Verdi: Die Sizilianische Vesper. Premiere in der Deutschen Oper Berlin

Foto Markus Lieberenz

Dass Giuseppe Verdis „Les Vêpres Siciliennes“ kein Höhepunkt der laufenden Saison ist, muss man bedauern. Dabei ist der musikalische Aspekt durchaus als gelungen zu bewerten. Deshalb will ich auch nicht mit dem Lob zögern.

Enrique Mazzola kennt das Orchester der Deutschen Oper, und die Musiker kennen seinen Stil. So hat er es geschafft, in dieser Oper, die für die Grand Opera im Paris der 1850er Jahre komponiert wurde, den italienischen Ton zu bewahren und in gelungenen Spannungsbögen die Bühnenhandlung zu begleiten und die Sänger zu führen, ohne die Solisten im Orchesterklang untergehen zu lassen.

Der Chor sang und spielte seinen Part in der gewohnten Präzision. Gerade in den textlich schwierigen Passagen waren die Chorpartien von erfreulicher Klarheit.

Thomas Lehmann gab dem Grafen Montfort mit seinem starken Bariton, der auch noch bestimmenden Charakter zeigte, als er in der Unterhose unter dem Tisch sang, sowohl als der grausame Herrscher als auch als liebender Vater eine überzeugende Figur. Im Schlussapplaus wurde er besonders bedacht, was wohl eher der gebotenen Friedensstiftung und Familienfreude zu danken war.

Sein revolutionärer Gegenspieler Procida wurde von Roberto Tagliavini ohne übertriebene Leidenschaft gesungen. Das durch die Zeitumstände behinderte Liebespaar Herzogin Hélène und Henry, Sohn Montforts, konnte sowohl in den Duetten wie auch in den Solopartien zu überzeugen. Hulkar Sabirova, Koloratursopranistin, wusste sowohl den kämpferischen Aufrufen zum Widerstand wie auch den leisen Tönen der Klage die angemessene Farbe zu geben. Pietro Pretti als Henry steigerte sich im Laufe des Abends und fand seinen Höhepunkt im Vater-Sohn-Duett mit Thomas Lehmann.

Der musikalischen Seite dieses Abends gilt also ein uneingeschränktes Lob. Wer Belcanto liebt, kommt auf seine Kosten, und Verdis Ideenreichtum wurde dem Publikum von Musikern auf der Bühne und im Orchestergraben entfaltet. Nun aber zur Inszenierung.

Wer eine Oper in Szene setzt, hat ein großes Problem, wenn er sich nicht dem Vorwurf eines Plagiats aussetzen will. Fast alle Opern der aktuellen Spielpläne sind schon xmal gespielt worden und ebenso viele Inszenierungsvarianten hat es gegeben. Selbst die Verfechter der Werktreue haben zu dieser Vielfalt beigetragen. Verlässt der Regisseur den vorgegebenen Handlungsrahmen von Ort und Zeit, droht er schnell in Lächerlichkeit oder Peinlichkeit zu stürzen. Letzteres ist Olivier Py mit seiner Bearbeitung widerfahren.

Er hat die sizilianische Vesper nach Algerien verlegt und den algerischen Befreiungskrieg zum bildnerischen Thema gemacht. Der Kampf auf den Barrikaden in der Stadt Algier, das Zerren an den Stacheldrahtverhauen, die Vergewaltigungen tanzender Mädchen, die ein bisschen Schwanensee bieten (sollte das ein Witz sein?), die Erschießungen von Aufständischen, Soldaten, die mit dem Kopf eines Hingerichteten Fußball spielen – das alles sind realistische Zitate aus dem Kriegsgeschehen der 1950er Jahre. Aber als Handlungstapete vor den orchestralen Partien wird der Freiheitskampf von Py auf peinliche Weise missbraucht. So bleibt dem Zuschauer mit zeitgeschichtlichen Kenntnissen ein unangenehmer Geschmack von diesem Opernabend zurück.

Weitere Vorstellungen: 26.03., 31.03., 03.04., 16.04., 19.04., 25.04.

Manfred Wolff

23.03.2022

Veröffentlicht unter Kunst und Kultur | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Ein paar Worte zum Klima

Das finstere Mittelalter? – Weit gefehlt! Das war eine sonnige Zeit. Auf der nördlichen Halbkugel herrschte ein mildes Klima, die Sonne schien oft, die Winter waren kurz, alles blühte und gedieh. In Basel blühten an Maria Lichtmess (2. Februar) die Obstbäume. Die Ernten der verschiedenen Getreide brachten gute Erträge, Hungersnöte wegen Missernte traten kaum auf. Die gute Ernährungslage führte zu einem starken Bevölkerungswachstum. In den Dörfern und Städten stieg die Bevölkerung sprunghaft an. Das Handwerk wie auch der Handel nahmen zu. Das gute Wetter ermöglichte eine rege Reisetätigkeit für die Händler, was die Hanse zum Motor der Wirtschaft machte. Auch die Politik machte sich das zunutze. Der Kaiser reiste von Pfalz zu Pfalz, um seine Politik in konkretes Handeln umzusetzen. Martin Luther konnte 1511 die beschwerliche Romreise antreten, ohne das Schicksal Ötzis befürchten zu müssen.

Es gab auch im Mittelalter natürliche Schadensereignisse. Die großen Sturmfluten in der Nordsee 1219, 1228 und 1362 forderten 100.000 Tote und verschlangen weite Teile des Festlandes. Die sagenhafte Stadt Rungholt fiel der Groten Mandränke zum Opfer. In den Städten an den Flussufern sind die Markierungen an den Kirchen erhalten, die den Wasserstand bei großen Überschwemmungskatastrophen festhielten. Mehr als mannshoch stand da das Wasser in den Gassen. Aber das waren Ausnahmeereignisse.

In der Mitte des 16. Jahrhunderts änderte sich schlagartig die Klimalage: Die kleine Eiszeit begann. Die Ernten fielen in weiten Teilen Europas ins Wasser. Regen verwandelte die Felder in Sümpfe, das Getreide verhagelte, wegen des nun langen und strengen Winters verkürzte sich die Vegetationsperiode. Hungersnöte traten in vielen Ländern auf, denn das Getreide, aus dem Brei, von dem sich die Mehrzahl der Bevölkerung ernährte, gekocht wurde, war rar und teuer. Die eiskalten Winter bescherten den Leuten zwar auch neue Vergnügungen. Auf den Kanälen Venedigs konnte man Schlittschuh laufen. Nördlich der Alpen wurden die schneereichen Winter mit den zugefrorenen Gewässern zur normalen Lebensform. Die Brueghels haben das in ihren Bildern festgehalten und konnten sich selbst das Leben im Heiligen Land zur Zeit Jesu nicht ohne strenge Winter vorstellen.

Natürlich fragte man sich, wie es zu einem solchen radikalen Klimawandel kommen konnte. Im Vatikan hatte man darauf eine Antwort. Das war alles zwar nicht von Menschen gemacht, aber doch verursacht: Frost und Missernte waren die Strafe Gottes für den Abfall der Protestanten vom rechten Glauben. Wo man sich nicht dem Vatikan anschließen wollte, fand man schnell heraus, dass Hexerei die Ursache für das Unglück sei. Leider trugen die lodernden Scheiterhaufen nicht zu Erwärmung des Klimas bei.

