Unbekannte lesen mit – die Content Moderatoren

Sie haben also auch Zugang zum Internet. Sie sehen da nach dem Wetter, blättern durch Zeitungen weltweit, schreiben Mails an Freunde und Bekannte, nutzen es als Telefon, surfen durch die Social Media, schauen in die Mediatheken der Rundfunkanstalten, kaufen darin ein, geben auch ihre Meinungen zu allen möglichen Fragen dieser Welt weltweit bekannt, nutzen das alles womöglich auch beruflich. Sie sind ein Informationsmogul, aber auch nur einer von 4,8 Milliarden anderen Internetnutzern, mehr als der Hälfte der Menschheit.

Im Internet können wir viel lernen. Was wir nicht wissen, können wir ergoogeln, wir müssen nur die Frage stellen. Wir lernen Menschen kennen, die uns sonst nie über den Weg gelaufen wären, erfahren von ihren Gedanken, Plänen, Leistungen. Manche werden zu Freunden, obwohl wir von ihnen nicht wirklich mehr wissen als eine gelungene Kombination der Ziffern 0 und 1. In den Social Media zeigen sie uns Bilder ihrer glücklichen Familien, teilen uns Reiseerinnerungen mit und stellen uns ihre süßen Kätzchen vor. Das sind alles nur liebe Menschen.

Aber bei 4,8 Milliarden Menschen muss es doch auch viele Böse geben. Wo sind die? Es gibt sie tatsächlich. Sie posten schreckliche und abscheuliche Dinge ins Internet: Kindesmissbrauch, Vergewaltigungen, blutige Leichen, Terroranschläge, Enthauptungen, Suizide. Dass uns solche Anblicke ebenso erspart bleiben wie unmenschliche Hasstiraden und rassistische Beleidigungen, verdanken wir einem Personenkreis, der in den Social Media anonym bleibt – den Content Moderatoren.

Diese Leute überwachen 24 Stunden täglich alle Beiträge im Internet mit dem Auftrag, solche sofort zu löschen, wenn sie gegen Anstand und gute Sitten verstoßen. Große Anbieter wie META, aber auch kleine regionale Chatseiten unterhalten so einen Moderationsdienst. Es sind die schlimmsten Jobs, die man sich vorstellen kann, immer wieder die ekligsten und bösesten Bilder sehen zu müssen, schlecht bezahlt sind sie überdies. Weltweit sollen über 100.000 Menschen die Räume von META, TikTok und Konsorten sauber halten. Die meisten von ihnen sind in den Ländern der Dritten Welt rekrutiert, doch auch in Deutschland gibt es Unternehmen mit diesem düsteren Geschäft.

Die Moderatoren bringen nicht nur ein mageres Einkommen aus dieser Tätigkeit nach Hause, Mindestlöhne werden gern unter boten, sie tragen auch schwerwiegende psychische Schäden davon. Depressionen, Schlafstörungen, suizidale Tendenzen sind an der Tagesordnung. Ihre Arbeitgeber schert das nichts. Versuche, dagegen mit der Bildung von Gewerkschaften und Betriebsräten vorzugehen, wurden zum Beispiel in Kenia mit der Massenentlassung der Aktivisten beantwortet.

In Deutschland bemüht sich Verdi um die Bildung von Betriebsräten in der Moderatorenbranche, bei TikTok bereits mit Erfolg. Die Essener Firma Telus hat darauf mit der Entlassung gedroht.

Denken wir also bitte beim nächsten Surfen im Internet und den Social Media an diese Putzkräfte der Menschlichkeit und danken ihnen für ihre Arbeit.

Manfred Wolff

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Welturaufführung: „Il Teorema Di Pasolini“ von Giorgio Battistelli

Foto Eike Walkenhorst

Eine Welturaufführung einer Oper erlebt man nur selten. Die großen Opernhäuser vertrauen mehr der Treue als der Neugier ihres Publikums. Da ist es schon etwas Besonderes, wenn man wie am 9. Juni in der Deutschen Oper Berlin einer Welturaufführung beiwohnen kann. Das nimmt man dann umso gespannter auf, wenn man sich noch an den Film „Teorema“ von Pasolini erinnern kann. Was wurde geboten?

„Il Teorema di Pasolini“ ist die zweite Auseinandersetzung Battistellis mit dem Thema, nachdem er schon vor 30 Jahren eine Oper ohne Gesang dazu im Auftrag Hans Werner Henzes geschrieben hatte. Diese neue Oper ähnelt gar nicht der klassischen Oper, denn es gibt weder Belcanto-Arien noch gewaltige Chöre. Es wird auch keine Geschichte erzählt, die gut oder tragisch enden könnte. Battistelli hält sich an Teorema – ein Bericht eines wissenschaftlichen Experiments. Das nimmt die Inszenierung von Dead Center auf und lässt die Sänger der handelnden Personen im ersten Teil als Wissenschaftler, die von ihren Aufgaben berichten, auf der Vorbühne agieren.

Eine geordnete bürgerliche Familie (Vater, Mutter, Sohn, Tochter und Hausangestellte) erhält den Besuch eines attraktiven jungen Mannes, dem alle nacheinander sexuell verfallen. Die zwanghaften Regeln der Familie sind zerbrochen, aber bei dem Versuch, mit der gewonnenen Freiheit ein neues Leben zu gewinnen, scheitern sie alle.

