Ein Weihnachtsmärchen: Anette bei der Eiskönigin

Weil es zur Jahreszeit passt, nun einmal ein Weihnachtsmärchen:

Anette bei der Eiskönigin

Weihnachten war nun schon ein paar Wochen vorbei, aber Anette musste noch immer daran denken. Der Tannenbaum in der guten Stube hatte so gut geduftet, war so bunt behängt mit ganz vielen Kugeln in allen Farben, und in denen spiegelten sich die Kerzen, die das ganze Zimmer in ein wunderbares Licht tauchten. 16 Kerzen waren es, Anette hatte sie immer wieder gezählt, denn so weit konnte sie schon zählen.

Sie hatte mit der Mutter am Tannenbaum gesessen, nachdem das Christkind mit dem Schmücken fertig war und sie endlich auch in das Weihnachtszimmer durfte, wo die Mutter dem Christkind schon tüchtig zur Hand gegangen war. Sie hatten gemeinsam die schönen Lieder gesungen, die sie in der Vorweihnachtszeit am Adventskranz geübt hatten, und Anette wiederholte immer wieder das Gedicht, das sie für den Weihnachtsmann auswendig gelernt hatte.

Und dann kam der Weihnachtsmann! Er war soo lieb zu Anette, und sie war richtig traurig, als er sich wieder verabschiedete, weil er ja noch andere Kinder besuchen musste. Am liebsten hätte sie es gehabt, wenn er einfach dageblieben wäre, denn sie war richtig in den Weihnachtsmann verliebt und hätte nur zu gern von ihm ihre Gutenachtgeschichte gehört und wäre auch nur zu gern am nächsten Morgen von ihm geweckt worden.

Dass an Weihnachten gar kein Schnee lag, wie das immer in den Bilderbüchern zu sehen war, hatte sie nicht gestört, doch als dann im neuen Jahr doch noch eines Morgens die ganze Welt unter einer dicken weißen Decke lag, die gerade so aussah wie Anettes Bettdecke und aus der die grünen Buchsbaumsträucher im Garten herausschauten wie der Teddybär aus ihrem Bettchen, da freute sich Anette doch mächtig. Nun konnte sie wieder Schlitten fahren, einen Schneemann bauen mit einer roten Mohrrübennase, und alles war wie in den Bilderbüchern mit den Weihnachtsgeschichten. Nur der Weihnachtsmann würde wohl nicht mehr kommen.

 

Bitterkalt war es auch geworden. Am Morgen war das Fenster im Schlafzimmer mit dicken Eisblumen bedeckt. Da erhoben sich Zweige mit feinen Blättern, Blütenrispen stachen aus dem Blätterwald hervor, weiße Gräser wogten, und kleine silberne Wölkchen schwebten darüber hin. Was sich wohl hinter diesem Urwald verbirgt, fragte sich Anette, als sie mit verschlafenen Augen das Wunder betrachtete. Vielleicht könnte sie es ja besser erkennen, wenn sie die Augen zukniff … Bewegte sich da nicht etwas?

Eine Hand schlug die Zweige auseinander, und eine wunderschöne Frau lächelte ihr zu. Sie war fast so schön wie Mama. Und während Anette sich noch fragte, ob sie die Frau kannte, rief die ihr zu: „Hallo, Anette. Schön, dass du zu mir kommen willst.“ Eigentlich wollte sie doch gar nicht irgendwohin gehen, und eigentlich durfte sie auch nicht mit anderen Leuten mitgehen, aber sie war doch neugierig. „Na gut. Ich komme mal. Aber zum Frühstück muss ich wieder hier sein, sonst wird Mama böse. Wer bist du denn?“

„Du kennst mich nicht?“ antwortete die Frau, „ich bin die Eiskönigin und möchte dir meinen Palast zeigen.“ Mit diesen Worten nahm sie Anette bei der Hand und führte sie durch den Eisblumendschungel. Der Weg war spiegelblank und eisglatt, und Anette schlitterte ausgelassen neben der Eiskönigin her. „Das ist toll! Bei uns auf der Straße streuen sie immer gleich, wenn  es mal schön glatt ist.“ – „Ja, so sind die Menschen: wenn sie jung sind, schlittern sie. Die Alten streuen Sand und Asche. Das ist bei mir streng verboten.“

Und dann standen sie vor dem Palast. Silbern erhob er sich fast bis in den Himmel. Mächtige Säulen aus Eiszapfen schmückten das Portal, aus den Fenstern strahlte ein geheimnisvolles bläuliches Licht, und die Dächer waren dick mit Schnee bedeckt. Das große Tor öffnete sich von allein. Sie traten ein und standen in einem großen Saal, von dem nach allen Seiten weite Flure abgingen. Alle Wände waren aus großen Eiswürfeln gebaut und mit einer glitzernden Tapete von Raureif verkleidet. Ein eisiger Hauch zog durch den Saal. Es war ganz still, so dass die Worte der Eiskönigin, die doch ganz leise mit Anette sprach, lange nachhallten: „Das also ist mein Reich. Sieh dich um, schau dir alles genau an. Wenn es dir gefällt, kannst du alles haben und meine Eisprinzessin werden.“