Die kleine Eiszeit dauerte bis ins 19. Jahrhundert an. Soziale Unruhen und vernichtende Kriege begleiteten sie. Die letzte große Hungersnot in den 1780er Jahren bescherte uns mit der französischen Revolution und der Codifizierung der Menschenrechte noch einen Fortschritt im Denken, an dem sich auch heute noch viele schwer tun. Erst im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde es wieder etwas wärmer, und mit neuen Feldfrüchten war die Hungersnot gebannt.

Nun wird es wieder wärmer, nicht so dramatisch ändert sich das Klima wie im 16. Jahrhundert, aber in einer Zeit, in der alles mir peinlicher Genauigkeit gemessen und bewertet wird, doch um ein Zehntelgrad Celsius nach dem anderen in einem willkürlich gewählten Referenzzeitraum. Weil die Leute sich für nichts mehr interessieren als für die Zukunft, fragen sie, wohin das führen kann. Da bietet sich das Bild der Klimakatastrophe als Zukunftsvision an. Nicht mehr der Verlust des Seelenheils wie vor 500 Jahren ängstigt die Menschen, wohl aber der Verlust des gewohnten kommoden Lebens, vielleicht sogar der Untergang der gesamten Menschheit.

Angesichts solcher Gefahren drängt sich die Frage auf, wer wohl der Sünder ist, dem wir das zu verdanken haben. Weil es sich nicht ziemt, in einer demokratischen Gesellschaft einzelne zu diskriminieren, lautet die Antwort „Wir alle!“. Wir genießen es, in kühleren Jahreszeiten in wohl beheizten Räumen zu leben, bewegen uns in Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren durch die Weltgeschichte, oft mehr als notwendig, überlassen die lästigen Arbeiten des Alltags maschinellen Sklaven, die ihre Kraft aus der Elektrizität beziehen, die auch durch Wärmeprozesse erzeugt wird. Das alles soll ein Ende haben. Sogar unsere Essgewohnheiten sollen wir ändern und zur Breikost zurückkehren, weil Fleisch ja von klimaschädlichen Tieren erzeugt wird.

Noch sind wir vom Klima des Mittelalters ziemlich weit entfernt. Die Obstbäume blühen immer noch erst im April und Mai. Warum machen wir uns dann so ein pessimistisches Zukunftsbild? Wäre es denn so schrecklich, wenn Grönland seinen Namen wieder zu Recht trüge? Können wir nicht den Traum von White Christmas in die Mottenkiste packen und Weihnachten in Bikini und Badehose feiern? Wären Ferienreisen auf die Lofoten oder nach Spitzbergen nicht ebenso reizvoll wie die nach Malle oder die Seychellen? Vertrauen wir doch darauf, dass den Menschen der Zukunft etwas einfällt, wie wir mit der Wärme ebenso gut umgehen können wie jetzt mit der Kälte. Das menschliche Gehirn ist eher geeignet, uns eine lebenswerte Zukunft zu gestalten, als die Waden der Radfahrer.

Manfred Wolff

21.01.2022

Veröffentlicht unter Kleinigkeiten | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Im Wahlkampf zählen Argumente

Achtung: Satire!

Wenn man von linksgewendeten Wahlkämpfern an der Wohnungstür oder in einer Fußgängerzone in Agitationsgespräche verwickelt wird, fallen vielen nicht gleich die richtigen Argumente ein. Hier gibt es die Argumente, um im Wahlkampf unschlagbar der linken Agitation zu begegnen.

Sichere und ausreichende Renten: kein Problem, die Senioren haben doch keine teuren Anschaffungen zu finanzieren, sie haben ja schon alles und brauchen nicht mehr viel. Für ein bisschen mehr können sie Pfandflaschen sammeln gehen, das bringt ein steuerfreies Zusatzeinkommen, und Bewegung an der frischen Luft ist gut für die Gesundheit.

Bezahlbare Wohnungen und Mieterschutz: Bezahlbar ist alles, was man bezahlen kann. Und wenn das Geld für die große Drei-Raum-Wohnung nicht reicht, muss man eben mit der Ein-Raum-Wohnung zufrieden sein. Nach dem Krieg war die Ein-Raum-Wohnung auch für viele Familien ganz normal, nachgerade ein Glücksfall.

Bessere Schulen für unsere Kinder: Wir wissen doch alle aus eigener Erfahrung, dass Kinder nicht gern in die Schule gehen. Das Beste an der Schulzeit waren die Ferien. Und was man für das Leben braucht, hat man auch nicht in der Schule gelernt. Heute haben wir Smartphones und die Sendung mit der Maus, da kann man komfortabel und ohne Notendruck daheim lernen.

Das Klima retten: Das können doch wir 83 Millionen Deutsche nicht, damit sollen erstmal die 1,4 Milliarden Chinesen und 1,4 Milliarden Inder anfangen und sich einschränken. Unsere Wirtschaft muss brummen, damit wir das Geld verdienen, das wir vorerst für die Sicherungen gegen Wetterschäden und Wiederaufbau nach Wetterschäden brauchen. Überhaupt: schönes Wetter ist doch keine Katastrophe.

Mehr Gleichberechtigung der Frauen: Was gibt es Schöneres für eine Frau, als von ihrem Gatten auf Händen getragen zu werden? Frauen standen schon immer alle Türen zu gehobeneren Stellungen in der Gesellschaft offen. Allein der Weg dorthin war eben oft etwas anders als bei den Männern.

Mindestlohn: Das beeinträchtigt unnötig den Gewinn der Arbeitgeber. Im Interesse der Chancengleichheit muss es dann auch den Mindestgewinn der Unternehmen geben. Wo der nicht erreicht wird, zahlt der Staat eben zu, oder unter den Mitarbeitern wird eine Umlage eingesammelt. Nur gewinnträchtige Unternehmen garantieren auch Arbeitsplätze.

Gerechte Einkommensteuern: Derzeit ist unser Steuersystem himmelschreiend ungerecht: Während einigen Bürgern horrende Summen abverlangt werden, tragen andere nur wenige oder gar keine Euros zum Staatshaushalt bei. Wenn alle eine gleiche Summe von vielleicht 500 Euro entrichten, wird das Steuersystem demokratisch, weil gleich für alle. So kommen auch 41 Milliarden in den Steuertopf, und wofür das dann nicht reicht, darauf verzichten dann auch alle in gleichem Maße.

Manfred Wolff 29.08.2021

Veröffentlicht unter Kleinigkeiten | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Christiane Löhr: Ordnung der Wildnis

Seit 75 Jahren zeigt das Haus am Waldsee in der Argentinischen Allee internationale Gegenwartskunst. Hatte man anfangs mit den großen Namen der von den Nazis als entartet diffamierten Kunst wie Käthe Kollwitz oder Pablo Picasso nachgeholt, was zwölf Jahre lang im Berliner Kunstgeschehen versäumt war, stehen heute hervorragende zeitgenössische Künstler, die noch nicht den Sprung in die monumentalen Räume der Stiftung Preußischer Kulturbesitz geschafft haben, im Zentrum des Ausstellungsgeschehens.

