Mit jüdischer Feder

Es waren so viele Menschen jüdischer Herkunft, die zur Feder griffen, um mit Poesie und Drama, mit Essays und Geschichten dazu beigetragen haben, dass die deutschsprachige Gesellschaft ihre Freuden und Ängste, ihre Verzweiflung und Erkenntnis austauschen und überwinden konnte. So viele dieser Menschen sind in Vergessenheit geraten, werden nur noch von literaturwissenschaftlichen Spezialisten wahrgenommen.

Doch es gibt einen Ort, wo der heutige Leser vielen von ihnen wieder begegnen kann: das Projekt Gutenberg https://www.projekt-gutenberg.org/. Ich habe mir die Mühe gemacht, sie dort aufzusuchen und ihnen wieder einen Platz auf der Lesebühne zu schaffen. Hier ist eine Liste von 188 Menschen jüdischer Herkunft, deren Werke im Projekt Gutenberg kostenlos gelesen werden können.

Besuchen Sie sie. Sie werden freundlich empfangen.

Manfred Wolff 22.04.2020

Adler, Paul
Scholem Alejchem
Altenberg, Peter
Arnd, Friedrich
Ascher, Robert Maximilian
Auerbach, Berthold
Auernheimer , Raoul
Baum, Vicki
Beer-Hofmann, Richard
Benjamin, Walter
Benzion, Ben Jehuda
Berend, A
Beradt, Martin
Bergson, Henri
Bermann, Richard Arnold
Bernard, Tristan
Bettauer, Hugo
Bettelheim, Anton
Blass, Ernst
Bock, Alfred
Börne, Ludwig
Da Ponte, Lorenzo
David, Jakob Julius
Dehmel, Paula
Dery, Juliane
Detmold, Johann Hermann
Deutsch, Lev Grigorievich
Diebold, Bernhard
Dohm Hedwig
Donath, Adolph
Ebstein, Erich
Edel, Edmund
Einstein, Carl
Eliasberg, Alexander
Engel, Eduard
Engel, Georg
Ettlinger, Josef
Fechenbach, Felix
Federn, Karl
Fischer, Wilhelm
Frank, Anne
Frank, Bruno
Franzos, Karl Emil
Freud, Sigmund
Friedell, Egon
Friedländer, Hugo
Friedlaender, Salomo
Fulda, Ludwig
Fürst. Artur
Georgy, Ernst
Greiner, Leo
Großmann, Stefan
Grünbaum, Fritz
Handl, Willi
Harden, Maximilian
Hasenclever, Walter
Hartmann, Moritz
Heilborn, Adolf
Heimann, Moritz
Heine, Heinrich
Heine, Thomas Theodor
Helbing, Franz
Hellmert, Wolfgang
Hermann, Georg
Herrmann-Neiße, Max
Hertz, Heinrich
Herzl, Theodor
Hessel, Franz
Hevesi, Ludwig
Heyse, Paul
Hirsch, Julian
Hirsch, Jenny
Hirsch Marie
Hirschfeld, Hermann
Hirschfeld, Georg
Hirschfeld, Magnus
Hitzig, Julius Eduard
Hochstetter, Gustv
Hoddis, Jakob van
Hoffmann, Camill
Hofmannsthal, Hugo von
Holitscher, Arthur
Hollaender, Felix
Hollaender, Friedrich
Ichenhaeuser, Eliza
Jacobowski, Ludwig
Kafka, Franz
Kahane, Arthur
Kalisch, David
Kastein, Josef
Kerr, Alfred
Kisch, Egon Erwin
Koenig, Alma Johanna
Kohn, Joseph Seligmann
Kompert, Leopold
Kornfeld, Paul
Kraus, Karl
Krauss, Friedrich Salomon
Kuh, Anton
Lachmann, Hedwig
Landauer, Gustav
Landsberger, Artur
Lasker-Schüler, Else
Lasalle, Ferdinand
Leitner, Maria
Lessing, Theodor
Levett, Oswald
Levi, Giuseppe
Lewald, Fanny
Lichtenstein, Alfred
Liebermann, Max
Lindau, Paul
Lindau, Rudolf
Löwenfeld, Leopold
Lombroso, Cesare
Lucka, Emil
Ludwig, Emil
Luxemburg, Rosa
Magnus, Erwin
Marx, Karl
Mauthner, Fritz
Mendelssohn Bartoldy, Jakob
Mendelssohn, Moses
Mendes, Catulle
Messer, Max
Mombert, Alfred
Mosenthal, Salomon Hermann
Moszkowski, Alexander
Mühsam, Erich
Neubauer, Paul
Nordau, Max
Olden, Balder
Oppenheim, Edward Phillips
Pappenheim, Bertha
Poritzky, Jakob Elias
Proust, Marcel
Radek, Karl
Rathenau, Walter
Rie, Therese
Roda Roda, Alexander
Rodenberg, Julius
Rößler, Carl
Roth, Joseph
Rubiner, Ludwig
Salomon, Erich
Salomon, Ludwig
Salten, Felix
Salus, Hugo
Saphir, Moritz Gottlieb
Scheler, Max
Schirokauer, Alfred
Schlegel, Dorothea
Schnitzler, Arthur
Schott, Clara
Schwob, Marcel
Serner, Walter
Sforim, Mendele Moicher
Simmel, Georg
Soyfer, Jura
Spector, Mordecai
Spiero, Heinrich
Spinoza, Baruch
Sternberg, Leo
Sternheim, Carl
Stettenheim, Julius
Stoessl, Otto
Svevo, Italo
Tartaruga, Ubald
Toller, Ernst
Trotzki, Leo
Tucholsky, Kurt
Ungar, Hermann
Ury, Else
Varnhagen von Ense, Rahel
Wassermann, Jakob
Weil, Gustav
Weil, Robert
Weininger, Otto
Weiß, Ernst
Werfel, Franz
Wiener, Oskar
Winder, Ludwig
Wolfenstein, Alfred
Wolff, Theodor
Zangwill, Israel
Zeckendorf, Friedrich
Zimmer, Heinrich
Zweig, Stefan

 

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Verschwörungstheorie in der Tagesschau

Da sitzen ein paar Politiker, alle Fraktionsgeschäftsführer, im gut abgeschatteten Büro des Bundestagspräsidenten und machen sich Gedanken, was getan werden soll, damit der Staat auch im Seuchenfall funktioniert. Natürlich muss das alles im Rahmen der bestehenden Gesetze geschehen. Gesetze haben nur Geltung, wenn der Bundestag sie mit seiner Mehrheit ordentlich beschließt und der Bundesrat zustimmt. Aber wenn das nicht klappt?

