. Kompanie marschierte die 12. Kompanie. Ich ritt somit an der Tête der Kolonne[6] und war der Erste, der dem auf dem Bahnhof harrenden Oberst von Kleist die Meldung von dem Eintreffen seiner Kompanie machte.

In Hamburg traf ich mit meinem Bruder Adolf zusammen, der mir erzählte, wir wären nach Kiel bestimmt. Es währte fast 2 Stunden, bevor alle Kompanien eingetroffen waren und die Vorbereitungen zur Abfahrt beendet. Tausende von Menschen umstanden den Bahnhof, aber niemand labte unsere erschöpften Soldaten als nur die Straßenjungen und ein in der Nähe befindlicher Bäckerladen für schweres Geld. Der Patriotismus der Hamburger, Kieler pp. zeigt sich überhaupt mehr in der Angst für ihre Kaffeesäcke und in Aufrufen an die Bewohner Barmbecks etc. als in der Unterstützung der hungernden Vaterlandsverteidiger. Gegen 8 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung, und langten wir in dunkler Nacht um 12 Uhr in Kiel an. Die Garnison war soeben alarmiert worden, weil man von Friedrichsort[7] aus durch Raketen „feindliche Schiffe in Sicht“ signalisiert hatte; es war aber blinder Lärm gewesen.

Um 2 Uhr nachts rückten wir in unsere Quartiere ein; ich logiere in „Stadt Altona“. Gestern und heute hatte ich viel mit der Einrichtung der großen Quartierräume (die Leute liegen in Tanzsälen, Turnhallen etc.) und Kochgelegenheiten zu tun. Gestern Nachmittag ritt ich mit Major von Zeuner

***

Geschrieben Sonnabend, den 8. Oktober 1870. Vormittags zu Champ Breton östlich Coulommiers[1]

Am Sonnabend, den 24. September früh erhielt ich den Befehl, um 9 Uhr mich mit meiner Kompanie (ich lag die Nacht detachiert in Dommartin, weil ich auf Vorposten gewesen) zum feierlichen Einzug in Toul bereitzuhalten. Ich marschierte über die große Moselbrücke (auf der eine Blutlache die Stelle bezeichnete, auf welcher ein französischer Sergeant von unsern Jägern erschossen) und dann links ab auf dem Glacis der Festung bis zur Vorstadt St. Evre, wo Major von Zeuner sein Bataillon sammelte. Überall Kugelspuren in den Wällen, an den Sandsteinmauern, das Glacis zum Teil gepflügt von Granaten, in St. Evre Haus bei Haus zerschossen. Französische Gefangene, auf Ehrenwort entlassene Offiziere, kamen scharenweise aus dem Tor und rauchten höchst fidel ihre Zigarre. Die Touler strömten mit Weib und Kind hinaus, um nach 6-wöchentlicher Einschließung in ihren finstern Kellern den herrlichen Sonnenschein zu begrüßen, um sich den „furchtbaren“ Feind anzusehen und um zu wehklagen über die Verwüstungen in ihren Gärten und Weinbergen.

Gegen 10 Uhr marschierte unser Bataillon durch St. Evre nach dem Rendezvous-Platz der Division bei dem von den Franzosen in Brand geschossenen Gehöft La Justice. Kurz vor 11 Uhr ritt der Großherzog durch die Truppen, mit lautem Hurrah begrüßt; dann begann sukzessive der feierliche Einzug der Truppen in Toul. Die Fahnen wurden entfaltet und hinein gings in die feindliche Festung mit klingendem Spiel, das klingt schon so poetisch, wenigstens für einen Soldaten, aber es klingt auch nur so, denn wenn man zufällig die 11. Kompanie führt, die fast als letzte des Regiments ½ Meile im Laufschritt zurücklegen muss durch die Vorstadt, die engen Festungstore, die engen Straßen mit unendlich vielen Windungen, nur um zuletzt die Ehre zu haben, vor dem Großherzog in geschlossener Kolonne vorbeizustrampeln – da vergisst man die Poesie! Der Parademarsch ging übrigens ausgezeichnet! Nach demselben marschierten die Truppen auf einem Platz auf und ritt der Großherzog unter dem tausendfachen Hurrah die Front hinunter.

Wir freuten uns jetzt auf die schönen Quartiere, aber Prosit Mahlzeit – wir mussten auf der Straße und auf dem Festungswall abkochen lassen. Wir Offiziere suchten uns zum Teil in den Restaurationen der Stadt etwas zu essen, aber nur unser Wolfshunger konnte die zähen Beefsteaks bezwingen. Am Abend um 6 Uhr erhielten wir endlich unsere Billets, und ich ließ mich von einem kleinen 8-jährigen Deutschen (es gibt in Toul viele „allemands“) nach meinem Quartier in der Grande Rue führen.

Beim Einzug hatte ich keine Zeit gehabt, auf die Verwüstungen zu achten, die unsere Artillerie in der Stadt angerichtet. Jetzt erst hatte ich Muße dazu. Die durchgehends stark massiven Mauern ließen die Verwüstungen teilweise nicht so stark erscheinen, wie sie in Wirklichkeit waren; ganze Häuserreihen waren ausgebrannt, aber die Wände standen. Die Straßen waren mit Schutt angefüllt; die Kelleröffnungen mit Dung etc. geschlossen, um sie gegen Kugeln zu sichern, denn in diesen „caves“[2] hatten die Familien die letzten Wochen gelebt. Mein Wirt war ein alter, ewig „Oweh“ schreiender Jude, gepflegt von seiner nicht mehr ganz jungen, aber leidlich aussehenden Nichte. Zum Glück hatte ich selbst Lebensmittel bei mir, da mir die Judenwirtschaft nicht sehr appetitlich war. Bald schlief ich fest in einem sehr guten Bett.

Am Sonntag, den 25. September vormittags besuchte ich die Stadt und die Wälle; von den letzteren aus erschienen unsere auf den Höhen innegehabten Stellungen so nahe, dass es fast unbegreiflich erscheint, dass die Franzosen nie getroffen und wir somit keine Verluste haben. Ich frühstückte dann mit Kameraden im Hôtel de Metz, und setze sich unser Divisionsgeneral – Exzellenz von Schimmelmann[3], ein sehr gemütlicher Herr, zu uns. Damit wir am Sonntag doch ja marschierten, erhielt unser 3. Bataillon den Befehl, um 3 ½ Uhr nach Chaudeney zurückzumarschieren. (Warum?). Wir marschierten über Dommartin; von hier aus ritten von Zeuner, wir Kompanieführer und Adolf im Galopp querfeldein nach Chaudeney und teilten uns schleunigst die Häuser als Quartiere für unsere Kompanien. Ich zog wieder bei meinen Biederwirten ein, die noch vorgestern geschworen hatten: „Toul würde sich nie ergeben!“

Am Montag, den 26. September, rückte ich morgens 5 Uhr bei stockfinsterer Nacht aus Chaudeney aus und marschierte über Dommartin durch Toul, Écrouves bis zum Rendezvous vor Foug. Ich war mit meiner Kompanie zur Bedeckung der Proviantkolonne (unter Premierleutnant Köhler, einem Preußen) und des Fuhrparks (unter Leutnant von Heyden, Landwehroffizier auf Butzow bei Stettin) kommandiert, speziell um sie gegen die bandenweise umherstreichenden Franktireurs zu schützen. Wir rollten mit unserer eine ½ Meile langen Kolonne bis Lay St. Remy, wo von Heyden und ich uns beim Pfarrer l’abbé Laurent, Curé des Ortes einquartierten. Wir requirierten Lebensmittel im Dorfe und luden ihn zum Diner in seinem Hause und abends zu einer „Teesuppe“ ein, denn da er kein Teeservice hatte oder es vergraben, so nahmen wir eine Suppenterrine als Teetopf; darin fünf Suppenlöffel voll Tee und aßen den Tee mit Löffeln! Tassen kennt man hier auch nicht, selbst Grafen trinken ihren Kaffee wie bei uns die Dienstleute aus „Kummis“[4].

Dienstag, den 27. September, schrieb ich dem Maire des Ortes mehrere Bons für von mir requirierte Kühe, Brot, Wein etc., die schwerlich je von der republikanischen Regierung Frankreichs bezahlt werden. Um 6 ½ Uhr rückten wir von Lay St. Remy aus; hinter Void hielten wir die Frühstücksrast; Exzellenz von Schimmelmann ritt vorüber und ich meldete ihm. Dann ging es weiter durch ein Waldtal (Forêt de Palisse); oft sah man neben der Straße niedergebrannte oder richtiger ausgebrannte Häuser, denn die massiven Mauern stürzen nicht leicht; vielleicht war es von den Franzosen geschehen nach Moskaus Beispiel oder von unsern Truppen, weil aus den Häusern auf uns hinterrücks geschossen wurde! Wir waren nach St. Aubin bestimmt; ich ritt vor. O weh! Fast an jeder Tür stand mit Kreide geschrieben „Varioles“, „Pocken“, „Rindviehseuche“, „Typhus“ etc. Hier durften wir nicht bleiben.

