Eine Reise nach Rom

Wenn man sich im letzten Quartal des irdischen Lebens bewegt, beleben nicht nur die kleinen Freuden des Alltags das Gemüt. Auch die Erinnerungen an große Augenblicke der Vergangenheit wecken eine angenehme Wärme und natürlich auch die Sehnsucht, solches noch einmal erleben zu dürfen. Bei mir war es in diesem Sommer Rom!

Vielleicht war es ja das mediterrane Wetter, das meine Sehnsucht nach Rom erweckte, vielleicht aber auch nur eine zufällige Verbindung zweier Synapsen unter der Kuppel meines Schädeldachs – der Wunsch zur Reise nach Rom war geboren und drängte auf Verwirklichung.

Ich wollte natürlich wieder wie damals vor 55 Jahren mit dem Auto fahren, um die Schönheiten der Landschaft drum herum zu genießen. Bei Google-Maps erhielt ich dazu einen guten Routenvorschlag, ganz ohne mautpflichtige Strecken und verstopfte Passstraßen, der eine angenehme und zügige Reise versprach.

Also machten meine Frau und ich uns nach einem guten Frühstück an einem Sonntagmorgen auf den Weg. Wie groß war die Freude, als uns nach eineinhalbstündiger Fahrt das Ortseingangsschild verkündete, dass wir Rom erreicht hatten. Ja, ich habe ein schnelles Auto!

Natürlich steuerten wir zuerst das zentrale Gotteshaus Roms an. Die erhabene Schlichtheit dieser Kirche ist sehr beeindruckend. Sie steht im Mittelpunkt Roms, an einem Berg gelegen, der sich gut zehn Meter über die umliegenden Landwirtschaftsflächen erhebt, 58 Meter über dem Meeresspiegel. Das ordentliche Fachwerk der Kirche, mit roten Ziegelsteinen ausgefüllt, zeugt von der Beständigkeit Roms und seiner Römer seit über 300 Jahren. Im obersten Giebel der Frontseite erblickt man die Glocke, die die Römer ruft.

Auch sonst achtet man in Rom auf die Tradition. Es gibt zwar seit der Wende keine MTS (Maschinen-Traktoren-Station) mehr, aber der untergegangene Betrieb wird immer noch im Namen „Straße der MTS“ in Ehren gehalten. Eine Bahnhofstraße führt immer noch zu dem Gebäude, das mal Bahnhof war und bei dem kein Zug mehr hält.

Schmerzlich vermisst habe ich allerdings den Getränkestützpunkt (eine Flaschenbierhandlung). Dort konnte man damals beim und mit dem  Pabst von Rom ein Bier trinken. Das hätte ich nur zu gern wiederholt. So kehrten wir dann im Restaurant „Zum Römer“ ein. Ein guter mecklenburgischer Rippenbraten und Lübzer Pils vom Fass sind ja auch nicht zu verachten.

Also fahren Sie mal nach Rom! Es liegt ja quasi vor der Haustür, und Ihre Freunde werden neidisch gucken, wenn Sie erzählen, dass Sie mal einen kleinen Trip nach Rom gemacht haben. Und es geht auch ganz ohne Italienisch!

Manfred Wolff

13.08.2019

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Don Quichotte in der Deutschen Oper Berlin

Nach fast fünfzig Jahren ist Massenets „Don Quichotte“ wieder auf einer Berliner Bühne zu sehen. Es ist ein großes Verdienst der Deutschen Oper, die französische Opernkunst dem Berliner Publikum wieder näher zu bringen; nach den großen Meyerbeer-Abenden nun Jules Massenets letztes Werk, sein musikalisches Forschen nach Traum und Realität.

Wer sich von diesem Don Quichotte eine Begegnung mit dem Ritter von der traurigen Gestalt erhofft, muss sich einem ganz anderen Handlungsstrang öffnen. Lediglich die Namen der Protagonisten sind noch mit denen des Romans von Cervantes identisch. Es wird immer wieder auf Motive des Romans angespielt, aber der Ritter ist ein athletischer Held, der seinen Mann steht, und sein Knappe ist nicht klein und rundlich, sondern ein tatkräftiger Mann, und der wichtigste Unterschied zum literarischen Vorbild: Dulcinée schwebt nicht nur durch die Träume des Ritters, sondern erscheint höchst real und treibt die Handlung voran.