Mit der Einladung von Christiane Löhr ist der Leiterin des Hauses am Waldsee Dr. Katja Blomberg wieder ein Highlight im Kunstsommer 2021 gelungen. Die 1965 in Wiesbaden geborene Bildhauerin, die in Italien und in Köln arbeitet, befördert Wunderbares aus dem Unscheinbaren. Ihre Arbeiten sind zum ersten Mal in Berlin zu sehen. Auf Einladung von Harald Szeemann nahm sie an der 49. Biennale in Venedig teil. Sie ist in zahlreichen Museen in Italien, Japan und Deutschland präsent.

Christiane Löhr schafft ihre Plastiken aus Materialien, die eher ungeeignet scheinen für eine bildhauerische Gestaltung: Samen, Gräser, Früchte, Blätter, die sie auf Brachflächen findet. Daraus entstehen fragile Architekturen und Körper, die in Glaskästen geschützt werden oder zu denen man sich niederknien muss, wenn sie auf kniehohen Podesten präsentiert werden. Löwenzahnsamen, Pusteblumen, fügt sie zu einem Kissen zusammen. Gräser beugen sich zu kuppelartigen Formen und erzeugen so eine Spannung, wie sie auch die großen Kuppeln sakraler Bauten auszeichnet. Kletten verbinden sich zu einem Teppich und Früchte türmen sich zu pyramidalen Gebilden. Alle Plastiken finden ohne Klebstoff zueinander, benötigen keine stützenden Konstruktionen aus Draht.

Die in der Ausstellung gezeigten graphischen Arbeiten zeugen mit ihren kraftvollen Linien von der Hand einer Bildhauerin, die den Eindruck des Räumlichen auf die Ebene transponiert.

Der Titel der Ausstellung „Ordnung der Wildnis“ ist einem Gedicht von Marion Poschmann entnommen.

Christiane Löhr Ordnung der Wildnis
Ausstellung im Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, 14163 Berlin
Tel. 030 8018935
info@hausamwaldsee.de

Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr
In den Räumen ist eine FFP-Maske zu tragen.

Das Buch zur Ausstellung:

Christiane Löhr, Hatje Crantz Verlag, 2020, 368 Seiten, 310 Abbildungen, Leinen mit Schutzumschlag, 54,00 €, ISBN 978-3-7757-4666-3

Veröffentlicht unter Kunst und Kultur | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Eine Gefahr, die überall lauert

Nun haben wir sie wieder, die Zeit in der die Presse nicht mehr die wegweisenden Visionen der Politiker berichtet und an den Debatten der Parlamente teilhaben lässt, in der Fußballbundesliga statt über Tore und Punkte über Wechselgerüchte Mutmaßungen verbreitet. In der Wirtschaft stocken die Eingänge der Auftragsbücher und die Umsätze sind rückläufig. Der Kulturbetrieb fährt auf Null und erwacht erst wieder am 28. August zu Goethes Geburtstag. Wir haben die Sauregurkenzeit.

Wer dabei jetzt an die beliebten Früchte des Spreewaldes denkt, ist aber auf dem Holzweg. Der Begriff der Sauregurkenzeit der Presse hat damit nichts zu tun, stammt vielmehr wie auch viele andere alltägliche Redensarten wie die bekannte Hechtsuppe im Durchzug oder der gute Rutsch an Sylvester aus dem jiddischen Sprachraum. Da gibt es die Zores- und Jokreszeit. Zores sind Not und Jokres sind Teuerung. Das tritt beides ein, wenn die freien Mitarbeiter der Presse wegen mangelnder Ereignisse keine Berichte schreiben können, mit denen sie ihr Zeilengeld verdienen können.

Als kluge Leute lassen sich die Journalisten natürlich was einfallen und bauschen sonst höchstnebensächliche Dinge zu sensationellen Reportagen auf. Mal war das der Dackelfressende Wels, mal das unsterbliche Ungeheuer von Loch Ness. In diesem Jahr sind es die Träume einer in die Jahre gekommenen Trampolinspringerin und die possierlichen kleinen Viren, die auf Aerosolen von Hydroxylsäure durch unser Leben segeln.

Hydroxylsäure – das gibt mir das Stichwort, um auf einen Umweltskandal ungeheuren und globalen Ausmaßes hinzuweisen. Gerade jetzt in der Sauregurkenzeit soll endlich Platz sein, diesen Skandal in das Bewußtsein der Menschen zu heben, denn weltweit wird immer noch leichtfertig mit diesem gefährlichen Stoff gearbeitet, sei es aus Profitgier, sei es aus Nachlässigkeit. Die Politik unternimmt nichts, um uns vor dieser Gefahr für Leib und Leben zu schützen, auch die Grünen ignorieren das Problem mit der Hydroxylsäure. Dabei hatten schon in den 1980er Jahren amerikanische Wissenschaftler auf die Gefahren für Mensch und Umwelt hingewiesen, die von dieser Substanz, deren chemischer Name Dihydrogenmonoxid DHMO ist, ausgehen.

Bei der Bekämpfung des sauren Regens hat man große Anstrengungen unternommen, die säurebildenden Elemente aus der Atmosphäre fernzuhalten oder die Säure im Boden durch weitflächigen Kalkeinsatz zu neutralisieren. Völlig außeracht gelassen wurde dabei die Tatsache, dass der saure Regen auch große Mengen der Hydroxylsäure enthält. Schäden an kunsthistorisch wertvollen Gebäuden wie der Kölner Dom oder das Kapitol in Washington DC zeugen davon.

Die befürchtete Klimakatastrophe wird nicht nur durch das Kohlendioxid in der Atmosphäre vorangetrieben. Auch durch das in der Atmosphäre gelöste DHMO wird der Treibhauseffekt wesentlich verstärkt. Dieser Effekt kann von jedermann leicht beobachtet werden: Bei dicht DHMO-bewölktem Himmel ist die Lufttemperatur deutlich höher als bei sternklarem und damit DHMO-freiem Himmel.

Große wirtschaftliche Schäden werden von der Korrosion von Metallen, vor allem Eisen, verursacht. Einwirkungen von DHMO spielen dabei eine wichtige Rolle. Am bekanntesten sind die Korrosionsschäden an eisernen Brücken, Stahlarmierungen in Betonbauten, aber auch das Schienennetz der Eisenbahn.

Zahlreich sind die gesundheitlichen Schäden, die von der Hydroxylsäure hervorgerufen werden. Gelangen schon geringe Mengen davon in die Lunge, kann das sofort zum Tod führen. Im gasförmigen Zustand verursacht die Substanz schwere Verbrennungen, was besonders oft in Haushalten vorkommt. Der feste Aggregatszustand kann bei längeren Hautkontakten zu nekrösen Gewebeschäden führen. Bedenklich ist die suchtartige Abhängigkeit, die viele trotz der auftretenden Probleme mit dem Verzehr von DHMO entwickeln. Ein Entzug ist dabei kaum möglich, denn er führt in der Regel immer zum Tod. Erschreckend ist in dem Zusammenhang auch die Tatsache, dass solche Abhängigen die Sucht schon im Mutterleib auf ihre Kinder übertragen.