Es ist ja denkbar, dass das ganze Parlament durch unglückliche Verkettungen zum Verdachtsfall wird, nicht wie die AfD, sondern wegen Corona. Wegen der vielen Überhangmandate sitzt man ja im Bundestag schon sehr eng beieinander, und da genügen ein paar Infizierte, um das ganze Hohe Haus nach Hause in die Quarantäne zu schicken. Den Plenarsaal kann man ja nicht zur Quarantänestation umwidmen.

Wenn die Bundesrepublik in solch eine gefährliche Situation gerät, müssen natürlich besonders wirksame Maßnahmen getroffen werden, so wirksam, dass sie vielleicht mit den Regeln des Grundgesetzes nicht mehr gerechtfertigt werden können. Das ist eigentlich nicht vorstellbar, denn wir haben ja seit 1968 die Notstandsgesetze, die dem Staat weitgehende Eingriffsmöglichkeiten in das Leben der Bürger erlauben. Der Katastrophenfall, wie er jetzt zuerst in Bayern ausgerufen wurde, basiert auf diesem Gesetz.

Worin die Katastrophe besteht, vermag ja keiner so genau zu sagen. Die bisher festgestellten Sterbefälle können es nicht sein, denn es gibt viel höhere Sterbefallzahlen mit Ursachen, die uns in der Regel kalt lassen, wenn wir nicht zu den Betroffenen zählen. Verkehrstote, Sepsistote, Alkoholtote, Krebstote sind keine Katastrophe. Corona muss es dann auch nicht sein.

Der Katastrophenfall liegt im Gesundheitswesen selbst. Dort wurde in der jüngsten Vergangenheit gespart auf Teufel komm raus. Es fehlt ärztliches Personal in den Gesundheitsämtern, es fehlt an Intensivpflegebetten und es fehlt vor allem an Pflegepersonal. Wenn Berlin jetzt ein Krankenhaus mit 1000 Betten für Coronakranke errichten will, was hoffentlich schneller geht als der Flughafen, ist damit noch niemandem geholfen, denn das Krankenhaus hat dann keine oder wenigstens viel zu wenige Ärzte und vor allem Pflegekräfte. Das kommt davon, wenn man eine Krankenschwester schlechter bezahlt als einen Maurer. Und zur Erinnerung: der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach wollte vor nicht allzu langer Zeit noch die Zahl der Krankenhausbetten in Deutschland halbieren.

Zurück zur Kungelrunde im Bundestag. Dort soll ausgerechnet der Bundestagspräsident Schäuble angeregt haben, das Grundgesetz zu ändern, damit man im Falle einer Seuche auch ohne Parlament Gesetze schaffen kann, mit denen man eine Seuche effektiv bekämpfen kann. Natürlich wurde das nicht in den zahlreichen Extras im Fernsehen verkündet. Das wurde nur mit einem kurzen Satz in der Tagesschau am 16.03. erwähnt. Wer diese Information durchgestochen hat und wer es versäumt hat, sie aus dem Tagesschautext zu entfernen, ist nicht bekannt.

Da sollen also eine oder mehrere nicht näher bestimmte Personen ermächtigt werden, im Seuchenfall ohne das Parlament Gesetze zu erlassen. Das soll nötig sein, weil in den Notstandsgesetzen Seuchen nicht ausdrücklich erwähnt werden. Man befindet sich im Krieg gegen die Seuche, und der muss gewonnen werden. Zum Krieg wissen wir: Die Sieger jeder Schlacht befinden sich nicht auf den Schlachtfeldern, sie haben ihre Stellungen an anderen und sichereren Orten, und nie wird mehr gelogen als im Krieg.

Es muss dann nur noch eine Seuche benannt werden, um den Wirkmechanismus der Ermächtigung in Gang zu setzen. Dazu genügt ein Blick in die Apothekenumschau, wo von A bis Z alle Gebrechen aufgezählt werden, von Abzess bis Zytomegalie, im Winter geht auch der schreckliche Männerschnupfen und im Sommer der Sonnenbrand.

Wer meint, in Befolgung des Artikels 20 Absatz 3 des Grundgesetzes aufgerufen zu sein, gegen solche Angriffe auf die freiheitliche Grundordnung zum Protest und Widerstand zu schreiten, der befindet sich auf dem Holzweg. Schon ein kleiner Protestmarsch zum Brandenburger Tor ist dann natürlich auch schon verboten wegen der Seuchengefahr, und dagegen wird dann mit allen verfügbaren Mitteln eingeschritten.

Manfred Wolff

17.03.2020

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Unzertrennlich. Rahmen und Bilder der Brücke-Künstler

Wir kennen so viele Bilder. Wir haben sie in Museen und Galerien, in Büchern und im Internet als Abbildungen gesehen. Ihre Stile, ihre Motive, ihre Farben sind uns fest im Gedächtnis. Doch was wissen wir über ihre Rahmen? Da fallen uns vielleicht die schwulstigen pseudobarocken Konstrukte ein, die mit ihrem Blattgoldauftrag glänzen und den Wert eines Bildes demonstrieren sollen. Die sind uns aus vorigen Jahrhunderten überkommen. Zeitgenössische Kunst begegnet uns sehr oft in Notrahmung – schmale Hölzer an den Keilrahmen geheftet. Aber erinnern wir uns noch an den Rahmen eines bestimmten Bildes?

Diesem Manko der kunstgeschichtlichen Betrachtung tritt nun das Brücke-Museum in Berlin mit seiner Ausstellung „Unzertrennlich. Rahmen und Bilder der Brücke-Künstler“ entgegen. Zahlreiche Arbeiten der Brücke-Künstler aus eigenen Beständen, des Buchheim-Museums Bernried und anderer internationaler Leihgeber geben einen Einblick in die Überlegungen der Künstler Ernst-Ludwig Kirchner, Otto Mueller, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff. Das Museum setzt damit die Forschungsarbeit des Münchner Rahmenmachers Werner Murrer fort. Das war bislang nicht das Steckenpferd der Kunsthistoriker, eröffnet ihnen  aber ein neues und interessantes Feld.

Die Brücke-Maler wollten ja nicht nur eine Alternative zum akademischen Kunstbetrieb schaffen. Sie wollten auch die Kluft zwischen Kunst und Leben schließen, die neue Kunst sollte sich auch im neuen Leben manifestieren. Dazu diente ihnen der Rahmen als Verbindung zwischen dem Bild und dem Raum, in dem es präsentiert wird. Im Rahmen gleitet die Farbpalette des Bildes über die Bildfläche hinaus in den Ausstellungsraum.  Die Künstler bauen den zum Bild passenden Rahmen selbst – bis zu zehn Zentimeter breite Flachrahmen, Rundstabrahmen und solche, die sie mit ornamentaler Schnitzerei dem Bildgegenstand anpassen. Die Farbe wird wie im Bild mit kräftigem Strich und breitem Pinsel aufgetragen.