***

Da ich nachmittags noch in Gros Bois zu tun hatte, so ließ ich meine Reitpferde satteln, und Adolf von Pressentin begleitete mich auf „Renown“ dorthin. Wir ritten auch eine Strecke in das Holz „Gros Bois“ hinein auf eine Höhe, von der ein großer Wegweiser mit 16 Armen in ebenso viele unendlich lange Schneisen zeigt. Man hat von dieser Höhe aus eine schöne Aussicht auf Schloss Gros Bois. Wir ritten dann über La Folie nach Villecresnes zurück. Hier ließ ich rasch anspannen, und während Vizefeldwebel Havemann mit Herrn Wöhler fuhr, ritten Adolf und ich neben dem Wagen und begaben wir uns so nach Rouhers Schloss Auteuil. Die rasch einbrechende Dämmerung gestattete keine genaue Besichtigung des Innern mehr, und so kehrten wir dann nach einer Tour durch den Park nach unserem Château zurück. Hier ging es am Abend wieder sehr munter zu! Nach dem Diner setzte sich Herr Wöhler an das Pianino und sein meisterhaftes Spiel, mehr aber vielleicht noch sein ausgezeichneter Wein, riss uns sogar zum Tanz fort. Es ward eine Quadrille aufgeführt, und da es mir an einer Dame fehlte, so musste ein Polstertuhl deren Stelle vertreten und sauste derselbe nun auf dem glatten Parkett höchst elegant durch den Salon. Erst um 12 Uhr kamen wir zur Ruhe.

Dafür erblickte uns der nächste Morgen am Freitag, den 28. Oktober, umso später. Erst nach 9 Uhr fanden wir uns am Kaminfeuer und am Kaffeetisch wieder munter zusammen. Mein Wagen hielt vor der Tür, und bald fuhren wir im schönsten Sonnenschein, Bever zu Pferde hinter uns, nach Schloss Auteuil, das die Herren nun einer gründlichen Musterung unterwarfen. Ich habe schon früher die Verwüstungen daselbst geschildert. Als wir uns mittags zum Dejeuner dinatoire setzen wollten, erhielt ich die offizielle Nachricht von der Kapitulation der Festung Metz! Also endlich! Hurrah! Wir leerten natürlich manches Glas auf diesen neuen Erfolg deutscher Waffen und auf einen – baldigen Frieden! Dass dabei auch Clärchens, Friedas und Berthas, und zwar in erster Linie gedacht wurde, ist selbstverständlich! Nach Tisch ließ ich Adolf von Pressentin und Wöhler nach Le Piple fahren, wo sie sich beim Großherzoge melden wollten. Ich begleitete sie zu Pferde bis Schloss Gros Bois, um die Schlosswache zu inspizieren, die, laut Divisionsbefehl wie sämtliche Wachen in Gros Bois, La Folie und Villecresnes, von heute ab von meiner Kompanie gegeben wird.

Kaum war ich gegen 3 Uhr wieder zu Hause angelangt, als das Alarmsignal ertönte. Die Artilleristen jagten mit ihren Pferden durch die Straßen; die Einwohner standen an den Fenstern und in den Haustüren und lachten höhnisch, drohten auch wohl mit den Armen; besonders die alten Weiber. In wenigen Stunden standen die reitende Batterie und meine Kompanie auf dem Alarmplatz bereit. Da kam Adolf von Pressentin mit meinem Wagen zurück, da er mir das vor meinen Kompaniewagen gehörige Pferd zurückbringen wollte. Ich rief ihm zu, er solle sich mein zweites Reitpferd satteln lassen und auf ihm zurückkommen. Wir wollten dann zusammen vorreiten, dem starken, seit längerer Zeit anhaltenden Geschütz- und Gewehrfeuer entgegen. Kaum schickte sich die Batterie an, den Alarmplatz zu verlassen, so sprengte ein Adjutant herbei mit dem bekannten Befehl: „Die Truppen können wieder in ihre Kantonnements rücken.“ Da war es mit der Freude der französischen Hexen vorbei, die gewiss schon die Mistgabel bereithielten, um uns auf der Flucht vollends zu vernichten. Als ich vor meinem Schlosse wieder anlangte, hatte sich Adolf von Pressentin gerade zu Pferde gesetzt, um sich in das blutige Schlachtgetümmel zu stürzen, und bedauerte er unendlich, dass er auf so intrigante Weise um das Eiserne Kreuz gekommen sei. Etwas später kehrte auch Herr Wöhler zurück; er war zu Fuß nach Schloss La Grange gewandert, um dort seinen Verwandten Leutnant Richert zu besuchen. Die Herren erzählten nun von ihrer Visite beim Großherzoge, wie freundlich derselbe gewesen, wie er ihnen Grüße an die Großherzogin aufgetragen etc.

Als wir gegen 8 Uhr soeben unser Diner beendigt hatten und beim Kaffee saßen, trat eine auf dem Kriegstheater sehr ungewöhnliche Erscheinung in das Zimmer; eine lange steife Figur mit langen Beinen und noch längeren Füßen, ganz in Schwarz gekleidet, einer Brille auf der Nase und einem großen Regenschirm in der Hand. Der Mann trat in die Ecke, legte Hut, Schirm und Paletot ohne weiteres ab und setzte sich an den Tisch, ganz wie im Gasthause! Die Gastwirtschaft im Kriege ist aber groß; ich ließ ihm daher gleich die Suppe warm machen, und ließ er es sich schmecken! Es war p.p. Wittstock aus Schwerin, der auch mit einer Sendung Liebesgaben die anderen Herren begleitet hatte. Das Gesprächsthema bildeten den ganzen Abend hindurch am knisternden Kaminfeuer, „während draußen der Wind heulte und der Regen gegen die Fenster schlug“, die furchtbarsten Räuber- und Franktireursgeschichten, nächtliche Überfälle, Halsabschneiden etc. Herr Wittstock schwor, er würde nicht ohne Bedeckung nach Nogent zurückreisen. Mit Gruseln ging er zu Bett, oder aufs Bett vielmehr.

Kaum lag er im ersten Schlummer, da fielen drei Schüsse unter seinem Fenster (mein schalkhafter Kammerdiener Wulf hatte mit einem Knüppel gegen eine mächtige blecherne Wassertonne geschlagen); Wöhler kam lachend auf Socken zu mir gelaufen, ängstlich rufend: „Herr Leutnant! Sei scheiten all. Sei scheiten all!“, und ich rief: „Es soll sofort eine scharfe Patrouille das Dorf absuchen!“ Adolf Pressentin kugelte sich vor Lachen in seinem Bett, und der arme Wittstock stand Todesangst aus!!! Es war recht grausam! Aber die Rache ist süß! Herr Wittstock hatte auf der Reise von Nogent nach Villecresnes einen großen Teil seiner Liebesgaben durch seine Fuhrleute stehlen lassen, natürlich hatte er es in seiner Unbehilflichkeit nicht bemerkt, behauptete aber nun, die Truppen hätten bei der Verteilung manches beiseite gebracht! Dafür musste er nach Kriegsrecht bestraft werden!

***

Es war gestern wie heute bitterlich kalt. Wir zogen mit klingendem Spiel in Chartres ein und defilierten bei Exzellenz von Tresckow. Ich bin bei einem Junggesellen von circa 45 Jahr gut einquartiert. Als ich gestern gegen 5 Uhr in meinem Zimmer allein am Kamin saß, da hatte ich Zeit, an die liebe schöne Heimat zu denken, wie war es vor einem Jahr doch anders! Wie war es vor zwei, drei, vier Jahren und immer ein so frohes gemütvolles schönes Familienfest. Schlag 5 Uhr wurde bei Kanzleidirektors der Tannenbaum angezündet, und „Ilken“ schwamm in Seligkeit! Und um 7 Uhr ging es zu Forstrats, und Fritz hielt uns an den Rockschößen fest, wenn Mama mit der Klingel das langersehnte Zeichen zum Treppensturm gab! Wie war es doch heute so anders!?

Gegen 6 Uhr forderte mich mein freundlicher, liebenswürdiger, wenngleich (wie alle Franzosen) zu geschwätziger Wirt auf, mit ihm zu dinieren. Das Diner war gut, der Wein noch besser, und als Monsieur meinen Trauring bemerkte, da holte er eine noch bessere Sorte aus dem Keller hervor und stieß mit mir an auf das Wohl von „Madame“! Das war doch eine Weihnachtsfreude, und zwar eine recht große!

Abends fanden wir Kameraden vom Regiment uns fast alle auf der Straße zusammen und blickten sehnsüchtig, wie zu Hause die kleinen Bettelkinder, nach etlichen brennenden Tannenbäumen, deren Lichter durch die Fensterscheiben strahlten! Schließlich, nach langem Umherirren, fanden wir einen großen Saal in einem Café und verbrachten hier den Abend bei einer Punschbowle.

Heute, am ersten Weihnachtstage hatten wir Gottesdienst in der Kirche St. Briée; Pastor Lössel hielt eine schöne Rede. Da blieb wohl kein Herz unbewegt. Von der Andacht einer Soldatengemeinde im Kriege kann man sich im Frieden schwer einen Begriff machen. Nachmittags besuchte mich Adolf, und verplauderten wir an meinem Kamin in dem kleinen traulichen Zimmer einige recht frohe Stunden! Über was unterhielten wir uns wohl??!

Um 6 Uhr dinierte ich mit meinem Herrn Hangeon, und unterhielten wir uns bis 8 Uhr über Politik etc. Abends studierte ich die von Bertha erhaltenen Zeitungen.