Das wollte Anette wohl gefallen: tagaus tagein schlittern, vielleicht sogar auf richtigen Schlittschuhen wie die Eisprinzessinnen im Fernsehen mit ihren schönen bunten Kleidchen. „Was ist das dort drüben?“ fragte sie die Eiskönigin und zeigte auf einen großen Saal, aus dem fortwährend große bunte Kugeln hervorrollten, gelbe, rosa, braune, grüne. „Das ist meine Eisdiele. Dort wohnen die drei Eisheiligen – Langnese, Schoeller und Dr.Oetker. Das ganze Jahr machen sie Vanilleeis, Schokoladeneis, Pistazieneis, Himbeereis. Das essen hier alle am liebsten. Das ganze Jahr. Von früh bis spät.“ Und wie zur Bestätigung sang die Eiskönigin dazu „Himbeereis zum Frühstück …“ – „Darf ich auch davon essen?“ – „Aber sicher doch! Iss soviel du magst.“ Das musste sie Anette nicht zweimal sagen. Genüsslich schleckerte sie von allem und nahm sich auch noch ein großes Eis am Stiel mit auf den weiteren Weg.

In einer Ecke standen ein paar Mädchen zusammen. Sie trugen kurze Kleidchen wie Eisprinzessinnen, aber die waren schon recht alt und verschlissen, und die Mädchen sagten immerzu „Autsch!“. „Was machen die?“ wollte Anette wissen. „Das sind Mädchen, die die Prüfung zur Eisprinzessin nicht bestanden haben. Jetzt drücken sie sich gegenseitig Eispickel aus.“ Das gefiel Anette gar nicht.

Auf einmal hüpfte ein kleines rotes Männchen vor ihnen über das spiegelglatte Eis und schlug Purzelbäume und machte die komischsten Kapriolen. „Du bist aber lustig,“ lachte Anette, „wer bist du denn?“ – „Ich bin der Eisprung,“ kicherte das rote Männchen. Aber schon im nächsten Moment zischte es die Eiskönigin an: „Hau ab! Hier ist nicht dein Platz, du gehörst in das Märchen von Knaus und Ogino!“ und mit einem scharfen Eissturmhauch pustete sie den kleinen Kerl aus dem Weg und weiter aus einem der offenstehenden Fenster.

„Und dies ist mein ganzer Stolz und mein liebstes Spielzeug“, erklärte die Eiskönigin, als sie Anette durch eine schmale Tür schob. Vor ihnen lag ein großes Eisstadion, und die Eiskönigin forderte Anette auf, in der  großen VIP-Loge Platz zu nehmen, wo ihnen auch gleich zwei Pinguine einen Eisshake servierten.

 

„Am Abend tanzen hier immer meine Eisprinzessinnen zur Musik von Kurt Eisler. Aber noch besser sind die Eishockeyspiele. Die Mannschaft mit meinem Bild auf dem Trikot spielt wunderbar und gewinnt immer, egal wie sehr sich die anderen auch anstrengen. Sie sind wahre Meister und ich schenke ihnen nach jedem Spiel einen großen Pokal aus silbrigem Eis.“ Das fand Anette nun sehr ungerecht, und sie beschloss, der anderen Mannschaft, die einen bunten Indianerkopf auf dem Trikot hatte, künftig immer fest den Daumen zu drücken. Vielleicht würden sie ja dann auch wenigstens einmal gewinnen … Sonst ging es wie bei einem richtigen Eishockeyspiel zu. Auf den Tribünen saßen die Eisbären und pfiffen und grölten, und wenn sie unzufrieden waren, warfen sie Eisbomben auf die Eisfläche.

Aus einer Nische des großen Saals stiegen große Dampfwolken auf. Davor saßen drei Männer an einem Tisch mit Messer und Gabel in der Hand. „Das,“ machte die Eiskönigin Anette auf die drei aufmerksam, “ sind drei Männer aus Eisleben. Sie wollen Polarforscher werden, deshalb habe ich sie zu mir eingeladen, damit sie schon mal mit dem Forschen anfangen können, indem sie tagaus tagein Eisbein essen.“

Je weiter sie kamen, desto seltsamere Leute trafen sie. Da gingen welche mit einem Eisbeutel auf dem Kopf herum, in einem Liegestuhl lag eine Frau, in eine Eisdecke gehüllt, und da drüben tanzte doch tatsächlich ein Esel auf dem Eis.

Als Anette und die Eiskönigin auf eine Terrasse hinaustraten, tat sich vor ihnen der Blick in eine weite weiße Landschaft auf. Hohe Eisberge begrenzten am Horizont ein weites Tal, das bis ans Eismeer reichte. An dessen Ufer saß vor einem Eisloch ein Mann, der Eisschollen angelte. Eisvögel flatterten hin und her, und auf den Blüten eines Eisbegonienfeldes saßen Eisfalter, die eisigen Nektar sogen.

„Na, gefällt dir das alles?“ fragte die Eiskönigin.