Das muss alles stimmen, und, wie Kirchner in einem Brief an einen Mäzen schrieb, auch zur Wohnung passen. Die Kunst der Brücke-Maler sollte nicht nur ihr Leben in neue Bahnen lenken, sondern auch das der Käufer ihrer Bilder. Ihre Kunst, die für Kritiker der Entstehungszeit aus dem Rahmen fiel, schafft mit den Rahmen auch den Raum für ein neues Erleben. Das spürt auch der Besucher der Ausstellung, wenn er Bilder, die ihm sonst schon vertraut schienen, mit der Perspektive auf die Rahmen neu entdeckt.

Unzertrennlich. Rahmen und Bilder der Brücke-Künstler

Eine Ausstellung des Brücke-Museums
16. November 2019 bis 15. März 2020
Öffnungszeiten Mi bis Mo 11-17 Uhr. Dienstags geschlossen.
Bussardsteig 9, 14195 Berlin
www.bruecke-museum.de

 

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„A Midsummer Night’s Dream“ von Benjamin Britten an der Deutschen Oper Berlin

Es brauchte wohl wenigstens zwei Takte des Glissandos am Beginn der Premiere von Benjamin Brittens „A Midsummer Night’s Dream“ in der Deutschen Oper Berlin, bis etliche Zuschauer ihre Privatgespräche einstellten und der Musik somit Geltung verschafften. Dann hob sich der Vorhang für ein ganz und gar graues Bild einer leeren Bühne. Die Elfen des Kinderchors waren alle in gleiche graue Kleidung gesteckt, und auch Oberon und Tytania trugen ein altfränkisches Gewand ganz in Grau. Nur ein Kind war in einen knallblauen Anzug gekleidet. Um diesen „boy“ stritten Oberon und Tytania. Von oben schwebte Puck in die Szene, bestach durch akrobatische Übungen.

Der Auftritt der unglücklichen Paare Lysander und Hermia und Demetrius und Helena in farbiger Kluft machte die Kleiderordnung deutlich: Menschen sind bunt, Elfen sind grau. Inmitten der verwickelten Liebesbeziehungen erschienen nun sechs Handwerker (im alten Athen nannte man sie Banausen), die ein Theaterstück planen, das zur  Hochzeit von Theseus und Hippolyta aufgeführt werden soll. Puck richtete mit dem fehlerhaften Gebrauch eines Zaubermittels Verwirrungen in den Liebesbeziehungen an und verpasste dem Handwerker Bottom einen Eselskopf.

Schließlich wurde das Beziehungschaos aufgelöst und alle Paare fanden glücklich zueinander. Am Hofe des Theseus führten die Handwerker das Schauspiel „Pyramus und Thisbe“ auf, und die Hofgesellschaft zog sich in die Schlafgemächer zurück. Das letzte Wort hatte Puck: „So good night unto you all. Give me your hands, if we be friends.“ Dieser Wunsch Pucks ging in Erfüllung. Das Publikum bedankte sich mit lang anhaltendem Beifall.

Donald Runnicles hat das Orchester souverän geführt, sowohl die seidigen Violinenpartien ebenso sicher wie die burlesken Partien des Handwerkertheaters, bei denen Britten wohl an Szenen der italienischen Oper dachte. Alle Sänger wurden vom Orchester einfühlsam unterstützt.

Allein James Hall als Oberon und Siobhan Stagg als Tytania stachen mit ihren Partien gesanglich hervor. Die übrigen Sänger lieferten braven Gesang, zu dem geschwiegen genug des Lobes ist. Aus ihnen hob sich James Platt als Bottom hervor, vor allem wegen seiner Lautstärke. Der Puck Jami Reid-Quarrels in der Choreographie von Ran Arthur Braun war eine gelungene Besetzung.

Das fast leere Bühnenbild – nur eine Leiter ins Nichts, zwei rote Wolken, ein herbeigetragener Mond und immerwährende Nebelschwaden – könnte den Sängern Raum geben für eine angemessene schauspielerische Leistung, doch Ted Huffman hält sie an der kurzen Leine. Auch die Puppen für Pyramis und Thisbe sind eine Absage an das Spiel. Wenn bei der Hochzeitsfeier Theseus sich als Trunkenbold bis hin zum Zusammenbruch spielen darf, ist das nur eine Persiflage auf das Schauspiel in der Oper.

„A Midsummer Night’s Dream“ ist keine traumhafte Inszenierung. Man sucht darin die Träume vergeblich, aber man wird angeregt, die eigenen Träume aus dem Bühnengeschehen zu finden. Und das ist dann auch den Besuch der Deutschen Oper wert.

Deutsche Oper Berlin, weitere Aufführungen am 29. 01, 01., 06. und 22. 02. 2020.

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herman de vries: how green is the grass?eine ausstellung des georg kolbe museums berlin

 

wenn wir meinen, mit beiden beinen fest auf dem boden zu stehen, berühren unsere füße nicht die mutter erde. die ist verborgen unter einer künstlichen oberfläche aus beton und asphalt, aus pflaster und aufgeschüttetem kies. wieviel vielfältiger als diese beläge die erde ist, was sie uns verraten kann über ihre geschichte, ihre verbindungen und unseren umgang mit ihr, das hat herman de vries in einer enzyklopädie zusammengetragen, aus deren über 9000 seiten jetzt ein kleiner ausschnitt im georg kolbe museum zu sehen ist. in einem saal kann man nicht nur einige der erdproben sehen, die de vries bei spaziergängen und reisen gesammelt hat. er hat die erden auch zu einem feinen pulver gemahlen, dass sie wie pigmente verwandt werden können. auf weiße bögen aufgetragen hat er sie dann mit den handballen verrieben. so erblickt der besucher ein 66faches vielfarbiges kaleidoskop – blasses weiß, leuchtendes gelb, wärmendes rot, ruhiges braun und tiefes schwarz.

gleich daneben füllt ein kreisförmiges objekt den boden eines raumes. herbstlaub und kleine äste und zweige, von den buchen und eichen des steigerwalds abgeworfen. das ist herman de vries‘ kunsterlebnis bei seinen spaziergängen in der region, die seit den siebziger jahren seine heimat ist. ambulo ergo sum.

die von de vries gesammelten pflanzen sind nicht einfach grünzeug. diese objets trouvées sind winterlicher natur. sie leben nicht mehr, sind aber beredte zeugen eines mannigfachen und für den blick oft rätselhaften lebens, der vielfältigen möglichkeiten des seins. sie zu beachten ist die aufgabe einer erfolgreichen ökologie. „natur ist sich selbst genug und soll dem menschen auch genug sein. was wir von der natur noch um uns finden können (und ich sage bewusst nicht ‚haben‘), hat keine menschlichen zufügungen nötig. sie ist sich selbst – und für uns eine offenbarung …“ sagt herman de vries. die buche im garten des museums lässt er sagen: „i am“.

der niederländische künstler herman de vries wurde 1931 geboren. seit den 1960er jahren wandte sich der ausgebildete gärtner der kunst zu, zuerst in anlehnung an die gruppe ZERO. mit der ausstellung seiner arbeiten bei der biennale von venedig 2015 fand er auch internationale beachtung.

die konsequente kleinschreibung dieses textes folgt einer maxime von herman de vries, der so jede hierarchie zwischen sich und den dingen ablegt.