 

Geschrieben am Montag, den 26. Dezember 1870. Nachmittags 4 Uhr

Heute Mittag war Parade wie in Schwerin. Dann streifte ich mit Adolf und mit Schierstedt auf den Boulevards umher; der lange nicht besuchte Konditor musste auch herhalten. Heute Abend diniert Adolf mit mir bei Ms. Hangeon. Ich habe einen kleinen Tannenbaum auftreiben lassen und will Adolf nach dem Diner damit überraschen. Heute ist ja auch noch Weihnachten!

 

Chartres, den 28. Dezember 1870. Mittwoch

Den zweiten Weihnachtsfesttag (Montag, d. 26.) haben Adolf und ich recht froh verlebt! Mein liebenswürdiger Wirt, Herr Hangeon (Advokat, Rentier und Junggeselle, „Lebemann“), hatte Adolf zum Diner eingeladen. Ich hatte durch meine Leute heimlich einen Tannenbaum besorgen lassen und mit Lichtern und Konfitüren etc. denselben aufgeputzt. Nachdem wir nun recht froh und gemütlich zusammen diniert und viele Gläser auf Berthas und Friedas Gesundheit und auf Friedas Namensvetter, den „Frieden“ geleert hatten, stand ich während des Desserts auf und zündete in meinem Zimmer den Tannenbaum an; unter demselben lagen für Adolf leider nur in effigie[1], da sie nicht aufzutreiben waren, ein Paar Pelzhandschuhe; für Herrn Hangeon eine Biskuittorte und für seine Wirtschafterin Mademoiselle Marie ein großer Liebhaber von Pfefferkuchen. Dann öffnete ich die Tür und klingelte so lange, bis alle überrascht in mein Zimmer traten. – Bei dem brennenden Tannenbaum plauderte es sich gar zu gemütlich, und als die Lichter verlöschten, da duftete das Zimmer so heimatlich nach Tannenbaum und Pfefferkuchen! Wir waren recht glücklich!

***

Carl von Bülow wurde am 22. Mai 1841 zu Toddin bei Hagenow geboren. Er besuchte das Gymnasium in Schwerin und trat 1859 in den mecklenburgisch-schwerinschen Militärdienst. 1860 wurde er Sekondeleutnant, nahm 1866 am Feldzug in Süddeutschland teil und wurde 1867 zum Premierleutnant befördert. 1871 erfolgte seine Beförderung zum Hauptmann. 1870–1871 beteiligte er sich am deutsch-französischen Krieg. Er wurde mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse und dem mecklenburgischen Verdienstkreuz sowie dem Roten Adlerorden vierter Klasse ausgezeichnet. Carl von Bülow verstarb am 4. Januar 1883 in Schwerin.

Carl von Bülow, Kriegsbriefe aus den Jahren 1870–1871. Gefunden, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Manfred Wolff. Reihe Historiae Bd.2, Kartoniert, mit Schutzumschlag (bedruckt), 6 Bilder, 231 Seiten, ISBN 978-3-86356-297-7, €[D]19,50

 

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Mit jüdischer Feder

Es waren so viele Menschen jüdischer Herkunft, die zur Feder griffen, um mit Poesie und Drama, mit Essays und Geschichten dazu beigetragen haben, dass die deutschsprachige Gesellschaft ihre Freuden und Ängste, ihre Verzweiflung und Erkenntnis austauschen und überwinden konnte. So viele dieser Menschen sind in Vergessenheit geraten, werden nur noch von literaturwissenschaftlichen Spezialisten wahrgenommen.

Doch es gibt einen Ort, wo der heutige Leser vielen von ihnen wieder begegnen kann: das Projekt Gutenberg https://www.projekt-gutenberg.org/. Ich habe mir die Mühe gemacht, sie dort aufzusuchen und ihnen wieder einen Platz auf der Lesebühne zu schaffen. Hier ist eine Liste von 188 Menschen jüdischer Herkunft, deren Werke im Projekt Gutenberg kostenlos gelesen werden können.

Besuchen Sie sie. Sie werden freundlich empfangen.

Manfred Wolff 22.04.2020

Adler, Paul
Scholem Alejchem
Altenberg, Peter
Arnd, Friedrich
Ascher, Robert Maximilian
Auerbach, Berthold
Auernheimer , Raoul
Baum, Vicki
Beer-Hofmann, Richard
Benjamin, Walter
Benzion, Ben Jehuda
Berend, A
Beradt, Martin
Bergson, Henri
Bermann, Richard Arnold
Bernard, Tristan
Bettauer, Hugo
Bettelheim, Anton
Blass, Ernst
Bock, Alfred
Börne, Ludwig
Da Ponte, Lorenzo
David, Jakob Julius
Dehmel, Paula
Dery, Juliane
Detmold, Johann Hermann
Deutsch, Lev Grigorievich
Diebold, Bernhard
Dohm Hedwig
Donath, Adolph
Ebstein, Erich
Edel, Edmund
Einstein, Carl
Eliasberg, Alexander
Engel, Eduard
Engel, Georg
Ettlinger, Josef
Fechenbach, Felix
Federn, Karl
Fischer, Wilhelm
Frank, Anne
Frank, Bruno
Franzos, Karl Emil
Freud, Sigmund
Friedell, Egon
Friedländer, Hugo
Friedlaender, Salomo
Fulda, Ludwig
Fürst. Artur
Georgy, Ernst
Greiner, Leo
Großmann, Stefan
Grünbaum, Fritz
Handl, Willi
Harden, Maximilian
Hasenclever, Walter
Hartmann, Moritz
Heilborn, Adolf
Heimann, Moritz
Heine, Heinrich
Heine, Thomas Theodor
Helbing, Franz
Hellmert, Wolfgang
Hermann, Georg
Herrmann-Neiße, Max
Hertz, Heinrich
Herzl, Theodor
Hessel, Franz
Hevesi, Ludwig
Heyse, Paul
Hirsch, Julian
Hirsch, Jenny
Hirsch Marie
Hirschfeld, Hermann
Hirschfeld, Georg
Hirschfeld, Magnus
Hitzig, Julius Eduard
Hochstetter, Gustv
Hoddis, Jakob van
Hoffmann, Camill
Hofmannsthal, Hugo von
Holitscher, Arthur
Hollaender, Felix
Hollaender, Friedrich
Ichenhaeuser, Eliza
Jacobowski, Ludwig
Kafka, Franz
Kahane, Arthur
Kalisch, David
Kastein, Josef
Kerr, Alfred
Kisch, Egon Erwin
Koenig, Alma Johanna
Kohn, Joseph Seligmann
Kompert, Leopold
Kornfeld, Paul
Kraus, Karl
Krauss, Friedrich Salomon
Kuh, Anton
Lachmann, Hedwig
Landauer, Gustav
Landsberger, Artur
Lasker-Schüler, Else
Lasalle, Ferdinand
Leitner, Maria
Lessing, Theodor
Levett, Oswald
Levi, Giuseppe
Lewald, Fanny
Lichtenstein, Alfred
Liebermann, Max
Lindau, Paul
Lindau, Rudolf
Löwenfeld, Leopold
Lombroso, Cesare
Lucka, Emil
Ludwig, Emil
Luxemburg, Rosa
Magnus, Erwin
Marx, Karl
Mauthner, Fritz
Mendelssohn Bartoldy, Jakob
Mendelssohn, Moses
Mendes, Catulle
Messer, Max
Mombert, Alfred
Mosenthal, Salomon Hermann
Moszkowski, Alexander
Mühsam, Erich
Neubauer, Paul
Nordau, Max
Olden, Balder
Oppenheim, Edward Phillips
Pappenheim, Bertha
Poritzky, Jakob Elias
Proust, Marcel
Radek, Karl
Rathenau, Walter
Rie, Therese
Roda Roda, Alexander
Rodenberg, Julius
Rößler, Carl
Roth, Joseph
Rubiner, Ludwig
Salomon, Erich
Salomon, Ludwig
Salten, Felix
Salus, Hugo
Saphir, Moritz Gottlieb
Scheler, Max
Schirokauer, Alfred
Schlegel, Dorothea
Schnitzler, Arthur
Schott, Clara
Schwob, Marcel
Serner, Walter
Sforim, Mendele Moicher
Simmel, Georg
Soyfer, Jura
Spector, Mordecai
Spiero, Heinrich
Spinoza, Baruch
Sternberg, Leo
Sternheim, Carl
Stettenheim, Julius
Stoessl, Otto
Svevo, Italo
Tartaruga, Ubald
Toller, Ernst
Trotzki, Leo
Tucholsky, Kurt
Ungar, Hermann
Ury, Else
Varnhagen von Ense, Rahel
Wassermann, Jakob
Weil, Gustav
Weil, Robert
Weininger, Otto
Weiß, Ernst
Werfel, Franz
Wiener, Oskar
Winder, Ludwig
Wolfenstein, Alfred
Wolff, Theodor
Zangwill, Israel
Zeckendorf, Friedrich
Zimmer, Heinrich
Zweig, Stefan

 

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Verschwörungstheorie in der Tagesschau

Da sitzen ein paar Politiker, alle Fraktionsgeschäftsführer, im gut abgeschatteten Büro des Bundestagspräsidenten und machen sich Gedanken, was getan werden soll, damit der Staat auch im Seuchenfall funktioniert. Natürlich muss das alles im Rahmen der bestehenden Gesetze geschehen. Gesetze haben nur Geltung, wenn der Bundestag sie mit seiner Mehrheit ordentlich beschließt und der Bundesrat zustimmt. Aber wenn das nicht klappt?

