Die Quelle des demokratischen sozialen Rechtsstaates

Freuen Sie sich auch immer auf das arbeitsfreie Wochenende? Geht Ihr Kind auch seit dem 6. Geburtstag kostenfrei zur Schule? Wohnt in Ihrer Nachbarschaft ein Mensch, der dort Asyl gefunden hat? Sind Sie auch schon mal in einem Rechtsstreit in die Berufung gegangen? Mussten Sie wegen einer Gesetzesübertretung schon mal eine Geldbuße zahlen? Bekommt erst ihr Haustier sein Futter, ehe Sie sich an den Tischsetzen? Ist für Sie die Unantastbarkeit der Menschenwürde eine Selbstverständlichkeit?

Diese Kriterien eines demokratischen und sozialen Rechtsstaats sind uns heute selbstverständlich. Wir wissen, dass sie in der jüngeren Vergangenheit erfolgreich erkämpft wurden. Wir feiern sie als das Ergebnis unserer jüngeren Geschichte. Dabei sind sie uralt, über 2500 Jahre. Sie wurden nur nicht beachtet, und wenn, dann von einer kleinen Minderheit der Menschheit. Die jüdische Thora enthält zahlreiche Vorschriften, die auch für das heutige gesellschaftliche Leben richtungweisend sind.

Als der griechische Historiker Herodot auf seinen Reisen nach Israel und Judäa kam, fand er es höchst merkwürdig, dass dort an einem Tag der Woche nicht gearbeitet wurde. Zwar wusste er, dass auch die Griechen und andere Völker gern mal einen Ruhetag zu Genuss und Feierlichkeit einlegten, aber das war immer den Wohlhaben und Herren vorbehalten. Hier waren aber auch die Knechte und Mägde, sogar die Haustiere von der Arbeit befreit. Das ließ ihn das Schlimmste für die jüdische Gesellschaft befürchten.

In der Thora ist dieser freie Tag im 2. Buch Mose, Kapitel 20, Vers 8 als Pflicht beschrieben. Damit ist gleichzeitig auch die Siebentagewoche, wie wir sie heute zählen, festgelegt. Die ganze Welt zählt heute ihre Wochen so.

Verfolgten soll man Asyl gewähren. Das schreibt das 2. Buch Mose in Kapitel 21, Vers 13 vor. Sechs Städte hatten die Aufgabe, Verfolgte vor gesetzloser Lynchjustiz zu schützen.

Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich. Das ist nicht in allen Gesellschaften der Fall. Mal werden Frauen benachteiligt, mal Andersgläubige, mal Arme und mal Fremde. Im 3. Buch Mose, Kapitel 19, Vers 15 heißt es „Ihr sollt nicht unrecht handeln im Gericht, und sollt nicht vorziehen den Geringen noch den Großen ehren; sondern du sollst deinen Nächsten recht richten“. Das war in der Antike in der Regel nicht der Fall und ist es auch heutzutage in vielen Staaten nicht.

Es war der Schwiegervater von Moses, Jethro, der ihm den Rat gab, sich nicht in 1000 Kleinigkeiten zu verzetteln, sondern ein differenziertes Gerichtswesen mit unterschiedlichen Instanzen einzurichten (2. Buch Mose, Kapitel 18, Vers 13 ff), in dem ehrenwerte Mitglieder der Gesellschaft Recht sprechen sollten. Da konnte dann ein Kläger oder Beklagter, der in einer unteren Instanz sich ungerecht beurteilt fühlte, in höheren Instanz sein Recht suchen.

Der babylonische Herrscher Hammurabi legte in seinen Gesetzen fest, dass Gleiches mit Gleichem zu vergelten sei. Wer ein Auge verletzt, verliert ein Auge, das Recht Talionis. Solche Rechtsvorschriften, die Körperverletzungen als Strafe vorsehen, waren im Orient häufig und sind es auch noch heute in muslimischen Staaten. Da werden als Spiegelstrafe Körperteile amputiert, zum Beispiel dem Dieb die Hand, Augen geblendet, und Prügel sind verbreitete Strafen. Mit dieser Praxis bricht die Thora. Im 21. Kapitel des 2. Buch Moses wird dagegen die Geldbuße als Strafe vorgeschrieben, damit der Geschädigte für seinen Schaden Genugtuung erhält und der Schädiger nach Leistung der Geldbuße wieder seinem normalen Leben nachgehen kann.

Allgemeine Schulpflicht kennen wir erst seit dem 18. Jahrhundert. Aber bereits im Jahr 64 nach unserer Zeitrechnung verfügte der Rabbi Ben Gamla eine Schulpflicht für alle Kinder ab dem 7. Lebensjahr. Der Schulbesuch sollte gratis sein, die Kosten sollte die Gemeinde übernehmen. In einer Schulklasse sollten nie mehr als 25 Kinder gleichzeitig unterrichtet werden. Haben unsere Bildungspolitiker vielleicht bei Ben Gamla abgeschrieben?

Nicht nur die Menschen, auch die Tiere wurden rechtlich geschützt. Im 5.Buch Mose, Kapitel 25, Vers 4 wird untersagt, dem Ochsen bei der Arbeit das Maul zuzubinden, und im Talmud wird gelehrt, dass wir zuerst die Haustiere füttern sollen, ehe wir uns selbst zu Tisch setzen.

Die größte gesellschaftliche Revolution der Thora ist die Verkündung des Monotheismus. Die griechischen Götter waren zahlreich, untereinander oft zerstritten und wahrlich keine Vorbilder, denn sie begingen die gleichen Verstöße gegen die Regeln der Sittlichkeit wie die Menschen. Sie waren nach den Menschen gemacht, und der Olymp war kein Paradies. In anderen Gesellschaften war es nicht viel anders. Die Verkündung des einen Gottes in der Thora, der die Menschen gemacht hat in seinem Plan nach seinem Bild, ist die Quelle des Grundsatzes der Gleichheit aller Menschen und der unantastbaren Würde aller Menschen.