„herman de vries. how green is the grass“
Eine Ausstellung des Georg Kolbe Museums mit dem Umweltbundesamt
27. Januar bis 3. Mai 2020

Eröffnung am Sonntag, den 26. Januar 2020 um 11 Uhr im Georg Kolbe Museum

Georg Kolbe Museum
Sensburger Allee 25
14055 Berlin
www.georg-kolbe-museum.de

Manfred Wolff

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Anette und der doppelte Weihnachtsmann

Weihnachtlich sah die Stadt wirklich nicht aus. Der Wind wehte statt Schneeflocken die vertrockneten Blätter der Bäume durch die Straßen. Es regnete tagaus, tagein. Überall standen große Pfützen, in denen sich die Lichter der Weihnachtsbeleuchtung spiegelten, so dass die Weihnachtssterne und Glocken gleich doppelt zu sehen waren. Statt Pudelmütze und dickem Wintermantel waren Gummistiefel und Regenjacke angesagt. Aber trotzdem redeten alle voller Vorfreude von Weihnachten.

Das begann schon, als die Girlanden mit den Lichtern in der Stadt aufgehängt wurden und im Supermarkt viel zu früh die ersten Weihnachtslieder erklangen. Während das alles noch ein wenig unwirklich erschien, wurde das nahe Weihnachtsfest für Anette zur Gewissheit, als ihre Mama im Wohnzimmer den Adventskranz aufstellte und dann am Sonntagnachmittag tatsächlich die erste rote Kerze angezündet wurde. Jetzt konnte man die Tage bis zum heiligen Abend zählen. Und wenn sich die Zeit bis dahin auch unendlich lange hinzuziehen schien, waren die Tage doch ausgefüllt mit den Vorbereitungen für das schönste Ereignis des Jahres und mit ganz vielen Träumen davon, wie es wohl diesmal sein würde.

Und immer wieder drehten sich diese Träume um eine wunderschöne Puppenstube: ein richtiges Wohnzimmer mit einem Sofa, links daneben ein Schlafzimmer mit zwei großen Betten und an der rechten Seite eine kleine Küche mit einem Herd und einem Schrank und einem Regal mit winzigen Töpfen, Pfannen und Tellerchen, alle Zimmer mit elektrischem Licht und an den seitlichen Fenstern kleine Blumenkästen und Fensterläden.

Als im Kindergarten Tante Käthe alle Kinder fragte, was sie sich denn vom Weihnachtsmann wünschen, sagte Anette auch gleich: „So eine schöne Puppenstube, wie sie bei Strathmanns im Schaufenster steht! Mit drei Zimmern und elektrischem …“ – „Gar nicht wahr!“ platzte da Petra dazwischen, „gar nicht wahr, die Puppenstube bringt der Weihnachtsmann zu mir!“

Anette war sprachlos. Ausgerechnet Petra sollte die Puppenstube bekommen? Die war doch immer so doof und ärgerte die anderen Kinder beim Spielen und wischte sich die Nase immer mit der Hand ab und konnte sich noch nicht mal selbst die Schuhe zubinden.

„Das glaube ich aber nicht,“ wandte Anette vorsichtig ein, „ich wünsche mir so eine Puppenstube schon ganz lange und habe sie auch auf meinen Wunschzettel für den Weihnachtsmann gemalt.“

„Und ich kriege die Puppenstube doch!“ beharrte Petra und grinste Anette dabei frech an. „Ich wünsche sie mir nämlich auch. Und mein Papa hat darüber schon mit dem Weihnachtsmann gesprochen, und der Weihnachtsmann macht alles, was mein Papa sagt, weil mein Papa Polizist ist.“

Was sollte Anette darauf sagen? Einerseits war sie wütend über Petras Frechheit und hätte ihr am liebsten eine geklebt, aber das durfte sie doch nicht, dann wäre Tante Käthe sicher böse geworden. Und anderseits war sie traurig, weil sie sich einfach nicht vorstellen konnte, dass der Weihnachtsmann hinter ihrem Rücken ausgerechnet dieser Petra die schöne Puppenstube verspricht.

Tante Käthe hatte das alles mit angehört, und als sie sah, dass eine kleine Träne über Anettes Wange kullerte, sei es nun aus Wut, sei es aus Traurigkeit, klatschte sie schnell in die Hände und sagte: „Nun wollen wir wieder singen: Lasst uns froh und munter sein…“, und alle Kinder sangen das fröhliche Nikolauslied.

Anette sang zwar auch mit, aber viel leiser als sonst, und ihre Gedanken ließen ihr keine Ruhe, den ganzen Tag nicht. Der Weihnachtsmann war doch ihr Freund, und sie hatte ihn so lieb. Sogar im Sommer dachte sie manchmal an ihn. Und pünktlich zur Adventszeit hatte er ihr sogar geschrieben, dass ihr Wunschzettel angekommen war und dass er sich darüber gefreut hatte und dass er sich auch schon darauf freut, Anette am Heiligen Abend zu besuchen. Da war es doch ganz unmöglich, dass er heimlich ein anderes Mädchen vielleicht sogar noch mehr lieb hat als Anette, und noch dazu diese Petra. Das passte alles nicht zusammen. Irgendetwas stimmte nicht. Aber wie sollte sie das rauskriegen?

Mama streichelte ihr besorgt über den Kopf, als sie Anette ins Bett brachte, und fragte: „Was hast du denn mein Kleines? Du bist den ganzen Tag so traurig? Machst du dir Sorgen?“ Anette schüttelte nur wortlos den Kopf. „Magst du nicht mir darüber reden?“ Anette schüttelte wieder den Kopf. „Na, vielleicht heute nicht. Schlaf erst mal drüber. Morgen können wir ja auch noch sprechen.“ Und dann gab sie Anette einen Kuss und knipste das Licht aus.