Dulcinée flirtet im Kreis ihrer Verehrer, als Quichotte und Pansa erscheinen, wobei Pansa auch noch die Rolle der Rosinante übernimmt. Quichotte erklärt Dulcinée seine Liebe,  und sie gibt ihm den Auftrag, eine Perlenkette zurückzubringen, die Räuber ihr gestohlen haben.

Auf dem Weg zu den Räubern singt Quichotte Liebeslieder auf Dulcinée, während Sancho Pansa den schlechten Charakter der Frauen besingt. Als sich eine Gelegenheit dazu bietet, kämpft Quichotte mit Windmühlen, die er für Riesen hält.

Im Wald treffen sie auf die Räuber, vor denen Sancho sich versteckt. Quichotte kämpft mit ihnen, wird aber besiegt. Die Räuber wollen ihn töten, doch sein letztes Gebet rührt sie derart, dass sie ihn gehen lassen und ihm auch die Perlenkette aushändigen.

Quichotte übergibt Dulcinée die Perlenkette und fordert sie zum Lohn auf, seine Frau zu werden, doch sie weist ihn ab. Alle verspotten Quichotte, nur Sancho hält eisern zu ihm.

Quichotte fällt aus seiner Traumwelt und liegt im Sterben. Er verabschiedet sich von Sancho, dankt ihm für seine Treue und will ihm eine traumhafte Insel schenken. In den letzten Atemzügen hört er noch einmal die Stimme Dulcinées.

Die Titelrolle des Don Quichotte sang Alex Esposito von Szene zu Szene überzeugender. Sein kraftvoller Bass und seine schauspielerische Leistung erlauben ihm eine starke Präsenz. Allerdings sind sie ihm auch in den Passagen, die eher ein gefühlvolles Singen erfordern, dann auch ein wenig im Wege. Wenn er den Räubern der Perlenkette vergibt und am Schluss die Freundschaft mit seinem Knappen feiert, muss auch ein Ritter nicht unbedingt aufrecht stehen.

Seth Carico kennt das Berliner Publikum als einen gewandten und stimmstarken Bass, der auch als Sancho Pansa ein fester Anker in der Handlung und der Musik ist. Er begleitet seinen Herren nicht nur durch die erträumte Welt, sondern verschmilzt mit ihm auch gern zu seinem alter ego. Das macht es im Duett der beiden Bässe oft schwer zu erkennen, wer denn nun gerade was singt.

Die einzige weibliche Rolle der Dulcinée gibt Clémentine Margaine mit ihrem Mezzosopran mit allen Schattierungen einer natürlichen Weiblichkeit. Sie meidet es, als Star des Restaurants in das Soubrettenfach zu gleiten, und ist doch die das Geschehen beherrschende Kurtisane mit wehmütigen Gedanken an die eigene Zukunft. Als sie Don Quichotte zurückweist, ist ihr Gesang von tiefer Empathie geprägt.

Die vier Räuber (Alexandra Hutton, Cornelia Kim, James Kryshak, Samuel Dale Johnson) haben wenig Gelegenheit, sich hervorzutun, liefern aber eine solide Arbeit ab.

Der Chor ist sehr beschäftigt, mal als tanzende Restaurantgäste, mal als lustige Gesellschaft mit Partyhütchen. Vielleicht lag es daran, dass der französische Text nur sehr unartikuliert zu vernehmen war.

Die schmeichelnde Eleganz und Vielfarbigkeit der französischen Spätromantik hat Emmanuel Villaume gut im Griff. Feine und leise Töne wechseln mit iberischen Folkloreelementen (jedenfalls was Massenet dafür hielt) starke Tutti und Solopartien einzelner Instrumente – das alles begleitet die Handlung auf der Bühne gekonnt und hilft dem Zuhörer, die Ideen der Personen zu verstehen.

Leider ist es Jakop Ahlbom mit seiner Inszenierung nicht gelungen, die Spannung zwischen Illusion und Wirklichkeit, zwischen freudig feurigen Träumen und melancholischer Verzweiflung auf der Bühne darzustellen. Zauberkünstlertricks, wie man sie auch auf jeder Kirmes bestaunen kann, stellen nicht die Macht der Illusion in Frage, und Käfer, die à la Gregor Samsa durch das Bild krabbeln, reichen für eine Anspielung auf die surrealistischen Züge der Oper nicht aus.