Manfred Wolff

12.01.2023

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Fidelio in der Deutschen Oper Berlin

Beethovens Fidelio hat eine gute Tradition als gefeierter Anfang in der Geschichte der Deutschen Oper. 1912 wurde damit das neue Haus eingeweiht, 1945 war es die erste Nachkriegsoper in Berlin im Theater an der Kantstraße und nun 2022 als erste Premiere aus dem erneuerten Orchestergraben, dem Arbeitsplatz von Sir Donald Runnicles seit 13 Jahren, so lange wie vor ihm keiner. Auch diesmal dankte das Publikum mit starkem Applaus, was wohl vor allem der Erlösung nach der langen Pause der Enthaltsamkeit entsprang und zuerst der musikalischen Leistung galt.

Diese Leistung war von unterschiedlicher Qualität. Wie immer von hervorragender Präzision war der Chor der Deutschen Oper unter der Leitung von Jeremy Bines. Auch Albert Pesendorfer als Rocco konnte in allen Phasen stimmlich überzeugen. Sein besonderer Applaus galt aber wohl auch der Spannung zwischen Gehorsam und Moral, in der sich nicht wenige Zuschauer gespiegelt sahen. Die Sopranrollen von Leonore und Marzelline wurden von Ingela Brimberg und Sua Jo gut dargeboten. Der Florestan von Robert Walsen zeigte in den höheren Tönen kleine Schwächen, und Pizarro, gesungen von Jordan Shanahan, litt anscheinend unter Indisposition.

Sir Donald Runnicles führte das Orchester mal mit kraftvollen Partien, dann wieder glatt und geschmeidig, wie zur Darbietung einer Sinfonie, was nicht zur Begleitung der Handlung passte. Stellenweise, gerade in den Duetten übertönte die Musik den Gesang, so dass kaum zu verstehen war, was vorgetragen wurde. Da war es hilfreich, wenigstens die Texte mitlesen zu können.

Aber auch sonst fehlte es an klärenden Worten. David Hermann hat für seine Inszenierung große Teile der Parlandi gestrichen, obwohl die für das Verständnis der Handlung wichtig sind. Er vertraut wohl auf die Bildung des Publikums, das die Handlung sowieso kennt. So verwandelt sich Fidelio in eine Nummernoper – von einer Arie und einem Chor zur nächsten Nummer. Das erspart zeitgenössische und ideologische Überladung der Oper mit politischer Symbolik. Dass Marzelline ihre Hausarbeit beim Leichenwaschen verrichtet, bleibt rätselhaft, und die orangefarbene Hose Roccos: ist sie eine Anspielung auf Guantanamo (wo das allerdings die Kleidung der Gefangenen ist) oder eine Hommage an die BSR? Die nicht sehr einfallsreiche Inszenierung David Hermanns brachte ihm jedenfalls die verdienten Buh-Rufe im Schlussapplaus ein.

Alles in allem ein Abend in der Deutschen Oper, der ihrer Rolle als eines der führenden Häuser in Deutschland nicht gerecht wurde. Ein Meilenstein ihrer Geschichte war das nicht.

Nächste Vorstellungen 3. und 18. Dezember 2022

Deutsche Oper Berlin
Bismarckstraße 35
10627 Berlin

Manfred Wolff

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Wählen, aber wie? Die Rolle der Wahlhelfer

Als alter weißer Mann habe ich ja schon viele Erfahrungen sammeln können, auch zum Thema Wahlen. In drei verschiedenen Bundesländern konnte ich erfahren, was es bedeutet, dass die freien Wahlen das Hochamt jeder Demokratie sind. Alle, denen unsere Demokratie wichtig ist, beteiligten sich daran, nicht nur als Wahlkämpfer oder Wähler, sondern auch als Wahlhelfer, damit dieses Fest gelinge. Das Amt des Wahlvorstands wurde in den einzelnen Wahllokalen von einem Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin der jeweiligen Kommunalverwaltung wahrgenommen, und denen zur Seite standen dann die Wahlhelfer. Die wurden von den im Kommunalparlament vertretenen Parteien der Verwaltung gemeldet. Damit war gewährleistet, dass engagierte und kundige Menschen dieses Ehrenamt ausführten. Nach dem Grundgesetz wirken die Parteien ja herausgehoben an der Verwirklichung unserer demokratischen Gesellschaftsordnung mit. Natürlich gab es auch da ein „Erfrischungsgeld“ – ich habe 20 und 50 DM erlebt.

Ich durfte oft dieses Ehrenamt bekleiden. Da wurde der Wecker am Sonntag auf 5 Uhr gestellt, damit ich um 6 Uhr im Wahllokal war. Mit mir trafen außer dem Vorstand auch noch fünf bis sechs Wahlhelfer ein, die ich aus dem politischen Leben der Gemeinde ja schon gut kannte. Bis 8 Uhr wurden dann gemeinsam die sachlichen Voraussetzungen für eine ordentliche Wahl überprüft: Waren die Wahlkabinen richtig aufgestellt, hatten alle ein Schreibwerkzeug, war die Wahlurne versiegelt geschlossen, zeigte die Beschilderung den Wählern den richtigen Weg zu ihrem Wahllokal? Noch einmal eine kurze Besprechung, wie die einzelnen Aufgaben wahrgenommen werden sollten, und dann konnte um 8 Uhr das Wahllokal für die Wähler geöffnet werden.

Da meist die Wahllokale sich in Schulen befanden, war das erstmal eine recht trockene Angelegenheit, aber wir brachten schon Kaffee und Tee in Thermoskannen und Mineralwasser mit, damit wir uns erfrischen konnten. Zur Mittagszeit kamen dann Familienangehörige zur Wahl und brachten belegte Brote oder warme Würstchen mit. Eine große Ausnahme war das Wahllokal, das im Saal eines Restaurants eingerichtet war. Da mussten die Wähler durch die Gaststätte an der Theke vorbei gehen, und einige kamen dann zur Stimmabgabe mit einem Tablett mit sechs Gläschen Malteser für die Wahlhelfer zur Urne. Hätten wir die getrunken, hätten wir um 11 Uhr das Wahllokal schließen müssen. Wir haben das großzügige Geschenk seitlich abgestellt und den Wählerinnen und Wählern nach der Stimmangabe angeboten. Am Nachmittag kam dann auch noch der Bürgermeister oder seine Vertretung vorbei und überreichte uns in einem Briefumschlag das Erfrischungsgeld.