Es ist ja denkbar, dass das ganze Parlament durch unglückliche Verkettungen zum Verdachtsfall wird, nicht wie die AfD, sondern wegen Corona. Wegen der vielen Überhangmandate sitzt man ja im Bundestag schon sehr eng beieinander, und da genügen ein paar Infizierte, um das ganze Hohe Haus nach Hause in die Quarantäne zu schicken. Den Plenarsaal kann man ja nicht zur Quarantänestation umwidmen.

Wenn die Bundesrepublik in solch eine gefährliche Situation gerät, müssen natürlich besonders wirksame Maßnahmen getroffen werden, so wirksam, dass sie vielleicht mit den Regeln des Grundgesetzes nicht mehr gerechtfertigt werden können. Das ist eigentlich nicht vorstellbar, denn wir haben ja seit 1968 die Notstandsgesetze, die dem Staat weitgehende Eingriffsmöglichkeiten in das Leben der Bürger erlauben. Der Katastrophenfall, wie er jetzt zuerst in Bayern ausgerufen wurde, basiert auf diesem Gesetz.

Worin die Katastrophe besteht, vermag ja keiner so genau zu sagen. Die bisher festgestellten Sterbefälle können es nicht sein, denn es gibt viel höhere Sterbefallzahlen mit Ursachen, die uns in der Regel kalt lassen, wenn wir nicht zu den Betroffenen zählen. Verkehrstote, Sepsistote, Alkoholtote, Krebstote sind keine Katastrophe. Corona muss es dann auch nicht sein.

Der Katastrophenfall liegt im Gesundheitswesen selbst. Dort wurde in der jüngsten Vergangenheit gespart auf Teufel komm raus. Es fehlt ärztliches Personal in den Gesundheitsämtern, es fehlt an Intensivpflegebetten und es fehlt vor allem an Pflegepersonal. Wenn Berlin jetzt ein Krankenhaus mit 1000 Betten für Coronakranke errichten will, was hoffentlich schneller geht als der Flughafen, ist damit noch niemandem geholfen, denn das Krankenhaus hat dann keine oder wenigstens viel zu wenige Ärzte und vor allem Pflegekräfte. Das kommt davon, wenn man eine Krankenschwester schlechter bezahlt als einen Maurer. Und zur Erinnerung: der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach wollte vor nicht allzu langer Zeit noch die Zahl der Krankenhausbetten in Deutschland halbieren.

Zurück zur Kungelrunde im Bundestag. Dort soll ausgerechnet der Bundestagspräsident Schäuble angeregt haben, das Grundgesetz zu ändern, damit man im Falle einer Seuche auch ohne Parlament Gesetze schaffen kann, mit denen man eine Seuche effektiv bekämpfen kann. Natürlich wurde das nicht in den zahlreichen Extras im Fernsehen verkündet. Das wurde nur mit einem kurzen Satz in der Tagesschau am 16.03. erwähnt. Wer diese Information durchgestochen hat und wer es versäumt hat, sie aus dem Tagesschautext zu entfernen, ist nicht bekannt.

Da sollen also eine oder mehrere nicht näher bestimmte Personen ermächtigt werden, im Seuchenfall ohne das Parlament Gesetze zu erlassen. Das soll nötig sein, weil in den Notstandsgesetzen Seuchen nicht ausdrücklich erwähnt werden. Man befindet sich im Krieg gegen die Seuche, und der muss gewonnen werden. Zum Krieg wissen wir: Die Sieger jeder Schlacht befinden sich nicht auf den Schlachtfeldern, sie haben ihre Stellungen an anderen und sichereren Orten, und nie wird mehr gelogen als im Krieg.

Es muss dann nur noch eine Seuche benannt werden, um den Wirkmechanismus der Ermächtigung in Gang zu setzen. Dazu genügt ein Blick in die Apothekenumschau, wo von A bis Z alle Gebrechen aufgezählt werden, von Abzess bis Zytomegalie, im Winter geht auch der schreckliche Männerschnupfen und im Sommer der Sonnenbrand.

Wer meint, in Befolgung des Artikels 20 Absatz 3 des Grundgesetzes aufgerufen zu sein, gegen solche Angriffe auf die freiheitliche Grundordnung zum Protest und Widerstand zu schreiten, der befindet sich auf dem Holzweg. Schon ein kleiner Protestmarsch zum Brandenburger Tor ist dann natürlich auch schon verboten wegen der Seuchengefahr, und dagegen wird dann mit allen verfügbaren Mitteln eingeschritten.

Manfred Wolff

17.03.2020

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Unzertrennlich. Rahmen und Bilder der Brücke-Künstler

Wir kennen so viele Bilder. Wir haben sie in Museen und Galerien, in Büchern und im Internet als Abbildungen gesehen. Ihre Stile, ihre Motive, ihre Farben sind uns fest im Gedächtnis. Doch was wissen wir über ihre Rahmen? Da fallen uns vielleicht die schwulstigen pseudobarocken Konstrukte ein, die mit ihrem Blattgoldauftrag glänzen und den Wert eines Bildes demonstrieren sollen. Die sind uns aus vorigen Jahrhunderten überkommen. Zeitgenössische Kunst begegnet uns sehr oft in Notrahmung – schmale Hölzer an den Keilrahmen geheftet. Aber erinnern wir uns noch an den Rahmen eines bestimmten Bildes?

Diesem Manko der kunstgeschichtlichen Betrachtung tritt nun das Brücke-Museum in Berlin mit seiner Ausstellung „Unzertrennlich. Rahmen und Bilder der Brücke-Künstler“ entgegen. Zahlreiche Arbeiten der Brücke-Künstler aus eigenen Beständen, des Buchheim-Museums Bernried und anderer internationaler Leihgeber geben einen Einblick in die Überlegungen der Künstler Ernst-Ludwig Kirchner, Otto Mueller, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff. Das Museum setzt damit die Forschungsarbeit des Münchner Rahmenmachers Werner Murrer fort. Das war bislang nicht das Steckenpferd der Kunsthistoriker, eröffnet ihnen  aber ein neues und interessantes Feld.

Die Brücke-Maler wollten ja nicht nur eine Alternative zum akademischen Kunstbetrieb schaffen. Sie wollten auch die Kluft zwischen Kunst und Leben schließen, die neue Kunst sollte sich auch im neuen Leben manifestieren. Dazu diente ihnen der Rahmen als Verbindung zwischen dem Bild und dem Raum, in dem es präsentiert wird. Im Rahmen gleitet die Farbpalette des Bildes über die Bildfläche hinaus in den Ausstellungsraum.  Die Künstler bauen den zum Bild passenden Rahmen selbst – bis zu zehn Zentimeter breite Flachrahmen, Rundstabrahmen und solche, die sie mit ornamentaler Schnitzerei dem Bildgegenstand anpassen. Die Farbe wird wie im Bild mit kräftigem Strich und breitem Pinsel aufgetragen.

Das muss alles stimmen, und, wie Kirchner in einem Brief an einen Mäzen schrieb, auch zur Wohnung passen. Die Kunst der Brücke-Maler sollte nicht nur ihr Leben in neue Bahnen lenken, sondern auch das der Käufer ihrer Bilder. Ihre Kunst, die für Kritiker der Entstehungszeit aus dem Rahmen fiel, schafft mit den Rahmen auch den Raum für ein neues Erleben. Das spürt auch der Besucher der Ausstellung, wenn er Bilder, die ihm sonst schon vertraut schienen, mit der Perspektive auf die Rahmen neu entdeckt.

Unzertrennlich. Rahmen und Bilder der Brücke-Künstler

Eine Ausstellung des Brücke-Museums
16. November 2019 bis 15. März 2020
Öffnungszeiten Mi bis Mo 11-17 Uhr. Dienstags geschlossen.
Bussardsteig 9, 14195 Berlin
www.bruecke-museum.de

 

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„A Midsummer Night’s Dream“ von Benjamin Britten an der Deutschen Oper Berlin

Es brauchte wohl wenigstens zwei Takte des Glissandos am Beginn der Premiere von Benjamin Brittens „A Midsummer Night’s Dream“ in der Deutschen Oper Berlin, bis etliche Zuschauer ihre Privatgespräche einstellten und der Musik somit Geltung verschafften. Dann hob sich der Vorhang für ein ganz und gar graues Bild einer leeren Bühne. Die Elfen des Kinderchors waren alle in gleiche graue Kleidung gesteckt, und auch Oberon und Tytania trugen ein altfränkisches Gewand ganz in Grau. Nur ein Kind war in einen knallblauen Anzug gekleidet. Um diesen „boy“ stritten Oberon und Tytania. Von oben schwebte Puck in die Szene, bestach durch akrobatische Übungen.

Der Auftritt der unglücklichen Paare Lysander und Hermia und Demetrius und Helena in farbiger Kluft machte die Kleiderordnung deutlich: Menschen sind bunt, Elfen sind grau. Inmitten der verwickelten Liebesbeziehungen erschienen nun sechs Handwerker (im alten Athen nannte man sie Banausen), die ein Theaterstück planen, das zur  Hochzeit von Theseus und Hippolyta aufgeführt werden soll. Puck richtete mit dem fehlerhaften Gebrauch eines Zaubermittels Verwirrungen in den Liebesbeziehungen an und verpasste dem Handwerker Bottom einen Eselskopf.