Anette kuschelte sich unter ihre Decke, und dann kam ihr eine Idee. Natürlich – das wars. Sie musste darüber reden, nicht mit irgendwem, nicht mit Tante Käthe im Kindergarten, auch nicht mit Mama – mit dem Weihnachtsmann selbst musste sie über diese Sache sprechen. Er würde ihr sicher alles erklären, und dann wäre alles wieder gut. Aber wie sollte sie den Weihnachtsmann finden? Und ob er wohl Zeit für sie hätte, jetzt so kurz vor Weihnachten? Darf man den Weihnachtsmann überhaupt besuchen? Wie sollte sie da hinkommen, denn er wohnt doch sicher sehr weit weg in der Nähe vom Nordpol. Ach was – wenn man sich etwas ganz fest wünscht, dann klappt das auch!

Während Anette noch überlegte, begann ihr Bettchen leise zu schaukeln. Sie guckte überrascht in die Dunkelheit. Was war das? Im nächsten Augenblick öffnete sich das Fenster wie von selbst. Ein Lichtstrahl des Mondes reichte bis an ihr Bett, und darauf segelte das Bett aus dem Fenster hinaus in die Nacht. Anette sah unter sich die Lichter der Stadt, die immer kleiner wurden, und über sich die Lichter der Sterne, die immer heller wurden. Das  Bett flog immer schneller. Der Wind blies ihr um den Kopf. Unter ihr war alles dunkel. Dann machte das Bett einen großen Bogen, und Anette wäre beinahe hinausgefallen. Doch als sie sich wieder richtig hingelegt hatte, hörte sie silberne Glöckchen und ein schnelles Trappeln. Es wurde heller, und Anette erkannte, dass sie durch eine weiße tief verschneite Winterlandschaft fuhr, das Bett flog nicht mehr, es wurde von zwei Rentieren, an deren Geweih die Glöckchen hingen, durch den Schnee gezogen.

Aus dem fliegenden Bettchen war ein richtiger großer Schlitten geworden, und Anette saß darin, dick eingepackt in ihre Bettdecke. Jetzt kamen sie an einem Wegweiser vorbei, darauf stand „korvatunturi“. Das konnte Anette zwar nicht lesen, aber das musste der Ort sein, wo der Weihnachtsmann in Lappland wohnt. Dann stand da ein dicker Schneemann, der nach links zeigte. Die Rentiere bogen also nach links ab und hielten bald vor einem großen prächtigen Haus. Das Dach war dick mit Schnee bedeckt, aus dem Schornstein kringelten Rauchwolken. An der Tür war ein Namensschild neben der Klingel, darauf stand „joulupukki“. Das verstand Anette auch nicht, aber es musste so viel wie Weihnachtsmann heißen. „Weihnachtsmann“ konnte ja nicht draufstehen, denn das hätte in Lappland keiner verstanden.

Anette reckte sich so hoch wie sie konnte, reichte gerade an den Klingelknopf heran und drückte zaghaft darauf. Nichts geschah. Dann hörte sie von drinnen ein Poltern und Brummen, der Schlüssel wurde gedreht, dann ein Riegel geschoben und die Tür ging auf und vor ihr stand leibhaftig der Weihnachtsmann. Der rieb sich erst mal erstaunt die Augen und fragte dann: „Anette??? Bist du es wirklich? Wie kommst du denn hierher?“

„Ich bin mit meinem Bettchen, also eher in einem Flugzeug, oder besser mit dem Schlitten gekommen“, antwortete Anette.

„Ganz allein?“

„Ja, ganz allein, und das darf niemand wissen.“

„Na, du machst Sachen. Nun komm aber erst mal rein, sonst erkältest du dich noch und musst Weihnachten im Bett verbringen.“

Der Weihnachtsmann nahm Anette bei der Hand und zog sie zu sich ins Haus. Dass er vergaß, die Tür wieder fest abzuschließen, bemerkte er gar nicht. Im Haus roch es nach frischer Farbe und Leim, nach Öl und Sägemehl. In einem Raum, dessen Tür weit offen stand, waren schon ganz viele Pakete aufgestapelt, und auf einem Tisch lagen ganze Stapel von Wunschzetteln. Dann führte der Weihnachtsmann Anette in seine Weihnachtsmannstube und sagte ihr, sie solle sich auf das Sofa setzen. Gleich neben dem Sofa stand ein großer Weihnachtsbaum, an dem ganz viele Kerzen brannten. „Den Baum stelle ich mir schon immer ein paar Wochen vor Weihnachten auf, damit ich in die richtige Stimmung komme,“ erklärte ihr der Weihnachtsmann. An den Wänden waren ganz viele Bilder von Kindern. „Das sind alles Kinder, die immer besonders brav und lieb waren, schau sie dir nur genau an.“ Anette musterte die vielen Bilder. Da waren Jungen und Mädchen, alle verschiedener Hautfarbe, Kinder aus der ganzen Welt. Ein Bild kam ihr sehr bekannt vor. Das war bestimmt Mama, als sie noch klein war. Weil Anette sich nicht ganz sicher war, wollte sie den Weihnachtsmann fragen. Der war aber gerade in seiner Küche und kochte für Anette einen großen Topf Kakao und schnitt ein paar Stücke von einem Christstollen ab. Das setzte er alles vor Anette auf den Tisch und fragte dann: “ Also was führt dich zu mir? Das muss ja was ganz besonderes sein, denn eigentlich kommen Kinder nie zu mir nach Hause. Nur ich besuche sie immer am Heiligen Abend.“

Anette schluckte brav ihren Christstollen herunter, spülte mit einem großen Schluck von dem köstlichen Kakao nach und erzählte dann dem Weihnachtsmann von ihrem Puppenstubenwunsch. „Das weiß ich alles von deinem Wunschzettel. Komm zur Sache, denn ich habe nicht viel Zeit so kurz vor den Feiertagen,“ unterbrach er sie etwas unwirsch.

Nun kam die Geschichte mit Petra an die Reihe, und Anette vergaß kein einziges Wort, das gefallen war, und keinen einzigen Gedanken, der ihr durch den Kopf gegangen war. Der  Weihnachtsmann hörte ihr geduldig zu, und als sie zum Ende gekommen war, strich er ihr beruhigend über den Kopf und sagte: „Das war klug von dir, direkt zu mir zu kommen. Man muss nicht alles glauben, was die Leute erzählen, und wenn sie Unsinn reden, wendet man sich am besten an Leute, die etwas von der Sache verstehen. Und vor Weihnachten sollen sch die Leute auch nicht streiten, sondern sich gemeinsam auf die Geburt des Christkindes freuen.“ Anette nickte zustimmend mit dem Kopf und der Weihnachtsmann fuhr fort: „Und was nun deine – “ hier biss sich der Weihnachtsmann schnell auf die Zunge und verbesserte sich: „was nun die Puppenstube angeht, so musst du dich einfach bis Weihnachten gedulden. Mal sehen, was sich machen lässt. Ich werde deinen Wunschzettel noch einmal ganz genau studieren.“