Die Stimmauszählung nach 18 Uhr ging immer zügig von der Hand. Meist konnten wir um 19 Uhr unser Ergebnis dem Rathaus melden. Da waren ja routinierte Leute am Werk. Nach den abschließenden formalen Arbeiten konnten alle den Heimweg antreten.

Und nun Berlin! Über die verschlampte Wahl 2021 will ich kein Wort verlieren, wohl aber über die Wahlhelfer. Damit das bei den Wiederholungswahlen besser wird, soll nun verstärkt um Wahlhelfer geworben werden. So viele sollen sich dazu melden, dass man vielleicht sogar eine Qualifikationskontrolle bei der Bestellung zum Ehrenamt machen kann. Wie erreicht man das? Indem man Geld in die Hand nimmt. Über ein Erfrischungsgeld von 240 € wird geredet. So hofft man möglichst viele von den Hecken und Zäunen in die Wahllokale locken zu können. Was das dann noch mit einem Ehrenamt zu tun hat, erscheint mir fraglich. Immerhin haben wir dann eine befristete Tätigkeit zu einem Stundenlohn von über 21 € zu vergeben. Hartz4-Bezieher scheiden da nach den bestehenden Regeln schon mal als Bewerber aus. Die 165 €-Grenze wird ja locker überschritten. Wenn das immer noch nicht ausreicht, genügend Meldungen für die Wahlhelferei zu gewinnen, wird ja vielleicht noch was nachgelegt: eine Jahreskarte der VBB, ein Ausweis für kostenloses Parken in der gesamten Stadt, eine Wohnung innerhalb des Sbahnrings? Nach der demokratischen Motivation möglicher Bewerber muss man sowieso nicht fragen.

Ich frage mich, warum überhaupt solche Maßnahmen notwendig sind. Warum melden sich nicht politisch aktive und interessierte Bürger aus den Parteien zu diesem Amt? Oder warum rufen die an der Wahl beteiligten Parteien nicht ihre Mitglieder auf, sich als Wahlhelfer zu melden? Sicher, die Arbeit im Wahllokal ist intellektuell nicht so anregend wie Diskussionen um Straßenumbenennungen und Radwegverpollerungen, und gegendert wird da auch nicht. Und auch das ist ein wichtiger Grund, sich nicht bis 20 Uhr im Wahllokal aufzuhalten: Man kann nicht an den Jubelfeiern bei der Bekanntmachung der Prognosen im Fernsehen teilnehmen. Na dann frohes Feiern!

Manfred Wolff

22.10,2022

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Kunst und Schokolade: Adventskalender von Aljoscha Blau in Kooperation mit Rausch — KUNSTDUNST

Es ist ein Multiple der besonderen Art: über zwei Kilo schwer, mit einem Frontispiz, auf dem exotische Tiere wie ein Chamäleon, ein Tukan, ein Leguan, ein Faultier und ein Lama sowie Bäume mit roten Früchten und roten Blüten ein großes, hell beleuchtetes Gebäude umranken. Unten auf der linken Seite steht ein kleines Mädchen mit einer…

Kunst und Schokolade: Adventskalender von Aljoscha Blau in Kooperation mit Rausch — KUNSTDUNST
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Verdi: Die Sizilianische Vesper. Premiere in der Deutschen Oper Berlin

Foto Markus Lieberenz

Dass Giuseppe Verdis „Les Vêpres Siciliennes“ kein Höhepunkt der laufenden Saison ist, muss man bedauern. Dabei ist der musikalische Aspekt durchaus als gelungen zu bewerten. Deshalb will ich auch nicht mit dem Lob zögern.

Enrique Mazzola kennt das Orchester der Deutschen Oper, und die Musiker kennen seinen Stil. So hat er es geschafft, in dieser Oper, die für die Grand Opera im Paris der 1850er Jahre komponiert wurde, den italienischen Ton zu bewahren und in gelungenen Spannungsbögen die Bühnenhandlung zu begleiten und die Sänger zu führen, ohne die Solisten im Orchesterklang untergehen zu lassen.

Der Chor sang und spielte seinen Part in der gewohnten Präzision. Gerade in den textlich schwierigen Passagen waren die Chorpartien von erfreulicher Klarheit.

Thomas Lehmann gab dem Grafen Montfort mit seinem starken Bariton, der auch noch bestimmenden Charakter zeigte, als er in der Unterhose unter dem Tisch sang, sowohl als der grausame Herrscher als auch als liebender Vater eine überzeugende Figur. Im Schlussapplaus wurde er besonders bedacht, was wohl eher der gebotenen Friedensstiftung und Familienfreude zu danken war.

Sein revolutionärer Gegenspieler Procida wurde von Roberto Tagliavini ohne übertriebene Leidenschaft gesungen. Das durch die Zeitumstände behinderte Liebespaar Herzogin Hélène und Henry, Sohn Montforts, konnte sowohl in den Duetten wie auch in den Solopartien zu überzeugen. Hulkar Sabirova, Koloratursopranistin, wusste sowohl den kämpferischen Aufrufen zum Widerstand wie auch den leisen Tönen der Klage die angemessene Farbe zu geben. Pietro Pretti als Henry steigerte sich im Laufe des Abends und fand seinen Höhepunkt im Vater-Sohn-Duett mit Thomas Lehmann.

Der musikalischen Seite dieses Abends gilt also ein uneingeschränktes Lob. Wer Belcanto liebt, kommt auf seine Kosten, und Verdis Ideenreichtum wurde dem Publikum von Musikern auf der Bühne und im Orchestergraben entfaltet. Nun aber zur Inszenierung.

Wer eine Oper in Szene setzt, hat ein großes Problem, wenn er sich nicht dem Vorwurf eines Plagiats aussetzen will. Fast alle Opern der aktuellen Spielpläne sind schon xmal gespielt worden und ebenso viele Inszenierungsvarianten hat es gegeben. Selbst die Verfechter der Werktreue haben zu dieser Vielfalt beigetragen. Verlässt der Regisseur den vorgegebenen Handlungsrahmen von Ort und Zeit, droht er schnell in Lächerlichkeit oder Peinlichkeit zu stürzen. Letzteres ist Olivier Py mit seiner Bearbeitung widerfahren.