Schließlich wurde das Beziehungschaos aufgelöst und alle Paare fanden glücklich zueinander. Am Hofe des Theseus führten die Handwerker das Schauspiel „Pyramus und Thisbe“ auf, und die Hofgesellschaft zog sich in die Schlafgemächer zurück. Das letzte Wort hatte Puck: „So good night unto you all. Give me your hands, if we be friends.“ Dieser Wunsch Pucks ging in Erfüllung. Das Publikum bedankte sich mit lang anhaltendem Beifall.

Donald Runnicles hat das Orchester souverän geführt, sowohl die seidigen Violinenpartien ebenso sicher wie die burlesken Partien des Handwerkertheaters, bei denen Britten wohl an Szenen der italienischen Oper dachte. Alle Sänger wurden vom Orchester einfühlsam unterstützt.

Allein James Hall als Oberon und Siobhan Stagg als Tytania stachen mit ihren Partien gesanglich hervor. Die übrigen Sänger lieferten braven Gesang, zu dem geschwiegen genug des Lobes ist. Aus ihnen hob sich James Platt als Bottom hervor, vor allem wegen seiner Lautstärke. Der Puck Jami Reid-Quarrels in der Choreographie von Ran Arthur Braun war eine gelungene Besetzung.

Das fast leere Bühnenbild – nur eine Leiter ins Nichts, zwei rote Wolken, ein herbeigetragener Mond und immerwährende Nebelschwaden – könnte den Sängern Raum geben für eine angemessene schauspielerische Leistung, doch Ted Huffman hält sie an der kurzen Leine. Auch die Puppen für Pyramis und Thisbe sind eine Absage an das Spiel. Wenn bei der Hochzeitsfeier Theseus sich als Trunkenbold bis hin zum Zusammenbruch spielen darf, ist das nur eine Persiflage auf das Schauspiel in der Oper.

„A Midsummer Night’s Dream“ ist keine traumhafte Inszenierung. Man sucht darin die Träume vergeblich, aber man wird angeregt, die eigenen Träume aus dem Bühnengeschehen zu finden. Und das ist dann auch den Besuch der Deutschen Oper wert.

Deutsche Oper Berlin, weitere Aufführungen am 29. 01, 01., 06. und 22. 02. 2020.

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herman de vries: how green is the grass?eine ausstellung des georg kolbe museums berlin

 

wenn wir meinen, mit beiden beinen fest auf dem boden zu stehen, berühren unsere füße nicht die mutter erde. die ist verborgen unter einer künstlichen oberfläche aus beton und asphalt, aus pflaster und aufgeschüttetem kies. wieviel vielfältiger als diese beläge die erde ist, was sie uns verraten kann über ihre geschichte, ihre verbindungen und unseren umgang mit ihr, das hat herman de vries in einer enzyklopädie zusammengetragen, aus deren über 9000 seiten jetzt ein kleiner ausschnitt im georg kolbe museum zu sehen ist. in einem saal kann man nicht nur einige der erdproben sehen, die de vries bei spaziergängen und reisen gesammelt hat. er hat die erden auch zu einem feinen pulver gemahlen, dass sie wie pigmente verwandt werden können. auf weiße bögen aufgetragen hat er sie dann mit den handballen verrieben. so erblickt der besucher ein 66faches vielfarbiges kaleidoskop – blasses weiß, leuchtendes gelb, wärmendes rot, ruhiges braun und tiefes schwarz.

gleich daneben füllt ein kreisförmiges objekt den boden eines raumes. herbstlaub und kleine äste und zweige, von den buchen und eichen des steigerwalds abgeworfen. das ist herman de vries‘ kunsterlebnis bei seinen spaziergängen in der region, die seit den siebziger jahren seine heimat ist. ambulo ergo sum.

die von de vries gesammelten pflanzen sind nicht einfach grünzeug. diese objets trouvées sind winterlicher natur. sie leben nicht mehr, sind aber beredte zeugen eines mannigfachen und für den blick oft rätselhaften lebens, der vielfältigen möglichkeiten des seins. sie zu beachten ist die aufgabe einer erfolgreichen ökologie. „natur ist sich selbst genug und soll dem menschen auch genug sein. was wir von der natur noch um uns finden können (und ich sage bewusst nicht ‚haben‘), hat keine menschlichen zufügungen nötig. sie ist sich selbst – und für uns eine offenbarung …“ sagt herman de vries. die buche im garten des museums lässt er sagen: „i am“.

der niederländische künstler herman de vries wurde 1931 geboren. seit den 1960er jahren wandte sich der ausgebildete gärtner der kunst zu, zuerst in anlehnung an die gruppe ZERO. mit der ausstellung seiner arbeiten bei der biennale von venedig 2015 fand er auch internationale beachtung.

die konsequente kleinschreibung dieses textes folgt einer maxime von herman de vries, der so jede hierarchie zwischen sich und den dingen ablegt.

„herman de vries. how green is the grass“
Eine Ausstellung des Georg Kolbe Museums mit dem Umweltbundesamt
27. Januar bis 3. Mai 2020

Eröffnung am Sonntag, den 26. Januar 2020 um 11 Uhr im Georg Kolbe Museum

Georg Kolbe Museum
Sensburger Allee 25
14055 Berlin
www.georg-kolbe-museum.de

Manfred Wolff

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Anette und der doppelte Weihnachtsmann

Weihnachtlich sah die Stadt wirklich nicht aus. Der Wind wehte statt Schneeflocken die vertrockneten Blätter der Bäume durch die Straßen. Es regnete tagaus, tagein. Überall standen große Pfützen, in denen sich die Lichter der Weihnachtsbeleuchtung spiegelten, so dass die Weihnachtssterne und Glocken gleich doppelt zu sehen waren. Statt Pudelmütze und dickem Wintermantel waren Gummistiefel und Regenjacke angesagt. Aber trotzdem redeten alle voller Vorfreude von Weihnachten.

Das begann schon, als die Girlanden mit den Lichtern in der Stadt aufgehängt wurden und im Supermarkt viel zu früh die ersten Weihnachtslieder erklangen. Während das alles noch ein wenig unwirklich erschien, wurde das nahe Weihnachtsfest für Anette zur Gewissheit, als ihre Mama im Wohnzimmer den Adventskranz aufstellte und dann am Sonntagnachmittag tatsächlich die erste rote Kerze angezündet wurde. Jetzt konnte man die Tage bis zum heiligen Abend zählen. Und wenn sich die Zeit bis dahin auch unendlich lange hinzuziehen schien, waren die Tage doch ausgefüllt mit den Vorbereitungen für das schönste Ereignis des Jahres und mit ganz vielen Träumen davon, wie es wohl diesmal sein würde.

Und immer wieder drehten sich diese Träume um eine wunderschöne Puppenstube: ein richtiges Wohnzimmer mit einem Sofa, links daneben ein Schlafzimmer mit zwei großen Betten und an der rechten Seite eine kleine Küche mit einem Herd und einem Schrank und einem Regal mit winzigen Töpfen, Pfannen und Tellerchen, alle Zimmer mit elektrischem Licht und an den seitlichen Fenstern kleine Blumenkästen und Fensterläden.

Als im Kindergarten Tante Käthe alle Kinder fragte, was sie sich denn vom Weihnachtsmann wünschen, sagte Anette auch gleich: „So eine schöne Puppenstube, wie sie bei Strathmanns im Schaufenster steht! Mit drei Zimmern und elektrischem …“ – „Gar nicht wahr!“ platzte da Petra dazwischen, „gar nicht wahr, die Puppenstube bringt der Weihnachtsmann zu mir!“

Anette war sprachlos. Ausgerechnet Petra sollte die Puppenstube bekommen? Die war doch immer so doof und ärgerte die anderen Kinder beim Spielen und wischte sich die Nase immer mit der Hand ab und konnte sich noch nicht mal selbst die Schuhe zubinden.

„Das glaube ich aber nicht,“ wandte Anette vorsichtig ein, „ich wünsche mir so eine Puppenstube schon ganz lange und habe sie auch auf meinen Wunschzettel für den Weihnachtsmann gemalt.“

„Und ich kriege die Puppenstube doch!“ beharrte Petra und grinste Anette dabei frech an. „Ich wünsche sie mir nämlich auch. Und mein Papa hat darüber schon mit dem Weihnachtsmann gesprochen, und der Weihnachtsmann macht alles, was mein Papa sagt, weil mein Papa Polizist ist.“

Was sollte Anette darauf sagen? Einerseits war sie wütend über Petras Frechheit und hätte ihr am liebsten eine geklebt, aber das durfte sie doch nicht, dann wäre Tante Käthe sicher böse geworden. Und anderseits war sie traurig, weil sie sich einfach nicht vorstellen konnte, dass der Weihnachtsmann hinter ihrem Rücken ausgerechnet dieser Petra die schöne Puppenstube verspricht.

Tante Käthe hatte das alles mit angehört, und als sie sah, dass eine kleine Träne über Anettes Wange kullerte, sei es nun aus Wut, sei es aus Traurigkeit, klatschte sie schnell in die Hände und sagte: „Nun wollen wir wieder singen: Lasst uns froh und munter sein…“, und alle Kinder sangen das fröhliche Nikolauslied.