Diese Worte des Weihnachtsmanns beruhigten Anette sehr. Jetzt konnte sie wieder unbeschwert plaudern, wie es ihre Art war, und so viele Fragen stellen, dass ein weniger geduldiger Mensch als der Weihnachtsmann sicher die Hände über dem Kopf zusammenschlüge. Aber der Weihnachtsmann beantwortete alle Fragen so gut er konnte und wie es ein kleines Mädchen verstehen kann und ging dann sogar noch mit Anette in seine Werkstatt. Da standen Feuerwehrautos und Kaufläden, Fahrräder und Schlittschuhe und noch viel mehr Dinge, die Kinder sich so zu Weihnachten wünschen, und mittendrin eine  wunderschöne  große Puppenstube, viel schöner als die in Strathmanns Schaufenster. Vor den Fenstern hingen richtige Gardinen, auf dem Wohnzimmertisch stand ein kleiner Blumenstrauß, die Betten hatten buntkarierte Bezüge und der Küchentisch war mit kleinen Tellerchen und Tässchen eingedeckt, grade als ob dort die Puppen gleich zum Frühstück Platz nehmen wollten.

„Darf ich die Tellerchen mal anfassen?“ fragte Anette den Weihnachtsmann.

Da schnarrte hinter ihr eine laute Stimme: „Lass da die Finger davon! Du machst alles kaputt! Diese Puppenstube ist nicht für dich!“

Anette drehte sich erschrocken um. Da stand doch tatsächlich ein zweiter Weihnachtsmann, nicht ganz so groß wie der, mit dem sie gerade noch gesprochen hatte, aber auch der hatte einen langen weißen Bart, eine rote Zipfelmütze, einen roten Mantel mit weißem Pelzbesatz und schwarze Stiefel an. Man könnte meinen, sie seien Zwillinge.

Anette sah die beiden Weihnachtsmänner an, die sahen sich gegenseitig an, und es war mucksmäuschenstill in der Werkstatt.

„Wer bist du denn? Und wo kommst du her?“ herrschte der eine Weihnachtsmann den anderen an.

„Durch die Tür bin ich gekommen, die stand ja auf, und weil ich der Weihnachtsmann bin, bin ich in das Weihnachtsmannhaus gekommen,“ entgegnete der andere Weihnachtsmann.

„Du bist ein Lügner, aber kein Weihnachtsmann!“

„Natürlich bin ich der richtige Weihnachtsmann und passe auf, dass solche Gören wie diese Anette nicht die Weihnachtsgeschenke anderer lieber Kinder kaputt machen.“

Woher wusste dieser andere Weihnachtsmann ihren Namen, wunderte sich Anette.

„Du bist ein Betrüger, nichts anderes. Sag mir doch mal, wie der Weihnachtsmann auf Lappländisch heißt.“

„Das ist ein Geheimnis, das verrate ich dir nicht.“

„Das kannst du auch gar nicht verraten, weil du es nicht weißt. Sogar diese kleine liebe Anette weiß das aber.“

„Ja, das weiß ich,“ mischte sich Anette ein, „der heißt joulupukki.“

„Ach Quatsch, pukkujuli oder kilojukki, das ist doch ganz egal. Hauptsache man ist der Weihnachtsmann.“

„Dir erzähle ich was – sich über meinen Namen lustig zu machen!“ Und mit diesen Worten gab der eine Weihnachtsmann dem anderen eine schallende Ohrfeige, dass im sogar die Mütze vom Kopf flog und eine große blanke Glatze zum Vorschein kam. Da musste Anette doch lachen.

„Das hast du nicht umsonst getan, jetzt mache ich dich fertig!“ schrie der andere Weihnachtsmann und packte seinen Gegner am roten Mantel. Der packte zurück, und so rangen sie miteinander, bis dem glatzköpfigen Weihnachtsmann der Mantel aufsprang und darunter eine grüne Uniform zu sehen war.

„Jetzt weiß ich, wer du bist!“, rief der richtige Weihnachtsmann, und Anette wusste es auch gleich, als der Weihnachtsmann dem Eindringling den falschen weißen Bart aus dem Gesicht riss: das war Petras Papa, der Polizist Lindemann!!!

„Du solltest dich schämen, Lindemann!“, schimpfte ihn der Weihnachtsmann aus. „Ein ordentlicher Mensch geht nicht in fremde Häuser und erschreckt auch keine kleinen Mädchen. Ein Polizist schon gar nicht. Der soll ein Freund der Kinder sein, so wie der Weihnachtsmann. Nun verschwinde hier, ich will dich nicht mehr sehen. Die Rechnung für deine Frechheit wirst du am Heiligen Abend erhalten.“ Mit diesen Worten schob ihn der Weihnachtsmann zur Tür hinaus, rief noch einmal „Lass dich hier nie wieder blicken!“ hinterher und Schlingel, der Hund des Weihnachtsmanns, bellte und knurrte auch so lange, bis Lindemann hinter den Bäumen des Waldes verschwunden war, gerade so, wie man immer singt „Schlingel bellt, Schlingel bellt“.

„Wirst du nun gar nicht zu Lindemanns gehen am Heiligen Abend?“ fragte Anette, als die beiden wieder alleine waren.

„Nein, um solche bösen Menschen mache ich einen großen Bogen“, bestätigte der Weihnachtsmann.

„Da wird Petra aber traurig sein, wenn du nicht zu ihr kommst. Sie kann doch nichts dafür, dass ihr Papa so böse ist“, wandte Anette ein.

„Du hast ein gutes Herz, Anette“, freute sich der Weihnachtsmann, „ich werde mir das mit Petra noch mal überlegen, obwohl sie ja zu dir auch nicht gerade freundlich war.“

„Ach was,“ wehrte Anette ab, „wir Kinder im Kindergarten müssen doch zusammenhalten, und am schönsten ist es, wenn wir alle nach Weihnachten erzählen können, worüber wir uns gefreut haben.“

„Nun wird es aber Zeit, dass du wieder nach Hause kommst und ein bisschen schläfst, sonst verschläfst du morgen den Kindergarten,“ mahnte der Weihnachtsmann. Das sah Anette ein. Sie verabschiedete sich vom Weihnachtsmann mit einem dicken Kuss auf die Wange, so dass der richtig ein bisschen rot wurde. Und als sie am nächsten Morgen aufwachte, hatte sie schon alles vergessen, was sie in der Nacht erlebt hatte. Nur gut, dass es hier aufgeschrieben ist, damit es nicht ganz in Vergessenheit gerät.