Er hat die sizilianische Vesper nach Algerien verlegt und den algerischen Befreiungskrieg zum bildnerischen Thema gemacht. Der Kampf auf den Barrikaden in der Stadt Algier, das Zerren an den Stacheldrahtverhauen, die Vergewaltigungen tanzender Mädchen, die ein bisschen Schwanensee bieten (sollte das ein Witz sein?), die Erschießungen von Aufständischen, Soldaten, die mit dem Kopf eines Hingerichteten Fußball spielen – das alles sind realistische Zitate aus dem Kriegsgeschehen der 1950er Jahre. Aber als Handlungstapete vor den orchestralen Partien wird der Freiheitskampf von Py auf peinliche Weise missbraucht. So bleibt dem Zuschauer mit zeitgeschichtlichen Kenntnissen ein unangenehmer Geschmack von diesem Opernabend zurück.

Weitere Vorstellungen: 26.03., 31.03., 03.04., 16.04., 19.04., 25.04.

Manfred Wolff

23.03.2022

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Ein paar Worte zum Klima

Das finstere Mittelalter? – Weit gefehlt! Das war eine sonnige Zeit. Auf der nördlichen Halbkugel herrschte ein mildes Klima, die Sonne schien oft, die Winter waren kurz, alles blühte und gedieh. In Basel blühten an Maria Lichtmess (2. Februar) die Obstbäume. Die Ernten der verschiedenen Getreide brachten gute Erträge, Hungersnöte wegen Missernte traten kaum auf. Die gute Ernährungslage führte zu einem starken Bevölkerungswachstum. In den Dörfern und Städten stieg die Bevölkerung sprunghaft an. Das Handwerk wie auch der Handel nahmen zu. Das gute Wetter ermöglichte eine rege Reisetätigkeit für die Händler, was die Hanse zum Motor der Wirtschaft machte. Auch die Politik machte sich das zunutze. Der Kaiser reiste von Pfalz zu Pfalz, um seine Politik in konkretes Handeln umzusetzen. Martin Luther konnte 1511 die beschwerliche Romreise antreten, ohne das Schicksal Ötzis befürchten zu müssen.

Es gab auch im Mittelalter natürliche Schadensereignisse. Die großen Sturmfluten in der Nordsee 1219, 1228 und 1362 forderten 100.000 Tote und verschlangen weite Teile des Festlandes. Die sagenhafte Stadt Rungholt fiel der Groten Mandränke zum Opfer. In den Städten an den Flussufern sind die Markierungen an den Kirchen erhalten, die den Wasserstand bei großen Überschwemmungskatastrophen festhielten. Mehr als mannshoch stand da das Wasser in den Gassen. Aber das waren Ausnahmeereignisse.

In der Mitte des 16. Jahrhunderts änderte sich schlagartig die Klimalage: Die kleine Eiszeit begann. Die Ernten fielen in weiten Teilen Europas ins Wasser. Regen verwandelte die Felder in Sümpfe, das Getreide verhagelte, wegen des nun langen und strengen Winters verkürzte sich die Vegetationsperiode. Hungersnöte traten in vielen Ländern auf, denn das Getreide, aus dem Brei, von dem sich die Mehrzahl der Bevölkerung ernährte, gekocht wurde, war rar und teuer. Die eiskalten Winter bescherten den Leuten zwar auch neue Vergnügungen. Auf den Kanälen Venedigs konnte man Schlittschuh laufen. Nördlich der Alpen wurden die schneereichen Winter mit den zugefrorenen Gewässern zur normalen Lebensform. Die Brueghels haben das in ihren Bildern festgehalten und konnten sich selbst das Leben im Heiligen Land zur Zeit Jesu nicht ohne strenge Winter vorstellen.

Natürlich fragte man sich, wie es zu einem solchen radikalen Klimawandel kommen konnte. Im Vatikan hatte man darauf eine Antwort. Das war alles zwar nicht von Menschen gemacht, aber doch verursacht: Frost und Missernte waren die Strafe Gottes für den Abfall der Protestanten vom rechten Glauben. Wo man sich nicht dem Vatikan anschließen wollte, fand man schnell heraus, dass Hexerei die Ursache für das Unglück sei. Leider trugen die lodernden Scheiterhaufen nicht zu Erwärmung des Klimas bei.

Die kleine Eiszeit dauerte bis ins 19. Jahrhundert an. Soziale Unruhen und vernichtende Kriege begleiteten sie. Die letzte große Hungersnot in den 1780er Jahren bescherte uns mit der französischen Revolution und der Codifizierung der Menschenrechte noch einen Fortschritt im Denken, an dem sich auch heute noch viele schwer tun. Erst im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde es wieder etwas wärmer, und mit neuen Feldfrüchten war die Hungersnot gebannt.

Nun wird es wieder wärmer, nicht so dramatisch ändert sich das Klima wie im 16. Jahrhundert, aber in einer Zeit, in der alles mir peinlicher Genauigkeit gemessen und bewertet wird, doch um ein Zehntelgrad Celsius nach dem anderen in einem willkürlich gewählten Referenzzeitraum. Weil die Leute sich für nichts mehr interessieren als für die Zukunft, fragen sie, wohin das führen kann. Da bietet sich das Bild der Klimakatastrophe als Zukunftsvision an. Nicht mehr der Verlust des Seelenheils wie vor 500 Jahren ängstigt die Menschen, wohl aber der Verlust des gewohnten kommoden Lebens, vielleicht sogar der Untergang der gesamten Menschheit.

Angesichts solcher Gefahren drängt sich die Frage auf, wer wohl der Sünder ist, dem wir das zu verdanken haben. Weil es sich nicht ziemt, in einer demokratischen Gesellschaft einzelne zu diskriminieren, lautet die Antwort „Wir alle!“. Wir genießen es, in kühleren Jahreszeiten in wohl beheizten Räumen zu leben, bewegen uns in Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren durch die Weltgeschichte, oft mehr als notwendig, überlassen die lästigen Arbeiten des Alltags maschinellen Sklaven, die ihre Kraft aus der Elektrizität beziehen, die auch durch Wärmeprozesse erzeugt wird. Das alles soll ein Ende haben. Sogar unsere Essgewohnheiten sollen wir ändern und zur Breikost zurückkehren, weil Fleisch ja von klimaschädlichen Tieren erzeugt wird.