„Ja, es ist alles wunderschön und sehr lustig,“ antwortete Anette, „aber ich bin schon ganz durchgefroren. Und Bauchschmerzen habe ich auch von dem vielen Schokoladeneis. Und ich muss wieder nach Hause, damit Mama nicht merkt, dass ich heimlich weggelaufen bin.“

„Nach Hause?“ Die Eiskönigin war empört. „Das könnte dir so passen. Da würdest du dann allen erzählen, was du hier gesehen hast, und mein schönes Eiskönigreich würde von neugierigen Besuchern überlaufen. Nein, das schlag dir mal aus dem Kopf. Du bleibst jetzt für immer hier. Am Nachmittag beginnt für dich die Eisprinzessinnenschule.“

So hatte sich Anette das aber nicht gedacht. Wie sollte sie aber wieder hier herauskommen? Sie kannte die Wege nicht, alles sah gleich eisgrau und eisblau aus. Oh weh! Gegen diese mächtige Eiskönigin konnte ihr nur einer helfen: der Weihnachtsmann. Der wohnt doch am Nordpol, und das kann gar nicht so weit von hier sein, schloss sie messerscharf. Wenn sie den riefe, würde er es sicher hören und ihr zur Hilfe kommen.

„Weeeiiiihnachtsmaaaaaaaaan!“ rief sie ganz laut, „hiiilf miiiir! bring mich nach Haauuuuseee!“

„Der alte Mann wird dir nicht helfen,“ sagte die Eiskönigin schnippisch, „der verpennt doch das ganze Jahr oder bastelt in seiner Werkstatt an Puppenstuben und Feuerwehrautos.“

Da hatte sich die Eiskönigin aber geirrt! Schon hörte man von fern ein leises Glöckchenläuten, das immer näher kam. Schon konnte  man den Schlitten mit den Rentieren davor erkennen (der Weihnachtsmann hatte nämlich doppelt gespannt, weil es schnell gehen musste!), und als er bei Anette ankam, zog der Weihnachtsmann sie in seinen Schlitten und unter das dicke Eisbärenfell, das er sich über die Knie gelegt hatte. Er rief Hüh!, die Rentiere rannten los, der Schlitten hob sich in die Lüfte.

„Hierbleiben! Hierbleiben!“ schrie die Eiskönigin, aber das war bald gar nicht mehr zu hören.

„Anettchen, Anettchen,“ brummelte der Weihnachtsmann, „du bist so ein liebes Mädchen. Aber immer wieder machst du Kapriolen, ich muss sehr auf dich aufpassen.“ Und weil er wusste, dass sich die Menschen kaum ändern, fügte er hinzu: „Ich glaube, dein ganzes Leben muss ich um dich sein und auf dich aufpassen…“

Zuhause angekommen legte er Anette, die unter dem warmen Eisbärenfell gleich eingeschlafen war, in ihr Bettchen. Als er sie gut zudecken wollte, kam aber schon die Mama herein, um Anette zu wecken. Da verschwand der Weihnachtsmann ganz schnell wieder, um Anette nicht zu verraten oder sogar peinliche Fragen beantworten zu müssen, warum er mitten im Januar da war und wo er herkam.

So musste sich Anettes Mama einen Reim darauf machen, was sie sah. „Du hast dich ja wieder ganz bloß gestrampelt und bist jetzt durchgefroren,“ sagte sie zu Anette, die sich die Augen rieb. „Du wirst dich noch richtig erkälten. Wir haben Frost. Sieh mal die schönen Eisblumen am Fenster.“ – „Wenn die wüsste …“ dachte Anette, „wenn die wüsste…“ und dabei lief es ihr richtig kalt über den Rücken.

Text © Manfred Wolff

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Gedanken zum Mitgliederentscheid der SPD

Der Mitgliederentscheid über den künftigen Parteivorsitz der SPD ist gelaufen. Die einen hat das Ergebnis erfreut, die anderen hat es enttäuscht. Nun beginnt die Diskussion oder vielleicht besser der Streit darum, welche Konsequenzen man aus den 53 oder 45 Prozent ziehen kann. Das ist nur vordergründig ein Streit um die politischen Ziele. Viel wichtiger ist den streitenden Akteuren, wer welche Posten einnehmen wird, welche Folgen sich daraus für die Listenplätze der nächsten Wahlen ergeben. An diesem Streit sind die Mitglieder nicht mehr beteiligt.

Bei der Wertung der Prozentzahlen des Mitgliederentscheids wird eine Zahl geflissentlich, vielleicht sogar verschämt verschwiegen: 46 Prozent der Mitglieder haben sich an dieser Wahl nicht beteiligt. Da muten im Vergleich die 27 Prozent des gewählten Teams sehr bescheiden aus. Aber man hatte ja von Anfang an die Erwartungen an die Mitglieder sehr niedrig eingeschätzt, als ein Gültigkeitsquorum von 20 Prozent vorgegeben wurde.

Was ist der Grund dafür, dass so viele Parteimitglieder nicht für die einen oder anderen votiert haben? An der Kompliziertheit des Verfahrens kann es nicht gelegen haben. Wenigstens die Nutzer eines PC mit Internetzugang brauchten nur drei Klicks, um sich zu beteiligen. Die Stimmzettel erhielt man leicht aus dem Willy-Brandt-Haus. Warum ist es so vielen Mitgliedern egal, wohin sich die Partei bewegt? Sind es Karteileichen, wie Generalsekretär Klingbeil sie nannte? Ein böses Wort für Genossen, die schon seit zig Jahren treue Mitglieder sind. Sind das Kandidaten für eine Streichung aus der Mitgliederliste der Zukunft?