Das Premierenpublikum war mit diesem „Don Quichotte“ zufrieden und dankte mit langem Applaus. Don Quichotte erklärt seinem Sancho Pansa: „Notre gloire commence!“ Das kann man dieser Inszenierung nicht nachrufen. Aber ein ordentliches und unterhaltsames Stück ist ja in dieser Zeit auch schon ein Erfolg. Mein Sitznachbar ist nach der Pause nicht zurückgekehrt. Ich wüsste nur zu gern, warum …

Manfred Wolff

Jules Massenet „Don Quichotte“

Deutsche Oper Berlin
Bismarckstraße 35
10627 Berlin

Nächste Vorstellungen: 07.06.; 13.06.; 18.06.

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„Oceane“ von Detlef Glanert Uraufführung in der Deutschen Oper am 28. April 2019

DEUTSCHE OPER BERLIN
OCEANE von Detlef Glanert Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung: Robert Carson Bühne: Luis Carvalho
Kostüme: Petra Reinhardt
Licht: Peter van Praet
Video: Robert Pflanz
Darsteller: Maria Bengtson, Nikolai Schukoff, Christoph Pohl, Nicole Haslett, Albert Pesendorfer, Doris Soffel, Stephen Bronk

Foto Bernd Uhlig

Die Deutsche Oper Berlin hat am 28. April mit „Oceane“ von Detlef Glanert eine vom Publikum begeistert aufgenommene Welturaufführung gefeiert und damit ihre Tradition der Pflege zeitgenössischer Oper fortgesetzt und dem Fontanejahr einen musikalischen Höhepunkt geschenkt.

Die Geschichte dieses Sommerstücks, das eher vom Ende des Sommers und von heraufziehenden Herbststürmen kündet, erzählen Detlef Glanert und sein Librettist Hans-Ulrich Treichel frei nach einem Fragment Theodor Fontanes, das dieser nach 20 Seiten liegen ließ. Madame Luise beklagt den finanziellen Ruin ihres Seehotels, für das keine Bank mehr Kredite einräumen will, und ihr Oberkellner Georg, den sie in ihrer französischen Vergangenheitsträumerei immer Georges nennt, zählt die vielen Mängel des Hauses auf. Zwei letzte finanzielle Rettungsringe scheinen noch greifbar: die Hotelgäste Gutsbesitzer Martin von Dircksen und die geheimnisvolle Oceane von Parceval. Die könnten doch mit einem Privatdarlehen das Hotel retten. Doch erstmal soll mit einem rauschenden Ball, mit großem Buffet das Ende der Saison gefeiert werden. Die im Ballsaal eintreffenden Gäste tuscheln viel über die fremde Oceane, und Pastor Baltzer würzt das Buffet mit vaterländischer Moral, mit Warnung vor allem Fremden. Als Oceane das Parkett betritt, ist Dircksen sofort von ihr angetan. Er fordert sie zum Tanz auf, und als sie zögernd einwilligt, steigert sie sich zu einem wilden Einzeltanz. Sie flieht die entsetzte Gesellschaft. Einsam am Strand will Dircksen sie küssen, doch sie wehrt ihn ab. Am nächsten Morgen treffen sich Dircksen und Oceane und Dircksens Freund Dr. Felgentreu und Kristina, Oceanes Begleiterin, zu einem Picknick. Dort wird die angespülte Leiche eines ertrunkenen Fischers gefunden, was alle Gäste in tiefe Trauer versetzt. Lediglich Oceane bleibt ungerührt. Sie entsagt beim Picknick dem Wein und will nur Wasser, viel Wasser. Kristina und Felgentreu verdrücken sich in die Dünen und Dircksen schwärmt Oceana von einem glücklichen großbürgerlichen Leben vor, hält um ihre Hand an. Das erwidert sie mit einem leidenschaftlichen Kuss, was Dircksen als Verlobung auslegt. Diesen Schritt haben im Off auch Felgentreu und Kristina vollzogen. Als den zur Abreise bereitstehenden Hotelgästen die Verlobungen verkündet werden, reagieren sie empört und werden dabei vom Pastor Baltzer angefeuert. Oceane entflieht dem Hass und der Verachtung zum Strand. Da steht dann Dircksen allein – mit dem Abschiedsbrief Oceanes in der Hand.