Noch sind wir vom Klima des Mittelalters ziemlich weit entfernt. Die Obstbäume blühen immer noch erst im April und Mai. Warum machen wir uns dann so ein pessimistisches Zukunftsbild? Wäre es denn so schrecklich, wenn Grönland seinen Namen wieder zu Recht trüge? Können wir nicht den Traum von White Christmas in die Mottenkiste packen und Weihnachten in Bikini und Badehose feiern? Wären Ferienreisen auf die Lofoten oder nach Spitzbergen nicht ebenso reizvoll wie die nach Malle oder die Seychellen? Vertrauen wir doch darauf, dass den Menschen der Zukunft etwas einfällt, wie wir mit der Wärme ebenso gut umgehen können wie jetzt mit der Kälte. Das menschliche Gehirn ist eher geeignet, uns eine lebenswerte Zukunft zu gestalten, als die Waden der Radfahrer.

Manfred Wolff

21.01.2022

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Im Wahlkampf zählen Argumente

Achtung: Satire!

Wenn man von linksgewendeten Wahlkämpfern an der Wohnungstür oder in einer Fußgängerzone in Agitationsgespräche verwickelt wird, fallen vielen nicht gleich die richtigen Argumente ein. Hier gibt es die Argumente, um im Wahlkampf unschlagbar der linken Agitation zu begegnen.

Sichere und ausreichende Renten: kein Problem, die Senioren haben doch keine teuren Anschaffungen zu finanzieren, sie haben ja schon alles und brauchen nicht mehr viel. Für ein bisschen mehr können sie Pfandflaschen sammeln gehen, das bringt ein steuerfreies Zusatzeinkommen, und Bewegung an der frischen Luft ist gut für die Gesundheit.

Bezahlbare Wohnungen und Mieterschutz: Bezahlbar ist alles, was man bezahlen kann. Und wenn das Geld für die große Drei-Raum-Wohnung nicht reicht, muss man eben mit der Ein-Raum-Wohnung zufrieden sein. Nach dem Krieg war die Ein-Raum-Wohnung auch für viele Familien ganz normal, nachgerade ein Glücksfall.

Bessere Schulen für unsere Kinder: Wir wissen doch alle aus eigener Erfahrung, dass Kinder nicht gern in die Schule gehen. Das Beste an der Schulzeit waren die Ferien. Und was man für das Leben braucht, hat man auch nicht in der Schule gelernt. Heute haben wir Smartphones und die Sendung mit der Maus, da kann man komfortabel und ohne Notendruck daheim lernen.

Das Klima retten: Das können doch wir 83 Millionen Deutsche nicht, damit sollen erstmal die 1,4 Milliarden Chinesen und 1,4 Milliarden Inder anfangen und sich einschränken. Unsere Wirtschaft muss brummen, damit wir das Geld verdienen, das wir vorerst für die Sicherungen gegen Wetterschäden und Wiederaufbau nach Wetterschäden brauchen. Überhaupt: schönes Wetter ist doch keine Katastrophe.

Mehr Gleichberechtigung der Frauen: Was gibt es Schöneres für eine Frau, als von ihrem Gatten auf Händen getragen zu werden? Frauen standen schon immer alle Türen zu gehobeneren Stellungen in der Gesellschaft offen. Allein der Weg dorthin war eben oft etwas anders als bei den Männern.

Mindestlohn: Das beeinträchtigt unnötig den Gewinn der Arbeitgeber. Im Interesse der Chancengleichheit muss es dann auch den Mindestgewinn der Unternehmen geben. Wo der nicht erreicht wird, zahlt der Staat eben zu, oder unter den Mitarbeitern wird eine Umlage eingesammelt. Nur gewinnträchtige Unternehmen garantieren auch Arbeitsplätze.

Gerechte Einkommensteuern: Derzeit ist unser Steuersystem himmelschreiend ungerecht: Während einigen Bürgern horrende Summen abverlangt werden, tragen andere nur wenige oder gar keine Euros zum Staatshaushalt bei. Wenn alle eine gleiche Summe von vielleicht 500 Euro entrichten, wird das Steuersystem demokratisch, weil gleich für alle. So kommen auch 41 Milliarden in den Steuertopf, und wofür das dann nicht reicht, darauf verzichten dann auch alle in gleichem Maße.

Manfred Wolff 29.08.2021

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Christiane Löhr: Ordnung der Wildnis

Seit 75 Jahren zeigt das Haus am Waldsee in der Argentinischen Allee internationale Gegenwartskunst. Hatte man anfangs mit den großen Namen der von den Nazis als entartet diffamierten Kunst wie Käthe Kollwitz oder Pablo Picasso nachgeholt, was zwölf Jahre lang im Berliner Kunstgeschehen versäumt war, stehen heute hervorragende zeitgenössische Künstler, die noch nicht den Sprung in die monumentalen Räume der Stiftung Preußischer Kulturbesitz geschafft haben, im Zentrum des Ausstellungsgeschehens.

Mit der Einladung von Christiane Löhr ist der Leiterin des Hauses am Waldsee Dr. Katja Blomberg wieder ein Highlight im Kunstsommer 2021 gelungen. Die 1965 in Wiesbaden geborene Bildhauerin, die in Italien und in Köln arbeitet, befördert Wunderbares aus dem Unscheinbaren. Ihre Arbeiten sind zum ersten Mal in Berlin zu sehen. Auf Einladung von Harald Szeemann nahm sie an der 49. Biennale in Venedig teil. Sie ist in zahlreichen Museen in Italien, Japan und Deutschland präsent.

Christiane Löhr schafft ihre Plastiken aus Materialien, die eher ungeeignet scheinen für eine bildhauerische Gestaltung: Samen, Gräser, Früchte, Blätter, die sie auf Brachflächen findet. Daraus entstehen fragile Architekturen und Körper, die in Glaskästen geschützt werden oder zu denen man sich niederknien muss, wenn sie auf kniehohen Podesten präsentiert werden. Löwenzahnsamen, Pusteblumen, fügt sie zu einem Kissen zusammen. Gräser beugen sich zu kuppelartigen Formen und erzeugen so eine Spannung, wie sie auch die großen Kuppeln sakraler Bauten auszeichnet. Kletten verbinden sich zu einem Teppich und Früchte türmen sich zu pyramidalen Gebilden. Alle Plastiken finden ohne Klebstoff zueinander, benötigen keine stützenden Konstruktionen aus Draht.