Das mangelhafte Interesse der Mitglieder sieht man auch in den Ortsvereinen, in Berlin Abteilungen. Nur 10 bis 15 Prozent der Mitglieder erscheinen zu den Versammlungen. In den 1950er und 1960er Jahren waren 70 bis 80 Prozent die Regel. Wer nicht kam, war entweder krank oder hatte Nachtschicht. Diese goldenen Zahlen begannen zu schrumpfen mit dem ersten Schritt zur Modernisierung der Partei. Die Funktion der Unterkassierer wurde abgeschafft, die Beiträge wurden vom Girokonto abgebucht. Die Mitglieder wurden nur noch einmal im Quartal durch ihren Kontoauszug daran erinnert, dass sie Sozialdemokraten waren. Dieser Erosionsprozess wurde durch das Internet beschleunigt. Die moderne Partei kommuniziert mit modernen Medien und Mitteln.

Man vergisst, dass Politik noch vor allen gut gemeinten Zielen und Parolen vor allem eine Frage des Vertrauens ist. Vertrauen gewinnt man aber nicht durch Klicks, Likes und Followers in den sogenannten sozialen Medien. Dazu bedarf es des offenen Gesprächs auf Augenhöhe. Wenn die SPD nun eine Doppelspitze bekommt, genügt es doch, wenn einer sich um Koalition, Regierung und Fraktion in Berlin kümmert; die zweite Person sollte alle Kraft darauf verwenden, die verbliebenen Mitglieder zu aktivieren. Das muss mit den Ortsvereinen beginnen. Wenn dort wieder das Vertrauen gepflegt wird, wird das in Familie, Bekanntenkreis, Nachbarschaft und Arbeitswelt ausstrahlen. Mitglieder dürfen nicht nur Nummern sein, deren Beiträge regelmäßig fließen. Sie sind Menschen, die mit ihrem Menschsein für eine soziale und demokratische Politik stehen.

Manfred Wolff
2.12.2019

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Premiere von „Heart Chamber“ von Chaya Czernowin

Die Deutsche Oper Berlin setzt mit „Heart Chamber“ von Chaya Czernowin die Reihe ihrer Welturaufführungen moderner Opern erfolgreich fort. Nach Aribert Reimanns „L’Invisible“ und Detlef Glanerts „Oceane“ ist das nun in relativ kurzer Zeit schon der dritte mutige Schritt der Intendantur. Beachtenswert ist auch, dass diese modernen Stücke nicht auf eine experimentelle Nebenbühne verbannt werden, wie das andernorts oft geschieht, sondern sich im Großen Haus auf großer Bühne entfalten können.

„Heart Chamber“ ist eine Oper, zu der die Deutsche Oper den Auftrag gab. Partitur und Libretto sind von Chaya Czernowin. Thema ist die Liebe. Was jedoch im herkömmlichen Opernbetrieb von bezaubernden Sopranen und heldenhaften Tenören mal mit glücklichem, mal mit tragischem Ende ausgehandelt wird, obliegt hier zwei namenlosen Personen, „Sie“ und „Er“. Als sie sich eingangs auf einer Treppe im Zeitlupentempo begegnen, entgleitet „Ihr“ ein Honigglas, das „Er“ aufhebt und „Ihr“ gibt. Die dabei stattfindende Berührung ist der Ausgangspunkt der Liebesgeschichte, die nun in Texten voller Zweifel entwickelt wird. Dazu stehen den beiden Zweitstimmen zur Verfügung, die gedankliche und gefühlte Alternativen vortragen. Was da gesungen und gesagt wird, ist allerdings kein Diskurs zum Thema Liebe, sondern eher die Wiedergabe einer psychologischen Analyse, eine Psychologie für Arme. Im Programmheft kann man alles auf sieben Seiten nachlesen. Wenn „Sie“ sich am Ende zu einem „I love you“ durchringt, löst das doch nicht die vorausgegangenen Konflikte, ist ja vielleicht auch nicht an „Ihn“ gerichtet, sondern an Chaya Czernowins Ehemann, dem die Oper gewidmet ist.

Musikalisch beginnt die Oper mit einem sechsminütigen Solo des Kontrabassisten Uli Fussenegger, der seinem Instrument Töne entlockt, die man wohl vorher noch nicht geahnt hat, ein aufregendes Hörerlebnis. Dabei wird es wie auch später die Sänger und andere Instrumentalisten durch die Elektroniker des SWR Experimental Studio unterstützt. Eine beachtliche Leistung erbrachte am Pult Johannes Kalitzke, der ja nicht nur den Orchestergraben und die Bühne, sondern auch die zum Teil in seinem Rücken posierten Künstler zu führen hatte. Das Orchester hatte allerdings angesichts der zahlreichen anderen Klangquellen nur wenig zu tun, absolvierte seine Einsätze aber stilgerecht. Die „Sie“ singt Patrizia Ciofi diszipliniert und gekonnt, während „Er“ Dietrich Henschel seinen Bariton eher nachlässig durch die Szenen führt. Noa Frenkel und Terry Wey geben als Zweite Stimmen den Dialogen erfrischende Farbe.