Die vielfältigen Gefahren sind bekannt, aber nichts wird zu ihrer Abwehr unternommen. Weder im Umweltministerium noch in den zuständigen Landesministerien erscheint DHMO auf einer Liste der gefährlichen Stoffe. Die Atomindustrie benutzt es zur Kühlung ihrer Kraftwerke und leitet es unbehandelt in die Flüsse. Auch sonst wird es überall als Trägersubstanz für alle möglichen giftigen Stoffe benutzt. In großem Umfang ist es als Lösungsmittel für alles Mögliche verwendet, wie die Planungen für das Teslawerk in Grünheide wieder gezeigt. Wenn DHMO nicht mehr gebraucht wird, entsorgt man es über die Abwassersysteme. Zu Beginn der Badesaison in den Berliner Seen wies das Landesgesundheitsamt alarmistisch auf die Blaualgen hin, DHMO wurde mit keinem Wort erwähnt.

Manfred Wolff

15.07.2021

Veröffentlicht unter Kleinigkeiten | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Eine aufregende Entdeckung

Christine Alwine Pauline Sültemeier geb. Grautebaunenkämper (um 1745) – Versuch, die Geschichte Bad Oeynhausens zu korrigieren.

„Wenn man es genau nimmt, bin ich ja die erste und älteste Oeynhausenerin, und das, obwohl ich mir das nie habe träumen lassen,“ beginnt Stine Sültemeier ihre Geschichte, „und da ist es ja wohl nur gerecht, wenn ich in einem Buch über bekannte Oeynhausenerinnen vorkomme, auch wenn ich nie viel Aufhebens um mich gemacht habe.“

Sie wirkt ein wenig verlegen, wie sie da in ihren weiten Röcken und der gestreiften Arbeitsschürze auf der kleinen Bank unter der Eiche vor ihrem Kotten sitzt, vor sich den großen Weidenkorb mit den Dicken Bohnen und einen Napf für die ausgepuhlten Bohnen, denn auch bei unserem Gespräch kann sie ihre Hände nicht einfach in den Schoß legen. „Diese Dicken Bohnen verfolgen mich nun schon seit der Wiege,“ schmunzelte sie und spielt damit auf ihre Herkunft und ihren Mädchennamen an. Das Licht der Welt erblickte sie nämlich nicht in Melbergen sondern in Eidinghausen, also jenseits der Werre, die mehr trennt als verbindet. Wilhelm Grautebaunenkämper hatte eine kleine Bauernstelle im Schatten des Ovelgönner Schlosses, und Stine, wie sie einfacherweise genannte wurde, war seine siebte Tochter. „Das Leben dort war einfach und schwer, aber beklagt hat sich keiner. Wir hatten immer satt zu essen, einmal in der Woche – am Sonntag – gab es sogar Fleisch. Mein Vater und die älteren Geschwister waren den ganzen Tag auf dem Feld oder im Stall und arbeiteten hart, und als ich sieben war, musste ich auch mit ran.“

Ist sie denn nicht zur Schule gegangen? Nein, davon könne kaum die Rede sein, räumt sie verlegen ein, denn dann hätte sie ja bei der Arbeit gefehlt. Und auf dem kleinen Hof wurde jede, auch die kleinste Hand gebraucht, besonders wenn der Vater zum Dienst zu den Herrschaften musste. Im Sommer gab es immer was zu tun, und im Winter war der Weg einfach zu beschwerlich, und überhaupt: Was sollte sie da? „Der Lehrer hat die Kinder oft geprügelt, und wenn er mal gute Laune hatte, hat er aus seiner Soldatenzeit erzählt. Gesangbuchverse musste man lernen und den Katechismus. Und das konnte ich auch lernen, wenn ich sonntags in der Kirche gut aufpasste. Was mich wirklich interessierte: Warum das Gras grün ist oder warum die Sonne nie über dem Wiehen aufgeht, das wusste der Lehrer auch nicht.“

Die langen Winterabende am Herdfeuer, die Erzählungen der Eltern und die Spiele mit den Geschwistern waren ihre Schule. Besonders mochte sie die Märchen, die die Großmutter erzählte und die Geschichten von Eulenspiegel, die der Vater immer so vortrug, dass man noch bis zum Einschlafen darüber lachen konnte. „Diese Märchen waren eine ganz besondere Sache und eigentlich bin ich traurig, dass ich nicht richtig schreiben gelernt habe, denn dann könnte ich sie aufschreiben und vielleicht würde sich später mal einer bei uns dafür interessieren. Und diese Eulenspiegelgeschichten waren gar keine Märchen. Ich hatte immer den Verdacht, dass das alles Leute aus dem Dorf oder der Nachbarschaft sind, die darin vorkamen.“

 So wuchs die Stine Grautebaunenkämper heran, lernte alles, was für die Arbeit im Haus, Stall und Garten erforderlich war, und wenn sie später auf das Schloss musste, um in der Küche zu helfen, wenn dort bei den Herrschaften ein großes Fest gefeiert wurde, kriegte sie auch ein bisschen von der freien Welt mit.

Stine war mal gerade 18, als sie bei der Kirchweih ihren späteren Mann Wilhelm Sültemeier kennenlernte. Beim Tanzen machte er zwar keine besonders gute Figur, aber wie er sie beim „Schotteschen“ packte und ihr dabei in die Augen sah, das gefiel ihr. Dieser Sültemeier war aus Melbergen, also von der anderen Seite der Werre und er war der älteste Sohn in seiner Familie und sollte die Bauernstelle erben. „Wir haben uns dann ein paarmal heimlich getroffen und waren uns bald einig, dass wir heiraten sollten,“ erinnert sich Stine Sültemeier. Am nächsten Weißen Sonntag war es dann auch so weit. „Das Ja in der Kirche war für mich dann auch das Auf Wiedersehen von Eidinghausen, und ich bin nur noch zweimal dahin zurückgekehrt, um meine Eltern auf den Gottesacker zu begleiten.“

 „Als junge Hausfrau musste ich nun noch mal ganz von vorne anfangen zu lernen, denn ich musste nun natürlich alles so machen, wie es mein Mann von seiner Mutter gewohnt war. Aber so ganz heimlich habe ich doch meinen Kopf durchgesetzt und bald war es bei uns wie zu Hause. Ich habe mir alles genau angeguckt, dabei ist es dann eines Tages im Sommer passiert.“

 Stine Sültemeier schüttelt ein bisschen unwillig den Kopf, als ob ihre Geschichte nun einem ganz und gar peinlichen Höhepunkt zustrebt. „Wilhelm trieb die Schweine am Abend wieder in den Stall, und wie die so fröhlich grunzend ankamen, fiel mir auf, dass sie gar nicht dreckig waren, sondern in der Abendsonne silbrig glänzten, so wie in einem Märchen. „Wilhelm, was hast du mit den Schweinen gemacht?“ fragte ich. „Nichts. Warum?“ – „Und warum glänzen die so silbrig?“ – „Das machen die im Sommer immer.“