Die in der Ausstellung gezeigten graphischen Arbeiten zeugen mit ihren kraftvollen Linien von der Hand einer Bildhauerin, die den Eindruck des Räumlichen auf die Ebene transponiert.

Der Titel der Ausstellung „Ordnung der Wildnis“ ist einem Gedicht von Marion Poschmann entnommen.

Christiane Löhr Ordnung der Wildnis
Ausstellung im Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, 14163 Berlin
Tel. 030 8018935
info@hausamwaldsee.de

Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr
In den Räumen ist eine FFP-Maske zu tragen.

Das Buch zur Ausstellung:

Christiane Löhr, Hatje Crantz Verlag, 2020, 368 Seiten, 310 Abbildungen, Leinen mit Schutzumschlag, 54,00 €, ISBN 978-3-7757-4666-3

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Eine Gefahr, die überall lauert

Nun haben wir sie wieder, die Zeit in der die Presse nicht mehr die wegweisenden Visionen der Politiker berichtet und an den Debatten der Parlamente teilhaben lässt, in der Fußballbundesliga statt über Tore und Punkte über Wechselgerüchte Mutmaßungen verbreitet. In der Wirtschaft stocken die Eingänge der Auftragsbücher und die Umsätze sind rückläufig. Der Kulturbetrieb fährt auf Null und erwacht erst wieder am 28. August zu Goethes Geburtstag. Wir haben die Sauregurkenzeit.

Wer dabei jetzt an die beliebten Früchte des Spreewaldes denkt, ist aber auf dem Holzweg. Der Begriff der Sauregurkenzeit der Presse hat damit nichts zu tun, stammt vielmehr wie auch viele andere alltägliche Redensarten wie die bekannte Hechtsuppe im Durchzug oder der gute Rutsch an Sylvester aus dem jiddischen Sprachraum. Da gibt es die Zores- und Jokreszeit. Zores sind Not und Jokres sind Teuerung. Das tritt beides ein, wenn die freien Mitarbeiter der Presse wegen mangelnder Ereignisse keine Berichte schreiben können, mit denen sie ihr Zeilengeld verdienen können.

Als kluge Leute lassen sich die Journalisten natürlich was einfallen und bauschen sonst höchstnebensächliche Dinge zu sensationellen Reportagen auf. Mal war das der Dackelfressende Wels, mal das unsterbliche Ungeheuer von Loch Ness. In diesem Jahr sind es die Träume einer in die Jahre gekommenen Trampolinspringerin und die possierlichen kleinen Viren, die auf Aerosolen von Hydroxylsäure durch unser Leben segeln.

Hydroxylsäure – das gibt mir das Stichwort, um auf einen Umweltskandal ungeheuren und globalen Ausmaßes hinzuweisen. Gerade jetzt in der Sauregurkenzeit soll endlich Platz sein, diesen Skandal in das Bewußtsein der Menschen zu heben, denn weltweit wird immer noch leichtfertig mit diesem gefährlichen Stoff gearbeitet, sei es aus Profitgier, sei es aus Nachlässigkeit. Die Politik unternimmt nichts, um uns vor dieser Gefahr für Leib und Leben zu schützen, auch die Grünen ignorieren das Problem mit der Hydroxylsäure. Dabei hatten schon in den 1980er Jahren amerikanische Wissenschaftler auf die Gefahren für Mensch und Umwelt hingewiesen, die von dieser Substanz, deren chemischer Name Dihydrogenmonoxid DHMO ist, ausgehen.

Bei der Bekämpfung des sauren Regens hat man große Anstrengungen unternommen, die säurebildenden Elemente aus der Atmosphäre fernzuhalten oder die Säure im Boden durch weitflächigen Kalkeinsatz zu neutralisieren. Völlig außeracht gelassen wurde dabei die Tatsache, dass der saure Regen auch große Mengen der Hydroxylsäure enthält. Schäden an kunsthistorisch wertvollen Gebäuden wie der Kölner Dom oder das Kapitol in Washington DC zeugen davon.

Die befürchtete Klimakatastrophe wird nicht nur durch das Kohlendioxid in der Atmosphäre vorangetrieben. Auch durch das in der Atmosphäre gelöste DHMO wird der Treibhauseffekt wesentlich verstärkt. Dieser Effekt kann von jedermann leicht beobachtet werden: Bei dicht DHMO-bewölktem Himmel ist die Lufttemperatur deutlich höher als bei sternklarem und damit DHMO-freiem Himmel.

Große wirtschaftliche Schäden werden von der Korrosion von Metallen, vor allem Eisen, verursacht. Einwirkungen von DHMO spielen dabei eine wichtige Rolle. Am bekanntesten sind die Korrosionsschäden an eisernen Brücken, Stahlarmierungen in Betonbauten, aber auch das Schienennetz der Eisenbahn.

Zahlreich sind die gesundheitlichen Schäden, die von der Hydroxylsäure hervorgerufen werden. Gelangen schon geringe Mengen davon in die Lunge, kann das sofort zum Tod führen. Im gasförmigen Zustand verursacht die Substanz schwere Verbrennungen, was besonders oft in Haushalten vorkommt. Der feste Aggregatszustand kann bei längeren Hautkontakten zu nekrösen Gewebeschäden führen. Bedenklich ist die suchtartige Abhängigkeit, die viele trotz der auftretenden Probleme mit dem Verzehr von DHMO entwickeln. Ein Entzug ist dabei kaum möglich, denn er führt in der Regel immer zum Tod. Erschreckend ist in dem Zusammenhang auch die Tatsache, dass solche Abhängigen die Sucht schon im Mutterleib auf ihre Kinder übertragen.