Claus Guth führt die Personen im Bühnenbild Christian Schmidts vor dem Nichts ebenso gekonnt wie in den Räumlichkeiten eines weißen Treppenaufgangs. Dort werden die Gefühle des Paars durch angedeutete Szenen (Liebespaar beim Picknick, Paar mit Baby) illustriert, ebenso erklären Videos aus der Privatwohnung des Paares, die Einsamkeit in der Großstadt (Wilmersdorfer Straße, gleich um die Ecke) die seelische Ausgangslage. Die Statisterie gibt den Bildern auf der Bühne Leben.

Das Publikum bedankte sich für den neunzigminütigen Opernabend mit anhaltendem Beifall, wofür wohl vor allem die Fangruppen sorgten, die auch bei der anschließenden Premierenfeier den Applauston angaben.

Manfred Wolff

 

Deutsche Oper Berlin
Bismarckstraße 35
10627 Berlin

Weitere Aufführungen am 21., 26. und 30. 11. 2019 sowie am 6. 12. 2019, jeweils um 19.30 Uhr

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Pommern in der Akademie der Künste

Die preußische Provinz Pommern war und ist für die meisten Betrachter vor allem eine landwirtschaftliche Region. Dort waren die preußischen Junker zuhause, und unter dem pommerschen Himmel blühten nicht die Künste und Wissenschaften. Dafür wuchsen in der Erde die Kartoffeln, denen im heutigen Biesiekierz sogar ein Denkmal gewidmet ist. Bei dieser einseitigen Betrachtungsweise gerieten die Künstlerinnen und Künstler, die zu den Pommern zählen, leicht in Vergessenheit.

Die Wahl in die Akademie der Künste war und ist der Ritterschlag für Kulturschaffende. 38 Persönlichkeiten aus Pommern wurde diese Ehre zuteil. Es sind bildende Künstler, Schriftsteller, Musiker und Kulturwissenschaftler, die in die Akademie berufen wurden. Es wäre ein großes Verdienst der Museen in Greifswald und Stettin, diese Persönlichkeiten mit einer Ausstellung zu würdigen und die zu ehren, die ihren Beitrag zur mitteleuropäischen Kultur geleistet haben.

Diese Pommern wurden Mitglieder der Akademie der Künste:

Ordentliche Mitglieder Bildende Kunst  1696 -1871

Busse, Carl Ferdinand * 1802 in Gut Prillwitz bei Stargard , Architekt

Friedrich, Caspar David * 1776 Greifswald , Landschaftsmaler

Hesse, Ferdinand Ludwig *1795 Belgard, Architekt

Hildebrandt, Ferdinand Theodor * 1804 Stettin, Geschichtsmaler

Kiss, August Carl Eduard * 1802 Papprotzau, Modelleur ???

Krüger, Franz * 1797 Radegast, Maler

Krüger, Johan Conrad *1733 Stettin, Porträtmaler, Kupferstecher

Kugler, Franz * 1808 Stettin, Kunsthistoriker

Meyerotto, Johann Heinrich Ludwig * 1742 Stargard, Assessor des Senats

Mönnich, Bernhard Friedrich *1741 Rügen, Mitglied des Senats

Schulz, Carl Friedrich * 1796 Selchow, Maler

Wiebeking, Carl Friedrich von *1762 Wollin, Architekt

Ordentliche Mitglieder Musik  1696 – 1871Carl Gottfried Loewe,

Loewe, Johann Carl Gottfried, *1796 in Löbejün, Musikdirektor in Stettin

Auswärtige Mitglieder Bildende Kunst 1696 – 1871

Kalckreuth, Stanislaus Graf von, * 1821 Kozmin, Landschaftsmaler

Ehrenmitglieder Bildende Kunst

Ewald Friedrich Graf von Herzberg, * 1725 Lottin, Staatsminister

Wilhelm Heinrich Karl Ferdinand Graf von Lepell, *1755 Nassenheide/Rzedziny, Kunstsammler