Die Rolle der Oceane ist mit der schwedischen Sopranistin Maria Bengtsson hervorragend besetzt. Sie überzeugt sowohl klanglich als auch durch eine gelungene schauspielerische Leistung. Nikolai Schukoff singt den Dircksen mit klarem Tenor, hält auch die verzweifelten Partien in weichem Ton. Sopran und Tenor – da geht in der Oper immer was, mal tragisch, mal glücklich. Nicole Haslett als Kristina und Christoph Pohl als Dr. Felgentreu bilden das glückliche Gegenpaar, wobei es Nicole Haslett gelingt, ihrer Rolle eine fast soubrettenhafte Färbung zu verleihen. Albert Pesendorfer gibt als Pastor Baltzer in bewährter Art mit seinem Bass den unerschütterlichen Fels in der stürmischen Stimmung seiner Szenen. Madame Luises Ängsten und Träumen verleiht Doris Soffel ausdrucksvoll die Spannung, die ihrer Person und ihrer Situation innewohnt. Der Chor unter Leitung von Jeremy Bines singt sowohl im Off die wortlosen Stimmen des Meeres wie auch auf der Bühne die handlungstreibenden Positionen des Hotelpublikums in gewohnter Präzision, wobei auch eine schauspielerische Leistung zur Geltung kommt. Last but not least sei auch die zuverlässige Mitwirkung der Statisterie zu loben.

Detlef Glanert hat mit der „Oceane“ eine Oper geschaffen, in der er sein umfangreiches kompositorisches Handwerkszeug geschickt einsetzt, um das Publikum einzufangen und trotz moderner Elemente nicht zu erschrecken. Man freut sich, wenn man beim Zuhören Zitate erkennt, sei es nun ein wenig Richard Strauß oder ein Bachscher Choral. Glanert malt mit dem großen Orchester die Stimmen des Meeres und der Wellen, vom leisen Plätschern bis zum gewaltigen Sturm, gibt mit der Musik aber auch der Handlung das nötige Tempo. Donald Runnicles am Pult setzt das mit dem Orchester der Deutschen Oper gekonnt um. So vielfarbig die Musik ist, so grau in grau ist das Bühnenbild, in das Robert Carsen die Handlung setzt. Es ist das Ende der wilhelminischen Epoche, abgenutzt und zerbrechlich. Die bühnengroße Videowand untermalt mit dem Blick auf das Meer die jeweiligen Stimmungen der Handlung. Mal plätschern kleine Wellen auf den Strand, mal rollen drohende Wogen heran.

Glanert und Treichel haben mit „Oceane“ eine Geschichte erzählt, die nicht ins Museale abgleitet. Die Frage nach dem Umgang mit dem Fremden ist ebenso aktuell wie die Unsicherheit im richtigen Umgang mit dem Weiblichen. Damit ist auch das Publikum angesprochen. Am Premierenabend dankte es das mit lang anhaltendem Beifall, ohne schmähende Pfiffe. „Oceane“ wird nicht nur ein Premierenstück sein.

Manfred Wolff

 

Deutsche Oper Berlin
Bismarckstraße 35
10627 Berlin

Weitere Aufführungen am 3., 15., 17. und 24. Mai 2019

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„Der Zwerg“ von Alexander von Zemlinsky in der Deutschen Oper

Mit der Oper „Der Zwerg“ von Alexander von Zemlinsky hat die Deutsche Oper Berlin nicht nur eine Rarität, sondern auch eine gelungene Inszenierung präsentiert. Das Premierenpublikum dankte mit zwanzigminütigem Beifall.