„Ich streichelte meiner Lieblingssau Jolanthe über den Rücken und der silberne Glanz rieselte aus ihren Borsten. Ich habe da nicht viel draufgegeben, als ich mir ein paar Minuten später über den Mund wischte, fiel mir auf, dass meine Finger ganz salzig schmeckten.“ Stine hebt wie zum Beweis zwei Finger ihrer rechten Hand hoch und fährt dann fort: „Am nächsten Abend wartete ich auf Wilhelm und die Schweine, aber es hatte den ganzen Tag geregnet wie meistens hier im Sommer und kein Schwein glänzte. So ging das ein paar Tage und dann war wieder ein Sonnentag. Und richtig: Die Schweine glänzten wieder wie die Silbertaler, ich griff in die Borsten, probierte – und richtig: es war Salz! „Wilhelm,“ fragte ich, „wo waren die Schweine?“ – „Wie immer unten in der Suhle. Was fragst du?“ – „Ach nichts.“

„Und dann ging ich mit einem irdenen Pott runter zur Suhle und sah mich um. Auch am Rand der großen Pfützen waren schmale weißsilbrige Ränder, die sich im Abendrot blutig färbten. Ich probierte davon vorsichtig – Salz! Nun schöpfte ich mit meinem Pott Wasser aus der Pfütze und rannte nach Hause, goss alles in einen Eisentopf und hängte ihn über das Herdfeuer. Am nächsten Morgen guckte ich in den Topf. Das Wasser war verkocht und auf dem Boden lag eine dünne Schicht Salz. Da war zwar auch Dreck dazwischen, aber das konnte man ja rausseihen.“

Man konnte Stine noch immer ihren Stolz auf die Entdeckung ansehen. Das war ja auch eine aufregende Sache. Salz war teuer, und man brauchte es immer: Zum Kochen, zum Backen und vor allem zum Pökeln. Wenn man das nun von der Wiese ernten konnte wie das Heu, dann war der Augenblick nicht mehr weit, dass die Sültemeiers selbst Geld wie Heu hätten! Natürlich weihte sie ihren Mann sofort in ihr Geheimnis ein. Der kratzte sich bedächtig am Kopf und meinte dann, das bringe nur Ärger. „Ach was,“ sagte ich, „da braucht keiner was von zu wissen. Wir ernten das Salz und sparen so viel Geld, und wenn die Leute fragen, wie das kommt, sagst du einfach: Meine Frau kann eben wirtschaften!“

„Ich war mir schon im Klaren, dass eine solche Salzwiese Ärger und Missgunst bringen könnte, und deshalb durfte keiner davon wissen, was ich entdeckt hatte. Aber dann kam doch alles anders.“

Als Sültemeier das nächste Mal aufs Amt musste, um seine Steuern zu bezahlten, klagten die anderen Bauern über die hohe Abgabenlast. Stine schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: „Und da prahlt doch mein Wilhelm: „Ich bezahle das bald alles mit links. Ich habe nämlich eine Salzwiese!“ Natürlich wollten das dann alle ganz genau wissen und ein Schreiber vom Amt kriegte auch ganz lange Ohren.

Nicht nur dass auf einmal alle Nachbarn unsere Wiese zertrampelten. Dieser Schreiber hat wohl auch alles aufgeschrieben und an die Regierung gemeldet, dass der Colon Sültemeier Salz aus seiner Wiese hat.“ „Ein paar Wochen drauf war es dann so weit: Einen Morgen kam der Amtmann mit diesem Schreiber und zwei Soldaten, guckte sich alles genau an, sagte nur immer ‘Sehr gut! Sehr gut!‘ und klopfte seinem Schreiber lobend auf die Schultern. Und noch ein bisschen später kamen irgendwelche hohen Herren, vor denen unser Amtmann immerzu Diener machte und guckten sich auch alles an und schrieben alles auf und malten große Karten von unserer Suhle. Von da an war es mit der Gemütlichkeit vorbei. Hätte ich doch nur nichts gemerkt!“

 Stine berichtete jetzt von den ersten Gruben, die ausgehoben wurden, von der kleinen Siederei, die errichtet wurde und für die Sültemeier auch noch das Holz aus dem Wald heranschaffen musste. „Gleich hat man uns verboten, auch nur eine Krume Salz aus unserer Wiese zu holen, denn das gehört alles dem König in Berlin und wir als seine treuen Untertanen dürfen ihn nicht bestehlen. Davon, dass man uns die Wiese weggenommen hat, war natürlich keine Rede.

Als das neue Sudhaus eingeweiht wurde, hielt ein Mann eine Rede – ich glaube, es war ein richtiger Graf – und zum Schluss musste Wilhelm Sültemeier vortreten, und der Graf sagte, dass dieser Sültemeier ein großer Entdecker sei, aber noch größere Entdecker seien seine Säue, alle Leute lachten, und Wilhelm wusste nicht, ob er auch lachen sollte.“ Und Stine hat nichts abbekommen von dem Ruhm? Sie hat doch das Salz entdeckt! „Gott behüte! Das hätte mir noch gefehlt! Einmal wollte ich nicht unbedingt mit unseren Säuen verglichen werden, und dann gehört es sich in dieser Zeit auch nicht, dass sich die Frauensleute vor den Männern großtun. Wir hatten so schon genug Ärger.“ Und so reden alle im Ravensberger Land von Sültemeier und seinen Schweinen, aber keiner von seiner Frau Christine Alwine Pauline, der eigentlich der Ruhm gebührt, das Salz entdeckt zu haben, dass der Anstoß zu großen Tanten und Werken werden sollte.

Manfred Wolff

Veröffentlicht unter Geschichten | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Werner Düttmann Berlin.Bau.Werk

329 – Main frame11

Wie kein anderer Architekt hat Werner Düttmann das Antlitz West-Berlins geprägt. Nach seinem Architekturstudium bei Hans Scharoun arbeitete er im Planungsamt Kreuzberg, seit 1951 im Entwurfsamt der Berliner Bauverwaltung, wurde Regierungsbaurat und 1960 Senatsbaudirektor. Diese Funktionen gaben ihm reichlich Gelegenheit, das Stadtbild West-Berlins zu prägen.

Das Kottbusser Tor, der Mehringplatz, der Ernst-Reuter-Platz und das Märkische Viertel tragen seine Handschrift. Daneben war er als freier Architekt tätig, wirkte beim Bau der Kongresshalle mit und schuf markante Bauten, die heute das Kulturleben Berlins mitprägen: Die Akademie der Künste am Hanseatenweg, die Kirche St. Agnes (heute Galerie König)und nicht zuletzt das Brücke-Museum in Dahlem. Aber auch Zweckbauten wie die Bahnhöfe Blaschkoallee, Parchimer Allee und Britz-Süd an der U 7 zählen zu seinem Werk.

Werner Düttmann war Mitglied des Deutschen Werkbunds, seit 1961 auch Mitglied der Akademie der Künste, deren Präsident er von 1971 bis zu seinem Tod 1983 war.

In diesem Jahr wäre Werner Düttmann 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass zeigt das  Brücke-Museum eine Schau auf sein Lebenswerk. Mit viel Liebe zum Detail werden von der Handskizze bis zum Bild des fertigen Bauwerks die Arbeiten Düttmanns vorgestellt. In einem Raum ist die Gestaltung eines Ausstellungsteils mit Bildern von Brücke-Künstlern aus der Eröffnung des Museums 1967 rekonstruiert.

Beim Rundgang durch das Museum erfährt man Düttmanns sicheren Umgang mit Form, Farbe und Material. Der ockerfarbene Bodenbelag aus Naturfasern lässt den Sichtbeton leicht erscheinen, und das Museum vermittelt eine einladende Behaglichkeit, man fühlt sich menschlich aufgehoben.