Jakob Andreas Konrad Levezow, *1770 Stettin, Archäologe

Wilhelm G. von Vangerow, *1745 Stettin, Regierungspräsident in Magdeburg

Ordentliche Mitglieder Bildende Kunst 1871 – 1918

Ferdinand Ludwig Hesse, *1795 Belgard, Architekt

Ferdinand Theodor Hildebrandt, *1804 Stettin, Geschichtsmaler

Johann Eduard Jacobsthal, *1839 Stargard, Architekt

Gerhard Janensch, *1860 Zamborst bei Neustettin, Bildhauer

Otto von Kameke, *1826 Stolpe, Landschaftsmaler

Ludwig Manzel, *1858 Kagendorf, Bildhauer

Ordentliche Mitglieder Musik 1871 – 1918

Taubert, Ernst Eduard, *1838, Regenwalde/Resko, Komponist

Ordentliche Mitglieder Literatur 1918 -1933

Alfred Döblin, *1878 Stettin, Schriftsteller

Ordentliche Mitglieder Bildende Kunst 1950 – 1993

Woyski, Jürgen von, *1929 Stolp, Bildhauer, Maler, Grafiker

Ordentliche Mitglieder Berlin West, Bildende Kunst 1954 – 1993

Bernhard Heiliger, * 1915 Stettin, Bildhauer

Heinrich Graf von Luckner, * 1891 Kolberg, Maler

Ordentliche Mitglieder Berlin West, Literatur 1954 – 1993

Uwe Johnson, *1934 Cammin, Schriftsteller

Wolfgang Koeppen, *1906 Greifswald, Schriftsteller

Hans Werner Richter, *1908 Bansin Usedom, Schriftsteller

Ordentliche Mitglieder Berlin West, Darstellende Künste 1954 – 1993

Gisela Stein, *1934 Swinemünde, Schauspielerin

Ordentliche Mitglieder Berlin West,Film und Medienkunst, 1954 – 1993

Benno Meyer-Wehlack, * 1928 Stettin, Hörspielautor

Ordentliche Mitglieder Bildende Kunst, seit 1993

Eberhard Blum, *1940 Stettin, Bildender Künstler, Musiker

Ordentliche Mitglieder Baukunst, seit 1993

Helmut C. Schulitz, *1936 Bublitz, Architekt

Ordentliche Mitglieder Literatur, seit 1993

Wolfgang Koeppen, *1906 Greifswald, Schriftsteller

 

Ordentliche Mitglieder Darstellende Kunst, seit 1993

Adolf Dresen, *1935 Eggesin, Regisseur

 

 

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La forza del destino in der Deutschen Oper Berlin

Foto: Thomas Aurin

Erste Premiere der neuen Spielzeit, noch dazu Verdis La forza del destino – da erwartet der Besucher der Deutschen Oper zu recht etwas Besonderes mit neuen Eindrücken und musikalischen Leckerbissen. Die Handlung der Oper gibt dem Komponisten reichlichen Raum, sich an neuen Elementen zu versuchen, sein Blick auf das Wagnerische Musiktheater ist unübersehbar. Immer wieder macht das Schicksal den handelnden Personen einen Strich durch die Rechnung, sodass ein Leitmotiv den Strang der Ereignisse zusammenhält. Das Orchester der Deutschen Oper unter Leitung des eingesprungenen Jordi Bernacer meistert seine Aufgabe solide vom ersten Fanfarenstoß bis zum abschließenden melancholischen Tutti der Streicher, fasst die dramatischen Höhepunkte ebenso sicher wie die folkloristischen Elemente der Massenszenen.

Auch die Solisten wurden von Verdi nicht überfordert, hielten sich aber mit ihren schauspielerischen Leistungen zurück. Folgten sie damit einer Weisung der Inszenierung? Lediglich Agunda Kulaeva als die Zigeunerin Preziosilla und Misha Kiria als Fra Melitone sangen ihre Rollen nicht nur, sondern spielten sie auch, wie man es von einem Mezzosopran und einem Bariton erwarten darf. Maria José Siri sang die Leonora einfühlsam, strahlte aber wenig von den Gefühlen aus, die sie plagen. Russell Thomas als Alvaro wiederum überspielte die Emotionen mit einer hohen Lautstärke, wovon Markus Brück als Don Carlo erfreulich abstach, was die Echtheit seiner Gefühle spüren ließ.

Foto: Thomas Aurin

Der Chor der Deutschen Oper unter Leitung von Jeremy Bines absolvierte seine Auftritte mit gewohnter Präzision und entfaltete in den Massenszenen unterhaltsame schauspielerische Fähigkeiten, wurde dabei von der bewährten Statisterie unterstützt.

Soweit das Personal auf der Bühne und im Graben. Nun ist es an der Zeit, über den vermeintlichen Star des Abends zu sprechen.

Frank Castorf die Inszenierung von La forza del destino in die Hände zu geben, war die kleine Attraktion dieser Premiere. Seine Bewunderer hatten ihn seit seinem Abgang von der Volksbühne schon lange auf einer Berliner Bühne vermisst, die übrigen Opernfreunde waren gespannt, wie ihm der Weg vom Rosa-Luxemburg-Platz zur Bismarckstraße gelingen werde. Die Bewunderer wurden nicht enttäuscht. Der „Meister der Drehbühne“ wartete mit all jenen Zutaten auf, die von der Volksbühne bestens vertraut waren. Die Handlung wurde vom italienischen Unabhängigkeitskrieg des 19. Jahrhunderts um 80 Jahre ins nächste Jahrhundert verschoben, um den Antifa-Bemühungen Raum zu geben. Dazu musste dann gleich im 1. Akt der uralte Witz vom menschlichen Glasauge herhalten. Immer wieder wurden Texte und Videos, die nicht zur Handlung passten, ins Bühnenbild eingeblendet, wo sie für Ablenkung vom Operngeschehen sorgten. Kameramänner liefen auf der Bühne herum, und ihre Videoaufzeichnungen wurden dem Publikum auf Leinwänden präsentiert. Oh wie fortschrittlich! Natürlich floss auch wieder jede Menge Theaterblut, die Leute sollen doch sehen, wie schrecklich der Krieg ist.