Da die Oper nur sehr selten zu sehen ist, gebe ich hier erstmal eine kurze Inhaltsangabe. Am (spanischen?) königlichen Hof wird der 18. Geburtstag der Infantin Donna Clara gefeiert. Der Hofmarschall Don Estoban kündigt als besondere Attraktion das Geschenk eines Sultans an: ein hässlicher Zwerg, der schön singen kann und nicht weiß, wie er aussieht. Als er auftritt, hält er das Gelächter der Hofdamen für eine freundliche Begrüßung. Er singt auf Bitten der Infantin das Lied von der blutenden Orange. Donna Clara fordert ihn zur Teilnahme am Hoffest auf und schlägt ihm vor, eine ihrer Hofdamen zu ehelichen. Doch der Zwerg hat sich in Donna Clara verliebt und begehrt sie. Die Infantin will das Possenspiel beenden und beauftragt ihre Lieblingszofe Ghita, dem Zwerg sein Spiegelbild vorzuhalten. Der Zwerg weist das zurück, hält sein Spiegelbild für einen hässlichen Stalker. Erst als er mit seinem Spiegelbild allein ist, erkennt er die Selbsttäuschung seines Lebens und zerbricht dran. Er stirbt. Die Infantin bedauert ihr zerbrochenes Spielzeug. Allein Ghita trauert um ihn.

Was war zu sehen? Da in der Literatur zum Zwerg öfter auf einen autobiographischen Aspekt verwiesen wird, beginnt die Vorstellung mit einem pantomimischen Stück. Zur Musik von Arnold Schönbergs „Begleitmusik zu einer Lichtspielscene“ gibt Zemlinsky Alma Schindler Unterricht am Flügel, mal einzeln, mal zusammen auf dem Klavierschemel. Er bewundert sie, doch sie stößt ihn von sich und verlässt das gutbürgerliche Musikzimmer. Da geht Alma Mahler-Gropius-Werfel … Adelle Eslinger und Evgeny Nikiforov spielen diese Szene sehr überzeugend.

Mit einem Fanfarenstoß beginnt die Oper. In einem weiten weißen Raum bewundern die Lieblingszofe der Infantin Donna Clara Ghita und drei weitere Zofen die Geburtstagsgeschenke. Der Zeremonienmeister Don Estoban, Philipp Jekal, mahnt sie zur Eile („Die Sonne bleibt nicht stehen“) und erklärt die Geschenke für die Achtzehnjährige. Sogar der Papst hat an sie gedacht. Als Don Estoban den singenden Zwerg ankündigt, verweist er auf den Widerspruch zwischen Schönheit und Hässlichkeit. Schließlich erscheint die Infantin Donna Clara, Elena Tsallagova,  im rotgolden glitzernden Paillettenkleid, jugendlich unsicher und keck, begleitet von ihrem Hofstaat. Sie betrachtet die Geschenke, und dann wird der Zwerg hereingeführt, das Geschenk des Sultans. Kein etwas kleinerer Tenor, sondern der kleinwüchsige Schauspieler Mick Morris Mehnert. Seine Stimme ist der Tenor David Butt Philip, anfangs am Rande auf dem Proszenium, aber die beiden finden immer ausgeprägter in ihre Doppelrolle. Warum der Zwerg nach seiner Gesangsdarbietung auch noch das Geburtstagsständchen des Bühnenorchesters dirigiert, ist nicht recht einsehbar.

Donald Runnicles führt das Orchester sicher durch die farbige Partitur, unterstreicht gekonnt das Geschehen auf der Bühne und gibt den Stimmen der Sänger den nötigen Raum. Es bleibt alles klar – wie das Bühnenbild von Rainer Sellmaier.

Mit dem „Zwerg“ hat die Deutsche Oper einen Höhepunkt der Spielzeit erreicht, eine Inszenierung ohne die sonst etwas albern wirkenden Winke mit dem Zaunpfahl auf politische oder historische Aspekte. Das Publikum kann selbst seine Stellung in dem Konflikt zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung finden, jeder für sich und doch unter Anleitung des Bühnengeschehens. Das Publikum dankte es dem Regisseur Tobias Kratzer und den Mitwirkenden auf der Bühne und im Orchestergraben mit zwanzigminütigem Beifall.

Weitere Aufführungen am 27.3., 30.3, 7.4. und 12.4..

Manfred Wolff

25.03.2019

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Handwerkliche Kunst im Gropius Bau

Mit 18 Künstlerinnen und Künstlern startet die neue Direktorin Stephanie Rosenthal den nun tageslichtdurchfluteten Gropiusbau (ohne „Martin“!) neu. Alle gezeigten Arbeiten sind in Berlin entstanden, die Künstlerinnen und Künstler stammen jedoch aus den verschiedensten Weltgegenden. Sie haben in Berlin eine neue künstlerische Heimat gefunden.