Eine umfassende Dokumentation der Ausstellung hat das Brücke-Museum mit dem Video www.wernerduettmann.de präsentiert.

17. April – 29.August 2021

Brücke-Museum

Bussardsteig 9

14195 Berlin Dahlem

Tel. +49(0)30 8390 0860

info@bruecke-museum.de

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag 11 bis 17 Uhr

Manfred Wolff                                                                                                                                       08.06.2021

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Tief träumen und hellwach sein – Politiker und Pfarrer mit Leidenschaft

Oft fragt man sich, wie unsere Politiker dazu gekommen sind, gerade diesen Beruf für sich zu erwählen. Manche verraten uns das in ihren Memoiren, wenn sie altersbedingt aus dem Politikgeschäft ausgeschieden sind. Heiko Maas, unser Außenminister, hat es schon früher gesagt: „wegen Auschwitz“. Aber daran will man zweifeln, wenn man das Abstimmungsverhalten unter seiner Ägide in der UNO in Sachen Israel betrachtet.

Ganz anders verhält sich Steffen Reiche, der mit dem Titel „Tief träumen und hellwach sein“ einen autobiographischen Essay vorgelegt hat, der sein Hineinwachsen in das politische Denken und Handeln von Kindesbeinen an bis in ein Ministeramt und den Bundestag beschreibt, um schließlich wieder im ursprünglichen Beruf des Pfarrers zu münden. Seine detaillierten Beschreibungen der einzelnen Stationen sind angenehm zu lesen, ohne Pathos und ohne die oft für Politiker typischen Phrasen und Sprechblasen. Der Leser erhält am Beispiel dieses Mannes ein realistisches Bild von der Entwicklung der politischen Szene in der Zeit unmittelbar vor und nach der Wiedervereinigung.

Steffen Reiche wurde 1960 geboren. Seine Eltern arbeiteten bei der DEFA in Babelsberg, wo er auch aufwuchs und zur Schule ging. Geburtstagsreisen zu den Großeltern im Sauerland und eine mehrwöchige Reise durch die Sowjetunion bestätigten ihn in seinen Zweifeln an den politischen Märchen der DDR, die alle begannen mit „Es wird einmal…“. Am 7. Oktober 1989 gründete er mit Markus Meckel, Stephan Hilsberg und Ibrahim Böhme in Schwante die neue Partei SDP, die wenige Monate später Teil der SPD wurde. Bei einem weiteren Geburtstagsbesuch bei den Großeltern kommt er in die SPD-Zentrale, die „Baracke“, und trifft doch Oskar Lafontaine, Jochen Vogel und Egon Bahr. Er wird 1990 Landesvorsitzender SPD in Brandenburg, Mitglied der einzigen frei gewählten Volkskammer der DDR. In der ersten brandenburgischen Landesregierung beruft ihn Manfred Stolpe 1994 in sein Kabinett als Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur. 1999 wird er Minister für Bildung.

Die Zusammenarbeit mit Manfred Stolpe war von tiefem Vertrauen geprägt. Reiche erklärt sehr gut, wie wichtig Stolpes Zusammenarbeit mit der Stasi war, um der Kirche den Raum der Freiheit zu erhalten, aus dem ein maßgeblicher Anteil der Freiheitsbewegung der endenden DDR erwuchs.

Steffen Reiche ist jetzt wieder Pfarrer in Berlin-Niklassee und das mit derselben Leidenschaft, die ihn auch durch seine politische Karriere getragen hat.

Steffen Reiche: Tief träumen und hellwach sein, Dietz-Verlag, 2020, 263 S.
ISBN 978-3-8012-0461-7

Manfred Wolff

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Anette rettet den Weihnachtsmann

Es war der Abend zwei Tage vor dem Heiligen Abend. Da war Anette schon sehr aufgeregt, denn übermorgen sollte ja der Weihnachtsmann kommen. Was der wohl sagen und mitbringen würde? Und doch war es auch ein sehr langweiliger Tag, denn die weihnachtliche Abschlussfeier in der Kita war ausgefallen. Dabei hatten die Kinder doch schon Weihnachtslieder geübt – O du fröhliche und Lustig, lustig, Tralalalala und die Weihnachtsbäckerei. Die Tante Gertrud von der Kita hatte sogar gesagt, dass vielleicht der Weihnachtsmann vorbeischauen wollte. Was sollte der jetzt machen, wenn er vor der verschlossenen Tür stand?

„Der Weihnachtsmann macht jetzt wohl Kurzarbeit wie ich“, hatte Anettes Mutter zu erklären versucht, „der bleibt wohl zuhause und feiert mit seinem Knecht Ruprecht und den Weihnachtsengeln.“ Das wollte Anette nicht glauben. Sie wusste, dass er jedes Jahr zu Weihnachten alle Kinder der Welt besucht und ihnen die Geschenke bringt, die sie sich gewünscht hatten. Sie selbst hatte sich ein kleines Fahrrad mit Stützrädern gewünscht.

Aber seit ein paar Wochen war sowieso vieles anders und ungewohnt. Mutti redete mit Frau Klöppke von Nebenan von Vieren, dabei waren sie und Mutti doch nur zwei und Klöppkes mit drei Kindern fünf. Obwohl gar kein Fasching war, verkleideten sich die Erwachsenen mit bunten Masken. Frau Klöppke gab Mutti auch nicht die Hand, sondern buffte sie mit dem Arm, und Mutti buffte zurück. Hatten sie denn Streit?

Beim Abendbrot erfuhr Anette, dass es böse Viren gibt, die durch die Luft fliegen und Menschen krank machen. Dagegen waren die Mücken im Sommer harmlos. So wollte Anette natürlich gewappnet sein und sie nahm die Fliegenklatsche mit an ihr Bett für den Fall, dass so ein Virus sie in der Nacht überfallen wollte. Gegen Mücken hatte die ja auch geholfen.

Anette hatte noch gar nicht lange geschlafen und wollte gerade anfangen zu träumen, als sie ein Kribbeln an ihrer Nase spürte, und wie sie nach ihrer Nasenspitze guckte, sah sie da einen dicken gelben Typ mit bösen Augen, einem kleinen schwarzen Schnurrbart über dem Mund und einen Spieß in der Hand. Das war sicher so ein Virus. Entschlossen griff Anette nach der Fliegenklatsche und holte zum Schlag aus, aber da bekam es das Virus wohl mit der Angst zu tun und flog weg.

Schon wollte sich die kleine Heldin wieder zurechtkuscheln, als sie von draußen eine tiefe Stimme um Hilfe rufen hörte. Nun war an Schlafen nicht mehr zu denken. Mit der Fliegenklatsche in der Hand, nur mit ihrem Nachthemdchen bekleidet ging es hinaus in die Winternacht. Anette sah aus wie ein kleiner Engel.

Gar nicht weit sah sie das Unglück. Der Weihnachtsmann stand da an einer Hecke, und um ihn herum schwirrten diese gelben Viren und versuchten ihn mit ihren Spießen zu pieken. Einige hatten sich in seinem weißen Bart festgesetzt, eines saß schon auf seiner roten Nase. Anette schlug zu, wo immer sie ein Virus sah. Bald lagen die alle platt auf der Erde.