Um auch noch das antikolonialistische Banner schwenken zu können, besann sich Castorf auf die Mestizen-Eigenschaft Alvaros und ließ einen „Indio“ – Ronni Maciel – immer mal wieder im Palettentanga durch das Bühnenbild geistern. Mit dem nahm dann im 4. Akt auch der ungewollte (?) kleine Theaterskandal seinen Anfang. Als der „Indio“ die Musik unterbrach und aus Heiner Müllers „Auftrag“ rezitierte, kam erste Unruhe im Publikum auf. Damit war Castorfs Bedürfnis, das Libretto zu vervollkommnen noch nicht erfüllt. Er ließ Marko Mimica und Amber Fasquelle Partien aus „Die Haut“ von Curzio Malaparte auf Englisch (Oh Jimmy!) vortragen. Warum das, wo doch beide Texte im Programmheft abgedruckt sind? Jedenfalls kam es zu einem kleinen Aufstand im Publikum, Buhrufe, Verbalinjurien flogen durch das Theater, die Vorstellung war für einige Minuten unterbrochen.

Beim Schlussapplaus erhielten alle künstlerischen Mitwirkenden ihren verdienten Beifall. Als Frank Castorf auch noch die Bühne betrat, schwoll der Chor der Buhrufe wieder an, was er mit Kusshändchen quittierte. So hatte auch er sein Skandälchen. Für die Deutsche Oper war das auch was Besonderes, das sie nicht alle Tage erlebt.

Weitere Vorstellungen: 14.09., 18.09., 21. 09., 24. 09., 28. 09., jeweils um 19 Uhr

Manfred Wolff

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Eine Reise nach Rom

Wenn man sich im letzten Quartal des irdischen Lebens bewegt, beleben nicht nur die kleinen Freuden des Alltags das Gemüt. Auch die Erinnerungen an große Augenblicke der Vergangenheit wecken eine angenehme Wärme und natürlich auch die Sehnsucht, solches noch einmal erleben zu dürfen. Bei mir war es in diesem Sommer Rom!

Vielleicht war es ja das mediterrane Wetter, das meine Sehnsucht nach Rom erweckte, vielleicht aber auch nur eine zufällige Verbindung zweier Synapsen unter der Kuppel meines Schädeldachs – der Wunsch zur Reise nach Rom war geboren und drängte auf Verwirklichung.

Ich wollte natürlich wieder wie damals vor 55 Jahren mit dem Auto fahren, um die Schönheiten der Landschaft drum herum zu genießen. Bei Google-Maps erhielt ich dazu einen guten Routenvorschlag, ganz ohne mautpflichtige Strecken und verstopfte Passstraßen, der eine angenehme und zügige Reise versprach.

Also machten meine Frau und ich uns nach einem guten Frühstück an einem Sonntagmorgen auf den Weg. Wie groß war die Freude, als uns nach eineinhalbstündiger Fahrt das Ortseingangsschild verkündete, dass wir Rom erreicht hatten. Ja, ich habe ein schnelles Auto!

Natürlich steuerten wir zuerst das zentrale Gotteshaus Roms an. Die erhabene Schlichtheit dieser Kirche ist sehr beeindruckend. Sie steht im Mittelpunkt Roms, an einem Berg gelegen, der sich gut zehn Meter über die umliegenden Landwirtschaftsflächen erhebt, 58 Meter über dem Meeresspiegel. Das ordentliche Fachwerk der Kirche, mit roten Ziegelsteinen ausgefüllt, zeugt von der Beständigkeit Roms und seiner Römer seit über 300 Jahren. Im obersten Giebel der Frontseite erblickt man die Glocke, die die Römer ruft.

Auch sonst achtet man in Rom auf die Tradition. Es gibt zwar seit der Wende keine MTS (Maschinen-Traktoren-Station) mehr, aber der untergegangene Betrieb wird immer noch im Namen „Straße der MTS“ in Ehren gehalten. Eine Bahnhofstraße führt immer noch zu dem Gebäude, das mal Bahnhof war und bei dem kein Zug mehr hält.

Schmerzlich vermisst habe ich allerdings den Getränkestützpunkt (eine Flaschenbierhandlung). Dort konnte man damals beim und mit dem  Pabst von Rom ein Bier trinken. Das hätte ich nur zu gern wiederholt. So kehrten wir dann im Restaurant „Zum Römer“ ein. Ein guter mecklenburgischer Rippenbraten und Lübzer Pils vom Fass sind ja auch nicht zu verachten.

Also fahren Sie mal nach Rom! Es liegt ja quasi vor der Haustür, und Ihre Freunde werden neidisch gucken, wenn Sie erzählen, dass Sie mal einen kleinen Trip nach Rom gemacht haben. Und es geht auch ganz ohne Italienisch!

Manfred Wolff

13.08.2019

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Don Quichotte in der Deutschen Oper Berlin

Nach fast fünfzig Jahren ist Massenets „Don Quichotte“ wieder auf einer Berliner Bühne zu sehen. Es ist ein großes Verdienst der Deutschen Oper, die französische Opernkunst dem Berliner Publikum wieder näher zu bringen; nach den großen Meyerbeer-Abenden nun Jules Massenets letztes Werk, sein musikalisches Forschen nach Traum und Realität.

Wer sich von diesem Don Quichotte eine Begegnung mit dem Ritter von der traurigen Gestalt erhofft, muss sich einem ganz anderen Handlungsstrang öffnen. Lediglich die Namen der Protagonisten sind noch mit denen des Romans von Cervantes identisch. Es wird immer wieder auf Motive des Romans angespielt, aber der Ritter ist ein athletischer Held, der seinen Mann steht, und sein Knappe ist nicht klein und rundlich, sondern ein tatkräftiger Mann, und der wichtigste Unterschied zum literarischen Vorbild: Dulcinée schwebt nicht nur durch die Träume des Ritters, sondern erscheint höchst real und treibt die Handlung voran.