Die vielfältigen Gefahren sind bekannt, aber nichts wird zu ihrer Abwehr unternommen. Weder im Umweltministerium noch in den zuständigen Landesministerien erscheint DHMO auf einer Liste der gefährlichen Stoffe. Die Atomindustrie benutzt es zur Kühlung ihrer Kraftwerke und leitet es unbehandelt in die Flüsse. Auch sonst wird es überall als Trägersubstanz für alle möglichen giftigen Stoffe benutzt. In großem Umfang ist es als Lösungsmittel für alles Mögliche verwendet, wie die Planungen für das Teslawerk in Grünheide wieder gezeigt. Wenn DHMO nicht mehr gebraucht wird, entsorgt man es über die Abwassersysteme. Zu Beginn der Badesaison in den Berliner Seen wies das Landesgesundheitsamt alarmistisch auf die Blaualgen hin, DHMO wurde mit keinem Wort erwähnt.

Manfred Wolff

15.07.2021

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Eine aufregende Entdeckung

Christine Alwine Pauline Sültemeier geb. Grautebaunenkämper (um 1745) – Versuch, die Geschichte Bad Oeynhausens zu korrigieren.

„Wenn man es genau nimmt, bin ich ja die erste und älteste Oeynhausenerin, und das, obwohl ich mir das nie habe träumen lassen,“ beginnt Stine Sültemeier ihre Geschichte, „und da ist es ja wohl nur gerecht, wenn ich in einem Buch über bekannte Oeynhausenerinnen vorkomme, auch wenn ich nie viel Aufhebens um mich gemacht habe.“

Sie wirkt ein wenig verlegen, wie sie da in ihren weiten Röcken und der gestreiften Arbeitsschürze auf der kleinen Bank unter der Eiche vor ihrem Kotten sitzt, vor sich den großen Weidenkorb mit den Dicken Bohnen und einen Napf für die ausgepuhlten Bohnen, denn auch bei unserem Gespräch kann sie ihre Hände nicht einfach in den Schoß legen. „Diese Dicken Bohnen verfolgen mich nun schon seit der Wiege,“ schmunzelte sie und spielt damit auf ihre Herkunft und ihren Mädchennamen an. Das Licht der Welt erblickte sie nämlich nicht in Melbergen sondern in Eidinghausen, also jenseits der Werre, die mehr trennt als verbindet. Wilhelm Grautebaunenkämper hatte eine kleine Bauernstelle im Schatten des Ovelgönner Schlosses, und Stine, wie sie einfacherweise genannte wurde, war seine siebte Tochter. „Das Leben dort war einfach und schwer, aber beklagt hat sich keiner. Wir hatten immer satt zu essen, einmal in der Woche – am Sonntag – gab es sogar Fleisch. Mein Vater und die älteren Geschwister waren den ganzen Tag auf dem Feld oder im Stall und arbeiteten hart, und als ich sieben war, musste ich auch mit ran.“

Ist sie denn nicht zur Schule gegangen? Nein, davon könne kaum die Rede sein, räumt sie verlegen ein, denn dann hätte sie ja bei der Arbeit gefehlt. Und auf dem kleinen Hof wurde jede, auch die kleinste Hand gebraucht, besonders wenn der Vater zum Dienst zu den Herrschaften musste. Im Sommer gab es immer was zu tun, und im Winter war der Weg einfach zu beschwerlich, und überhaupt: Was sollte sie da? „Der Lehrer hat die Kinder oft geprügelt, und wenn er mal gute Laune hatte, hat er aus seiner Soldatenzeit erzählt. Gesangbuchverse musste man lernen und den Katechismus. Und das konnte ich auch lernen, wenn ich sonntags in der Kirche gut aufpasste. Was mich wirklich interessierte: Warum das Gras grün ist oder warum die Sonne nie über dem Wiehen aufgeht, das wusste der Lehrer auch nicht.“

Die langen Winterabende am Herdfeuer, die Erzählungen der Eltern und die Spiele mit den Geschwistern waren ihre Schule. Besonders mochte sie die Märchen, die die Großmutter erzählte und die Geschichten von Eulenspiegel, die der Vater immer so vortrug, dass man noch bis zum Einschlafen darüber lachen konnte. „Diese Märchen waren eine ganz besondere Sache und eigentlich bin ich traurig, dass ich nicht richtig schreiben gelernt habe, denn dann könnte ich sie aufschreiben und vielleicht würde sich später mal einer bei uns dafür interessieren. Und diese Eulenspiegelgeschichten waren gar keine Märchen. Ich hatte immer den Verdacht, dass das alles Leute aus dem Dorf oder der Nachbarschaft sind, die darin vorkamen.“

 So wuchs die Stine Grautebaunenkämper heran, lernte alles, was für die Arbeit im Haus, Stall und Garten erforderlich war, und wenn sie später auf das Schloss musste, um in der Küche zu helfen, wenn dort bei den Herrschaften ein großes Fest gefeiert wurde, kriegte sie auch ein bisschen von der freien Welt mit.

Stine war mal gerade 18, als sie bei der Kirchweih ihren späteren Mann Wilhelm Sültemeier kennenlernte. Beim Tanzen machte er zwar keine besonders gute Figur, aber wie er sie beim „Schotteschen“ packte und ihr dabei in die Augen sah, das gefiel ihr. Dieser Sültemeier war aus Melbergen, also von der anderen Seite der Werre und er war der älteste Sohn in seiner Familie und sollte die Bauernstelle erben. „Wir haben uns dann ein paarmal heimlich getroffen und waren uns bald einig, dass wir heiraten sollten,“ erinnert sich Stine Sültemeier. Am nächsten Weißen Sonntag war es dann auch so weit. „Das Ja in der Kirche war für mich dann auch das Auf Wiedersehen von Eidinghausen, und ich bin nur noch zweimal dahin zurückgekehrt, um meine Eltern auf den Gottesacker zu begleiten.“

 „Als junge Hausfrau musste ich nun noch mal ganz von vorne anfangen zu lernen, denn ich musste nun natürlich alles so machen, wie es mein Mann von seiner Mutter gewohnt war. Aber so ganz heimlich habe ich doch meinen Kopf durchgesetzt und bald war es bei uns wie zu Hause. Ich habe mir alles genau angeguckt, dabei ist es dann eines Tages im Sommer passiert.“