„Anette, du hast mich gerettet und für alle Kinder das Weihnachtsfest“, sagte der Weihnachtsmann und drückte seine Retterin ganz fest in seine Arme, „das werde ich dir nie vergessen und dich immer auf der ersten Stelle in meiner Besuchsliste führen.“ Dann kamen auch noch drei Weihnachtsengel angeflogen und brachten dem Weihnachtsmann eine Maske. „Du hast Glück gehabt, dass das in der Nähe von Anette passiert ist. Wo anders wärst du jetzt krank und müsstest zuhause bleiben. An Weihnachten! Nicht auszudenken!“ Sie erzählten Anette noch, dass der Weihnachtsmann manchmal ein rechter Dickkopf sei und nicht die Maske aufsetzen wollte. Aber das sei ihm nun sicher eine Lehre.

Anette ging schnell wieder zurück zu ihrem Bettchen und schlief tief und fest nach den aufregenden Abenteuern dieser Nacht. Als ihre Mutter sie am nächsten Morgen weckte, sagte die: „Einmal musst du nun noch schlafen, und dann kommt der Weihnachtsmann.“ – „Ja, und er wird auch eine Maske auf haben“, wusste Anette, und das Fahrrad werde er sicher auch bringen.

Manfred Wolff

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen

Anettes Reise an den Schokoladensee

Das war ein schöner Weihnachtsabend: so viele Kerzen brannten an dem Weihnachtsbaum, dass die kleine Anette noch gar nicht alle zählen konnte, die Wohnung duftete von dem frischen Tannengrün, die Mutti übte noch einmal mit ihr das Gedicht, das sie aufsagen sollte, wenn der Weihnachtsmann kommt, alle waren ganz aufgeregt. Vati paffte dicke Wolken aus seiner Pfeife.

Gerade wollte Mutti das Abendessen auf den Tisch bringen, da klopfte es an der Tür: der Weihnachtsmann! Fast hätte Anette ihren Becher mit Saft vor Schreck fallen lassen, als er mit „HooooHooo!“ alle begrüßte. Aber es gab gar keinen Grund zu erschrecken. Der Weihnachtsmann war sehr freundlich und schaute lieb auf das kleine Mädchen, das Gedicht klappte prima, und zur Belohnung holte der Weihnachtsmann aus seinem großen Sack wunderschöne Geschenke: einen Teddy zum Kuscheln, eine Kugelbahn, dicke Bilderbücher zum Vorlesen und ganz zum Schluss noch einen großen Weihnachtsmann, ganz in ein buntes Stanniolgewand gehüllt. Der hatte es Anette angetan!

Als der Weihnachtsmann gegangen war, die Lichter heruntergebrannt waren und die Augen über den glühenden Bäckchen immer schwerer wurden, so dass es Zeit wurde, ins Bett zu gehen, mochte sie sich gar nicht von ihm trennen.  Sah er nicht genauso aus wie der Weihnachtsmann, der die schönen Geschenke gebracht hatte? Er lachte so lieb, seine großen Augen blitzten freundlich, und sein Mund schien fortwährend zu sagen: „Du warst aber sehr brav!“ Anette wusste, dass der Weihnachtsmann innen ganz aus Schokolade war, aber wie er so dastand, schien er doch ein richtiger Weihnachtsmann zu sein. „Er ist sicher traurig, wenn ich ihn jetzt allein lasse“, dachte sie beim Zähneputzen.

Und als sie noch einmal ins Wohnzimmer ging, um Mutti und Vati „Gute Nacht“ zu sagen, nahm sie den Weihnachtsmann unter den Arm und trug ihn an ihr Bettchen, stellte ihn auf den Stuhl daneben, auf dem sonst immer Mutti saß, wenn sie eine Geschichte vor dem Einschlafen erzählte, und legte sich dann so auf die Seite, dass sie ihn fest im Auge behielt, als sie einschlief.

Im ganzen Haus war es schon ruhig geworden, so dass schon das kleinste Geräusch deutlich vernehmbar war. Und so kann es nicht Wunder nehmen, dass Anette plötzlich wieder aufwachte und in das dunkle Zimmer lauschte. Hatte sie nicht gerade eine Stimme gehört? „Ja, ich komme schon!“ hatte jemand gesagt. Aber da war doch niemand. Sie rieb sich die Augen und sah sich um. Da fiel ihr Blick auf den Weihnachtsmann. Der hatte sich aufgerichtet, seinen roten Mantel fester gezogen, die Kapuzenmütze ins Gesicht gezogen und seinen Sack geschultert. Es sah gerade so aus, als wollte er sich auf einen Spaziergang begeben. Gerade wollte er seine Stiefel fester schnüren.

„Weihnachtsmann, willst du mich verlassen?“ fragte Anette ein wenig bange.

„Ja, aber nur für ein paar Stunden, „ erwiderte er, „ich komme aber ganz bestimmt wieder.“

„Warum willst du weg? Und wohin?“

„Meine Kumpel haben mich gerufen. Wir treffen uns am Schokoladensee.“

„Am Schokoladensee? Da möchte ich auch mal hin. Nimmst du mich mit?“

„Das geht nicht. Da dürfen nur die hin, die so süß wie Schokolade sind, so wie ich, der Schokoladenweihnachtsmann.“

Anette war sehr enttäuscht. Sie hatte doch gedacht, der Weihnachtsmann sei ihr Freund und würde sie nie mehr verlassen. Und sie hatte ihn doch auch nicht allein gelassen.

„Bitte, bitte, nimm mich mit. Ich werde auch ganz lieb sein, so wie wenn ich mit Mutti in den Zoo gehe.“

Aber weil sie auch schon mal nicht ganz so lieb war, fügte sie schnell hinzu: „Und wenn du mich allein lässt, werde ich traurig und weine.“

Sie wusste schon, dass Weihnachtsmänner es nicht mit ansehen können, wenn kleine Mädchen weinen. Und richtig sah der Weihnachtsmann sieh nach diesen Worten erschrocken an, strich sich seinen silbrigen Bart, weil er ordentlich nachdenken musste, und kam dann zu dem Schluss: „Na gut, ich nehme dich mit. Du bist zwar nicht aus Schokolade oder Honigkuchenteig oder Zuckerguss, aber du siehst doch recht süß aus.“

„Au fein!“ juchzte Anette, „ist es weit bis zum Schokoladensee?“

„Oh ja, von hier nach da ist es einen ganzen Gedanken weit.“

Darunter konnte sich Anette zwar nichts vorstellen, aber es kam ihr unendlich weit vor.

„Da werden wir aber lange unterwegs sein. Soll ich mir meinen Anorak anziehen?“

„Das ist nicht nötig. Wir werden auf einem Sternenstrahl dahin fliegen.“

Und gerade in dem Augenblick, da der Weihnachtsmann das sagte, fiel durch einen Spalt im Fenstervorhang so ein Sternenstrahl in das Kinderzimmer.

„Schnell“, sagte der Weihnachtsmann, „den nehmen wir!“ Er beugte sich hinunter, nahm Anette auf seinen Arm, in dem eben noch ein Weihnachtsbäumchen steckte, und ab ging es auf dem Sternenstrahl.