„… and Berlin will always need you“ sang 1977 Dorothy Iannone, als sie ein Jahr in Westberlin verbracht hatte, für eine Freundin. Diese Liedzeile ist nun auch der Titel der aktuellen Ausstellung im Gropiusbau. Berlin mit seiner weltoffenen und liberalen Kunstszene, seinen bislang jedenfalls optimalen Arbeitsbedingungen zieht sie an und erhält durch sie immer neue Anregungen, Kreativität und Offenheit. Die Stadt braucht die Künstler. Sie kommen entweder aus eigenem Antrieb oder werden vom Deutschen Akademischen Austauschdienst eingeladen, und was dabei zuerst ein einjähriger Studienaufenthalt war, endet oft in einem dauerhaften Bleiben.

Im Lichthof, den man nun immer kostenfrei betreten kann, hat Chiharu Shiota aus Osaka 780 Kilometer weißer Wolle zu einem Netz versponnen, das vom Tageslicht beleuchtet den gesamten Lichthof überspannt. Eine Wolke? Ein Spinnennetz? Ein Leitfaden für das Auge des Betrachters? Im Netz gefangen sind kopierte Dokumente aus der Geschichte des Gropiusbaus als Kunstgewerbemuseum, Bücher zur Erinnerung an die hier ausgelagerte Bibliothek der Gewerbeschule. Das entspricht dem Bestreben von Stephanie Rosenthal, die Geschichte des Hauses mit der zeitgenössischen Kunst zu verknüpfen.

Kunsthandwerkliche Elemente zeichnen auch andere Exponate der Ausstellung aus. Olaf Holzapfel aus Dresden fertigt aus Stroh flächige Bilder, deren Farbigkeit je nach dem Blickwinkel changiert, dem toten Material Lebendigkeit verleiht. In Argentinien ließ er sich von der Textilkunst mit den Kaktusfasern Chaguar, wie sie indigene Frauen schaffen, einfangen. Sie webten nach seinen Entwürfen Stoffe aus diesem Material. Auch Antje Majewski aus Marl schafft textile Arbeiten, bei denen sie an die Tradition der Schamschürzen, wie sie in Nordkamerun getragen wurden, anknüpft.

Ganz anders gehen Alice Creischer aus Gerolstein und Andreas Siekmann  aus Hamm das Arbeiten mit Textilien an. Sie haben die Konfektionsprodukte der Brukman-Arbeiter mit politischen Parolen versehen und sie somit zum Instrument des Arbeitskampfes gemacht, vom Warencharakter des Bekleidungsgeschäfts befreit, auch wenn sie an langen Stangen wie in einem Laden hängen.

Nevin Aladag aus Van in der Türkei hat mit ihrem „Social Fabric“ Teppichteile unterschiedlicher Herkunft und Machart zusammengefügt. Seide und synthetische Fasern, Fabrikware und folkloristsche Webkunst bilden einen verbergenden Vorhang, der den Blick auf die globale Uniformierung richtet.

Das Video Simon Waschsmuths aus Hamburg zeigt eine Tänzerin in luftigen seidenen Gewändern aus der chinesischen Quingzeit, die sich anmutig zwischen blauem Porzellan derselben Epoche bewegt. Er materialisiert auf diese Weise seine Familiengeschichte. Seine Tante, eine Tänzerin, verbrachte die Nazizeit in Shanghai.

Ebenfalls mit Videos arbeitet Theo Eshetu aus London. Er filmt Objekte aus ethnographischen Sammlungen. Die Bilder wechseln sehr schnell, versetzen den Betrachter in eine Art ekstatischer Erregung und vermitteln zu den gezeigten Objekten nicht nur die künstlerische und handwerkliche Fertigkeit der Hersteller, sondern auch die religiöse Bedeutung des dem mitteleuropäischen Betrachter fremden Zusammenhangs.

Bei Dorothy Iannone auf ihre Herkunft aus Boston zu verweisen kann in die Irre führen, denn da sie seit 1976 in Berlin lebt und arbeitet, darf man sie ruhig als eine Berlinerin ansprechen. Ich habe sie zum ersten Mal anlässlich der Ausstellung „Roth und Iannone“ im Sprengelmuseum Hannover getroffen. Da hatte sie schon das Leitmotiv ihrer Kunst gefunden und zur Meisterschaft vollendet – die schamlose weibliche Begierde, das Leben als endlose erotische Spur, die auf dem Hintergrund ornamentaler Motive verläuft. Sie hat sich dabei nicht der feministischen Correctnis unterworfen. Das würde nicht zu ihr passen, denn ihre Kunst ist ihr Leben.