 Stine Sültemeier schüttelt ein bisschen unwillig den Kopf, als ob ihre Geschichte nun einem ganz und gar peinlichen Höhepunkt zustrebt. „Wilhelm trieb die Schweine am Abend wieder in den Stall, und wie die so fröhlich grunzend ankamen, fiel mir auf, dass sie gar nicht dreckig waren, sondern in der Abendsonne silbrig glänzten, so wie in einem Märchen. „Wilhelm, was hast du mit den Schweinen gemacht?“ fragte ich. „Nichts. Warum?“ – „Und warum glänzen die so silbrig?“ – „Das machen die im Sommer immer.“

„Ich streichelte meiner Lieblingssau Jolanthe über den Rücken und der silberne Glanz rieselte aus ihren Borsten. Ich habe da nicht viel draufgegeben, als ich mir ein paar Minuten später über den Mund wischte, fiel mir auf, dass meine Finger ganz salzig schmeckten.“ Stine hebt wie zum Beweis zwei Finger ihrer rechten Hand hoch und fährt dann fort: „Am nächsten Abend wartete ich auf Wilhelm und die Schweine, aber es hatte den ganzen Tag geregnet wie meistens hier im Sommer und kein Schwein glänzte. So ging das ein paar Tage und dann war wieder ein Sonnentag. Und richtig: Die Schweine glänzten wieder wie die Silbertaler, ich griff in die Borsten, probierte – und richtig: es war Salz! „Wilhelm,“ fragte ich, „wo waren die Schweine?“ – „Wie immer unten in der Suhle. Was fragst du?“ – „Ach nichts.“

„Und dann ging ich mit einem irdenen Pott runter zur Suhle und sah mich um. Auch am Rand der großen Pfützen waren schmale weißsilbrige Ränder, die sich im Abendrot blutig färbten. Ich probierte davon vorsichtig – Salz! Nun schöpfte ich mit meinem Pott Wasser aus der Pfütze und rannte nach Hause, goss alles in einen Eisentopf und hängte ihn über das Herdfeuer. Am nächsten Morgen guckte ich in den Topf. Das Wasser war verkocht und auf dem Boden lag eine dünne Schicht Salz. Da war zwar auch Dreck dazwischen, aber das konnte man ja rausseihen.“

Man konnte Stine noch immer ihren Stolz auf die Entdeckung ansehen. Das war ja auch eine aufregende Sache. Salz war teuer, und man brauchte es immer: Zum Kochen, zum Backen und vor allem zum Pökeln. Wenn man das nun von der Wiese ernten konnte wie das Heu, dann war der Augenblick nicht mehr weit, dass die Sültemeiers selbst Geld wie Heu hätten! Natürlich weihte sie ihren Mann sofort in ihr Geheimnis ein. Der kratzte sich bedächtig am Kopf und meinte dann, das bringe nur Ärger. „Ach was,“ sagte ich, „da braucht keiner was von zu wissen. Wir ernten das Salz und sparen so viel Geld, und wenn die Leute fragen, wie das kommt, sagst du einfach: Meine Frau kann eben wirtschaften!“

„Ich war mir schon im Klaren, dass eine solche Salzwiese Ärger und Missgunst bringen könnte, und deshalb durfte keiner davon wissen, was ich entdeckt hatte. Aber dann kam doch alles anders.“

Als Sültemeier das nächste Mal aufs Amt musste, um seine Steuern zu bezahlten, klagten die anderen Bauern über die hohe Abgabenlast. Stine schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: „Und da prahlt doch mein Wilhelm: „Ich bezahle das bald alles mit links. Ich habe nämlich eine Salzwiese!“ Natürlich wollten das dann alle ganz genau wissen und ein Schreiber vom Amt kriegte auch ganz lange Ohren.

Nicht nur dass auf einmal alle Nachbarn unsere Wiese zertrampelten. Dieser Schreiber hat wohl auch alles aufgeschrieben und an die Regierung gemeldet, dass der Colon Sültemeier Salz aus seiner Wiese hat.“ „Ein paar Wochen drauf war es dann so weit: Einen Morgen kam der Amtmann mit diesem Schreiber und zwei Soldaten, guckte sich alles genau an, sagte nur immer ‘Sehr gut! Sehr gut!‘ und klopfte seinem Schreiber lobend auf die Schultern. Und noch ein bisschen später kamen irgendwelche hohen Herren, vor denen unser Amtmann immerzu Diener machte und guckten sich auch alles an und schrieben alles auf und malten große Karten von unserer Suhle. Von da an war es mit der Gemütlichkeit vorbei. Hätte ich doch nur nichts gemerkt!“

 Stine berichtete jetzt von den ersten Gruben, die ausgehoben wurden, von der kleinen Siederei, die errichtet wurde und für die Sültemeier auch noch das Holz aus dem Wald heranschaffen musste. „Gleich hat man uns verboten, auch nur eine Krume Salz aus unserer Wiese zu holen, denn das gehört alles dem König in Berlin und wir als seine treuen Untertanen dürfen ihn nicht bestehlen. Davon, dass man uns die Wiese weggenommen hat, war natürlich keine Rede.

Als das neue Sudhaus eingeweiht wurde, hielt ein Mann eine Rede – ich glaube, es war ein richtiger Graf – und zum Schluss musste Wilhelm Sültemeier vortreten, und der Graf sagte, dass dieser Sültemeier ein großer Entdecker sei, aber noch größere Entdecker seien seine Säue, alle Leute lachten, und Wilhelm wusste nicht, ob er auch lachen sollte.“ Und Stine hat nichts abbekommen von dem Ruhm? Sie hat doch das Salz entdeckt! „Gott behüte! Das hätte mir noch gefehlt! Einmal wollte ich nicht unbedingt mit unseren Säuen verglichen werden, und dann gehört es sich in dieser Zeit auch nicht, dass sich die Frauensleute vor den Männern großtun. Wir hatten so schon genug Ärger.“ Und so reden alle im Ravensberger Land von Sültemeier und seinen Schweinen, aber keiner von seiner Frau Christine Alwine Pauline, der eigentlich der Ruhm gebührt, das Salz entdeckt zu haben, dass der Anstoß zu großen Tanten und Werken werden sollte.

Manfred Wolff

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