Anette sang zwar auch mit, aber viel leiser als sonst, und ihre Gedanken ließen ihr keine Ruhe, den ganzen Tag nicht. Der Weihnachtsmann war doch ihr Freund, und sie hatte ihn so lieb. Sogar im Sommer dachte sie manchmal an ihn. Und pünktlich zur Adventszeit hatte er ihr sogar geschrieben, dass ihr Wunschzettel angekommen war und dass er sich darüber gefreut hatte und dass er sich auch schon darauf freut, Anette am Heiligen Abend zu besuchen. Da war es doch ganz unmöglich, dass er heimlich ein anderes Mädchen vielleicht sogar noch mehr lieb hat als Anette, und noch dazu diese Petra. Das passte alles nicht zusammen. Irgendetwas stimmte nicht. Aber wie sollte sie das rauskriegen?

Mama streichelte ihr besorgt über den Kopf, als sie Anette ins Bett brachte, und fragte: „Was hast du denn mein Kleines? Du bist den ganzen Tag so traurig? Machst du dir Sorgen?“ Anette schüttelte nur wortlos den Kopf. „Magst du nicht mir darüber reden?“ Anette schüttelte wieder den Kopf. „Na, vielleicht heute nicht. Schlaf erst mal drüber. Morgen können wir ja auch noch sprechen.“ Und dann gab sie Anette einen Kuss und knipste das Licht aus.

Anette kuschelte sich unter ihre Decke, und dann kam ihr eine Idee. Natürlich – das wars. Sie musste darüber reden, nicht mit irgendwem, nicht mit Tante Käthe im Kindergarten, auch nicht mit Mama – mit dem Weihnachtsmann selbst musste sie über diese Sache sprechen. Er würde ihr sicher alles erklären, und dann wäre alles wieder gut. Aber wie sollte sie den Weihnachtsmann finden? Und ob er wohl Zeit für sie hätte, jetzt so kurz vor Weihnachten? Darf man den Weihnachtsmann überhaupt besuchen? Wie sollte sie da hinkommen, denn er wohnt doch sicher sehr weit weg in der Nähe vom Nordpol. Ach was – wenn man sich etwas ganz fest wünscht, dann klappt das auch!

Während Anette noch überlegte, begann ihr Bettchen leise zu schaukeln. Sie guckte überrascht in die Dunkelheit. Was war das? Im nächsten Augenblick öffnete sich das Fenster wie von selbst. Ein Lichtstrahl des Mondes reichte bis an ihr Bett, und darauf segelte das Bett aus dem Fenster hinaus in die Nacht. Anette sah unter sich die Lichter der Stadt, die immer kleiner wurden, und über sich die Lichter der Sterne, die immer heller wurden. Das  Bett flog immer schneller. Der Wind blies ihr um den Kopf. Unter ihr war alles dunkel. Dann machte das Bett einen großen Bogen, und Anette wäre beinahe hinausgefallen. Doch als sie sich wieder richtig hingelegt hatte, hörte sie silberne Glöckchen und ein schnelles Trappeln. Es wurde heller, und Anette erkannte, dass sie durch eine weiße tief verschneite Winterlandschaft fuhr, das Bett flog nicht mehr, es wurde von zwei Rentieren, an deren Geweih die Glöckchen hingen, durch den Schnee gezogen.

Aus dem fliegenden Bettchen war ein richtiger großer Schlitten geworden, und Anette saß darin, dick eingepackt in ihre Bettdecke. Jetzt kamen sie an einem Wegweiser vorbei, darauf stand „korvatunturi“. Das konnte Anette zwar nicht lesen, aber das musste der Ort sein, wo der Weihnachtsmann in Lappland wohnt. Dann stand da ein dicker Schneemann, der nach links zeigte. Die Rentiere bogen also nach links ab und hielten bald vor einem großen prächtigen Haus. Das Dach war dick mit Schnee bedeckt, aus dem Schornstein kringelten Rauchwolken. An der Tür war ein Namensschild neben der Klingel, darauf stand „joulupukki“. Das verstand Anette auch nicht, aber es musste so viel wie Weihnachtsmann heißen. „Weihnachtsmann“ konnte ja nicht draufstehen, denn das hätte in Lappland keiner verstanden.

Anette reckte sich so hoch wie sie konnte, reichte gerade an den Klingelknopf heran und drückte zaghaft darauf. Nichts geschah. Dann hörte sie von drinnen ein Poltern und Brummen, der Schlüssel wurde gedreht, dann ein Riegel geschoben und die Tür ging auf und vor ihr stand leibhaftig der Weihnachtsmann. Der rieb sich erst mal erstaunt die Augen und fragte dann: „Anette??? Bist du es wirklich? Wie kommst du denn hierher?“

„Ich bin mit meinem Bettchen, also eher in einem Flugzeug, oder besser mit dem Schlitten gekommen“, antwortete Anette.

„Ganz allein?“

„Ja, ganz allein, und das darf niemand wissen.“

„Na, du machst Sachen. Nun komm aber erst mal rein, sonst erkältest du dich noch und musst Weihnachten im Bett verbringen.“

Der Weihnachtsmann nahm Anette bei der Hand und zog sie zu sich ins Haus. Dass er vergaß, die Tür wieder fest abzuschließen, bemerkte er gar nicht. Im Haus roch es nach frischer Farbe und Leim, nach Öl und Sägemehl. In einem Raum, dessen Tür weit offen stand, waren schon ganz viele Pakete aufgestapelt, und auf einem Tisch lagen ganze Stapel von Wunschzetteln. Dann führte der Weihnachtsmann Anette in seine Weihnachtsmannstube und sagte ihr, sie solle sich auf das Sofa setzen. Gleich neben dem Sofa stand ein großer Weihnachtsbaum, an dem ganz viele Kerzen brannten. „Den Baum stelle ich mir schon immer ein paar Wochen vor Weihnachten auf, damit ich in die richtige Stimmung komme,“ erklärte ihr der Weihnachtsmann. An den Wänden waren ganz viele Bilder von Kindern. „Das sind alles Kinder, die immer besonders brav und lieb waren, schau sie dir nur genau an.“ Anette musterte die vielen Bilder. Da waren Jungen und Mädchen, alle verschiedener Hautfarbe, Kinder aus der ganzen Welt. Ein Bild kam ihr sehr bekannt vor. Das war bestimmt Mama, als sie noch klein war. Weil Anette sich nicht ganz sicher war, wollte sie den Weihnachtsmann fragen. Der war aber gerade in seiner Küche und kochte für Anette einen großen Topf Kakao und schnitt ein paar Stücke von einem Christstollen ab. Das setzte er alles vor Anette auf den Tisch und fragte dann: “ Also was führt dich zu mir? Das muss ja was ganz besonderes sein, denn eigentlich kommen Kinder nie zu mir nach Hause. Nur ich besuche sie immer am Heiligen Abend.“

Anette schluckte brav ihren Christstollen herunter, spülte mit einem großen Schluck von dem köstlichen Kakao nach und erzählte dann dem Weihnachtsmann von ihrem Puppenstubenwunsch. „Das weiß ich alles von deinem Wunschzettel. Komm zur Sache, denn ich habe nicht viel Zeit so kurz vor den Feiertagen,“ unterbrach er sie etwas unwirsch.

Nun kam die Geschichte mit Petra an die Reihe, und Anette vergaß kein einziges Wort, das gefallen war, und keinen einzigen Gedanken, der ihr durch den Kopf gegangen war. Der  Weihnachtsmann hörte ihr geduldig zu, und als sie zum Ende gekommen war, strich er ihr beruhigend über den Kopf und sagte: „Das war klug von dir, direkt zu mir zu kommen. Man muss nicht alles glauben, was die Leute erzählen, und wenn sie Unsinn reden, wendet man sich am besten an Leute, die etwas von der Sache verstehen. Und vor Weihnachten sollen sch die Leute auch nicht streiten, sondern sich gemeinsam auf die Geburt des Christkindes freuen.“ Anette nickte zustimmend mit dem Kopf und der Weihnachtsmann fuhr fort: „Und was nun deine – “ hier biss sich der Weihnachtsmann schnell auf die Zunge und verbesserte sich: „was nun die Puppenstube angeht, so musst du dich einfach bis Weihnachten gedulden. Mal sehen, was sich machen lässt. Ich werde deinen Wunschzettel noch einmal ganz genau studieren.“

Diese Worte des Weihnachtsmanns beruhigten Anette sehr. Jetzt konnte sie wieder unbeschwert plaudern, wie es ihre Art war, und so viele Fragen stellen, dass ein weniger geduldiger Mensch als der Weihnachtsmann sicher die Hände über dem Kopf zusammenschlüge. Aber der Weihnachtsmann beantwortete alle Fragen so gut er konnte und wie es ein kleines Mädchen verstehen kann und ging dann sogar noch mit Anette in seine Werkstatt. Da standen Feuerwehrautos und Kaufläden, Fahrräder und Schlittschuhe und noch viel mehr Dinge, die Kinder sich so zu Weihnachten wünschen, und mittendrin eine  wunderschöne  große Puppenstube, viel schöner als die in Strathmanns Schaufenster. Vor den Fenstern hingen richtige Gardinen, auf dem Wohnzimmertisch stand ein kleiner Blumenstrauß, die Betten hatten buntkarierte Bezüge und der Küchentisch war mit kleinen Tellerchen und Tässchen eingedeckt, grade als ob dort die Puppen gleich zum Frühstück Platz nehmen wollten.

„Darf ich die Tellerchen mal anfassen?“ fragte Anette den Weihnachtsmann.