Stephanie Rosenthal hat die Ausstellung „and Berlin will always need you“ in der Absicht gestaltet, die historische Verbindung von Kunst und Handwerk, die der Ursprung des Martin-Gropius-Gebäudes war, in einen gegenwärtigen Bezug zu setzen. Das ist ihr zweifellos gelungen. Erst durch den handwerklichen Eingriff wird die Materie zum sinnstiftenden Kunstwerk. So ist auch der Martin-Gropius-Bau außen mit seinen reichen bildhauerischen Arbeiten und innen mit den keramischen Ornamenten ein beredtes Zeugnis der hohen handwerklichen Kunst in seiner Entstehungszeit und heute ein angemessener Ort, handwerklich solide Kunst unserer Tage zu beherbergen.

Manfred Wolff

24.03.2019

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Auf den Barrikaden – Alfred Hrdlicka im Käthe Kollwitz Museum


Alfred Hrdlickas Schaffen ist geprägt durch seine Entlarvung, Anklage und Bekämpfung der Gewalt gegen die Unterdrückten. In der aktuellen Berliner Ausstellung sind 35 Arbeiten auf Papier und zehn Plastiken zu diesem Thema zu sehen.

Die Jahre 2018 und 2019 geben vielfältigen Anlass, sich in runden Jahreszahlen des revolutionären Aufbegehrens in den Gesellschaften zu erinnern: die Französische Revolution, die deutschen Revolutionen 1848 und 1918/19, die Proteste der Studenten 1968 und schließlich die friedliche Revolution in der DDR, die mit dem Begriff Wende verniedlicht wird. Widerstand gegen ungerechte und gewaltsame Herrschaft war immer mit Not, Angst und Schmerzen verbunden.

Alfred Hrdlicka, 1928 als Sohn eines kommunistischen Gewerkschaftsfunktionärs in Wien geboren, hat das seit seiner Kindheit erfahren. Prügel von der österreichischen Polizei bei einer Hausdurchsuchung und Leben in der Illegalität in der Zeit der Naziherrschaft haben das tief in sein Gewissen gebrannt. Anklage gegen die reaktionären Unterdrücker und Solidarität mit den Opfern durchziehen sein Lebenswerk.

Zeit seines Lebens stand der Mensch im Mittelpunkt seines Schaffens. Im Gegensatz zu seinem Lehrer Wotruba und dessen anderen Schülern hat er sich nicht der abstrakten oder konstruktivistischen Form zugewandt. Aber auch in Ablehnung der idealisierenden Tendenz in zahlreichen Plastiken, die in dem Menschenbild eine vollkommene Schönheit vortäuschen, war der Mensch für Hrdlicka immer das leidende Wesen, voller Zweifel an seiner Umwelt und Verzweiflung über das Leiden.

Die Papierarbeiten der Ausstellung im Käthe Kollwitz Museum zeigen das Engagement Hrdlickas für diesen Menschen. Mit kraftvollem Strich werden Bilder aus der Französischen Revolution und aus den Barrikadenkämpfen der Revolution von 1848 in Szene gesetzt, in denen der Tod, allgegenwärtiger Begleiter des Menschen, eine Hauptrolle spielt.

Die gezeigten Großplastiken Hrdlickas sind keine Heldenbilder. Auch der Orpheus, der den Museumsbesucher am Eingang begrüßt, ist nicht die idealisierte Gestalt der griechischen Sagenwelt. Er drückt den Schmerz über den Verlust, die Unsicherheit über den Erfolg seines Bemühens aus. Der Satyr und die Nymphe sind kein lustvolles Liebespaar, vielmehr windet sich die Frauengestalt unter dem gierigen Machtanspruch des Mannes. In der Inquisition wird der Mensch von der Macht erdrückt.

Zwei Anmerkungen:

In Berlin ist Hrdlicka mit dem Plötzenseer Totentanz auch im Gemeindehaus der evangelischen Gemeinde Plötzensee zu sehen.