Die Sängerinnen und Sänger erfüllten ihre Rollen gekonnt, auch nur einen hervorzuheben wäre ungerecht gegenüber den anderen. Wegen der zahlreichen Parlandi waren ihnen ohnehin glanzvolle Gesangspartien verwehrt.

Das Orchester der Deutschen Oper, diesmal unter der Leitung von Daniel Cohen, vermag unter einem behutsamen Dirigat alle musikalischen Stilrichtungen zu meistern. Besonders die leisen Partien halten Musik und Handlung zusammen.

Ob mit „Il Teorema di Pasolini“ Battistelli ein Klassiker gelungen ist, der zum Repertoire der großen Opernhäuser gehören wird, bleibt fraglich. Es ist aber zuerst einmal ein solides Stück Musiktheater, das, nachdem seine Novität verblasst ist, immer wieder neu entdeckt werden wird.

Das Berliner Publikum belohnte die Mitwirkenden mit einem zwanzigminütigen Beifall, zum Teil stehend. Kein einziges noch so zartes Buh war zu hören. Ob der Beifall auch Pasolini und seiner Kritik der bürgerlichen Gesellschaft galt? Das war wohl nur der Anlass, sich einen kulturellen Abend in der Oper zu gönnen, wie sich das für eine bildungsbürgerliche Familie gehört.

Manfred Wolff

Deutsche Oper Berlin
Bismarckstraße 35
10627 Berlin-Charlottenburg

Nächste Aufführungen:
16. Und 21. Juni, jeweils 19:30 Uhr

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Arabella von Richard Strauss – Premiere in der Deutschen Oper Berlin

Foto Urszula Usakowska-Wolff

Die Frage des freien Willens beschäftigte Hugo von Hofmannsthal immer wieder in seinen Werken, und so nimmt es nicht Wunder, dass diese Frage auch in seinem letzten großen Werk, im Libretto zu „Arabella“, ihn noch einmal umtrieb. Schon in der Eingangsszene beschwört eine Kartenauslegerin die Determiniertheit des nachfolgenden Geschehens. Die Eltern Arabellas handeln unter dem Druck der katastrophalen finanziellen Situation der Familie Waldner. Arabella und ihre Schwester Zdenka dagegen wollen selbst ihr weiteres Lebensschicksal entscheiden.

Die Handlung spielt im k.u.k. Wien des 19. Jahrhunderts, wo die Familie des durch seine Spielsucht verarmten Grafen Waldner in einem Hotel wohnt, ein biedermeierliches Bild mit Damen in üppigen Kleidern, wie es damals üblich war. Das Auftreten verschiedener Bewerber um Arabellas Gunst und die Verkleidung der Schwester Zdenka als der jüngere Bruder Zdenko, schließlich das Erscheinen des durch Erbschaft wohlhabenden slawonischen Gutsbesitzers Mandryka, das alles führt zu einer Verwechslungskomödie, die man eher in einer Operette als einer Oper erwartet. Doch nach dem Höhepunkt der Missverständnisse beim Fiakerball finden im Schluss alle Personen zu ihrem Ziel. Happy End für die Familie Waldner, Zdenko wird wieder Zdenka und bekommt den Offizier Matteo, den ihre Schwester Arabella abgewiesen hat, und Arabella geht einem Leben als Herrin und Dienerin Mandrykas entgegen.

Eine Besonderheit: In dieser Oper gibt es keinen einzigen Sterbefall, nicht durch Krankheit und nicht durch Mörderhand.

Tobias Kratzer erzählt die Geschichte als eine Zeitreise. Warum er im ersten Teil das gutbürgerliche Hotelleben auf einer geteilten Bühne inszeniert, um auf der anderen Hälfte die Videoaufzeichnung zu präsentieren, die drei Figuren in schlechter Bildqualität schwarzweiß aufgenommen haben, bleibt rätselhaft. Sollte das ein bisschen Castorf sein?

Beim Fiakerball, wo Arabella zur Ballkönigin ausgerufen wird, führen die Tänzerinnen und Tänzer ausgelassene Walzer- und Polkatänze vor. Und weil alles am Fasnachtsdienstag spielt, sieht man auch eine Figur als Affe verkleidet, die von SA ähnlichen Kerlen von der Bühne getrieben wird. Wir sind in den 1930er Jahren angekommen. Das Handy der Fiakermilli zeigt die Gegenwart an, in der die starren Rollen nicht mehr gelten, sodass auch ein intensives Liebesspiel zweier Männer beweist, dass man in einer neuen Welt mit neuen Werten angekommen ist.

Wer ein Fan der Musik von Richard Strauss ist, ist in der Deutschen Oper gut aufgehoben. Sir Donald Runnicles führt das Orchester mit Betonung der sinfonischen Partien, was allerdings stellenweise die Sänger und Sängerinnen unverstehbar macht. Aber es gibt ja die Übertitel, nur wenn man die gelesen hat, ist die Handlung schon wieder einen Schritt weiter.

Bei den singenden Personen auf der Bühne war Albert Pesendorfer als Graf Waldner wieder eine Bank. Sein ruhiger Bass gibt auch einer zum komischen neigenden Rolle die altersgerechte Würde. Russell Braun war leider etwas indisponiert, gab aber so dem Mandryka eine menschliche Note. Matteo wurde von Robert Watson mit einem eher wagnerhaften Tenor geboten, eben ein schneidiger Jägeroffizier.

Die Soprane glänzten alle, jede auf ihre Art. Doris Stoffel als Adelaide drückte in dunkler Tönung die Sorgen einer Mutter aus. Arabella wurde von Sara Jakubiak gesungen, ihre Leistung ist umso stärker zu loben, weil sie nach dem Erkranken von zwei vorherigen Arabellas erst wenige Tage vor der Premiere zum Team gerufen wurde. Einen bezaubernden Leckerbissen bescherte Hye-Young Moon mit der Koloratur der Fiakermilli, jener Wiener Volkssängerin, der Hofmannsthal und Strauss mit diesem Auftritt ein Denkmal gesetzt haben. Von Frau Moon möchte man gern in anderen Rollen noch mehr hören.

Das Publikum bedankte sich für diesen gelungenen Opernabend mit anhaltendem Applaus. Lediglich Tobias Kratzer wurde mit einigen Buhrufen bedacht. Die Begeisterung für Sir Donald Runnicles hielt sich wieder einmal in Grenzen, aber darauf scheint er beim Berliner Publikum abonniert zu sein.

Manfred Wolff

Arabella von Richard Strauss
Deutsche Oper Berlin
Bismarckstraße 35
10627 Berlin
Telefon 030 343 84 343
E-Mail info@deutscheoperberlin.de

Nächste Vorstellungen: 23.03., 26.03., 30.03., 01.04., 06.04.,

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Simon Boccanegra – Premiere an der Deutschen Oper Berlin

Simon Boccanegra, Premiere, Deutsche Oper Berlin, 29.01.2023. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Komplizierte Handlungen sind nicht ungewöhnlich bei Giuseppe Verdi. Wer kann schon sagen, was er gesehen hat, wenn er aus einer Aufführung des „Troubadour“ kommt? Verworrene Familiengeschichten, politische Intrigen und Machtkämpfe, wechselnde Stimmungen im Volk: das sind die treibenden Kräfte in der Oper „Simon Boccanegra“.

Der ambitionierte Plebejer Simon Boccanegra hat mit der Tochter des patrizischen Dogen Jacopo Fiesco ein Kind, Maria. Als die Mutter des Kindes von Ihrem Vater gefangen gehalten wird, kommt dieses zuerst in die Pflege einer alten Frau, nach deren Ableben in ein Mädchencollege unter dem Namen Amelia Grimaldi. Boccanegra und Fiesco sind im Streit um die Vorherrschaft in Genua, und als Boccanegra Fiesco eine Koalition anbietet, macht der die Herausgabe des Kindes Maria zur Bedingung. Doch Maria ist verschollen. Der Streit der beiden Rivalen geht weiter. Boccanegra wird vom Volk zum Dogen gewählt und erfährt, dass seine Geliebte Maria tot ist. Amelia soll noch mit Boccanegras Vertrautem Paolo verheiratet werden, aber sie liebt Gabriele Adorno, der auch Doge werden will. – Genug des Wirrwarrs. Wie das alles ausgeht, sehen und hören Sie am besten selbst, denn ein Besuch dieser Oper kann nur wärmstens empfohlen werden.

In Vasily Barkhatovs Inszenierung ist die Liebesgeschichte der Amelia/Maria eine Nebenhandlung. Zuerst geht es ihm um die Machtkämpfe der Männer. Die wiederholen sich, sowohl in den Privaträumen als auch in der Öffentlichkeit. Beide Schauplätze sind immer wieder auf der großen Drehbühne zu sehen. Barkhatov hat die Handlung aus dem 14. Jahrhundert in die Gegenwart verlegt, und es ist nahezu eine Männeroper. Nur Männer streiten um die Macht im Staat und verlieren dabei das private Glück. Das wird nur per Video in die Handlung eingeführt, bleibt ein Traum.

Das Orchester der Deutschen Oper leitet Jader Bignamini ebenso souverän wie einfühlsam. Als Verdi-Spezialist gelingen ihm die feinen Nuancen ebenso wie die mächtigen Tutti. Die Musik führt die Sänger auf der Bühne, ohne sie auszuspielen. Das Orchester zeigt seit langem einmal wieder, was es kann.

Die Solisten wissen alle zu überzeugen. Attilio Glaser als Adorno erfüllt alle Erwartungen, die man einem Heldentenor zutraut, hätte aber im Duett mit Maria Motolygina gern auch weichere Töne vertragen. Liang Lis Bass wird in allen Szenen der Fiesco-Rolle gerecht. George Petean in der Titelrolle führt mit weichem Bariton und stärkeren tiefen Tönen durch die Handlung, und sein Duett mit Liang Li ist einer der Höhepunkte des Abends. Ein strahlender Stern im Bühnenpersonal ist Maria Motolygina, ihr jugendfrischer Sopran hellt das düstere Machtspiel der Männerrollen auf.

Den von Jeremy Bines geleiteten Chor zu loben, ist für einen Rezensenten eine müßige Sache, denn das muss er immer wieder tun. Auch diesmal löste der Chor seine gesanglichen und darstellenden Aufgaben hervorragend.

Der „Simon Boccanegra“ der Deutschen Oper ist vor allem ein musikalischer und gesanglicher Genuss, auch wenn Giuseppe Verdi es versäumt hat, den Sängern eine große Arie in die Rollen zu schreiben.

Manfred Wolff

Publikumsreaktionen: https://www.youtube.com/watch?v=lWe6ZuIhs1Y

Giuseppe Verdi „Simon Boccanegra“
Deutsche Oper Berlin
Bismarckstraße 35, 10627 Berlin
Telefon +49 (30) 34384343
https://deutscheoperberlin.de/de_DE/home

Nächste Vorstellungen: 04.02., 09.02., 17.02., 19.02., 25.02.

Foto © Urszula Usakowska-Wolff

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Die Quelle des demokratischen sozialen Rechtsstaates

Freuen Sie sich auch immer auf das arbeitsfreie Wochenende? Geht Ihr Kind auch seit dem 6. Geburtstag kostenfrei zur Schule? Wohnt in Ihrer Nachbarschaft ein Mensch, der dort Asyl gefunden hat? Sind Sie auch schon mal in einem Rechtsstreit in die Berufung gegangen? Mussten Sie wegen einer Gesetzesübertretung schon mal eine Geldbuße zahlen? Bekommt erst ihr Haustier sein Futter, ehe Sie sich an den Tischsetzen? Ist für Sie die Unantastbarkeit der Menschenwürde eine Selbstverständlichkeit?

Diese Kriterien eines demokratischen und sozialen Rechtsstaats sind uns heute selbstverständlich. Wir wissen, dass sie in der jüngeren Vergangenheit erfolgreich erkämpft wurden. Wir feiern sie als das Ergebnis unserer jüngeren Geschichte. Dabei sind sie uralt, über 2500 Jahre. Sie wurden nur nicht beachtet, und wenn, dann von einer kleinen Minderheit der Menschheit. Die jüdische Thora enthält zahlreiche Vorschriften, die auch für das heutige gesellschaftliche Leben richtungweisend sind.

Als der griechische Historiker Herodot auf seinen Reisen nach Israel und Judäa kam, fand er es höchst merkwürdig, dass dort an einem Tag der Woche nicht gearbeitet wurde. Zwar wusste er, dass auch die Griechen und andere Völker gern mal einen Ruhetag zu Genuss und Feierlichkeit einlegten, aber das war immer den Wohlhaben und Herren vorbehalten. Hier waren aber auch die Knechte und Mägde, sogar die Haustiere von der Arbeit befreit. Das ließ ihn das Schlimmste für die jüdische Gesellschaft befürchten.

In der Thora ist dieser freie Tag im 2. Buch Mose, Kapitel 20, Vers 8 als Pflicht beschrieben. Damit ist gleichzeitig auch die Siebentagewoche, wie wir sie heute zählen, festgelegt. Die ganze Welt zählt heute ihre Wochen so.

Verfolgten soll man Asyl gewähren. Das schreibt das 2. Buch Mose in Kapitel 21, Vers 13 vor. Sechs Städte hatten die Aufgabe, Verfolgte vor gesetzloser Lynchjustiz zu schützen.

Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich. Das ist nicht in allen Gesellschaften der Fall. Mal werden Frauen benachteiligt, mal Andersgläubige, mal Arme und mal Fremde. Im 3. Buch Mose, Kapitel 19, Vers 15 heißt es „Ihr sollt nicht unrecht handeln im Gericht, und sollt nicht vorziehen den Geringen noch den Großen ehren; sondern du sollst deinen Nächsten recht richten“. Das war in der Antike in der Regel nicht der Fall und ist es auch heutzutage in vielen Staaten nicht.

Es war der Schwiegervater von Moses, Jethro, der ihm den Rat gab, sich nicht in 1000 Kleinigkeiten zu verzetteln, sondern ein differenziertes Gerichtswesen mit unterschiedlichen Instanzen einzurichten (2. Buch Mose, Kapitel 18, Vers 13 ff), in dem ehrenwerte Mitglieder der Gesellschaft Recht sprechen sollten. Da konnte dann ein Kläger oder Beklagter, der in einer unteren Instanz sich ungerecht beurteilt fühlte, in höheren Instanz sein Recht suchen.

Der babylonische Herrscher Hammurabi legte in seinen Gesetzen fest, dass Gleiches mit Gleichem zu vergelten sei. Wer ein Auge verletzt, verliert ein Auge, das Recht Talionis. Solche Rechtsvorschriften, die Körperverletzungen als Strafe vorsehen, waren im Orient häufig und sind es auch noch heute in muslimischen Staaten. Da werden als Spiegelstrafe Körperteile amputiert, zum Beispiel dem Dieb die Hand, Augen geblendet, und Prügel sind verbreitete Strafen. Mit dieser Praxis bricht die Thora. Im 21. Kapitel des 2. Buch Moses wird dagegen die Geldbuße als Strafe vorgeschrieben, damit der Geschädigte für seinen Schaden Genugtuung erhält und der Schädiger nach Leistung der Geldbuße wieder seinem normalen Leben nachgehen kann.

Allgemeine Schulpflicht kennen wir erst seit dem 18. Jahrhundert. Aber bereits im Jahr 64 nach unserer Zeitrechnung verfügte der Rabbi Ben Gamla eine Schulpflicht für alle Kinder ab dem 7. Lebensjahr. Der Schulbesuch sollte gratis sein, die Kosten sollte die Gemeinde übernehmen. In einer Schulklasse sollten nie mehr als 25 Kinder gleichzeitig unterrichtet werden. Haben unsere Bildungspolitiker vielleicht bei Ben Gamla abgeschrieben?

Nicht nur die Menschen, auch die Tiere wurden rechtlich geschützt. Im 5.Buch Mose, Kapitel 25, Vers 4 wird untersagt, dem Ochsen bei der Arbeit das Maul zuzubinden, und im Talmud wird gelehrt, dass wir zuerst die Haustiere füttern sollen, ehe wir uns selbst zu Tisch setzen.

Die größte gesellschaftliche Revolution der Thora ist die Verkündung des Monotheismus. Die griechischen Götter waren zahlreich, untereinander oft zerstritten und wahrlich keine Vorbilder, denn sie begingen die gleichen Verstöße gegen die Regeln der Sittlichkeit wie die Menschen. Sie waren nach den Menschen gemacht, und der Olymp war kein Paradies. In anderen Gesellschaften war es nicht viel anders. Die Verkündung des einen Gottes in der Thora, der die Menschen gemacht hat in seinem Plan nach seinem Bild, ist die Quelle des Grundsatzes der Gleichheit aller Menschen und der unantastbaren Würde aller Menschen.

Manfred Wolff

12.01.2023

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Fidelio in der Deutschen Oper Berlin

Beethovens Fidelio hat eine gute Tradition als gefeierter Anfang in der Geschichte der Deutschen Oper. 1912 wurde damit das neue Haus eingeweiht, 1945 war es die erste Nachkriegsoper in Berlin im Theater an der Kantstraße und nun 2022 als erste Premiere aus dem erneuerten Orchestergraben, dem Arbeitsplatz von Sir Donald Runnicles seit 13 Jahren, so lange wie vor ihm keiner. Auch diesmal dankte das Publikum mit starkem Applaus, was wohl vor allem der Erlösung nach der langen Pause der Enthaltsamkeit entsprang und zuerst der musikalischen Leistung galt.

Diese Leistung war von unterschiedlicher Qualität. Wie immer von hervorragender Präzision war der Chor der Deutschen Oper unter der Leitung von Jeremy Bines. Auch Albert Pesendorfer als Rocco konnte in allen Phasen stimmlich überzeugen. Sein besonderer Applaus galt aber wohl auch der Spannung zwischen Gehorsam und Moral, in der sich nicht wenige Zuschauer gespiegelt sahen. Die Sopranrollen von Leonore und Marzelline wurden von Ingela Brimberg und Sua Jo gut dargeboten. Der Florestan von Robert Walsen zeigte in den höheren Tönen kleine Schwächen, und Pizarro, gesungen von Jordan Shanahan, litt anscheinend unter Indisposition.

Sir Donald Runnicles führte das Orchester mal mit kraftvollen Partien, dann wieder glatt und geschmeidig, wie zur Darbietung einer Sinfonie, was nicht zur Begleitung der Handlung passte. Stellenweise, gerade in den Duetten übertönte die Musik den Gesang, so dass kaum zu verstehen war, was vorgetragen wurde. Da war es hilfreich, wenigstens die Texte mitlesen zu können.

Aber auch sonst fehlte es an klärenden Worten. David Hermann hat für seine Inszenierung große Teile der Parlandi gestrichen, obwohl die für das Verständnis der Handlung wichtig sind. Er vertraut wohl auf die Bildung des Publikums, das die Handlung sowieso kennt. So verwandelt sich Fidelio in eine Nummernoper – von einer Arie und einem Chor zur nächsten Nummer. Das erspart zeitgenössische und ideologische Überladung der Oper mit politischer Symbolik. Dass Marzelline ihre Hausarbeit beim Leichenwaschen verrichtet, bleibt rätselhaft, und die orangefarbene Hose Roccos: ist sie eine Anspielung auf Guantanamo (wo das allerdings die Kleidung der Gefangenen ist) oder eine Hommage an die BSR? Die nicht sehr einfallsreiche Inszenierung David Hermanns brachte ihm jedenfalls die verdienten Buh-Rufe im Schlussapplaus ein.

Alles in allem ein Abend in der Deutschen Oper, der ihrer Rolle als eines der führenden Häuser in Deutschland nicht gerecht wurde. Ein Meilenstein ihrer Geschichte war das nicht.

Nächste Vorstellungen 3. und 18. Dezember 2022

Deutsche Oper Berlin
Bismarckstraße 35
10627 Berlin

Manfred Wolff

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Wählen, aber wie? Die Rolle der Wahlhelfer

Als alter weißer Mann habe ich ja schon viele Erfahrungen sammeln können, auch zum Thema Wahlen. In drei verschiedenen Bundesländern konnte ich erfahren, was es bedeutet, dass die freien Wahlen das Hochamt jeder Demokratie sind. Alle, denen unsere Demokratie wichtig ist, beteiligten sich daran, nicht nur als Wahlkämpfer oder Wähler, sondern auch als Wahlhelfer, damit dieses Fest gelinge. Das Amt des Wahlvorstands wurde in den einzelnen Wahllokalen von einem Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin der jeweiligen Kommunalverwaltung wahrgenommen, und denen zur Seite standen dann die Wahlhelfer. Die wurden von den im Kommunalparlament vertretenen Parteien der Verwaltung gemeldet. Damit war gewährleistet, dass engagierte und kundige Menschen dieses Ehrenamt ausführten. Nach dem Grundgesetz wirken die Parteien ja herausgehoben an der Verwirklichung unserer demokratischen Gesellschaftsordnung mit. Natürlich gab es auch da ein „Erfrischungsgeld“ – ich habe 20 und 50 DM erlebt.

Ich durfte oft dieses Ehrenamt bekleiden. Da wurde der Wecker am Sonntag auf 5 Uhr gestellt, damit ich um 6 Uhr im Wahllokal war. Mit mir trafen außer dem Vorstand auch noch fünf bis sechs Wahlhelfer ein, die ich aus dem politischen Leben der Gemeinde ja schon gut kannte. Bis 8 Uhr wurden dann gemeinsam die sachlichen Voraussetzungen für eine ordentliche Wahl überprüft: Waren die Wahlkabinen richtig aufgestellt, hatten alle ein Schreibwerkzeug, war die Wahlurne versiegelt geschlossen, zeigte die Beschilderung den Wählern den richtigen Weg zu ihrem Wahllokal? Noch einmal eine kurze Besprechung, wie die einzelnen Aufgaben wahrgenommen werden sollten, und dann konnte um 8 Uhr das Wahllokal für die Wähler geöffnet werden.

Da meist die Wahllokale sich in Schulen befanden, war das erstmal eine recht trockene Angelegenheit, aber wir brachten schon Kaffee und Tee in Thermoskannen und Mineralwasser mit, damit wir uns erfrischen konnten. Zur Mittagszeit kamen dann Familienangehörige zur Wahl und brachten belegte Brote oder warme Würstchen mit. Eine große Ausnahme war das Wahllokal, das im Saal eines Restaurants eingerichtet war. Da mussten die Wähler durch die Gaststätte an der Theke vorbei gehen, und einige kamen dann zur Stimmabgabe mit einem Tablett mit sechs Gläschen Malteser für die Wahlhelfer zur Urne. Hätten wir die getrunken, hätten wir um 11 Uhr das Wahllokal schließen müssen. Wir haben das großzügige Geschenk seitlich abgestellt und den Wählerinnen und Wählern nach der Stimmangabe angeboten. Am Nachmittag kam dann auch noch der Bürgermeister oder seine Vertretung vorbei und überreichte uns in einem Briefumschlag das Erfrischungsgeld.

Die Stimmauszählung nach 18 Uhr ging immer zügig von der Hand. Meist konnten wir um 19 Uhr unser Ergebnis dem Rathaus melden. Da waren ja routinierte Leute am Werk. Nach den abschließenden formalen Arbeiten konnten alle den Heimweg antreten.

Und nun Berlin! Über die verschlampte Wahl 2021 will ich kein Wort verlieren, wohl aber über die Wahlhelfer. Damit das bei den Wiederholungswahlen besser wird, soll nun verstärkt um Wahlhelfer geworben werden. So viele sollen sich dazu melden, dass man vielleicht sogar eine Qualifikationskontrolle bei der Bestellung zum Ehrenamt machen kann. Wie erreicht man das? Indem man Geld in die Hand nimmt. Über ein Erfrischungsgeld von 240 € wird geredet. So hofft man möglichst viele von den Hecken und Zäunen in die Wahllokale locken zu können. Was das dann noch mit einem Ehrenamt zu tun hat, erscheint mir fraglich. Immerhin haben wir dann eine befristete Tätigkeit zu einem Stundenlohn von über 21 € zu vergeben. Hartz4-Bezieher scheiden da nach den bestehenden Regeln schon mal als Bewerber aus. Die 165 €-Grenze wird ja locker überschritten. Wenn das immer noch nicht ausreicht, genügend Meldungen für die Wahlhelferei zu gewinnen, wird ja vielleicht noch was nachgelegt: eine Jahreskarte der VBB, ein Ausweis für kostenloses Parken in der gesamten Stadt, eine Wohnung innerhalb des Sbahnrings? Nach der demokratischen Motivation möglicher Bewerber muss man sowieso nicht fragen.

Ich frage mich, warum überhaupt solche Maßnahmen notwendig sind. Warum melden sich nicht politisch aktive und interessierte Bürger aus den Parteien zu diesem Amt? Oder warum rufen die an der Wahl beteiligten Parteien nicht ihre Mitglieder auf, sich als Wahlhelfer zu melden? Sicher, die Arbeit im Wahllokal ist intellektuell nicht so anregend wie Diskussionen um Straßenumbenennungen und Radwegverpollerungen, und gegendert wird da auch nicht. Und auch das ist ein wichtiger Grund, sich nicht bis 20 Uhr im Wahllokal aufzuhalten: Man kann nicht an den Jubelfeiern bei der Bekanntmachung der Prognosen im Fernsehen teilnehmen. Na dann frohes Feiern!

Manfred Wolff

22.10,2022

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Kunst und Schokolade: Adventskalender von Aljoscha Blau in Kooperation mit Rausch — KUNSTDUNST

Es ist ein Multiple der besonderen Art: über zwei Kilo schwer, mit einem Frontispiz, auf dem exotische Tiere wie ein Chamäleon, ein Tukan, ein Leguan, ein Faultier und ein Lama sowie Bäume mit roten Früchten und roten Blüten ein großes, hell beleuchtetes Gebäude umranken. Unten auf der linken Seite steht ein kleines Mädchen mit einer…

Kunst und Schokolade: Adventskalender von Aljoscha Blau in Kooperation mit Rausch — KUNSTDUNST
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Verdi: Die Sizilianische Vesper. Premiere in der Deutschen Oper Berlin

Foto Markus Lieberenz

Dass Giuseppe Verdis „Les Vêpres Siciliennes“ kein Höhepunkt der laufenden Saison ist, muss man bedauern. Dabei ist der musikalische Aspekt durchaus als gelungen zu bewerten. Deshalb will ich auch nicht mit dem Lob zögern.

Enrique Mazzola kennt das Orchester der Deutschen Oper, und die Musiker kennen seinen Stil. So hat er es geschafft, in dieser Oper, die für die Grand Opera im Paris der 1850er Jahre komponiert wurde, den italienischen Ton zu bewahren und in gelungenen Spannungsbögen die Bühnenhandlung zu begleiten und die Sänger zu führen, ohne die Solisten im Orchesterklang untergehen zu lassen.

Der Chor sang und spielte seinen Part in der gewohnten Präzision. Gerade in den textlich schwierigen Passagen waren die Chorpartien von erfreulicher Klarheit.

Thomas Lehmann gab dem Grafen Montfort mit seinem starken Bariton, der auch noch bestimmenden Charakter zeigte, als er in der Unterhose unter dem Tisch sang, sowohl als der grausame Herrscher als auch als liebender Vater eine überzeugende Figur. Im Schlussapplaus wurde er besonders bedacht, was wohl eher der gebotenen Friedensstiftung und Familienfreude zu danken war.

Sein revolutionärer Gegenspieler Procida wurde von Roberto Tagliavini ohne übertriebene Leidenschaft gesungen. Das durch die Zeitumstände behinderte Liebespaar Herzogin Hélène und Henry, Sohn Montforts, konnte sowohl in den Duetten wie auch in den Solopartien zu überzeugen. Hulkar Sabirova, Koloratursopranistin, wusste sowohl den kämpferischen Aufrufen zum Widerstand wie auch den leisen Tönen der Klage die angemessene Farbe zu geben. Pietro Pretti als Henry steigerte sich im Laufe des Abends und fand seinen Höhepunkt im Vater-Sohn-Duett mit Thomas Lehmann.

Der musikalischen Seite dieses Abends gilt also ein uneingeschränktes Lob. Wer Belcanto liebt, kommt auf seine Kosten, und Verdis Ideenreichtum wurde dem Publikum von Musikern auf der Bühne und im Orchestergraben entfaltet. Nun aber zur Inszenierung.

Wer eine Oper in Szene setzt, hat ein großes Problem, wenn er sich nicht dem Vorwurf eines Plagiats aussetzen will. Fast alle Opern der aktuellen Spielpläne sind schon xmal gespielt worden und ebenso viele Inszenierungsvarianten hat es gegeben. Selbst die Verfechter der Werktreue haben zu dieser Vielfalt beigetragen. Verlässt der Regisseur den vorgegebenen Handlungsrahmen von Ort und Zeit, droht er schnell in Lächerlichkeit oder Peinlichkeit zu stürzen. Letzteres ist Olivier Py mit seiner Bearbeitung widerfahren.

Er hat die sizilianische Vesper nach Algerien verlegt und den algerischen Befreiungskrieg zum bildnerischen Thema gemacht. Der Kampf auf den Barrikaden in der Stadt Algier, das Zerren an den Stacheldrahtverhauen, die Vergewaltigungen tanzender Mädchen, die ein bisschen Schwanensee bieten (sollte das ein Witz sein?), die Erschießungen von Aufständischen, Soldaten, die mit dem Kopf eines Hingerichteten Fußball spielen – das alles sind realistische Zitate aus dem Kriegsgeschehen der 1950er Jahre. Aber als Handlungstapete vor den orchestralen Partien wird der Freiheitskampf von Py auf peinliche Weise missbraucht. So bleibt dem Zuschauer mit zeitgeschichtlichen Kenntnissen ein unangenehmer Geschmack von diesem Opernabend zurück.

Weitere Vorstellungen: 26.03., 31.03., 03.04., 16.04., 19.04., 25.04.

Manfred Wolff

23.03.2022

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Ein paar Worte zum Klima

Das finstere Mittelalter? – Weit gefehlt! Das war eine sonnige Zeit. Auf der nördlichen Halbkugel herrschte ein mildes Klima, die Sonne schien oft, die Winter waren kurz, alles blühte und gedieh. In Basel blühten an Maria Lichtmess (2. Februar) die Obstbäume. Die Ernten der verschiedenen Getreide brachten gute Erträge, Hungersnöte wegen Missernte traten kaum auf. Die gute Ernährungslage führte zu einem starken Bevölkerungswachstum. In den Dörfern und Städten stieg die Bevölkerung sprunghaft an. Das Handwerk wie auch der Handel nahmen zu. Das gute Wetter ermöglichte eine rege Reisetätigkeit für die Händler, was die Hanse zum Motor der Wirtschaft machte. Auch die Politik machte sich das zunutze. Der Kaiser reiste von Pfalz zu Pfalz, um seine Politik in konkretes Handeln umzusetzen. Martin Luther konnte 1511 die beschwerliche Romreise antreten, ohne das Schicksal Ötzis befürchten zu müssen.

Es gab auch im Mittelalter natürliche Schadensereignisse. Die großen Sturmfluten in der Nordsee 1219, 1228 und 1362 forderten 100.000 Tote und verschlangen weite Teile des Festlandes. Die sagenhafte Stadt Rungholt fiel der Groten Mandränke zum Opfer. In den Städten an den Flussufern sind die Markierungen an den Kirchen erhalten, die den Wasserstand bei großen Überschwemmungskatastrophen festhielten. Mehr als mannshoch stand da das Wasser in den Gassen. Aber das waren Ausnahmeereignisse.

In der Mitte des 16. Jahrhunderts änderte sich schlagartig die Klimalage: Die kleine Eiszeit begann. Die Ernten fielen in weiten Teilen Europas ins Wasser. Regen verwandelte die Felder in Sümpfe, das Getreide verhagelte, wegen des nun langen und strengen Winters verkürzte sich die Vegetationsperiode. Hungersnöte traten in vielen Ländern auf, denn das Getreide, aus dem Brei, von dem sich die Mehrzahl der Bevölkerung ernährte, gekocht wurde, war rar und teuer. Die eiskalten Winter bescherten den Leuten zwar auch neue Vergnügungen. Auf den Kanälen Venedigs konnte man Schlittschuh laufen. Nördlich der Alpen wurden die schneereichen Winter mit den zugefrorenen Gewässern zur normalen Lebensform. Die Brueghels haben das in ihren Bildern festgehalten und konnten sich selbst das Leben im Heiligen Land zur Zeit Jesu nicht ohne strenge Winter vorstellen.

Natürlich fragte man sich, wie es zu einem solchen radikalen Klimawandel kommen konnte. Im Vatikan hatte man darauf eine Antwort. Das war alles zwar nicht von Menschen gemacht, aber doch verursacht: Frost und Missernte waren die Strafe Gottes für den Abfall der Protestanten vom rechten Glauben. Wo man sich nicht dem Vatikan anschließen wollte, fand man schnell heraus, dass Hexerei die Ursache für das Unglück sei. Leider trugen die lodernden Scheiterhaufen nicht zu Erwärmung des Klimas bei.

Die kleine Eiszeit dauerte bis ins 19. Jahrhundert an. Soziale Unruhen und vernichtende Kriege begleiteten sie. Die letzte große Hungersnot in den 1780er Jahren bescherte uns mit der französischen Revolution und der Codifizierung der Menschenrechte noch einen Fortschritt im Denken, an dem sich auch heute noch viele schwer tun. Erst im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde es wieder etwas wärmer, und mit neuen Feldfrüchten war die Hungersnot gebannt.

Nun wird es wieder wärmer, nicht so dramatisch ändert sich das Klima wie im 16. Jahrhundert, aber in einer Zeit, in der alles mir peinlicher Genauigkeit gemessen und bewertet wird, doch um ein Zehntelgrad Celsius nach dem anderen in einem willkürlich gewählten Referenzzeitraum. Weil die Leute sich für nichts mehr interessieren als für die Zukunft, fragen sie, wohin das führen kann. Da bietet sich das Bild der Klimakatastrophe als Zukunftsvision an. Nicht mehr der Verlust des Seelenheils wie vor 500 Jahren ängstigt die Menschen, wohl aber der Verlust des gewohnten kommoden Lebens, vielleicht sogar der Untergang der gesamten Menschheit.

Angesichts solcher Gefahren drängt sich die Frage auf, wer wohl der Sünder ist, dem wir das zu verdanken haben. Weil es sich nicht ziemt, in einer demokratischen Gesellschaft einzelne zu diskriminieren, lautet die Antwort „Wir alle!“. Wir genießen es, in kühleren Jahreszeiten in wohl beheizten Räumen zu leben, bewegen uns in Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren durch die Weltgeschichte, oft mehr als notwendig, überlassen die lästigen Arbeiten des Alltags maschinellen Sklaven, die ihre Kraft aus der Elektrizität beziehen, die auch durch Wärmeprozesse erzeugt wird. Das alles soll ein Ende haben. Sogar unsere Essgewohnheiten sollen wir ändern und zur Breikost zurückkehren, weil Fleisch ja von klimaschädlichen Tieren erzeugt wird.

Noch sind wir vom Klima des Mittelalters ziemlich weit entfernt. Die Obstbäume blühen immer noch erst im April und Mai. Warum machen wir uns dann so ein pessimistisches Zukunftsbild? Wäre es denn so schrecklich, wenn Grönland seinen Namen wieder zu Recht trüge? Können wir nicht den Traum von White Christmas in die Mottenkiste packen und Weihnachten in Bikini und Badehose feiern? Wären Ferienreisen auf die Lofoten oder nach Spitzbergen nicht ebenso reizvoll wie die nach Malle oder die Seychellen? Vertrauen wir doch darauf, dass den Menschen der Zukunft etwas einfällt, wie wir mit der Wärme ebenso gut umgehen können wie jetzt mit der Kälte. Das menschliche Gehirn ist eher geeignet, uns eine lebenswerte Zukunft zu gestalten, als die Waden der Radfahrer.

Manfred Wolff

21.01.2022

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