Dulcinée flirtet im Kreis ihrer Verehrer, als Quichotte und Pansa erscheinen, wobei Pansa auch noch die Rolle der Rosinante übernimmt. Quichotte erklärt Dulcinée seine Liebe,  und sie gibt ihm den Auftrag, eine Perlenkette zurückzubringen, die Räuber ihr gestohlen haben.

Auf dem Weg zu den Räubern singt Quichotte Liebeslieder auf Dulcinée, während Sancho Pansa den schlechten Charakter der Frauen besingt. Als sich eine Gelegenheit dazu bietet, kämpft Quichotte mit Windmühlen, die er für Riesen hält.

Im Wald treffen sie auf die Räuber, vor denen Sancho sich versteckt. Quichotte kämpft mit ihnen, wird aber besiegt. Die Räuber wollen ihn töten, doch sein letztes Gebet rührt sie derart, dass sie ihn gehen lassen und ihm auch die Perlenkette aushändigen.

Quichotte übergibt Dulcinée die Perlenkette und fordert sie zum Lohn auf, seine Frau zu werden, doch sie weist ihn ab. Alle verspotten Quichotte, nur Sancho hält eisern zu ihm.

Quichotte fällt aus seiner Traumwelt und liegt im Sterben. Er verabschiedet sich von Sancho, dankt ihm für seine Treue und will ihm eine traumhafte Insel schenken. In den letzten Atemzügen hört er noch einmal die Stimme Dulcinées.

Die Titelrolle des Don Quichotte sang Alex Esposito von Szene zu Szene überzeugender. Sein kraftvoller Bass und seine schauspielerische Leistung erlauben ihm eine starke Präsenz. Allerdings sind sie ihm auch in den Passagen, die eher ein gefühlvolles Singen erfordern, dann auch ein wenig im Wege. Wenn er den Räubern der Perlenkette vergibt und am Schluss die Freundschaft mit seinem Knappen feiert, muss auch ein Ritter nicht unbedingt aufrecht stehen.

Seth Carico kennt das Berliner Publikum als einen gewandten und stimmstarken Bass, der auch als Sancho Pansa ein fester Anker in der Handlung und der Musik ist. Er begleitet seinen Herren nicht nur durch die erträumte Welt, sondern verschmilzt mit ihm auch gern zu seinem alter ego. Das macht es im Duett der beiden Bässe oft schwer zu erkennen, wer denn nun gerade was singt.

Die einzige weibliche Rolle der Dulcinée gibt Clémentine Margaine mit ihrem Mezzosopran mit allen Schattierungen einer natürlichen Weiblichkeit. Sie meidet es, als Star des Restaurants in das Soubrettenfach zu gleiten, und ist doch die das Geschehen beherrschende Kurtisane mit wehmütigen Gedanken an die eigene Zukunft. Als sie Don Quichotte zurückweist, ist ihr Gesang von tiefer Empathie geprägt.

Die vier Räuber (Alexandra Hutton, Cornelia Kim, James Kryshak, Samuel Dale Johnson) haben wenig Gelegenheit, sich hervorzutun, liefern aber eine solide Arbeit ab.

Der Chor ist sehr beschäftigt, mal als tanzende Restaurantgäste, mal als lustige Gesellschaft mit Partyhütchen. Vielleicht lag es daran, dass der französische Text nur sehr unartikuliert zu vernehmen war.

Die schmeichelnde Eleganz und Vielfarbigkeit der französischen Spätromantik hat Emmanuel Villaume gut im Griff. Feine und leise Töne wechseln mit iberischen Folkloreelementen (jedenfalls was Massenet dafür hielt) starke Tutti und Solopartien einzelner Instrumente – das alles begleitet die Handlung auf der Bühne gekonnt und hilft dem Zuhörer, die Ideen der Personen zu verstehen.

Leider ist es Jakop Ahlbom mit seiner Inszenierung nicht gelungen, die Spannung zwischen Illusion und Wirklichkeit, zwischen freudig feurigen Träumen und melancholischer Verzweiflung auf der Bühne darzustellen. Zauberkünstlertricks, wie man sie auch auf jeder Kirmes bestaunen kann, stellen nicht die Macht der Illusion in Frage, und Käfer, die à la Gregor Samsa durch das Bild krabbeln, reichen für eine Anspielung auf die surrealistischen Züge der Oper nicht aus.

Das Premierenpublikum war mit diesem „Don Quichotte“ zufrieden und dankte mit langem Applaus. Don Quichotte erklärt seinem Sancho Pansa: „Notre gloire commence!“ Das kann man dieser Inszenierung nicht nachrufen. Aber ein ordentliches und unterhaltsames Stück ist ja in dieser Zeit auch schon ein Erfolg. Mein Sitznachbar ist nach der Pause nicht zurückgekehrt. Ich wüsste nur zu gern, warum …

Manfred Wolff

Jules Massenet „Don Quichotte“

Deutsche Oper Berlin
Bismarckstraße 35
10627 Berlin

Nächste Vorstellungen: 07.06.; 13.06.; 18.06.

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