Die Ausstellung im Käthe Kollwitz Museum befindet sich im 3. Stock und ist nur über eine enge steile Treppe zu erreichen, also nichts für Rollstuhlfahrer und andere Gehbehinderte. Es wird Zeit, dass das Museum geeignetere Räume für seine wichtige Arbeit erhält.

Auf den Barrikaden
Sonderausstellung vom 11. März bis 2. Juni 2019
Käthe Kollwitz Museum
Fasanenstraße 24, 10719 Berlin Charlottenburg
Öffnungszeiten täglich 11 bis 18 Uhr
Eintritt 7€, ermäßigt 4€, Jugendliche bis 18 Jahr frei

Manfred Wolff

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Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ist eine schwere Straftat

 

Zu Recht gehen die Strafverfolgungsbehörden neuerdings verschärft gegen die Clanstrukturen im organisierten Verbrechen vor. Eine Paralleljustiz, die sich religiös auf die Scharia oder atavistisches Brauchtum zu ihrer Rechtfertigung beruft, kann ein demokratischer Rechtsstaat nicht dulden.

Das Verhalten der römisch-katholischen Kirche in der Missbrauchskrise ähnelt sehr den Verhältnissen in den kriminellen Clans. Da wird mit dem niedlichen Wort „vertuschen“ die klammheimliche Duldung eines schweren Vergehens verharmlost. Die strafrechtliche Verfolgung der Vergehen wird kirchenintern nach deren Regeln durchgesetzt. Sündenvergebung und Solidarität der Gläubigen bestimmen diese. Das letzte und entschuldigende Wort in allen Fällen steht dem Patriarchen an der Spitze zu, der mit dem Bekenntnis zur Scham die Unschuld der Organisation beschwört und gleichzeitig die Schuld einem Dritten, nämlich dem Teufel zuweist. Weil dieser Bösewicht für die Welt nicht überall akzeptiert wird, folgt dann noch die Verallgemeinerung des schändlichen Tuns, indem auf Kindesmissbrauch in Familien, Schulen und Sportvereinen hingewiesen wird. Missbrauch wird Brauchtum. Ein Staatsanwalt ist da überflüssig.

Was sagt die Justizministerin dazu? Sie fordert die Kirche auf, in dieser Sache tätig zu werden, will den Bock zum Gärtner machen. Die Verfolgung und Ahndung von Straftaten ist in einem demokratischen Rechtsstaat ausschließlich Aufgabe der Polizei und Staatsanwaltschaft, die die Täter vor einen ordentlichen Richter bringt, der dann die angemessene Strafe verhängt. Das kann nicht einfach an irgendwelche Parallelgesellschaften welchen ideologischen Grundes auch immer outgesourct werden.

Angesichts der Tatsache, dass die zahlreichen Missbrauchsfälle im Bereich der Kirche nicht zuletzt auf deren Sexualmoral, Herrschafts- und Machtverhältnisse zurückzuführen sind, muss erwartet werden, dass bei erstem Bekanntwerden von Missbrauch Polizei und Staatsanwaltschaft in dieser Sache aktiv werden. Nichts dergleichen geschieht. Wenn es um die Kirche und ihre Repräsentanten und Mitarbeiter, Bischöfe und Priester geht, hält man im Strafverfolgungsapparat des Staates die Füße still. Es gibt keine Beweissicherungsverfahren, Razzien in den „geheimen“ Archiven der Kirche, erst recht keine Strafverfahren vor ordentlichen Gerichten wegen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen oder wegen Strafvereitelung.

Dass es auch anders gehen kann, hat jetzt Australien vorgeführt. Dort wurde George Pell, Kardinal und lange Zeit dritter Mann im Vatikan, von einem Geschworenengericht schuldig gesprochen. Nun erwartet ihn eine langjährige Haftstrafe. Von einer Freilassung auf Kaution sah das Gericht ab und nahm ihn bis zur Urteilsverkündigung in U-Haft. Schließlich ist eine Haftstrafe von bis zu 50 Jahren möglich, und da kann auch einen älteren Herren schon mal die Reiselust in einen befreundeten Kleinstaat befallen. Der Vatikan hat ihn ja aus Altersgründen in den Ruhestand versetzt.

Manfred Wolff

27.02.2019

 

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