Text © Manfred Wolff

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Ein Weihnachtsmärchen: Anette bei der Eiskönigin

Weil es zur Jahreszeit passt, nun einmal ein Weihnachtsmärchen:

Anette bei der Eiskönigin

Weihnachten war nun schon ein paar Wochen vorbei, aber Anette musste noch immer daran denken. Der Tannenbaum in der guten Stube hatte so gut geduftet, war so bunt behängt mit ganz vielen Kugeln in allen Farben, und in denen spiegelten sich die Kerzen, die das ganze Zimmer in ein wunderbares Licht tauchten. 16 Kerzen waren es, Anette hatte sie immer wieder gezählt, denn so weit konnte sie schon zählen.

Sie hatte mit der Mutter am Tannenbaum gesessen, nachdem das Christkind mit dem Schmücken fertig war und sie endlich auch in das Weihnachtszimmer durfte, wo die Mutter dem Christkind schon tüchtig zur Hand gegangen war. Sie hatten gemeinsam die schönen Lieder gesungen, die sie in der Vorweihnachtszeit am Adventskranz geübt hatten, und Anette wiederholte immer wieder das Gedicht, das sie für den Weihnachtsmann auswendig gelernt hatte.

Und dann kam der Weihnachtsmann! Er war soo lieb zu Anette, und sie war richtig traurig, als er sich wieder verabschiedete, weil er ja noch andere Kinder besuchen musste. Am liebsten hätte sie es gehabt, wenn er einfach dageblieben wäre, denn sie war richtig in den Weihnachtsmann verliebt und hätte nur zu gern von ihm ihre Gutenachtgeschichte gehört und wäre auch nur zu gern am nächsten Morgen von ihm geweckt worden.

Dass an Weihnachten gar kein Schnee lag, wie das immer in den Bilderbüchern zu sehen war, hatte sie nicht gestört, doch als dann im neuen Jahr doch noch eines Morgens die ganze Welt unter einer dicken weißen Decke lag, die gerade so aussah wie Anettes Bettdecke und aus der die grünen Buchsbaumsträucher im Garten herausschauten wie der Teddybär aus ihrem Bettchen, da freute sich Anette doch mächtig. Nun konnte sie wieder Schlitten fahren, einen Schneemann bauen mit einer roten Mohrrübennase, und alles war wie in den Bilderbüchern mit den Weihnachtsgeschichten. Nur der Weihnachtsmann würde wohl nicht mehr kommen.

 

Bitterkalt war es auch geworden. Am Morgen war das Fenster im Schlafzimmer mit dicken Eisblumen bedeckt. Da erhoben sich Zweige mit feinen Blättern, Blütenrispen stachen aus dem Blätterwald hervor, weiße Gräser wogten, und kleine silberne Wölkchen schwebten darüber hin. Was sich wohl hinter diesem Urwald verbirgt, fragte sich Anette, als sie mit verschlafenen Augen das Wunder betrachtete. Vielleicht könnte sie es ja besser erkennen, wenn sie die Augen zukniff … Bewegte sich da nicht etwas?

Eine Hand schlug die Zweige auseinander, und eine wunderschöne Frau lächelte ihr zu. Sie war fast so schön wie Mama. Und während Anette sich noch fragte, ob sie die Frau kannte, rief die ihr zu: „Hallo, Anette. Schön, dass du zu mir kommen willst.“ Eigentlich wollte sie doch gar nicht irgendwohin gehen, und eigentlich durfte sie auch nicht mit anderen Leuten mitgehen, aber sie war doch neugierig. „Na gut. Ich komme mal. Aber zum Frühstück muss ich wieder hier sein, sonst wird Mama böse. Wer bist du denn?“

„Du kennst mich nicht?“ antwortete die Frau, „ich bin die Eiskönigin und möchte dir meinen Palast zeigen.“ Mit diesen Worten nahm sie Anette bei der Hand und führte sie durch den Eisblumendschungel. Der Weg war spiegelblank und eisglatt, und Anette schlitterte ausgelassen neben der Eiskönigin her. „Das ist toll! Bei uns auf der Straße streuen sie immer gleich, wenn  es mal schön glatt ist.“ – „Ja, so sind die Menschen: wenn sie jung sind, schlittern sie. Die Alten streuen Sand und Asche. Das ist bei mir streng verboten.“

Und dann standen sie vor dem Palast. Silbern erhob er sich fast bis in den Himmel. Mächtige Säulen aus Eiszapfen schmückten das Portal, aus den Fenstern strahlte ein geheimnisvolles bläuliches Licht, und die Dächer waren dick mit Schnee bedeckt. Das große Tor öffnete sich von allein. Sie traten ein und standen in einem großen Saal, von dem nach allen Seiten weite Flure abgingen. Alle Wände waren aus großen Eiswürfeln gebaut und mit einer glitzernden Tapete von Raureif verkleidet. Ein eisiger Hauch zog durch den Saal. Es war ganz still, so dass die Worte der Eiskönigin, die doch ganz leise mit Anette sprach, lange nachhallten: „Das also ist mein Reich. Sieh dich um, schau dir alles genau an. Wenn es dir gefällt, kannst du alles haben und meine Eisprinzessin werden.“

Das wollte Anette wohl gefallen: tagaus tagein schlittern, vielleicht sogar auf richtigen Schlittschuhen wie die Eisprinzessinnen im Fernsehen mit ihren schönen bunten Kleidchen. „Was ist das dort drüben?“ fragte sie die Eiskönigin und zeigte auf einen großen Saal, aus dem fortwährend große bunte Kugeln hervorrollten, gelbe, rosa, braune, grüne. „Das ist meine Eisdiele. Dort wohnen die drei Eisheiligen – Langnese, Schoeller und Dr.Oetker. Das ganze Jahr machen sie Vanilleeis, Schokoladeneis, Pistazieneis, Himbeereis. Das essen hier alle am liebsten. Das ganze Jahr. Von früh bis spät.“ Und wie zur Bestätigung sang die Eiskönigin dazu „Himbeereis zum Frühstück …“ – „Darf ich auch davon essen?“ – „Aber sicher doch! Iss soviel du magst.“ Das musste sie Anette nicht zweimal sagen. Genüsslich schleckerte sie von allem und nahm sich auch noch ein großes Eis am Stiel mit auf den weiteren Weg.

In einer Ecke standen ein paar Mädchen zusammen. Sie trugen kurze Kleidchen wie Eisprinzessinnen, aber die waren schon recht alt und verschlissen, und die Mädchen sagten immerzu „Autsch!“. „Was machen die?“ wollte Anette wissen. „Das sind Mädchen, die die Prüfung zur Eisprinzessin nicht bestanden haben. Jetzt drücken sie sich gegenseitig Eispickel aus.“ Das gefiel Anette gar nicht.