Da schnarrte hinter ihr eine laute Stimme: „Lass da die Finger davon! Du machst alles kaputt! Diese Puppenstube ist nicht für dich!“

Anette drehte sich erschrocken um. Da stand doch tatsächlich ein zweiter Weihnachtsmann, nicht ganz so groß wie der, mit dem sie gerade noch gesprochen hatte, aber auch der hatte einen langen weißen Bart, eine rote Zipfelmütze, einen roten Mantel mit weißem Pelzbesatz und schwarze Stiefel an. Man könnte meinen, sie seien Zwillinge.

Anette sah die beiden Weihnachtsmänner an, die sahen sich gegenseitig an, und es war mucksmäuschenstill in der Werkstatt.

„Wer bist du denn? Und wo kommst du her?“ herrschte der eine Weihnachtsmann den anderen an.

„Durch die Tür bin ich gekommen, die stand ja auf, und weil ich der Weihnachtsmann bin, bin ich in das Weihnachtsmannhaus gekommen,“ entgegnete der andere Weihnachtsmann.

„Du bist ein Lügner, aber kein Weihnachtsmann!“

„Natürlich bin ich der richtige Weihnachtsmann und passe auf, dass solche Gören wie diese Anette nicht die Weihnachtsgeschenke anderer lieber Kinder kaputt machen.“

Woher wusste dieser andere Weihnachtsmann ihren Namen, wunderte sich Anette.

„Du bist ein Betrüger, nichts anderes. Sag mir doch mal, wie der Weihnachtsmann auf Lappländisch heißt.“

„Das ist ein Geheimnis, das verrate ich dir nicht.“

„Das kannst du auch gar nicht verraten, weil du es nicht weißt. Sogar diese kleine liebe Anette weiß das aber.“

„Ja, das weiß ich,“ mischte sich Anette ein, „der heißt joulupukki.“

„Ach Quatsch, pukkujuli oder kilojukki, das ist doch ganz egal. Hauptsache man ist der Weihnachtsmann.“

„Dir erzähle ich was – sich über meinen Namen lustig zu machen!“ Und mit diesen Worten gab der eine Weihnachtsmann dem anderen eine schallende Ohrfeige, dass im sogar die Mütze vom Kopf flog und eine große blanke Glatze zum Vorschein kam. Da musste Anette doch lachen.

„Das hast du nicht umsonst getan, jetzt mache ich dich fertig!“ schrie der andere Weihnachtsmann und packte seinen Gegner am roten Mantel. Der packte zurück, und so rangen sie miteinander, bis dem glatzköpfigen Weihnachtsmann der Mantel aufsprang und darunter eine grüne Uniform zu sehen war.

„Jetzt weiß ich, wer du bist!“, rief der richtige Weihnachtsmann, und Anette wusste es auch gleich, als der Weihnachtsmann dem Eindringling den falschen weißen Bart aus dem Gesicht riss: das war Petras Papa, der Polizist Lindemann!!!

„Du solltest dich schämen, Lindemann!“, schimpfte ihn der Weihnachtsmann aus. „Ein ordentlicher Mensch geht nicht in fremde Häuser und erschreckt auch keine kleinen Mädchen. Ein Polizist schon gar nicht. Der soll ein Freund der Kinder sein, so wie der Weihnachtsmann. Nun verschwinde hier, ich will dich nicht mehr sehen. Die Rechnung für deine Frechheit wirst du am Heiligen Abend erhalten.“ Mit diesen Worten schob ihn der Weihnachtsmann zur Tür hinaus, rief noch einmal „Lass dich hier nie wieder blicken!“ hinterher und Schlingel, der Hund des Weihnachtsmanns, bellte und knurrte auch so lange, bis Lindemann hinter den Bäumen des Waldes verschwunden war, gerade so, wie man immer singt „Schlingel bellt, Schlingel bellt“.

„Wirst du nun gar nicht zu Lindemanns gehen am Heiligen Abend?“ fragte Anette, als die beiden wieder alleine waren.

„Nein, um solche bösen Menschen mache ich einen großen Bogen“, bestätigte der Weihnachtsmann.

„Da wird Petra aber traurig sein, wenn du nicht zu ihr kommst. Sie kann doch nichts dafür, dass ihr Papa so böse ist“, wandte Anette ein.

„Du hast ein gutes Herz, Anette“, freute sich der Weihnachtsmann, „ich werde mir das mit Petra noch mal überlegen, obwohl sie ja zu dir auch nicht gerade freundlich war.“

„Ach was,“ wehrte Anette ab, „wir Kinder im Kindergarten müssen doch zusammenhalten, und am schönsten ist es, wenn wir alle nach Weihnachten erzählen können, worüber wir uns gefreut haben.“

„Nun wird es aber Zeit, dass du wieder nach Hause kommst und ein bisschen schläfst, sonst verschläfst du morgen den Kindergarten,“ mahnte der Weihnachtsmann. Das sah Anette ein. Sie verabschiedete sich vom Weihnachtsmann mit einem dicken Kuss auf die Wange, so dass der richtig ein bisschen rot wurde. Und als sie am nächsten Morgen aufwachte, hatte sie schon alles vergessen, was sie in der Nacht erlebt hatte. Nur gut, dass es hier aufgeschrieben ist, damit es nicht ganz in Vergessenheit gerät.

Text © Manfred Wolff

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Ein Weihnachtsmärchen: Anette bei der Eiskönigin

Weil es zur Jahreszeit passt, nun einmal ein Weihnachtsmärchen:

Anette bei der Eiskönigin

Weihnachten war nun schon ein paar Wochen vorbei, aber Anette musste noch immer daran denken. Der Tannenbaum in der guten Stube hatte so gut geduftet, war so bunt behängt mit ganz vielen Kugeln in allen Farben, und in denen spiegelten sich die Kerzen, die das ganze Zimmer in ein wunderbares Licht tauchten. 16 Kerzen waren es, Anette hatte sie immer wieder gezählt, denn so weit konnte sie schon zählen.

Sie hatte mit der Mutter am Tannenbaum gesessen, nachdem das Christkind mit dem Schmücken fertig war und sie endlich auch in das Weihnachtszimmer durfte, wo die Mutter dem Christkind schon tüchtig zur Hand gegangen war. Sie hatten gemeinsam die schönen Lieder gesungen, die sie in der Vorweihnachtszeit am Adventskranz geübt hatten, und Anette wiederholte immer wieder das Gedicht, das sie für den Weihnachtsmann auswendig gelernt hatte.

Und dann kam der Weihnachtsmann! Er war soo lieb zu Anette, und sie war richtig traurig, als er sich wieder verabschiedete, weil er ja noch andere Kinder besuchen musste. Am liebsten hätte sie es gehabt, wenn er einfach dageblieben wäre, denn sie war richtig in den Weihnachtsmann verliebt und hätte nur zu gern von ihm ihre Gutenachtgeschichte gehört und wäre auch nur zu gern am nächsten Morgen von ihm geweckt worden.

Dass an Weihnachten gar kein Schnee lag, wie das immer in den Bilderbüchern zu sehen war, hatte sie nicht gestört, doch als dann im neuen Jahr doch noch eines Morgens die ganze Welt unter einer dicken weißen Decke lag, die gerade so aussah wie Anettes Bettdecke und aus der die grünen Buchsbaumsträucher im Garten herausschauten wie der Teddybär aus ihrem Bettchen, da freute sich Anette doch mächtig. Nun konnte sie wieder Schlitten fahren, einen Schneemann bauen mit einer roten Mohrrübennase, und alles war wie in den Bilderbüchern mit den Weihnachtsgeschichten. Nur der Weihnachtsmann würde wohl nicht mehr kommen.

 

Bitterkalt war es auch geworden. Am Morgen war das Fenster im Schlafzimmer mit dicken Eisblumen bedeckt. Da erhoben sich Zweige mit feinen Blättern, Blütenrispen stachen aus dem Blätterwald hervor, weiße Gräser wogten, und kleine silberne Wölkchen schwebten darüber hin. Was sich wohl hinter diesem Urwald verbirgt, fragte sich Anette, als sie mit verschlafenen Augen das Wunder betrachtete. Vielleicht könnte sie es ja besser erkennen, wenn sie die Augen zukniff … Bewegte sich da nicht etwas?