Anette sah wie die Häuser unter ihr immer kleiner wurden, bis die Lichter selbst nur noch wie Sterne aussahen, die auf die Erde gefallen waren. Immer höher ging es hinaus, und es ging so schnell, dass die Haare nur so flogen, aber sie hatte gar keine Angst, denn sie war ja auf dem Arm des Weihnachtsmannes. Und dann auf einmal hörte sie eine wunderschöne lustige Musik, und ehe sie sich versah, landeten die beiden auch schon in hellem Sonnenlicht auf einem weißen Strand. Der Weihnachtsmann setzte sie ab und lachte:

„Nun kannst du dich so richtig am Süßen laben! Aber verdirb dir nicht den Magen!“

Im selben Moment ertönte auch schon ein vielstimmiges „HooooHoooooo!“, und als Anette hinüberblickte, standen da ganz viele Weihnachtsmänner, die dem ihren alle sehr, sehr ähnlich sahen.

„Sind das deine Brüder?“ fragte sie.

„Ja, sie sind alle meine Brüder, wir sind in derselben Schokoladefabrik geboren worden.“

Aber oh je! Einige sahen gar nicht gut aus: einer hatte einen krummen Buckel, dreien fehlten die Füße, und ein paar waren ohne Mütze.

Der Weihnachtsmann nahm sie an der Hand und ging mit ihr zu seinen Brüdern hinüber. „HoooHooooo! Das ist die kleine Anette, sie ist ganz lieb zu mir, und ich konnte mich einfach nicht von ihr trennen.“ Alle Weihnachtsmänner gaben ihr die Hand, und Anette machte für jeden einen artigen Knicks.

„Dann hast du also einen schönen Weihnachtsabend gehabt? Da hast du aber Glück gehabt!“

Und dann erzählten sie einander ihre Erlebnisse der letzten Stunden: der Krumme stand zu nahe an einer Kerze und wäre fast ganz geschmolzen, die ohne Füße waren schon gebissen worden, aber nur ein bisschen eben, und die ohne Mütze waren ebenfalls in die Hände von kleinen Leckermäulern geraten. Und nicht wenige waren gar nicht mehr gekommen, weil sie schon längst gegessen waren.

Während die Graubärte so miteinander plauderten, sah sich Anette um. Der Strand war aus richtigem Hagelzucker und statt dicker Kieselsteine steckten viele bunte Smarties darin. Und da erstreckte sich vor ihr ein schier unendlicher See aus brauner Schokoladensoße. Am Ufer lagen die Halbschalen von Booten aus Blätterkrokant, auf den Bäumen krabbelten Maikäfer aus Schokolade, und zwischen Büschen hoppelten doch tatsächlich schon Schokoladenosterhasen herum. Sie waren zwar noch nicht in buntes Stanniolpapier gehüllt, aber Anette war schon groß genug, um zu wissen, woran man sie alle erkennt.  Die Bäume waren aus Borkenschokolade, an denen statt Blättern und Blüten lauter kleine bunte  Gummibärchen wuchsen. Anette lief das Wasser im Munde zusammen.

Gar zu gern hätte sie davon genascht, aber sie hatte ja schon die Zähne geputzt, und danach war Naschen verboten! Außerdem hätte es den Schokoladentieren sicher wehgetan, wenn sie hineinbeißen würde.

Die Weihnachtsmänner hatten inzwischen begonnen, ihre Säcke abzulegen und ihre dicken roten Wintermäntel aufzuknöpfen. Sie strichen alles schön glatt und legten es sorgfältig auf den Strand, damit sie es hinterher wieder anziehen konnten. Ganz nackt und schokoladenbraun standen sie da, bis einer ein Zeichen gab. Da stürzten sie sich laut lachend in den Schokoladensee und planschten darin herum. Die Schokolade spritzte hoch auf, und die Weihnachtsmänner wurden noch schokoladenbrauner. Anettes Weihnachtsmann winkte ihr zu:

„Komm auch mit rein und bade mit uns! Die Schokoladensoße ist ganz warm und schmeckt köstlich!“

Fast wäre Anette zu ihm gelaufen, aber da fiel ihr Gottseidank im letzten Moment ein, dass sie ja noch ihr Nachthemdchen anhatte, und das wäre dann ganz mit Schokolade verschmiert gewesen. Da würde Mutti aber schimpfen. Und ausziehen konnte sie es ja auch nicht, denn sie hatte ja ihren Badeanzug nicht dabei. So blieb sie am Ufer des Schokoladensees stehen und stippte nur die Fingerchen hinein, um ein wenig davon zu kosten.

Aber es blieb nicht aus, dass ein paar Spritzer von den herumtollenden Weihnachtsmännern auf ihrem Nachthemd landeten. So ging es eine ganze Weile. Alle waren fröhlich und ausgelassen. Und die Schokoladenhasen, deren Zeit noch nicht gekommen war, kamen ganz zutraulich zu Anette und ließen sich von ihr streicheln. Die Schokoladenmaikäfer brummten in den Bäumen mit den Gummibärchen um die Wette. Und ein paar ganz mutige Schokoladenhasen liefen sogar auf einem Teich aus Zuckerguss Schlittschuh und drehten lustige Pirouetten.

Da ertönte von weit her ein Glockenschlag.

„HoooHooooo, wir müssen wieder zurück!“ rief Anettes Weihnachtsmann, „ich würde ja gern noch bleiben, aber was würde Anettes Mutti sagen, wenn sie das Bettchen leer fände?“

Er verabschiedete sich von seinen Brüdern, wünschte ihnen noch eine süße Weihnachtszeit und hüllte sich wieder in seinen Mantel aus Stanniol. Anette winkte allen noch einmal zu, streichelte einen besonders schönen Schokoladenhasen hinter den Ohren und lud ihn zu sich zum Osterfest ein.

Dann sprang sie wieder auf den Arm des Weihnachtsmannes, und ab ging es durch die Lüfte, zurück zum Kinderbettchen. Unterwegs schlief sie schon fest ein, und der Weihnachtsmann legte sie vorsichtig in ihr Bettchen und deckte sie gut zu, damit sie sich nicht erkältet. Dann setzte er sich auf den Stuhl und bewachte ihren Schlaf. Das war doch das schönste Weihnachtsfest, das sich ein Schokoladenweihnachtsmann träumen lassen konnte.

Die Wintersonne schaute schon durch die Ritze im Fenstervorhang, als Mutti die kleine Anette weckte. Natürlich entdeckte sie sofort die Schokoladenflecken auf dem Nachthemd, und auch in den Mundwinkeln waren   die braunen Spuren des Naschens zu sehen.

„Du kleines Naschkätzchen, du hast in der Nacht noch von dem bunten Teller gegessen“, sagte sie mit erhobenem Zeigefinger, „aber wenigstens ist der Weihnachtsmann ganz geblieben.“ Was sollte Anette darauf sagen? Von ihrer Reise mit dem Weihnachtsmann konnte sie doch Mutti nicht erzählen, da wäre sie sicher wirklich böse geworden.

Also blieb sie einfach stumm und dachte sich ihr Teil. Und als sie zu dem Weihnachtsmann hinüberblickte, schien es ihr, als ob der ein Auge im stillen Einverständnis zukniff. Nun hatten sie beide ein wirklich süßes Geheimnis….

Text © Manfred Wolff

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen