Sie haben also auch Zugang zum Internet. Sie sehen da nach dem Wetter, blättern durch Zeitungen weltweit, schreiben Mails an Freunde und Bekannte, nutzen es als Telefon, surfen durch die Social Media, schauen in die Mediatheken der Rundfunkanstalten, kaufen darin ein, geben auch ihre Meinungen zu allen möglichen Fragen dieser Welt weltweit bekannt, nutzen das alles womöglich auch beruflich. Sie sind ein Informationsmogul, aber auch nur einer von 4,8 Milliarden anderen Internetnutzern, mehr als der Hälfte der Menschheit.
Im Internet können wir viel lernen. Was wir nicht wissen, können wir ergoogeln, wir müssen nur die Frage stellen. Wir lernen Menschen kennen, die uns sonst nie über den Weg gelaufen wären, erfahren von ihren Gedanken, Plänen, Leistungen. Manche werden zu Freunden, obwohl wir von ihnen nicht wirklich mehr wissen als eine gelungene Kombination der Ziffern 0 und 1. In den Social Media zeigen sie uns Bilder ihrer glücklichen Familien, teilen uns Reiseerinnerungen mit und stellen uns ihre süßen Kätzchen vor. Das sind alles nur liebe Menschen.
Aber bei 4,8 Milliarden Menschen muss es doch auch viele Böse geben. Wo sind die? Es gibt sie tatsächlich. Sie posten schreckliche und abscheuliche Dinge ins Internet: Kindesmissbrauch, Vergewaltigungen, blutige Leichen, Terroranschläge, Enthauptungen, Suizide. Dass uns solche Anblicke ebenso erspart bleiben wie unmenschliche Hasstiraden und rassistische Beleidigungen, verdanken wir einem Personenkreis, der in den Social Media anonym bleibt – den Content Moderatoren.
Diese Leute überwachen 24 Stunden täglich alle Beiträge im Internet mit dem Auftrag, solche sofort zu löschen, wenn sie gegen Anstand und gute Sitten verstoßen. Große Anbieter wie META, aber auch kleine regionale Chatseiten unterhalten so einen Moderationsdienst. Es sind die schlimmsten Jobs, die man sich vorstellen kann, immer wieder die ekligsten und bösesten Bilder sehen zu müssen, schlecht bezahlt sind sie überdies. Weltweit sollen über 100.000 Menschen die Räume von META, TikTok und Konsorten sauber halten. Die meisten von ihnen sind in den Ländern der Dritten Welt rekrutiert, doch auch in Deutschland gibt es Unternehmen mit diesem düsteren Geschäft.
Die Moderatoren bringen nicht nur ein mageres Einkommen aus dieser Tätigkeit nach Hause, Mindestlöhne werden gern unter boten, sie tragen auch schwerwiegende psychische Schäden davon. Depressionen, Schlafstörungen, suizidale Tendenzen sind an der Tagesordnung. Ihre Arbeitgeber schert das nichts. Versuche, dagegen mit der Bildung von Gewerkschaften und Betriebsräten vorzugehen, wurden zum Beispiel in Kenia mit der Massenentlassung der Aktivisten beantwortet.
In Deutschland bemüht sich Verdi um die Bildung von Betriebsräten in der Moderatorenbranche, bei TikTok bereits mit Erfolg. Die Essener Firma Telus hat darauf mit der Entlassung gedroht.
Denken wir also bitte beim nächsten Surfen im Internet und den Social Media an diese Putzkräfte der Menschlichkeit und danken ihnen für ihre Arbeit.
Manfred Wolff