Eine Hand schlug die Zweige auseinander, und eine wunderschöne Frau lächelte ihr zu. Sie war fast so schön wie Mama. Und während Anette sich noch fragte, ob sie die Frau kannte, rief die ihr zu: „Hallo, Anette. Schön, dass du zu mir kommen willst.“ Eigentlich wollte sie doch gar nicht irgendwohin gehen, und eigentlich durfte sie auch nicht mit anderen Leuten mitgehen, aber sie war doch neugierig. „Na gut. Ich komme mal. Aber zum Frühstück muss ich wieder hier sein, sonst wird Mama böse. Wer bist du denn?“

„Du kennst mich nicht?“ antwortete die Frau, „ich bin die Eiskönigin und möchte dir meinen Palast zeigen.“ Mit diesen Worten nahm sie Anette bei der Hand und führte sie durch den Eisblumendschungel. Der Weg war spiegelblank und eisglatt, und Anette schlitterte ausgelassen neben der Eiskönigin her. „Das ist toll! Bei uns auf der Straße streuen sie immer gleich, wenn  es mal schön glatt ist.“ – „Ja, so sind die Menschen: wenn sie jung sind, schlittern sie. Die Alten streuen Sand und Asche. Das ist bei mir streng verboten.“

Und dann standen sie vor dem Palast. Silbern erhob er sich fast bis in den Himmel. Mächtige Säulen aus Eiszapfen schmückten das Portal, aus den Fenstern strahlte ein geheimnisvolles bläuliches Licht, und die Dächer waren dick mit Schnee bedeckt. Das große Tor öffnete sich von allein. Sie traten ein und standen in einem großen Saal, von dem nach allen Seiten weite Flure abgingen. Alle Wände waren aus großen Eiswürfeln gebaut und mit einer glitzernden Tapete von Raureif verkleidet. Ein eisiger Hauch zog durch den Saal. Es war ganz still, so dass die Worte der Eiskönigin, die doch ganz leise mit Anette sprach, lange nachhallten: „Das also ist mein Reich. Sieh dich um, schau dir alles genau an. Wenn es dir gefällt, kannst du alles haben und meine Eisprinzessin werden.“

Das wollte Anette wohl gefallen: tagaus tagein schlittern, vielleicht sogar auf richtigen Schlittschuhen wie die Eisprinzessinnen im Fernsehen mit ihren schönen bunten Kleidchen. „Was ist das dort drüben?“ fragte sie die Eiskönigin und zeigte auf einen großen Saal, aus dem fortwährend große bunte Kugeln hervorrollten, gelbe, rosa, braune, grüne. „Das ist meine Eisdiele. Dort wohnen die drei Eisheiligen – Langnese, Schoeller und Dr.Oetker. Das ganze Jahr machen sie Vanilleeis, Schokoladeneis, Pistazieneis, Himbeereis. Das essen hier alle am liebsten. Das ganze Jahr. Von früh bis spät.“ Und wie zur Bestätigung sang die Eiskönigin dazu „Himbeereis zum Frühstück …“ – „Darf ich auch davon essen?“ – „Aber sicher doch! Iss soviel du magst.“ Das musste sie Anette nicht zweimal sagen. Genüsslich schleckerte sie von allem und nahm sich auch noch ein großes Eis am Stiel mit auf den weiteren Weg.

In einer Ecke standen ein paar Mädchen zusammen. Sie trugen kurze Kleidchen wie Eisprinzessinnen, aber die waren schon recht alt und verschlissen, und die Mädchen sagten immerzu „Autsch!“. „Was machen die?“ wollte Anette wissen. „Das sind Mädchen, die die Prüfung zur Eisprinzessin nicht bestanden haben. Jetzt drücken sie sich gegenseitig Eispickel aus.“ Das gefiel Anette gar nicht.

Auf einmal hüpfte ein kleines rotes Männchen vor ihnen über das spiegelglatte Eis und schlug Purzelbäume und machte die komischsten Kapriolen. „Du bist aber lustig,“ lachte Anette, „wer bist du denn?“ – „Ich bin der Eisprung,“ kicherte das rote Männchen. Aber schon im nächsten Moment zischte es die Eiskönigin an: „Hau ab! Hier ist nicht dein Platz, du gehörst in das Märchen von Knaus und Ogino!“ und mit einem scharfen Eissturmhauch pustete sie den kleinen Kerl aus dem Weg und weiter aus einem der offenstehenden Fenster.

„Und dies ist mein ganzer Stolz und mein liebstes Spielzeug“, erklärte die Eiskönigin, als sie Anette durch eine schmale Tür schob. Vor ihnen lag ein großes Eisstadion, und die Eiskönigin forderte Anette auf, in der  großen VIP-Loge Platz zu nehmen, wo ihnen auch gleich zwei Pinguine einen Eisshake servierten.

 

„Am Abend tanzen hier immer meine Eisprinzessinnen zur Musik von Kurt Eisler. Aber noch besser sind die Eishockeyspiele. Die Mannschaft mit meinem Bild auf dem Trikot spielt wunderbar und gewinnt immer, egal wie sehr sich die anderen auch anstrengen. Sie sind wahre Meister und ich schenke ihnen nach jedem Spiel einen großen Pokal aus silbrigem Eis.“ Das fand Anette nun sehr ungerecht, und sie beschloss, der anderen Mannschaft, die einen bunten Indianerkopf auf dem Trikot hatte, künftig immer fest den Daumen zu drücken. Vielleicht würden sie ja dann auch wenigstens einmal gewinnen … Sonst ging es wie bei einem richtigen Eishockeyspiel zu. Auf den Tribünen saßen die Eisbären und pfiffen und grölten, und wenn sie unzufrieden waren, warfen sie Eisbomben auf die Eisfläche.

Aus einer Nische des großen Saals stiegen große Dampfwolken auf. Davor saßen drei Männer an einem Tisch mit Messer und Gabel in der Hand. „Das,“ machte die Eiskönigin Anette auf die drei aufmerksam, “ sind drei Männer aus Eisleben. Sie wollen Polarforscher werden, deshalb habe ich sie zu mir eingeladen, damit sie schon mal mit dem Forschen anfangen können, indem sie tagaus tagein Eisbein essen.“

Je weiter sie kamen, desto seltsamere Leute trafen sie. Da gingen welche mit einem Eisbeutel auf dem Kopf herum, in einem Liegestuhl lag eine Frau, in eine Eisdecke gehüllt, und da drüben tanzte doch tatsächlich ein Esel auf dem Eis.

Als Anette und die Eiskönigin auf eine Terrasse hinaustraten, tat sich vor ihnen der Blick in eine weite weiße Landschaft auf. Hohe Eisberge begrenzten am Horizont ein weites Tal, das bis ans Eismeer reichte. An dessen Ufer saß vor einem Eisloch ein Mann, der Eisschollen angelte. Eisvögel flatterten hin und her, und auf den Blüten eines Eisbegonienfeldes saßen Eisfalter, die eisigen Nektar sogen.

„Na, gefällt dir das alles?“ fragte die Eiskönigin.

„Ja, es ist alles wunderschön und sehr lustig,“ antwortete Anette, „aber ich bin schon ganz durchgefroren. Und Bauchschmerzen habe ich auch von dem vielen Schokoladeneis. Und ich muss wieder nach Hause, damit Mama nicht merkt, dass ich heimlich weggelaufen bin.“

„Nach Hause?“ Die Eiskönigin war empört. „Das könnte dir so passen. Da würdest du dann allen erzählen, was du hier gesehen hast, und mein schönes Eiskönigreich würde von neugierigen Besuchern überlaufen. Nein, das schlag dir mal aus dem Kopf. Du bleibst jetzt für immer hier. Am Nachmittag beginnt für dich die Eisprinzessinnenschule.“

So hatte sich Anette das aber nicht gedacht. Wie sollte sie aber wieder hier herauskommen? Sie kannte die Wege nicht, alles sah gleich eisgrau und eisblau aus. Oh weh! Gegen diese mächtige Eiskönigin konnte ihr nur einer helfen: der Weihnachtsmann. Der wohnt doch am Nordpol, und das kann gar nicht so weit von hier sein, schloss sie messerscharf. Wenn sie den riefe, würde er es sicher hören und ihr zur Hilfe kommen.

„Weeeiiiihnachtsmaaaaaaaaan!“ rief sie ganz laut, „hiiilf miiiir! bring mich nach Haauuuuseee!“

„Der alte Mann wird dir nicht helfen,“ sagte die Eiskönigin schnippisch, „der verpennt doch das ganze Jahr oder bastelt in seiner Werkstatt an Puppenstuben und Feuerwehrautos.“

Da hatte sich die Eiskönigin aber geirrt! Schon hörte man von fern ein leises Glöckchenläuten, das immer näher kam. Schon konnte  man den Schlitten mit den Rentieren davor erkennen (der Weihnachtsmann hatte nämlich doppelt gespannt, weil es schnell gehen musste!), und als er bei Anette ankam, zog der Weihnachtsmann sie in seinen Schlitten und unter das dicke Eisbärenfell, das er sich über die Knie gelegt hatte. Er rief Hüh!, die Rentiere rannten los, der Schlitten hob sich in die Lüfte.

„Hierbleiben! Hierbleiben!“ schrie die Eiskönigin, aber das war bald gar nicht mehr zu hören.

„Anettchen, Anettchen,“ brummelte der Weihnachtsmann, „du bist so ein liebes Mädchen. Aber immer wieder machst du Kapriolen, ich muss sehr auf dich aufpassen.“ Und weil er wusste, dass sich die Menschen kaum ändern, fügte er hinzu: „Ich glaube, dein ganzes Leben muss ich um dich sein und auf dich aufpassen…“

Zuhause angekommen legte er Anette, die unter dem warmen Eisbärenfell gleich eingeschlafen war, in ihr Bettchen. Als er sie gut zudecken wollte, kam aber schon die Mama herein, um Anette zu wecken. Da verschwand der Weihnachtsmann ganz schnell wieder, um Anette nicht zu verraten oder sogar peinliche Fragen beantworten zu müssen, warum er mitten im Januar da war und wo er herkam.

So musste sich Anettes Mama einen Reim darauf machen, was sie sah. „Du hast dich ja wieder ganz bloß gestrampelt und bist jetzt durchgefroren,“ sagte sie zu Anette, die sich die Augen rieb. „Du wirst dich noch richtig erkälten. Wir haben Frost. Sieh mal die schönen Eisblumen am Fenster.“ – „Wenn die wüsste …“ dachte Anette, „wenn die wüsste…“ und dabei lief es ihr richtig kalt über den Rücken.

Text © Manfred Wolff

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