Auf einmal hüpfte ein kleines rotes Männchen vor ihnen über das spiegelglatte Eis und schlug Purzelbäume und machte die komischsten Kapriolen. „Du bist aber lustig,“ lachte Anette, „wer bist du denn?“ – „Ich bin der Eisprung,“ kicherte das rote Männchen. Aber schon im nächsten Moment zischte es die Eiskönigin an: „Hau ab! Hier ist nicht dein Platz, du gehörst in das Märchen von Knaus und Ogino!“ und mit einem scharfen Eissturmhauch pustete sie den kleinen Kerl aus dem Weg und weiter aus einem der offenstehenden Fenster.

„Und dies ist mein ganzer Stolz und mein liebstes Spielzeug“, erklärte die Eiskönigin, als sie Anette durch eine schmale Tür schob. Vor ihnen lag ein großes Eisstadion, und die Eiskönigin forderte Anette auf, in der  großen VIP-Loge Platz zu nehmen, wo ihnen auch gleich zwei Pinguine einen Eisshake servierten.

 

„Am Abend tanzen hier immer meine Eisprinzessinnen zur Musik von Kurt Eisler. Aber noch besser sind die Eishockeyspiele. Die Mannschaft mit meinem Bild auf dem Trikot spielt wunderbar und gewinnt immer, egal wie sehr sich die anderen auch anstrengen. Sie sind wahre Meister und ich schenke ihnen nach jedem Spiel einen großen Pokal aus silbrigem Eis.“ Das fand Anette nun sehr ungerecht, und sie beschloss, der anderen Mannschaft, die einen bunten Indianerkopf auf dem Trikot hatte, künftig immer fest den Daumen zu drücken. Vielleicht würden sie ja dann auch wenigstens einmal gewinnen … Sonst ging es wie bei einem richtigen Eishockeyspiel zu. Auf den Tribünen saßen die Eisbären und pfiffen und grölten, und wenn sie unzufrieden waren, warfen sie Eisbomben auf die Eisfläche.

Aus einer Nische des großen Saals stiegen große Dampfwolken auf. Davor saßen drei Männer an einem Tisch mit Messer und Gabel in der Hand. „Das,“ machte die Eiskönigin Anette auf die drei aufmerksam, “ sind drei Männer aus Eisleben. Sie wollen Polarforscher werden, deshalb habe ich sie zu mir eingeladen, damit sie schon mal mit dem Forschen anfangen können, indem sie tagaus tagein Eisbein essen.“

Je weiter sie kamen, desto seltsamere Leute trafen sie. Da gingen welche mit einem Eisbeutel auf dem Kopf herum, in einem Liegestuhl lag eine Frau, in eine Eisdecke gehüllt, und da drüben tanzte doch tatsächlich ein Esel auf dem Eis.

Als Anette und die Eiskönigin auf eine Terrasse hinaustraten, tat sich vor ihnen der Blick in eine weite weiße Landschaft auf. Hohe Eisberge begrenzten am Horizont ein weites Tal, das bis ans Eismeer reichte. An dessen Ufer saß vor einem Eisloch ein Mann, der Eisschollen angelte. Eisvögel flatterten hin und her, und auf den Blüten eines Eisbegonienfeldes saßen Eisfalter, die eisigen Nektar sogen.

„Na, gefällt dir das alles?“ fragte die Eiskönigin.

„Ja, es ist alles wunderschön und sehr lustig,“ antwortete Anette, „aber ich bin schon ganz durchgefroren. Und Bauchschmerzen habe ich auch von dem vielen Schokoladeneis. Und ich muss wieder nach Hause, damit Mama nicht merkt, dass ich heimlich weggelaufen bin.“

„Nach Hause?“ Die Eiskönigin war empört. „Das könnte dir so passen. Da würdest du dann allen erzählen, was du hier gesehen hast, und mein schönes Eiskönigreich würde von neugierigen Besuchern überlaufen. Nein, das schlag dir mal aus dem Kopf. Du bleibst jetzt für immer hier. Am Nachmittag beginnt für dich die Eisprinzessinnenschule.“

So hatte sich Anette das aber nicht gedacht. Wie sollte sie aber wieder hier herauskommen? Sie kannte die Wege nicht, alles sah gleich eisgrau und eisblau aus. Oh weh! Gegen diese mächtige Eiskönigin konnte ihr nur einer helfen: der Weihnachtsmann. Der wohnt doch am Nordpol, und das kann gar nicht so weit von hier sein, schloss sie messerscharf. Wenn sie den riefe, würde er es sicher hören und ihr zur Hilfe kommen.

„Weeeiiiihnachtsmaaaaaaaaan!“ rief sie ganz laut, „hiiilf miiiir! bring mich nach Haauuuuseee!“

„Der alte Mann wird dir nicht helfen,“ sagte die Eiskönigin schnippisch, „der verpennt doch das ganze Jahr oder bastelt in seiner Werkstatt an Puppenstuben und Feuerwehrautos.“

Da hatte sich die Eiskönigin aber geirrt! Schon hörte man von fern ein leises Glöckchenläuten, das immer näher kam. Schon konnte  man den Schlitten mit den Rentieren davor erkennen (der Weihnachtsmann hatte nämlich doppelt gespannt, weil es schnell gehen musste!), und als er bei Anette ankam, zog der Weihnachtsmann sie in seinen Schlitten und unter das dicke Eisbärenfell, das er sich über die Knie gelegt hatte. Er rief Hüh!, die Rentiere rannten los, der Schlitten hob sich in die Lüfte.

„Hierbleiben! Hierbleiben!“ schrie die Eiskönigin, aber das war bald gar nicht mehr zu hören.

„Anettchen, Anettchen,“ brummelte der Weihnachtsmann, „du bist so ein liebes Mädchen. Aber immer wieder machst du Kapriolen, ich muss sehr auf dich aufpassen.“ Und weil er wusste, dass sich die Menschen kaum ändern, fügte er hinzu: „Ich glaube, dein ganzes Leben muss ich um dich sein und auf dich aufpassen…“

Zuhause angekommen legte er Anette, die unter dem warmen Eisbärenfell gleich eingeschlafen war, in ihr Bettchen. Als er sie gut zudecken wollte, kam aber schon die Mama herein, um Anette zu wecken. Da verschwand der Weihnachtsmann ganz schnell wieder, um Anette nicht zu verraten oder sogar peinliche Fragen beantworten zu müssen, warum er mitten im Januar da war und wo er herkam.

So musste sich Anettes Mama einen Reim darauf machen, was sie sah. „Du hast dich ja wieder ganz bloß gestrampelt und bist jetzt durchgefroren,“ sagte sie zu Anette, die sich die Augen rieb. „Du wirst dich noch richtig erkälten. Wir haben Frost. Sieh mal die schönen Eisblumen am Fenster.“ – „Wenn die wüsste …“ dachte Anette, „wenn die wüsste…“ und dabei lief es ihr richtig kalt über den Rücken.

Text © Manfred Wolff

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